470
Soldatengeistes, der inmitten aller Wandlungen der Weltanschauung und der sittlichen Begriffe das alte Ideal der Ritterlichkeit verkörperte, das die Heere des Großen Kurfürsten, des Alten Fritzen, das Heer der Befreiungskämpfer, wie die Scharen Wilhelms des Siegreichen durch Nacht zum Licht, durch Kainpf zum Siege geführt hatte.
Und dieser Geist der Kameradschaft, so ernst er sich betätigte im Dienst und in dem, was dem Dienste gleich galt: in der Auffassung feder großen Lebenspflicht — in der Sphäre der Geselligkeit erwies er sich als ein heiterer Geist, ein Geist freudiger Lebenslust.
Munter schwirrten die Gespräche hinüber und herüber — noch war kaum der erste Gang serviert, da traten an die Stelle der hellgrünen Moselflaschen die goldbekapselten der Sektspezialmarke des Kasinos. Munter knallten die Pfropfen H und in den Spitzgläsern perlte der weiße Schaum: „Luxus rind Wohlleben griffen um sich."
Major vou Sassenbach schlug ans Glas. Er war kein großer Redner vor dein Herrn — es fiel ihm schwer, selbst nur ein paar formelhafte Begrüßuugsworte znsammenzu- stottern, und sein Adjutant, der Leutnant Blowitz, den er mit diesem ausdrücklichen Auftrage sich gegenüber gesetzt hatte, mußte ihm soufflieren.
Aber aus den ungefügen Worten des alten Soldaten leuchtete herzliches Wohlwollen, und obwohl manches Lächeln der Hörer seine gewaltigen Kraftanstreugungen begleitete, klang doch das dreifache Hurra auf die eiligem zogenen Herren, in das er seine Rede ausmünden ließ, kräftig und munter durch den Saal. — Die Begrüßten beeilten sich, mit dem Major anzustoßen, und nun die letzte offizielle Handlung des Begrüßungstages überstanden war, atmete alles auf, und es löste sich der letzte Rest von Förmlichkeit und Zurückhaltung.
Kreuz und quer durch den Saal schollen die Rufe der Tafelndeu, die einander zutranken. Mit vorschriftsmäßigem Ruck schnellten die Angerufenen in die Höhe, wenn der Major oder einer der anwesenden Hauptleute einem der Leutnants oder gar der zur Tafel zugezogenen Vizefeldwebel der Reserve, Fähnriche oder Fahnenjunker zutrank; aber regelmäßig winkte der Anrufende, Platz zu behalten — nur die Pflicht blieb bestehen, als Dank für den Zutrunk des Vorgesetzten sein Glas bis auf die Nagelprobe zu leeren.
Flamberg saß zwischen seinem Kapitän, dem scmmel- blonden Herrn von Brandeis, und dem flaumbärtigen Kompagniekameraden, Leutnant Carstanjeu, dein Sohn einer- reichen niederrheinischen Fabrikanteufamilie.
Zunächst mußte natürlich Flamberg erzählen.
„Na, Flamberg, Sie sind ja inzwischen sowas wie'n berühmtes Tier geworden — alle Augenblicke hat inan int Lesezimmer in den illustrierten Zeitschriften irgend so 'ne Pinselei von Ihnen abgebildet gesehen — natürlich immer die schönsten Weiber des europäischen Kontinents — Sie Schlemmer, Sie. . ."
„Haben Herr Hauptmann etwas anderes von mir erwartet ?"
, »Ne, ne — ich weiß Wohl, Sie hatten ja damals schon 'nen starken Hang fürs ewig Weibliche! Erinnern Sie sich noch, tote wir damals in Mechernich in der Eifel mit der ganzen Kompagnie in der schauderhaften Kneipe einauar- ttert wurden und für Sie und für — na, wer war's doch damals? Quincke wohl . . ■
„Jawohl, ganz recht, Quincke, Herr Hauptmann!"
,, "Na also — für Sie beide nur dadurch Quartier zu schaffen war, daß bte beiden Töchter des Wirts aus ihrem Jungfernstübchen 'rausgewiesen wurden und oben auf dem Heuboden kampieren mußten. Damals haben Sie die beiden Mädels gezeichnet. Erinnern Sie sich noch? Na, nachher waren sie nicht von Ihnen weggegangeu — alle beide i- was? Ja, an sowas läßt man sich natürlich nicht gern 2»unnern, wenn man inzwischen Bräutigam geworden ist!"
„Oh!, was das anbetrisft, Herr Hauptmann: das Wort „bereuen" kommt in meinem Lexikon nicht vor."
Der Heute Carstanjen spitzte die Ohren und rief da- zwtschen: „Donnerwetter, Herr Hauptmann, das scheint ja ne verflucht interessante Geschichte gewesen zu sein! ">chlen Herr Hauptmann die nicht etwas ausführlicher erzählen?" '
„Sttö>fen Sie sich die Ohren zu, Sie Kiekindiewelt," antwortete Brandets, „sind noch viel zu klein für - für solche Geschtchten!"
,,'Herr Hauptmann unterschätzen mich!" lachte Carstanjen.
Brandeis fragte seinen Gast: „Wissen Sie auch schon, daß wir nächstens im Kasino ein feenhaftes Zauberfest in Aussicht haben?"
Flamberg erbat genauere Auskunft/ und der Hauptmann berichtete: „Also am 18. August feiert doch das Regiment die siebenunddreißigste Wiederkehr des Tages von Gravelotte . . . Na, das wissen Sie doch aus der Regimeutsgeschichte?!"
„Ei gewiß: Sturm auf Point du jour, 118 Tote, 326 Verwundete! ,2 Eiserne Kreuze erster und 18 zweiter Klasse ins Regiment!"
„Alle (Achtung!" meinte Carstanjen, „so hab, ich's ja nicht mal am Schnürchen!"
„Eh . . . tote oft hab ich das schon meinen Kerlen in der Jnstruktiousstunde eingebläut ... da werd ich's doch selber nicht vergessen haben! — So . . . und das wird also diesmal in großem Stile gefeiert?"
„Ja," erklärte Brandeis, „Sie wissen: der neue Kommandeur ist erst vor vierzehn Tagen angekommen, und so soll das alljährliche Regiments fest diesmal zugleich als Begrüßung für die neue Kommandeuse int Kreise der Damen gefeiert werden... es gibt ’ne große Gartenfote int Kasino — Diner — Theatervorstellung — zuletzt natürlich Tatiz!"
„Theatervorstellung?" fragte Flamberg interessiert. „Nanu . . . das kann ja interessant werden . . . was gibt's denn?"
„Bei der zweiten Kompagnie steht ein einjährig-freiwilliger Unteroffizier, ein Referendar seines Zeichens, zugleich in seinen zahlreichen Mußestunden Reiter auf dem Musenklepper . . . bett hat Frau von Sassenbach — bie ist nämlich Patroneß der Veranstaltung — ’raugebänbigt und zum Dichten kommandiert. Er hat sowas wie ’n allegorisches Festspiel verübt. . . ihre beiden Töchter spielett natürlich mit; das war wohl auch der Hauptzweck der Hebung, die zwei Mädels mal wieder gehörig in Szene zu setzen — übrigens meine Frau wirkt auch mit —"
„Herr Hauptmann sind verheiratet? . . . das erste, was ich höre . . . seit wann denn, wenn ich fragen darf?"
„Seit eineinhalb Jahren!" sagte der Hauptmann, „übrigens eine Landsmännin von Ihnen, ein Fräulein Cäcilie Jtnhof... na — der Name wird Ihnen ja nicht unbekannt sein!" —
Cäcilie Imhof . . . Bei diesem Namen stieg in Martin Flamberg eine Erinnerung auf, die Erinnerung an ein braunes, kapriziöses Mädchenköpfchen, Has durch seine Jugend hingehuscht war wie so viele andere, ohne just eine dauernde Spur in seiner Seele zu hinterlassen . . . Immerhin war seine Erinnerung lebhaft genug, daß ihn die Vor- stelluttg, dieses Gesichtchen neben dem platt-behaglichen Puppenkopf des Hauptmanns von Brandeis auftanchen zu sehen, mit seltsamen Empfindungen erfüllte . . .
In Gesellschaft hatte der junge Maler, damals noch ein völlig Namenloser, zuweilen das junge Mädchen getroffen und war von ihr ganz und gar nicht beachtet worden! . . , das war kein Wunder; betttt sie war ein gefeiertes und da- mals schon, in ihrer zartesten Backfischjugend, vielumworbenes Geschöpfchen ... bte Tochter einer alten Familie reicher Bankiers unb Industrieller . . . unb' er, Martin Flamberg, mußte sich bamals noch zu jeher Gesellschaft für zwei Mark fünfzig einen Frack ausleihen. . .
In den Tagen seines jungen Ruhms, war er ihr nicht mehr begegnet.
Ihr Vater hatte sich von den Geschäften zurückgezogen und war nach Wiesbaden übergesiedelt, um den heilkräftigen Quellen nahe zu sein, deren beständige Einwirkung seine Gicht verlangte. . . und nun war das verwöhnte Kind die Gattin eines braven, unbedeutenden Jnfanteriekapiitäns... merkwürdig. . . ( ,
„Na? entsinnen Sie sich, meiner Frau noch?" fragte Herr von Brandeis.
„Herr Hauptmann sehen, ich- versuche mich zu besinnen, aber ich finde nur eine sehr blasse Reminiszenz."
„Na, i§ ja auch egal," meinte der Hauptmann, „Sie werden ja nächstens Ihre Erinnerungen auffrischen können; denn selbstverständlich hoffe ich doch, Sie recht bald in meinem Hause zu sehen . . . meine Frau wird sich jeden-! alls sehr freuen . .
Flamberg verneigte sich.


