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(Fortsetzung folgt.)
Musikalische Schundliteratur.
Alle Mnste haben produzierende und reproduzierende Vertreter- beide werden künstlerisch und handwerksmäßig betrieben-/ wobei das letztere ebenso in ehrendem Sinne für den Kunsthand- werker aufgesaßt werden kann une tn tadelndem chr den P,rischer. Die Leistungen beider teilt man in Gutes, Mrttclwure und Schlechtes. Für die beideir ersteren hat man aus der Zeit der Fremdwörter die Bezeichnungen prima und sekunda noch hen^rnt Gebrauch, für die letztere dagegeir das ehrliche deutsche Wort Schund Hier interessieren von den Künsten lediglich dre Dichtkunst die eigentlich nur produzierend ist, da ihre reproduzierende Schwester, die Schauspielkunst, ihr wohl nur bedtngnngsweUc: zugezählt werden kann, und die Tonkunst, die beide Zweige gleichwertig pflegt.
Die Tichtkmist kennt kein Handwerk, wenigstens nicht ich ehrenden Sinne, während die reproduzierende Tonkunst iieben der künstlerischen Ausübung einen weiwcrbreitcten und von allen Seiten als wahlberechtigt angesehenen, unentbehrlichen Kunst- handwerkerstand besitzt, aus deni eine nicht kleine Schar z'n ersten Künstlern heranwuchs. Tatsache ist es, daß die ausgezeichnetsten Virtuosen der Blasinstrumente zum großen Aeu aus den Militärkapellen hervorgcganqen sind, die wieder in der Mehrzahl ihre musikalische Ausbildung beim Stadtmnsikus genoßen. Diese Stadtkapellen bilden heute noch ihre Schüler vollständig handwerksmäßig aus, sie werden als Lehrlinge angenommen und avanzieren nach einer vorher ausbedungenen Lehrzeit zu Ge- hilscii (Gesellen), wenn sie mindestens zwei Instrumente (cm Blas- und ein Streichinstrument) beherrschen. Diese Kunsthand-- tvcifct, biö ntcin in ^otbbeutfdjlcirtb üiel fällig 5)2 u f i t c r nennt, während man den Künstler mit Musiker bezeichnet,, tonnen, wenn sie in ihrem Rahmen bleiben, Minderwertiges teilten, aber niemals Schund; damit könnte man nur unter Umstanden, auf die ich später kommen werde, ihre produzrerendeii Kollegen beschuldigen.
Es soll iiuii schon schwer sein, den Schriftstellern Schund nachzuweisen, wenn man Von vornherein den auf den ersten Blick jedem erkennbaren Schmutz ganz beiseite läßt, der ja leider, und nicht in neuerer Zeit, oft viel zu weitherzig , der Kunst zugezählt wird. Unmögliche aber ist es, den Komponisten £cwn& nachzuweisen, zumal solchen, Pie in, den Regelns der Kunst rechts
Er spielte den Erstaunten, oder er spar wirklich er- , staunt. „Sie hier, gnädiges Fräulein? Und dann gleich * wieder ganz korrekt: „Ich bin gestern angekommen, konnte daher noch- nicht meine Karte ttn Grand Hotel abgeben, öfl geht Ihren verehrten Eltern gut?"
Und wieder schien es ganz wie ehedem. Sie aßen zu dritt am Kamin. Die Fürstin streute ihre »Melten «rs und musterte ungeniert durch ihr großes 6°^gerandertes Augenglas bald Signe, bald den Neffen, und beide plauderten. Aeußerlich ganz tote früher. Und doch empfanden beide: es war ganz anders. Es lag ei.it Erleben zwischen
’ Dann und wann ries die alte Dame: „Bill, wirs noch rin wenig Holz nach. Aber nicht fo titel. Du ahnst gar nicht, tote teuer diese Räuberbande dte elenden Spane berechnet." Oder sie sagte: „Bitte, meine Liebe, schieben Sie mich näher an das Feuer." Oder sie nahm den llftnen Spiegel, den sie immer im Pompadour mit sich führte, heraus uud wickelte, sorgsam in das Glas sehend, eine der grauen Locken, die ihr tief in die Stirn hingen, um den Finger. Oder sie sagte: „Ihr spielt wohl . ., da . . . eine recht miserable Rolle am Hofe, Bill, ihr Vasallen dritter Ordnung?" Oder sie meinte: „Na, Signe, meine Gute, erinnern Sie sich noch, wie nett ich damals war, als eie die Nachricht vom glücklichen Tode Ihres Millionenonkels erhielten? Gleich ließ ich Sie reisen. Ha . . . reistest du nicht übrigens auch am selben Tage, lieber Bill. 5^»
in einem seltsamen Gemisch von Niederträchtigkeit, Bitterkeit und Wohlwollen und alles doch mit einer Art von Grandezza vorgebracht. Und dann kicherte ste leise: „^ept bitte ich auf zehn Minuten um Entschuldigung. _ Meute Masseuse wartet. Himmel, diese Folter-Schergtu wird mir svieder gut zusetzen." -
Signe wollte sich empfehlen. Sie fühlte: mit dem Prinzen durfte sie nicht allein bleiben.
Aber da erhob die Fürstin Wehklagen und Einspruch. .Ich denke gar nicht daran. Sie so schnell fortzulasfen. Du leistest Signe gewiß gern Gesellschaft Set nicht zu ennuyant. (Streng dich ein wenig an, Bill. Und als Signe noch einmal bat, sie zu entlassen: „Aber Kind, Sie waren doch sonst nicht so närrisch. Ich durchschaue Jhve schwarze Seele ebenso wie ich sehe, daß Sie ^zhr schönes Haar etwas stark toupieren: seien Sie unbesorgt, tn meinem Salon dürfen Sie mit Bill allein fein. Aus meine Verantwortung."- ’ „
Sie humpelte hinaus. Daun sagte Hoburg fosort: „Befehlen Sie, daß ich gehe, gnädiges Fräulein?" Und seine Augen sprachen: „Erlaube, daß ich bleibe."
Signe war an das Fenster getreten. „Aber Durchlaucht, ich bitte Sie..."
Er trat zu ihr. Ein paar Augenblicke war Schweigen! zwischen ihnen. Er versuchte eine konventionelle Anknüpfung: „Tante hatte ihre besonders grantige Stunde —
„Ich fand Hoheit ganz wie früher."
„Sie freute sich so sehr auf Ihr Kommen. — ^ch brauche wohl nicht besonders zu tiersichern, daß ich nicht ahnte, Sie heut schon hier zu treffen." c
Signe neigte nur leicht zustimmend den Kopf. Die Gedanken drängten sich in ihr. Sollte dies doch ihre Schick- falsstunde werden? Sie dachte zurück an die erste Werbung des Prinzen. Hatte sich seitdem irgeüd etwas verändert? Ihm gegenüber? Nein — nein! Aber in ihr selbst war eine Veränderung vorgegangen. Aermer war sie nämlich geworden, vereinsamt. ......
„Es war so öde in Berlin, gnädiges Fraulein — immer noch hielt er bett konventionellen Ton fest — „die gesellschaftliche Saison zu Ende, die Sportkärnpagne noch in den Anfängen. Wer konnte, flüchtete. Ich war ein paar Wochen in Schlesien. Aber ich hielt es auf meuter alten Raubritterburg nicht aus. Doch da rede ich und frage nicht einmal: Wie ist es JhUen ergangen? Sie haben viel Schönes gesehen und erlebt?"
„Viel Schönes gesehen, Durchlaucht. Ob immer in der richtigen Stimmung, die Schönheit zu würdigen . . . ich weiß es nicht . . ."
„Sie sehen sehr ernst aus."
„Es mag wohl sein ..."
Signe hatte die Hand auf den Fensterriegel gelegt und blickte auf die Straße hinab. Noch nicht einmal hatte sie ihm in die Augen gesehen. Als wüßte sie ganz genau, dgß pr bann fragen würde
Und sie dachte: „Warum siehst du ihn nicht an? Spiel dir keine Komödie vor. Einmal mußt du dich doch ent»! schließen. Eigentlich bist du schon entschlossen. «Das große Glück, auf das die kleinen Mädchen hoffen, wird dir ja nie werden. Dazu gehört ein heiteres oder auch ein zärtlicheres Herz. Horch doch nur auf dein eigenes: schlagtfs auch nur um einen Takt schneller als sonst?" , ,
„Eine Ewigkeit, dünkt mich, ist vergangen, feit ich Sie zum letzten Male sah —"
„Wenige Wochen, Durchlaucht. Ans dem Fastuachts- ball im Schloß sahen wir uns znm letzten Male."
„Sie haben das behalten?"
„Ich habe ein gutes Gedächtnis."
Sie dachte weiter: - Jetzt fahren die Eltern nut Braunstein nach der Villa Pamphili hinaus. Wie enttäuscht der Aermste sein wird. Ja — ich könnte ihm helfen! Aber das ist es ja eben: ich würde mich nie tn feinem* Milieu einleben können. Grad jetzt empfand ich's wieder/ wo ich hingehöre meiner ganzen Veranlagung nach, lieber noch einmal Hofdame als die Schwiegertochter des Hauses Braunstein." , r . ... ,
„Ein gutes Gedächtnis!" hörte sie neben sich und horte das lebhafte Klingen der Stimme heraus. „Erinnern Sie sich auch der . . . erinnern Sie sich unserer letzten Unterredung in Ihrem Elternhause?"
„Wie sollte ich nicht, Durchlaucht?" Sie beugte sich ganz vor, daß-ihre Stirn an dem kühlen Fensterglase ruhte. Und sie rief sich zu: „In wenigen Minuten wirst du Braut fein. Mein Himmel, ja! Warum sehUst du dich eigentlich nach dem andern, -dem Höchsten . . . was die MenscyletN Liebe nennen. Dir ist's doch nicht gegeben. Tausche anderes dafür ein. Jeder kann nicht alles haben. Bescheide dich: einst wäre es deine Seligkeit gewesen, eine Prinzesfln auf der Bühne zu sein — nun wirst du eine wirkliche Durchlanchh Du wirst beneidet-genug sein. Törin du, daß du zögerst. Sieh ihn doch an!" ., . ,
, Ich habe getreulich gehalten, was ich damals versprach. Nicht wahr? - Ich bin Ihnen nie lästig gefallen. Ich war schon froh, wenn ich Sie sehen durste, wenn ich ein paar freundliche! Worte von Ihnen erhaschte . . ."
Er wartete. Aber sie sprach nicht. Sie hatte die Augen


