Ausgabe 
25.4.1912
 
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Achen Jnttimkitten, und das mit einem Menschen, den sie gerade erst ein paar Tage kennt, das finde ich unter uns gesagt mehr als stark!"

Sehr richtig! Sehr!" stimmten die Frau Medrzinal- rat und ihre Freundinnen freudig ein.Sehn Sie, Ihnen als Herrn fällt das selbst auf. Was sollen wir Frauen Nun erst dazu sagen?" m

Görtz-Schilling zuckte die Achseln. Dann meinte er langsam: c £.

Wenn ich verheiratet Ware, wurde uh unbedingt da­rauf halten, daß meine Frau nach dieser Aufführung!

nut Frau Söllnitz nicht mehr verkehrt. Nun," er nahm sich lächelnd eine Zigarette aus dem Etui:Die Damen gestatten doch? Ich bin ja leider noch nicht in der glücklichen Lage, insofern geht mich ja auch schließlich die ganze Geschichte nichts an. Aber es soll mich nicht Wun­dern, wenn sich nächstens die wirklich gute Gesellschaft hier auf dem Schiff von der Frau Professor zurückzieht."

Ganz meine Meinung!" pflichtete Frau Geoffroy bei. Nun, ein Wunder ist's ja freilich nicht: Eine geschie­dene Frau es ist doch immer die alte Geschichte! Ganz umsonst trennt sich doch schließlich kein Mann von seiner Frau, Und der Professor Söllnitz soll ja so ein liebens­würdiger, feiner Mensch sein. Wer erzählte es doch neu­lich erst? Wer weiß also, was damals schon passiert ist! Uebrigens", sie dämpfte die Stimme und winkte Görtz näher zu sich heran,habe ich mich schon immer gefragt: Ob sie, den Doktor wirklich erst auf Island kennen gelernt hat? Ob das nicht am Ende alles nur eine abgekartete Geschichte ist? Sie kennen sich vielleicht schon lange; um es aber Nicht auffällig zu machen, daß sie mit ihm reist, ist er nach Reykjavik vorausgefahreu, und nun tun sie so, als ob sie sich zufällig hier kennen gelernt haben! Was meinen Sie? Diese schnelle Vertraulichkeit spricht doch sehr dafür!"

Der Regierungsrat zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Er, gerade er, hätte ja mit einem einzigen Wort sofort diesen Verdacht niederschlagen können aber da sah er die junge Fran wieder vor seinem Blick vorhin, wie sie ihn kalt-verächtlich stehen ließ, und schnell er­widerte er:

Wahrhaftig, da haben Sie recht, gnädige Frau! Das ist ein Gedanke! Das würde ja sofort die ganze Situation erklären und gründlich aufklären!" setzte er mit einem mephistophelischen Lächeln hinzu.Ich bewundere wirklich Ihren Scharfsinn."

Frau Geoffroh lächelte stolz. Eifrig entfuhr es ihr:

Gott, man hat eben nicht umsonst in der Welt ge­lebt!" Dann aber schränkte sie rasch diese sie möglicher­weise ja selbst mittreffende Bemerkung ein.Da hat man eben leider um sich herum so viel Schlechtigkeiten sehen müssen." Ihr Ton wurde frömmelnd-jammernd, und die beiden anderen Damen nickten ihr mit gleichfalls schmerz­lich verzogenen Mienen lebhaft zu.Was passiert nicht leider tagtäglich selbst in den höchsten Kreisen!"

Freilich, es ist das eben bedauerlicherweise nicht zu verhindern," stimmte der Regierungsrat ihr zu. Dann aber nahm sein Gesicht einen sehr würdigen Ausdruck voll hohen sittlichen Ernstes an.Das einzige, was man als Mensch, der auf sich hält, tun kann, ist: Man scheidet sich reinlich von allen zweifelhaften Existenzen!"

So, nun hatte er rasch noch einmal unauffällig die Parole, auch für den vorliegenden Fall, ausgegeben und jetzt konnte er sich ruhig entfernen. Für alles weitere würden die Damen da sorgen; seine Sache war in den denkbar besten Händen. Höflich zog er die Bordmütze:

Ich will Sie nun aber nicht länger stören, meine Da­men. Empfehl' mich ganz gehorsamst!"

Mit einer äußerlich sehr respektvollen Verbeugung ver­abschiedete er sich.

X.

Also wir werden wirklich Sturni bekommen, Herr Kapitän?"

Frau Söllnitz fragte es Neidhardt, der mit mehreren bekannten Herrschaften auf dem Deckplatz vor dem Speise­saal zusamnienstand, und trat auch zu der Gruppe.

Ohne Zweifel. Es weht ja schon ganz niedlich. Da sehen Sie die Schaumköpfe draußen, und wie der Flaggen­stock dort tanzt!"

Die junge Frau sah nach vorn, wo die Fahnenstange des Schiffsbugs allerdings beständig in senkrechter Rich- jung 5egen die graue Wolkenwand aus- Md niederstieg.

Es sind ja schön ganz muntere Wellen; nur unsev famoses Schiff merkt sie noch nicht recht."

Fran Söllnitz, die mit lebhaftem Interesse auf das schaumbedeckte, schwarzgraue Meer hinaussah, beachtete nicht, wie die anderen Herrschaften sich alsbald empfahlen.

Man sollte meinen, daß ein so mächtiger Koloß wie unsereHamburg" überhaupt gar nicht von den Wellen berührt werden könnte," äußerte sie.

O die kann ganz feste schaukeln!" lachte der alte Seemann.Ich glaube. Sie erleben es heute noch. Man­chem ist es ja jetzt bereits zu viel."

Nicht möglich," lachte die junge Frau.Haben iviv denn etwa schon Kranke an Bord?"

Einen ganzen Haufen! Schon heut beim Frühstück sah ich blasse Gesichter, und jetzt ist schon ein wahrer run auf die Apotheke! Der arme Doktor wird heut einen bösen Tag haben."

Das begreif' ich gar nicht," verwunderte sich Frau Söllnitz.Mir ist so wunderbar wohl zumute ich hab' das bißchen Schaukeln überhaupt noch kaum bemerkt."

Na kommen Sie mit, gnädige Frau," lud sie der Kapitän ein,wir wollen mal eine kleine Jnspektions- tour machen. Es ist ja zwar nicht schön," lachte er,aber es gibt, finde ich, nichts Amüsanteres, als ein Schiff so in diesem ersten Stadium des mal de mer. Da kann man Charakterstudien machen!"

O, Sie sind ja ein lieber Menschenfreund!" neckks Frau Söllnitz und ging mit ihm.

Ein paar Stunden später wehte es in der Tat recht lebhaft. Windstärke 9, also regelrechter Sturm! ging das Gerücht an Bord, und demgemäß war der Anblick

DieHamburg" hatte, wie Kapitän Neidhardt scherzte, Bal'ltoilette" gemacht zu dem lustigen Reigen mit den tanzenden Wogen, dre sie übermütig um ihren schlanken Leib faßten und in schäumender, wirbelnder Luft einander

zuwarfen,

(Fortsetzung folgt.)

Die Anfänge Alfred Krupps.

Zur Erinnerung an seinen 100. Geburtstag (26. April 1912), Von Tony Kellen.

Als vor hundert Jahren Alfred Krupp geboren wurde, war Essen noch ein bescheidenes Landstädtchen, das lediglich wegen seiner unlängst vorher aufgehobenen Abtei bekannt war und m dem der Bergbau erst anfing, eine Bedeutung zu erlangen. Und daß die Kruppsche Fabrik, die nur einige Arbeiter beschäftigte, einst ein gewaltiges Unternehmen werden könnte, hat von den Essener Bürgern wohl kanm einer geahnt, denn Friedrich Krupp, der Gründer der Firma, hatte damit kein Gluck. Lange Zeit wußte man nur weniges von dem Leben jenes Friedrich Krupp (17871826), von dem nicht einmal ein Bild der Nachwelt er­halten ist, und erst in neuester Zeit ist durch die Forschung [eine Tätigkeit als Gründer der Fabrik und als Stadtrat in Essen aufgeklärt worden: Seine Großmutter hatte 1800 als Witwe die Gutehoffnungshütte in Sterkrade erworben; dort lernte der junge Friedrich den Hüttenbetrieb; von dort zeigte er 1808 seine Heirat mit Therese Wilhelms, der Tochter eines Kaufmannes an, und in demselben Jahre bezog das junge Ehepaar ein kleines Haus am Flachsmarkt in Essen, in dem ihnen 1812 ein Sohu Alfred geboren wurde . .

Friedrich Krupp hatte den Plan gefaßt, den Gußstahl, dessen Einfuhr aus England durch die Napoleonische Kontinentalsperre verhindert war, selbst zu erzeugen. Er erwarb zuerst ein Grund­stück in Altenessen, auf dem sich ein durch Wasser getriebenes kleines Hammerwerk befand; 1811 baute er den ersten Schmelz­ofen zur ^Bereitung von Gußstahl. Zur Ausbeutung seiner Erfin­dung bereinigte er sich mit Friedrich Nicolai, und im November 1815 zeigten Krupp und Nicolai an, daß sie alle Vorkehrungen zur Anfertigung von Gußstahl getroffen hätten und Bestellungen ausführen könnten. Als aber die Bestellungen ausblieben, trennte sich Nicolai von Krupp, der nunmehr allein den Betrieb fortsetzte und, ohne einen materiellen Erfolg erzielt zu haben, am 8. Ok­tober 1826 starb. An seiner Bahre stand seine Witwe mit vier Kindern, von denen der älteste Sohn Alfred 13i/2 Jahre zählte. Tie Witwe machte bekannt, daß durch das frühe Hinscheiden ihres Gatten das Geheimnis der Bereitnng des Gußstahls nicht ver­loren gegangen, sondern durch seine Vorsorge auf den ältesten Sohn übergegangen sei, der unter des Vaters Leitung schon einige Zeit der Fabrik vorgestanden.

Ein Knabe, der eben in die Tertia des Gymnasiums zu Esse» aufgerückt, war also das männliche Haupt des Geschäfts geworden! Alfred Krupp hat später selbst einmal in einem Aufruf art