Ausgabe 
29.5.1912
 
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irgendwo begegnet wären, aber er sprach sie ganz' ruhig und gelassen aus.

Also wenn ich bitten dürfte Komtesse Dagmar geht vielleicht aus die rechte und Komtesse Alexa aus die linke Hand

Beide trabten gleichzeitig an, und in der Mitte der Reitbahn, die mit einem großen Kostenauswand gebaut sein mußte und auf das praktischste eingerichtet war, stand der Baron und verwandte keinen Blick von seinen Schüle­rinnen.

Auch der Graf hatte zusehen wollen, denn die Gräfin hatte das für passender gefunden, aber der Baron hatte widersprochen und den Grafen gebeten, sie allein zu lassen: Jeder Dritte stört jeder Zuschauer lenkt namentlich in den ersten Stunden die Aufmerksamkeit des Reiters von seinem Pferde und die des Lehrers von seinen Schüle­rinnen ab."

Auch da hatte der Graf zugestimmt, aber es der Gräfin doch nicht mitgeteilt, daß er dem Unterricht nicht beiwohnte. Warum auch? Er war ja sein freier Herr und konnte tun und lassen, was er wollte.

Bitte, meine Damen keine schwierigen Kunststücke," bat der Baron, als Dagmar jetzt Renvers und Travers zeigen wollte,bitte deutschen und englischen Trab, zwi­schendurch einen kleinen Galopp, die Uebergänge von einer Gangart in die andere, das Versammeln des Pferdes, das genügt vollständig. Das Versammeln ist nämlich alles. Ich weiß nicht, ob die Komtessen jemals früher im Zirkus Renz den Schulreiter Fillis sahen? Der brachte das Kunst­stück fertig, auf der Stelle, ohne daß der Gaul auch nur einen Schritt vorwärts kam, Trab und Galopp zu reiten."

Ich habe ihn gesehen," rief Alexa lebhaft, aber gleich­zeitig gab sie dem Pferde einen ganz unangebrachten Ruck ins Maul.

Man spricht bei dem Reiten nur mit dem Munde, Komtesse, nicht mit den Händen. Die müssen immer still gehalten werden, anziehen, nachgeben, aber nur mit den Fingern, nicht mit der ganzen Faust und vor allen Dingen nicht mit dem ganzen Arm oder mit dem Oberkörper."

Wohl eine halbe Stunde lang stand er dann noch als schweigsamer, aber aufmerksamer Beobachter in der Reitbahn. Kein Wort des Lobes oder des Tadels kam über seine Lippen, so daß beide Komtessen auf sein Urteil neugierig waren, als er jetztHalt" kommandierte. Selbst Dagmar war begierig, was er alles an ihr tadeln würde, denn daß er nichts zu loben hätte, war ihr klar.

Ich weiß nicht, meine Damen," begann der Baron, ob Sie einmal während Ihres Klavierunterrichts die Er­fahrung gemacht haben, daß jede neue Lehrerin die Me­thode ihrer Vorgängerin tadelt und dann sagt: Wir müssen wieder ganz von vorne anfangen. Das erklärt sie auch dann, wenn ihre Vorgängerin ein Genie war, während sie selbst eine elende Stümperin ist. Es hat eben jeder seine eigene Methode, die er für die allein richtige hält, es geht da gewissermaßen tote mit der Religion jeder stirbt im Glauben feiner Ueberzeugung."

Also doch!" rief Alexa.Ich hab's ja gleich gesagt, Dagmar, daß wir wieder ganz von vorne anfangen müssen! Ra, mir soll es richt sein wenn ich Nur endlich was lerne. Offen gestanden, Herr Baron: manchmal habe ich mich in Berlin doch vor den anderen Reiterinnen etwas geniert."

Das werden Sie hoffentlich in Zukunft nicht mehr nötig haben, Komtesse, denn Ihre Worte beweisen mir, daß Sie wirklich lernen wollen. Und Sie, Komtesse?" wandte er sich an Dagmar.Ich schickte meine Worte, die ich vorhin sprach, gewissermaßen als Einleitung voraus, um 'meine Absicht zu rechtfertigen. Ich gab Ihnen dadurch dre Möglichkeit, mich ohne weiteres für einen Stümper, meinen Vorgänger aber für einen zweiten James Fillis zu halten. ; Sie dürfen auch ruhig auf mich schelten, je mehr, je lieber, denn ein Lehrer, der von seinen Zöglingen nicht als Mensch, wohl aber als Lehrer nicht gehaßt und für gänzlich unfähig erklärt wird, ist nach dem Ausspruch eines weisen Schuldirektors nicht einen Pfennig inert. Also bitte, schelten Sie immerhin, aber, nicht wahr auch Sre sind damit einverstanden, daß wir ganz von vorne anfangen, es ist wirklich besser."

Ste sah ihn anscheinend ganz erstaunt und verwundert an:Me kommen Sie dazu, anzunehmen, daß ich nicht ebenso wre Alexa den Wunsch hätte, eine gute Reiterin zu werden? Und welche Methode Sie da anwenden das ist

doch lediglich Ihre Sache, ich bin die Schülerin Sie find der .Reitlehrer."

Sie hatte sich entschlossen, nachzugeben, aber sie wollte es nicht tun, ohne ihm ihre Ansicht Über das Verhältnis, in dem sie zueinander standen, klar zu machen. Aber wenn sie geglaubt hatte, daß ihre letzten wie sie selbst zugeben! mußte: wenig taktvollen Worte auf ihn irgendwelchen! Eindruck machten, dann irrte sie sich. Mit ferner Mienen mit keiner Silbe verriet er, ob das WortReitlehrer" ihn: irgcudwie getroffen habe. Im Gegenteil: er lachte luftig auf:Na, Gott sei Dank da sind wir uns ja einig.. Und wir könnten für heute den Unterricht beenden, um! denselben morgen allerdings ohne Pferde, wieder aufc zunehmen."

Ohne Pferde?" fragte Alexa erstaunt. -

Gewiß, Komtesse. Allerdings ohne lebende. Ich werde mich nachher mit dem Stellmacher in Verbindung setzen, der muß uns bis morgen früh zwei Holzböcke bauen, Anf die schnallen wir dann die Sättel fest, und in den' nächsten Stunden erlernen wir auf diesem Pferde den ruhigen, tadellosen Sitz Und die Körperhaltung. Damit Ihnen die Zeit nicht lang wird, dürfen Sie dabei Ball spielen. Erstens ist das eine kleine Zerstreuung, vor allen. Dingen eine glänzende Vorübung, um den Oberkörper ruhig zu halten. Doch das erkläre ich Ihnen alles morgen. Wie ist es: wollen die Damen heute noch in der Bahn! reiten oder wollen wir den Unterricht schließen?"

Draußen lachte das schönste Frühlingswetter.

Wollen wir nicht einen kleinen Spazierritt ins Freie machen?" bat Alexa.In der Bahn reitet man doch nur, wenn man muß. Bitte, begleiten Sie uns, Herr Baron?"

Der stimmte zu, das war für feine Schülerinnen eine kleine Belohnung dafür, daß sie so schnell seinen Wünschen nachgaben. Bei Dagmar hatte er Widerspruch und Wider­stand erwartet, und die Art und Weise, in der sie ihm' beistimmte, bewies ihm auch, welche inneren Kämpfe ihrem ja" vorangegangen waren.

So rief er denn den draußen wartenden Stallknecht herbei, gab ihm den Auftrag, den Goldfuchs, den ihm! der Graf für die Dauer feines Aufenthalts ein für allemal zur Verfügung gestellt hatte, zu satteln, und bald daraus, ritten alle drei nach dem eine Stunde entfernten Meierei­hof, den Alexa wegen feiner schönen Lage und der pracht­vollen Wege, die dorthin führten, als Ausflugsort vor- geschlagen hatte.

Dagmar hatte der Wahl mit einem:Es ist ja ganz einerlei, wohin," beigestimmt und ritt auch jetzt gänzlich' teilnahmslos neben dem Baron und ihrer Schwester, die beide in fröhlicher Unterhaltung begriffen waren. 9Zuc hin Und wieder warf sie ein Wort ein, nicht etwa aus Inter- effe an den gleichgültigen Dingen, über die die Beiden!, sprachen, sondern lediglich, um nicht den Anschein zu er­wecken, als ob sie sich etwa absichtlich nicht an der Unter­haltung beteiligte.

Aber der Baron durchschaute sie doch, er erriet, daß ihr dieser Spazierritt in seiner Gesellschaft gar kein Ver­gnügen mache, und daß sie nur deshalb nicht zu Hause! geblieben war, um ihm Nicht zu zeigen, wie gleichgültig -i um nicht zu sagen: wie unangenehm ihr seine Gesell­schaft fei. .

Das irritierte ihn aber nicht im geringsten. Die Haupt­sache war ja, daß sie an seiner Seite ritt. Aber er hütete sich vorsichtig, seiner Freude darüber irgendwelchen Aus­druck zu geben. Er war gegen jte genau so höflich und! liebenswürdig, wie gegen Alexa, nicht um ein Atom freund­licher, ein paarmal widersprach er ihr sogar mit bestimmter Entschiedenheit, als sie Ansichten äußerte, die er nicht zu teilen vermochte. Dagmar sollte nicht glauben, daß er ihr zuliebe schwieg, und sie sollte daraus nicht folgern können, daß ihre Anwefeuheit für ihtn auch nur das geringste bedeute, daß diese ihn irgendwie glücklich mache.

(Fortsetzung folgt.)

In der schlecht.

Skizze von Max Karl Böttcher, Ctze'mnitzl

Geh', Cäcilie, schließe das Limoueuhäus!"

Schon jetzt, Signor? Es ist erst sechs Uhr."

Geh' und tue, was ich Dir sage!!" .

Unwillig stampfte die junge' Signora mit dem! Fuße auf Md machte eine große gebieterische Bewegung mit der Hand, und