Ausgabe 
27.11.1912
 
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Mittwoch, den 27. Novetnber

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Das Amethyst-Fläschlem.

Eine Erzählung von 9t. K. Gr e en.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Erleichtert, iu-eitn auch betrübt, daß ich ihre Gesichter nicht hatte scheu können, zog ich nrich eilends zu Sinclair zurück; er erwartete mich mit fragenden Augen hinter dem Vorhang, der ihn in der Nische vor neugierigen Blicken verborgen hatte. Als ich ihn erreichte, kam eben ein junger Mann, der die Rolle des Festordners übernommen, hinter ein ein der großen Pfeiler hervor, die die ganze Halle ent­lang in einer Reihe standen, wandte sich der geöffneten Türe des Mnsiksalons zu, blieb einen Augenblick davor stehen und verschwand daun mit der heiteren Miene eines Mannes, der mit sich zufrieden ist, in einem Zimmer da­neben.

Mit einem nervösen Griff packte mich. Sinclair -am Arme.

War das Beaton? fragte er. t

Gewiß! Hast du ihn denn nicht erkannt?

Er warf mir cin.cn eigentümlichen Blick zu.

Erinnert dich sein Anblick nicht an -etwas? Wein.

Warst du gestern morgen am Frühstückstisch?

Gewiß.

Erinnerst du dich au den Traum, den er zum Ergötzen seiner Zuhörer erzählte?

Nunmehr war es an mir, zu erbleichen.

Wie? Glaubst du? begann ich.

Ich dachte schon -gestern, daß- die Geschichte «eher wie ein wahres ' Erlebnis, als wie -ein bloßer Traum klinge. Jetzt bin ich überzeugt, Laß es sich um ein Erlebnis handelte. .

Aber, Sinclair! Du wirst doch nicht glauben, daß das Mädchen, das er beim Mondschein auf dem Fels am Meere mit ausgestreckten Armen und verzweifeltem Mienenspiel überrascht haben will, eine wirkliche Person gewesen ist!

Doch. Gestern 'lachten wir darüber; er gab der Ge­schichte solch ein tragisches und unheimliches Gewand. Jetzt aber ist es mir nicht ums Lachen, wenn ich daran zurück­denke.

Entsetzt schaute ich Sinclair ins Gesicht. Die Musik drang jubelnd an unser Ohr, das Gemurmel fröhlich-er Stimmen und das Schlürfen schnellbewegter Füß-e erweckte Freude und Heiterkeit. Welches von beiden Bildern war ein Traum? Dieses Schauspiel -offenkundiger Fröhlichkeit und verheißungsvollen Glückes oder die Phantome, ine er heraufbeschworen hatte und die im Begriff standen, uns Leide unr unseren Seelenfrieden zu bringen?

Beaton hat doch keine Namen -genannt, protestierte ich eigensinnig. Ersihat nicht einmal gesagt, daß die Vision,

die er gesehen hat, ein Weib war. Es war eine Erscheinung, erinnerst tzm dich, -ein Gespenst, -ein Geschöpf seiner eigenen Einbildungskraft, die -aus'irgendeiner Tragödie, die Beaton las, ihren Stoff -geschöpft hat.

Beaton ist -ein Gentleman, !v-ar Sinclairs kalte Er­widerung. Er -wollte die Frau, der zuliebe er seine Ge­schichte erzählte, nicht bloßstellen, sondern warnen.

Warnen?

Zweifellos war sein Gedankengang folgender: wenn er dieses junge und wahrscheinlich -empfindliche Mädchen wissen lassen' konnte, daß sie gesehen und ihre Absicht durchschaut worden sei, würde sie sich in Zukunft sicherlich vor ähnlichen Gelegenheiten in acht nehmen. Er ist ja ein gutherziger Kerl. Hast du das Ergebnis seiner drama­tischen 'Erzählung beobachtet, das er gar nicht voranssehen konnte, als -er sie vorbrachte?

Nein.

Wenn du es -getan hättest, könnten wir jetzt besser ent­scheiden, auf wen sich seine Gedanken bezogen. 'Wahr­scheinlich weißt du nicht einrmck, wie die Damen sie auf­nahmen?

Nein. Ich dachte gar nicht daran, mein Augenmerk darauf zu richten. Heiliger Gott, Sinclair, wir wollen uns nicht noch gegenseitig unnötigerweise in Aufregung bringen! Ich habe beide vor einem Augenblick gesehen. Es war -au keiner von beiden das -geringste Anzeichen dafür zu entdecken, daß etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist.

Statt zu antworten zog -er mich- der Bibliothek zu.

Die Bibliothek pflegte abends nicht von den jungen Leuten besucht zu werden. Es befarrden sich zwei oder drei ältere Personen in der Gesellschaft, insbesondere der Bruder und Gemahl der Dame des Hauses, zu deren Gebrauch- mit Einbruch der Nacht der Raum mehr oder weniger überlassen wurde. Sinclair wollte mir die Schublade zei­gen, in der sich das Ameth-ystherzchen befunden hatte.

Es brannte Feuer im Kamin, da die Abende schon kühler zu werden begannen. Als wir die Tür-e hinter uns geschlossen hatten, fanden wir, daß der Schein di-eses Feuers- die ganze Beleuchtung im Zimmer ausmachte. Beide Gas­lüster waren ausg-cdreht worden, und der r-eichausgestattete, aber doch gemütliche Raum war von wechselnden scharfen Lichtern und großen Schatten belebt.

Sinclair ließ einen tiefen Seufzer vernehmen. Herr Armstrong muß sich sonstwohin begeben haben, um die Abendblätter zu lesen, bemerkte -er.

Ohne zu -antworten warf ich -einen forschenden Blick in die dunkeln Ecken. Ich befürchtete irgendein Liebespaar in einem der zahlreichen Winkel versteckt zu finden, die die vorspringenden Bücherschränke bildeten. Aber ich konnte niemand entdecken. Am anderen En-d-e des großen Zimmers stand indes, wie ich wußte, -ein hoher Schrank vor einem der zahlreichen Ruh-cpvlster, und ich wollte mich -eben dieser friedlichen Ecke nähern, da zog mich Sinclair zu -einem hohen Bücherständer,- -auf dessen Glastüren der Feuerschein