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Metzen untergebracht »baren, sagt das Kalendarium nicht, doch ist es wahrscheinlich, daß man sie in den danach genannten Herdew- turm eingesperrt hatte.
Drei Tage vor der Hinrichtung wurde die ganze Gesellschaft nach dem Rathause auf den Markt verbracht und in den Gerichts- ftuben durch starke Wachen gewahret, auch die nötigen Vorderem tungen zur Hinrichtung getroffen. Eine furchtbare Aufregung unter den Gefangenen entstand, als am Tage vor der Hinrichtung den Frauen di« kleinen Kinder abgenommen wurden, die sich, bis dahin mit den Gefangenen in einem Raum befunden hatten. Hätte es die Wache nicht verhindert, so wären die Kinder eher um- gebracht als ausgehändigt worden. Rach wenigen Stunden aber war toieder ziemliche Ruhe eingetreten und die Gefangenen erwarteten gelassen ihre Sterbestunde.
Am 14. November versammelte sich morgens um 9 Uhr das peinliche Gericht auf dem Rathaus und zog von dort mit den Verurteilten und der Geistlichkeit auf den Markt, der von einem weiten Kreis von Zuschauern umgeben war. Die Richter nahmen Platz an der peinlichen Gerichtstafel, das Urteil wurde nochmals öffentlich verlesen, den Verurteilten die Stäbe gebrochen und dann deren 10, darunter 2 Frauen, wieder in das Rathaus zurück gebracht. Tie 14 andern aber, darunter 5 Frauen, wurden den Henkersknechten übergeben und unter Bedeckung einer starken Bürgerbewachung nach der Richtstätte gebracht, die sich links auf der Höhe der Marburger Straße befand und nach Buchners Angabe nur auf dem Rodberg gewesen sein kann. Tort wurde im Beisein einer großen Zuschauermenge die Hinrichtung vollzogen. Drei Zigeuner wurden gerädert, sechs gehängt und fünf, darunter 2 Frauen, mit dem Schwert enthauptet.
Ten folgenden Morgen um 9 Uhr wurden die übrigen Zigeuner vom Rathaus auf den Markt verbracht, wo man ihnen Mitteilung von der tags vorher erfolgten Hinrichtung ihrer Genossen machte, worauf sie ebenfalls zur Richtstätte geschafft wurden. Unterwegs baten zwei der Verurteilten unter Heulen und Winseln um Gnade, zwei von ihnen wünschten, wenn sie schon sterben müßten, nicht durch den Strang, sondern durch das Schwert zu sterben. Einer der Gesellen gedachte seiner noch nicht eingefangenen Frau und seiner Kinder. Er wünschte, daß es der Frau ebenso ergehen möge wie ihm; für die Kinder aber bat er um Schonung. Am standhaftesten hielt sich Hemperla. Nach verrichtetem Gebet rief er vom Stuhl, ans dem vor ihm die Zigeuner hingerichtet waren, mit überlauter Stimme in die vieltausendköpfige Zw- schauermenge hinein, wenn ein guter Katholik unter ihnen sei, fo solle er einige Seelenmessen für ihn lesen lassen, und zum Zeichen, daß er es auch tun werde, einen Wink mit dem Hut geben. Als dies von verschiedenen Seiten geschah, wandte sich Hemperla zu den Henkersknechten mit,den Worten: „Nun, ihr Brüder tragt mich hin", woraus diese ihn zum Tode brachten.
Fünf Leichen wurden aufs Rad geflochten und ihre Köpfe auf Stangen gesteckt, die Gehängten wurden unter dem Galgen verscharrt, zwei Leichen aber, die eines Gehenkten und einer enthaupteten Frau, kamen aus die Anatomie der Universität.
Tie ttt Darmstadt inhaftierten Zigeuper kamen besser davon, 5 wurden hingerichtet, 6 unter dem Galgen gebrandmarkt und ausgepeitscht, eine Zigeunerin nur ausgepeitscht, darauf alle noch Lebenden auf ewig aus dem Oberrheinkreis ausgewiesen. Einer der Hingerichteten Zigeuner, Nikolaus Bördel genannt Breitfuß, war nach seiner Gefangennahme noch dadurch bekannt geworden, daß er wiederholt in Frankfurt und Darmstadt auf unglaubliche Weise unter Zerreißung der stärkster: Banden aus dem Gefängnis entkam. Als man ihn aber wieder einfing, fesselte man ihn mit einer ganz neuen, aus 7 schweren Ketten bestehenden Fessel, die sein Entweichen unmöglich machte.
Man sollte meinen, diese Strenge gegen die Vagabunden und Zigeuner hätte etwas genützt, um die Darmstädter Lande vor ihnen zu bewahren, aber schon 1734 sah sich der Landgraf genötigt, mit einer strengen Verordnung wieder gegen die Horden vorzugehen. Der Landgraf Ernst Ludwig verordnete:
Alle erwachsenen männlichen und weiblichen Zigeuner und das sich zu ihnen rottende Mord- und Raubgesindel, tvelche nach Mlauf eines Monats mit oder ohne Paß im Lande angs- troffen wird, sind an Leib, Leben und allen Habseligkeiten vev- sallen. Mithin soll männiglich erlaubt sein, sie zu verfolgen, sie entweder totzuschießen, oder sie gefänglich einzuliefern. Tem- jettigen, der eine solche in die Mordacht und in öffentlichen Bann erklärte Mannsperson lebendig einbringt, soll nebst alle dem, was er bei ihr findet, wenn man deren Eigentümer nicht kennt, eine Prämie von 6 Rthl., von einem ertöteten aber eine Belohnung von 3 Rthlr. von dem zunächst wohnenden fürstlichen Beamten gegen Schein ausgezahlt erhalten.
Aber auch diese unerhörte Maßregel scheint wenig genützt zu haben. Tie Erklärung mußte 1742 von der Regierung in Gießen aufs Rene durch Anschlag am Rathaus bekannt gemacht werden. Geholfen hat auch dies nicht, denn 1790 und 1.792 klagt das Gießener Wochenblatt über die fahrenden Völker, die die Gegend durch Mord und Raub unsicher machen und betten der einzelne Staat damals nicht steuern konnte.
Vermischtes.
* ©in Denkmal für den Erfinder der Nähmaschine. In Lyon hat sich ein Ausschuß gebildet, der dem Erfinder der Nälni a .bitte, dem Schneidergesellen Barthälemi Tbtmonnier, ein Denkmal errichten will, um damit das Unrecht tutebev gut zu machen, das die kurzsichtigen Zettgenoüen einst dem Alaune zufügten, der nach langer, mübseltger Arbeit und nach bitteren Entbehrungen die erste wirklich praktiseb brauchbare Näh- mnichine konstruierte. Denn die vorder hergenellten mechanischen Nähapvarate hielten vor der Praxis nicht Stand und vermochten nicht nutzbringend zu arbeiten; erst der kleine Schneidergeselle aus Arbresle, der Erfinder des Kettenstiches, ersann jene Maschine, deren Prinzipien noch beute die von der Technik so luunbetbar vervollkommneten Maschinen beherrschen. Thimonnier war 1793 geboten und schlug sich recht und schlecht als Scbueidergesette burcl); er Hörte von beut in Amerika erfundenen NäHgpparat und ruhte nicht eher, bis er nach jahrelangem Darben durch größte Sparsamkeit die ^Oo Francs ztijammengebracht hatte, mit denen er sich einen jener Apparate ans Neuyork kommen ließ. Dann setzte er sich in Lyon in seiner kleinen Stube an die Arbeit, grübelte, sann und versuchte, bis er endlich feine Nähmaschine ermüden hatte, die zum ersten Male mit einer Hakennabel mechanisch den Kettenstich auS» führte. Die Frennde hielten den grübelnden kleinen Schneider- ge’ellen für wahnsinnig. 18.9 endlich konnte er sein Patent nehmen, aber nun begann auch für ihn die Stelle bitterster Enttäuschungen: die Schneider zerstörten seine ersten Maschinen, lueil sie sich in ihrer Zukunft bedroht fühlten, Unterstützung blieb aus, und so verkroch sich der enttäuschte Erfinder verbittert und verkannt in ein kleine» Nest im Departement Rhone, wo er vergessen und unbeachtet in bitterer Armut starb.
* Der Herr Unteroffizier. „Fettmeier, Unglücksi- mensch! Ter Herr Hauptmann hat ja gestern gesagt, jeder soll sich bemühen, ein hervorragender Soldat zu iverden — aber damit hat er doch nicht gemeint, daß Sie Ihren dicken Wanst ’ne halbe Meile vor die Front strecken sollen!"
vllchertisch.
— Euphorion, Zeitschrift für Literaturgeschichte, heraus- gegeben von August Sauer. XVIII. Band. 4. Heft. Leipzig und Wien, k. u. k. Hof-Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhand- lung Carl Fromme, 1911. Das Schlußheft des 18. Bandes wird eröffnet durch einen zusammenfassenden sehr übersichtlichen Aufsatz über Schuppius von Otto Lerche in Wolfenbüttel. Neben Fortsetzungen früherer Untersuchungen bringt das Heft neue Beiträge zum Leben Kästners, Ewald von Kleists und Grabbes von Wolfram Suchier in Halle a. S., von Bruno Hirzel in Washington und von Alfted Bergmann in Leipzig. — Albert Gehler in Basel veröffentlicht unbekannte Stammbuchblätter von den Dichtern des Göttinger Hains. Paul Kluckhohn in Göttingen liefert wichtige Beiträge Mr Würdigung von Schillers Prosasttl. Friedrich Warnecke in Magdeburg sucht in das Verständnis von Goethes schwierigem Gedicht: „Groß ist die Mana der Epheser" einzudringen: O. v. d. Pfordten in Straßburg identisiziert im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht den Doktor Marianus im zweiten Teil „Faust" mit Faust selbst, lieber die bisher unbekannten Beziehungen Friedrich Schlegels und Wilhelm v. Humboldts zu ungarischen Schriftstellern bringen die Forschungen I. Bleyers in Budapest schätzenswertes Material bei. Leben und Charakter des in letzter Zeit zu größerer Bedeutung gelangten Romantikers Wetzel erfahren aus Freundesbriefen nähere Beleuchtung, die Friedrich Ranke in Straßburg zugänglich macht. Zahlreiche kleinere Beobachtungen, Rezensionen und das von Alfred Rosenbaum in Prag mit gewohnter Sorgfalt gearbeitete Register beschließen das Heft und den Band.
Charade.
Die ersten beiden Silben künden
Dir die olympische Gestalt, Tie einstmals aus verschiednen Gründen Als göttlich hehres Wesen galt.
Tenn oft, so melden uns die Sagen, Fand im Olymp das Dritte statt, Und alle schlürften mit Behagen, Was Eins und Zwei geboten hat.
Tas Ganze aber bildet heute
Nach großem Werk ein Fest der Ruh’, Die 'Dlaurer und die Zimmerleute Eis beinen herzlich gern dazu.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung der Königspromenade in voriger NummÄk, Bedenke dies; schon manchmal trat ein Segen In der Gestalt des Unglücks dir entgegen;
Dir fehlte nur in jener Zeit des Leidens Ter klare Blick des scharfen Unterscheidens.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«, Grete»


