Ausgabe 
3.11.1913
 
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sKoinan Von Gerhart v. A m yntor (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck bcrboten.)

(Fortsetzung.)

>3ii dem kleineren Salon, der heute früh noch ein Schlaf­zimmer gewesen war, verkehrten in den Tanzpausen die be­sonders durstigen Gäste, mit einer dort aufgestellten Ananas- Bowle toacker zuzusprechen. Als der Tanzsaal geräumt wurde, damit die Lohndiener die in Bereitschaft gehaltenen Teile der Tafel aufstellen und alles Erforderliche zum Abendessen vor- bereiten konnten, drängte man sich in den übrigen Räumen zunr Ersticken zusammen. Das machte aber der munteren Wirtin den allergrössten Spaß, und sie lohnte den Vortänzer, der die mit Beifall aufgenommene Bemerkung machte, daß sie hier alle wie die Heringe in einer Tonne steckten, mit dankbar ermunterndem Lächeln.

An der Tafel saß Peter neben seiner Braut. Er ver­suchte wiederholt, deren Händchen unter dem Tische zu er­fassen, da sie hier aber keine Zärtlichkeiten, die so leicht von den anderen bemerkt werden konnten, dulden wollte, so be­gnügte er sich, mit seiner Fußspitze Fühlung an ihrem kleinen Füßchen zu gewinnen und es ihr zu drücken. Er trank reichlich Wein und wurde immer verliebter mtd kühner.

Frau Julie ließ heute etwas draufgehen; eine Schüssel folgte der anderen, und alle waren von einem der teuersten Köche aufs schmackhafteste bereitet und tadellos angerichtet.

Ich bitte, zulaugen, meine Herrschaften, e s ist noch mehr bn!" So tönte immer wieder ihre selbstbewußte Auf­forderung über die Tafel.

Herr Knoblauch hatte einen kleinen Spitz; seiner Ei­genschaft als Gast völlig uneiugedenk, fing er an, selbst den Wirt zu machest, und besonders die Herrett zu flottem Trin­ken auzufeueru. Dabei vergaß er das Essen tticht; einige Kompottschüsseln, die vor ihm standen, hatte er schon geleert; als ihm aber eine von ihnt noch nicht gekostete Schale mit eingemachten Aprikosen gar zu verlockend in die Augen stach, ergriff er auch diese, bot sie ganz unberufen seinen Nach­barn, die gar nicht danach verlangt hatten, an und benutzte diesen durchsichtigen Borwand, um sich dann selbst den In­halt der Schale zu Gemüte zu führen.

Frau Julie, die von dem Staatsanwalte zu Tische ge­führt worden war, stieß diesen heimlich an:William, Du mußt eine Rede halten."

Wollen wir das nicht lieber lassen, beste Mama? Deine Gäste unterhalten sich vortrefflich sieh' nur. Ich glaube wirklich, daß sie es nur als Störung empfinden würden."

Nein, nein, William, Du mußt es mir zulieb tun! Auf Deine Rede habe ich mich schon die ganze Woche gefreut das wird die Krone des Festes!"

Frau Lampert ließ nicht nach, und Tell erfüllte endlich widerwillig ihren Wunsch und klopfte ans Glas.Meine

hochverehrten Damen und Herren! Wir befinden uns hier im Hause eines Mannes, der einst mit dem Schurzfell vor der Stichflamtne des Schmelzapparates gestanden und ed­les Gold in Fluß gebracht hat. Heute ist der anspruchslose Arbeiter von damals einer der angesehensten Meister seines Faches, der nun auch das Gold der Liebe und Bewunderung in unserem Herzen in Fluß bringt, so daß wir ihn preisen als Muster eines wackeren, menschenfreundlichen Arbeitgebers, als eine Perle unter den pflichttreuen Bürgern dieser Stadt, als einen der besten und zuverlässigsten Söhne des deutschen Vaterlandes. Solche Männer sind heute ctud). die festesten Stützen des Thrones. Unser kaiserlicher Herr, der ein Herz hat für alle Kinder seines Volkes, auch für die redlichen und tüchtigen Arbeiter, hat in seiner ewig denkwürdigen Botschaft das Wort verkündet, daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokra­tischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig durch positive Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde. Das ist ein arbeiterfreundliches, ein weises und christliches Wort. Ein Kaiserwort, das ihm die Dankbarkeit des Volkes in Erz graben wird! Auf das Wohl eines solchen Laudes- vaters bitte ich Sie, die Gläser zu leeren: Seine Majestät, un­ser allergnädigster Kaiser Wilhelm I., der Siegreiche, lebe thoch!"

Der Redner war nicht ganz mit sich zufrieden; das, was er gesagt hatte, entsprach nicht genau dem, was er sagen wollte; die Anwesenheit Peters, des Sozialdemokraten, hatte ihn ein wenig aus dein Text gebracht und ihn angetrieben, statt eines Hochs auf die beiden Wirte, das er eigentlich im Sinne gehabt hatte, ein solches auf das Staatsoberhaupt aus­zubringen.

Ein brausendes, jauchzendes Hochrufen folgte aber seinen Worten; alte waren aufgestanden und ließen die Gläser klingen. Der Klavierspieler in der Ecke des Saales mußte die Nationalhymne spielen; der begeisterte Vortänzer, Herr Knoblauch, wurde auch zum Vorsänger und hob mit heiserer Stimme an:Heil dir im Siegerkranz!", und die ganze Tafelrunde stimmte eilt und sang stehend den ersten Vers des patriotischen Liedes. Daß Peter vor Beendigung dieses Toastes hinausgegangen war, war kaum von allen bemerkt und von den wenigen, die es bemerkt hatten, auch nicht gerade als Demonstration gedeutet werden; nur der Staatsanwalt verstand den wahren Beweggrund, und auch Sabine machte ihrem Bräutigam, als er wieder zurückkehrte und neben ihr Platz nahm, leise, aber heftige Vorwürfe wegen seines un­passenden Verhaltens.

Ich werde diesem Quasselpeter doch nicht den Gefallen tun und mit ihm in ein Hoch auf den Kaiser einstimmen! Das fehlte mir noch! Ich bin ein zielbewußter Politiker; ich hasse den Staat."

Sabine sah den Sprechenden an, sie hätte ihm zürnen mögen, denn er griff da in etwas, das sie, als Tochter eines altpreußischen Beamten, wie ein Heiligtum int Herzen trug: aber seine Augen flammten so wild und leidenschaft-