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ljch, seine Wangen waren so prächtig gerötet, in seinem Männlich schönen Angesicht lag ein so fesselnder Ausdruck von unerschütterlicher Ueberzeugung und wtldtrotziger Tatkraft, daß sich ihr Groll beinahe in Bewunderung verkehrte.
„Wenn Du nur nicht so hübsch wärest!" flüsterte sie ihm voll unwillkürlicher Zärtlichkeit zu.
„Nun? Was dann?" fragte er leise zurück.
„Ich glaube, daun würde ich mich vor Dir fürchten." „Närrchen!" gab er zur Antwort. Er nahm sein Glas, stieß mit ihr an und leerte es in einem Zuge.
Die Tafel war schnell beseitigt worden; mau tanzte wieder in dem zum Ballsaal umgewandelten Speisezimmer; das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht.
In Frau Juliens Salon stand der Staatsanwalt im Gespräch mit Lampert und Just, als er Peter, der seine Braut einem anderen zum Tanze hatte überlassen müssen, in seiner Nähe bemerkte. Er ging auf den Stiefbruder zu und redete ihn zum ersten Male an diesem Abende an: „Du hast mich bis jetzt hartnäckig übersehen, aber wenn Du Zeit hast, Peter, möchte ich mit Dir ein Wort unter vier Augen sprechen." v ,,, c
„Große Ehre für mich!" versetzte etwas höhnisch der andere.
Sie traten in eine Fensternische und der Staatsanwalt begann: „Ich möchte Dir einen brüderlichen Rat geben."
„Hoffentlich keinen stiefbrüderlicheu."
Tell überhörte den Spott, der in dieser Bemerkung lag, und fuhr unbeirrt fort: „Wenn Du wieder einmal in einer gebildeten Gesellschaft bist, und es wird ein Trinkspruch auf unseren Kaiser ausgebracht, dann vermeide es, Dich demselben durch Fortgehen zu entziehen; wenn es durchaus gegen Dein Gewissen ist, an einem Hoch auf das Staatsoberhaupt teilzunehmen, dann bleibe lieber ganz aus solcher Gesellschaft fort."
Eine kleine Pause folgte, in der sich die Stiefbrüder in verhaltener Feindschaft mit den Blicken maßen. Dann sagte Peter sehr ruhig: „Ich konnte ja plötzliches Nasenbluten vorschützen, um mein Hinausgehen zu begründen,, aber einem Staatsanwalt gegenüber muß man ja wohl die Wahrheit sagen. Also, ja, ich bin hinausgegangen, um nicht auf das Staatsoberhaupt trinken zu müssen, da ich den ganzen Staat als solchen verurteile; ich habe nichts anderes getan, als was unsere politischen Vertreter im Reichstage stets bei solchen .Gelegenheiten tun."
„Und was sie nach Ansicht jedes normal empfindenden Deutschen besser unterließen; man betätigt seine politische Gesinnung nicht durch — Rücksichtslosigkeiten, um mich eines parlamentarischen Ausdrucks zu bedienen.
Ich möchte Dich aber warnen, Peter; es gab eine Zeit, da wir uns näher standen, da wir als Knaben in diesem Hause gemeinschaftlich gespielt haben. Wohin ,hast Du Dich Verirrt? Nimmt nicht der Protestant auch tut Dome des Katholiken den Hut ab? Und behalten wir ihn beide nicht auf, wem: wir einmal die Synagoge des Juden betreten, weil es dort Brauch ist, ihn aufzubehalten? Man achtet doch die Gefühle seiner Mitmenschen und hat Ehrfurcht vor deut Heiligen, in welcher Gestalt es einem auch begegnet. Magst Du politische Ansichteu haben, welche Du willst — das ist Deine Privatsache, ich will auf niemand einen Gewissenszwang ausüben — aber ungestraft beschimpft man nicht das, was allen deutschen Männern, allen Parteien heilig ist, nur nicht der Deinen!"
„Wer wird tnich dafür strafen?"
„Die Mißachtung aller Gesitteten und die Stimme Deines eigenen Gewissens!! Es ist keine Gesinnungstüchtigkeit, einem Hochrufe auf unseren greisen, verehrungswürdigen Kaiser aus deut Wege zu gehen; es ist nur ein trauriger Mangel an allen den Eigenschaften, die den feinfühligen und gesitteten Menschen kennzeichnen, mag er sonst irgend welcher Partei angehören."
„Bist Du fertig, Herr Staatsanwalt?"
„Ja".
Und weiter paukte der Klavierspieler auf das schon ziem- lich verstiminte Instrument, und unermüdlich wirbelten die erhitzten Paare im tollen Reigen. Es war in der zweiten Stunde nach Mitternacht, und immer wieder mußte der Vortänzer neue Tänze einschieben, damit das Ende des Balles so weit wie möglich hinausgerückt würde.
Herr Wilhelm Lampert, der int Rahmen der Tür zum früheren Schlafzimmer als Zuschauer Platz genommen hatte, war todmüde; wie gern würde er für dieses ohnehin schon
recht kostspielige Fest noch einen Hundertmarkschein mehr aufgewandt haben, wenn er sich jetzt nur hätte zurückzieherk und behaglich in seinem Bette ausstrecken dürfen.
„Julie", lispelte er der Gattin zu, die hinter seinen Stuhl getreten war und sich über ihn beugte, um ihn mit einem Lächeln der Genugtuung anzusehen, „wäre es jetzt nicht genug? Herr Knoblauch könnte dreist mit dem Kotillon Beginnen."
Frau Julie begriff nicht diese Ungeduld. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dieser Ballabend hätte nie ein Ende genommen.
„Wilhelm", sagte sie vorwurfsvoll, „sei doch nicht so ungemütlich! Sieh doch nur, wie sich die Leutchen amüsieren! Es ist eine Null-Polka, die Damen engagieren; gib acht, ich hole mir jetzt unseren William, er muß auch einmal mit mir tanzen!"
„Du wirst doch nicht?" wollte der überraschte Gatte einwenden, aber sie war schon fort und hörte ihn nicht mehr.
Und wahrhaftig! Da stand sie auch schon knixend vor dem Staatsanwalt, und dieser mochte sich sträuben, so viel er wollte, sie ließ sich nicht abweisen; er legte endlich seinen Arm um ihre umfangreiche Taille, und dahin hüpften beide; das schon überständige, aber itoch immer Ewig-Weibliche mit der ernsten, gesetzten, etwas spröden, männlichen Vollkraft. „Solo!" rief Herr Knoblauch mit Stentorstimme; die übrigen Tänzerpaare traten an die Wand zurück und schauten belustigt zu, indem sie tut Takte der Polka schallend mit den Händen klatschten.
„Sehen Sie nut", stieß Just den Maler Völker heimlich an, „was unsere gute Wirtin noch zu leisten vermag!"
„Fett schwimmt oben!" ward ihm trocken erwidert; „es geht in diesem Strudel nicht unter."
„Doch, doch!" rief Just besorgt, „es scheint ihr zu viel geworden! Da sinkt sie wie ohnmächtig in den Sessel!"
„Daß das die Sprungfedern ausgehalten haben!" meinte ungerührt der Maler; „es rast der See und will sein Opfer haben."
„Ich werde ihr ein Glas Wasser bringen", sagte der teilnehmende Just. Er beeilte sich, der schwach gewordenen Dame beizuspringen, doch sie wies das ihr dargebotene Wasser mit Schaudern von sich: „Wasser, Brr! Bringen Sie mir lieber einen Schluck Wein! Doch nein, lassen Sie's nur, Herr Inst, es ist nicht mehr nötig! ich fühle mich wieder ganz wohl."
Sie erhob sich und stand wieder fest auf den Seinen, „'s war nur ein kleiner Schwindel; man ist das Tanzen ja nicht mehr gewöhnt — danke vielmals, lieber Inst! Wie lieb Sie sind!" Sie reichte dem Amerikaner ihr feistes Händchen und drückte einen fast zärtlichen Kuß darauf; er war eilt aufrichtiger Verehrer der braven Frau.
(Fortsetzung folgt.)
§antt-helena.
Eine unveröffentlichte Unterredung Napoleons mit einem Engländer.
Von Paul F r 6 m e a u x.
Von dem bekannten Napoleon-Forscher Paul Frsmeaux,- dem Verfasser des Werkes „Der sterbende Napoleon", können wir die folgende bedeutsame Veröffentlichung, die neues Licht aus den Gefangenen von St. Helena wirst, unseren Lesern vorlegen. Die Red.
Nur wenige Reisende, die an dem Felsen von St. Helena anlegten, konnten sich dem gefangenen Napoleon nähern. Deshalb sind die Erzählungen, die uns von jenen sehr slüchtigeir Znsammen- künsten mit dem modernen Prometheus überliefert worden sind, sehr gering an Zahl; es existieren ihrer kaum zwanzig. Durch einen merkwürdigen Zufall ist nun bis zum heutigen Tage der nachfolgende Bericht, der im „Public Record Office" aufbewahrt wurde, unveröffentlicht geblieben, obwohl er zu den wichtigsten zählt. Es ist eine Unterhaltung, die der schon schwer kranke Kaiser zwei Jahre vor seinem Tode mit einem vornehmen Engländer hatte. Napoleon verlangte in dieser Unterhaltung seine Uebersiedlung in ein milderes Klima, als das der Tropen, oder wenigstens eine bessere Behandlung auf dieser elenden, ungesunden Insel. Ferner wünschte er die Zurückberusuug seines Peinigers Hudson Lowe nach England. Der Engländer, mit dem der Kaiser sich hier unterhält, war ein hoher Beamter aus Indien, namens Ricketts. Es war ein Verwandter des ersten Ministers Lord Liverpool. Um das ihm Gesagte besser zu verstehen, ist es not-: wendig, einige Einzelheiten über die Krankheit des Kaisers kennen zu lernen. , 1
Napoleon befand sich seit dem 15, Oktober 1815 auf der Insel. Der Kummer über die Verbannung und sein untätige^'


