652
Vom Märchen von heute
spricht W. Ulbricht im 1. Hefte vom 26 Jahrgang des Kunst,varts und Kultnrwarts und gibt wertvolle Anregung für die Weiterpflege des Märchens im deutschen Bolk.
Das Märchen ist krank, und das ist kein Wunder bei der Lebensweise, die es seht führt. Was war das srüher für ein grund- solides, derbes Geschöpf, kräftig im Hassen und ehrlich im Lieben, damals, als es noch des Abends in Bürger- und Bauernhäusern einkehrte und am Kachelosen zwischen Großmutter und Enkeln saß. Heut muß man es in Vortragssälen, Kinderkinos und Theatern suchen, wenn mans mal sehen will. Und wie es sich da ausführt 1 Am schlimmsten ist's im Theater. Wer in einein „Weihnachtsmärchen" war, weiß es. Aus den, schönsten Märchen wird ein süßlich senliinentales oder ein albern possenhaftes ober ein grausam nervenerregendes Wesen, oder eins, das von allen diesen Bestandteilen etwas hat. Am bedenklichsten ist, daß die Kinder das, was sie im Märchen ost nur leise angedeutet finden, und was, vor allem, hier durch die Phantasie des Kindes selbst geht, und somit nur bringen kann, was kindlich ist, bei der Aufführung in nacktester Brutalität vor sich iehen. Der Ursprung unserer Märchen erklärt es, daß da und dort Anschauungen und Vorgänge zur Darstellung kommen, die dem Fühlen sogar des Erwachsenen von heute fast pein- lich sind. Nun läßt man ein solches Kind — ich konnte mit Beispielen dienen! — etwa die Todesangst Schneewittchens mit aller Verkörperungskraft der Bühne miterleben! Dramatische Bearbeitungen von Märchen — ausgenommen natürlich die von den Kindern selbst am Kasperl- oder ain Lchaltentheater aufgeführten — widersprechen dem Wesen des Märchens und sind bedenklich, ost gefährlich.
Weniger schlimm, doch noch schlimm genug, sind oft die Märchenabende. Der Dürer-Bund hat Lichtbilder zu Märchen angeschafft und verleiht sie für „Märchenabende". Er tut recht daran. UebercH, wo das Märchen in Gefahr ist, vergessen zu werden, wo minderwertige Kinderunterhaltung bekämpft werden muß, da sind Märchenabende am Platze. Aber zweifellos: „ideal" ist die Sache nicht. Schon, daß Hunderte von Kindern Zuhörer sind, ist für die Wirkung vieler Märchen vom Hebet. Ter große Vortragssaal mit seinem grellen Lichterschein und dein erregten Stimmengewirr vor der Aufführung, mit der Verdunkelung während ihr, die Stimme des Erzählers, die, um in dein großen Raume überall verständlich zu sein, kauin den schlichten Erzählerton festhalten kann — all das tut weiteren Abbruch. Ganz jit schweigen von jenen nicht seltenen Märchenerzähler,: und »erzähleriunen, die „das Mürchenerzählen zur Kunst erheben", das heißt ost: mit dramatischen Künsteleien und theatralischen Mätzchen ansivarten. Auch die Lichtbilder bei den Märchenabenden — zum mindesten die übliche Art der Verwendung — freut mich nicht. Mag sein, daß sie jetzt nötig sind, um anzulocken, aber um des Märchens und um unsrer Kinder willen tut mir das leid. Traut ihr denn der Phantasie iniserer Kinder so wenig zu, daß ihr alles und alles „veranschaulichen" müßt, körperlich veranschaulichen, durchs Bild ans der Leinwand, meine ich, nicht nur geistig, durch die Phantasie? Landschaft und Handlung sich selbst „ausznmalen" und so aus Eigenem das Schönste hinzu zu tun — wars nicht eben das, was dem Märchen mit den Haupt- wert gab? Dazu kommt, daß bei den Kindern, wenn sie die ziemlich schnell wechselnden Lichtlnlder betrachten sollen und wollen und gleichzeitig der fortschreitenden Erzählung folgen möchten, eine Zerrissenheit des Bewußtseins eintreten kann, die nur von: Uebel ist.
Und endlich: man glaube um Hinnnels willen nicht, daß :nan den Kindern einen Dienst erweist, wenn man eine recht große Zahl von Märchen bietet. Ein Kind, das ein Märchen liebt, wills immer und immer wieder hören, weil seine Phantasie in: Verkehr mit seinen Geschöpfen sich nicht satt tun kann. Eine vernünftige Großmutter erzählte denn auch nur eines, manchinal zwei, höchstens drei. Mehr solltens auch bei unseren Veranstaltungen keinesfalls sein. Man wende nicht ein, daß damit der Abend nicht „gefußt" werde. Wenn man zwischen die Märchen ein Lied, das den Gedanken des erzählten Märchens sortspinnt, eine oder einige im gleichem Gedankenkreise liegenden Vorträge einschiebt, wenn man nach der Erzählung ein paar gute Lichtbilder (wenn.es sein inutz, nun auch solche mit Szenen aus den vorgetragenen Märchen) vorsühren läßt, jo dient das am besten dem kindlichen Geiste, der Abwechslung, und unseren: Ziele, das innere Sammlung verlai:gt.
Tas Ideal aber wäre es, wenn wir das Märchen von seinem lockeren Leben in Kino, Theater und Unterhaltungssaal wieder in den engen Kreis der Familie bringen könnten, zu der auch Nachbars Kinder gehören. Dort wird es zweifellos stets seine größte Wirkung ausüben. Dafür brauchen wir freilich Leute, die es liebend zurückführen und pflegen. DaS können im allgemeinen nur unsere deutschen Mütter sein. Wie wärs, wenn wir Märchenabende statt für Kinder — für Mütter und Jm:giranen einrichteten, Abende, in denen ihnen die Märchen und andere Volksdichtungen (wie Rätsel und Kinderreime) wieder nahe gebracht würden, damit sie in den Familien Pflegerinnen dieses edlen Erbes würden, das sie selbst guten Teiles nicht mehr kennen? Vor allem ober sollten die oberen Mädchenklassen der Schulen das Märchenerzählen pflegen! Sicher: kein Mädchen verläßt die Schule, das iricht ein, vielleicht zwei oder
drei Märchenbücher durchgelesen hak. Aber sicher auch: Halbwegs gut erzählen kann wohl unter fünfzig Schülerinnen kaum eilte ein Märchen.» Schon fangen die Kinder an zu staunen, wenn man ihnen sagt, daß Märchen eigentlich zum Erzählen, nicht zum Lesen da seien. Soll das so bleiben?
Bis es besser wird, wollen wir die Märchenabende in vernünftiger Form kräftig unterstützen. Voraussetzungen sind: 1) Darbietung einer geringen Zahl von Märchen, womöglich ohne Bilder, sicher aber nur mit durchaus guten, die nach der Erzählung vor- geführt werden; 2) ganz schlichte, nur dem Märchen, nicht äußerer Wirkung dienende Vortragsweise. W. Uldricht.
Vermachtes.
* Wie viel Pserdekräste braucht ein Mensch? Eine Jahres-Pferdestärke iJahres-P8) ist diejenige Einheit zur Berechnung von Krastmengen. die angibt, daß in einem Arbeitsjahr zu 300 Arbeitstagen von je 24 Stunden andauernd eine Leistung von 1 PS verrichtet wurde. Unter Zugrundelegung dieser Einheit kommen auf den Kopf der Bevölkerung in Deutschland rund y Iah res-P8, in den Vereinigten Staaten etwa V, Jahres-P8. Stände uns wie im Altertum neben unserer eigenen Muskelkraft fast nur die tierische Kraft zur Verfügung, so müßten znr Aufbringung der heutigen Gesamtleistung an einem Arbeitstage von 12 Stunden aus jeden deutschen Einwohner, ob Mann, Fran ober Kind, je ein Pferd ober ein diesem gleichwertiges Zugtier kommen. Auf eine dreiköpfige Familie wären also schon 3 Pferde zu rechnen. In Amerika dagegen kämen schon auf 2 Personen 3 Pferde. Alan hat ferner berechnet, daß im Altertum der Krastbedar! so gering war, daß trotz der geringen Menschenmenge auf jede Person nur Vis Jahres-P8 entfielen, d. h. bei zwölsstündiger Arbeit benötigten 15 Personen den von 2 Pferden aufzubringenden Kraftaufwand. Die auf eine Person entfallene Arbeitsleistung ist also gegenüber früher in Deutschland auf das siebenfache, in Amerika dagegen ans das zwölffache gestiegen, trotzdem sich gleichzeitig die Bevölkerung so gewaltig vermehrt hat, daß in ihr die damalige Menschenzahl fast vollständig verschwinden würde.
* Schwer geladen. Fahrgast: „Kutscher, — frei?" —i Kutscher: „Nee, — verheiratet!" — Fahrgast: „Ich meine —- leer?" — Kutscher: „Nee, — sternhagelvoll!" .
* Seine Auffassung. Richter: „Wie oft sind Siel denn schon vorbestraft?" — Angeklagter: „Nick; een eenziget mal. Verknackt haben se mir immer erst hinterher!"
Im Affen- und Hunde-Theater.
Ihr sitzet froh auf eitern Plätzen und lacht uns sehr vergnüglich aus, und lohnet unsre lust'gen Künste durch lange dauernden Applaus.
Wir exerzieren, klettern, turnen wie unsres strengen Herrn Begehr, mit Schleppkleid, Frack und Hut bekleidet spazieren wir gar stolz einher.
Ihr lacht und jubelt unaufhörlich, klatscht in die Hände hocherfreut, und gebt euch eher nicht zufrieden, als bis sich unser Spiel erneut.
Doch, wehe! hinter den Kuliffen ist unser Leben Not und Pein. Gescholten treiben wir, geschlagen, gezüchtigt büret) des Hungers Pein.
Ja, wüßtet ihr, was wir erdulden, bis jedes seine Künste kamt, so sähet ihr mit feuchten Augen euch unsre lust'gen Späße an.
E. Wiiterich-Muralt. (Züricher Blätter für Tierschutz.)
Rätsel.
Blatt — Pferd — Haken — Glas — Baum — Wild — Wald — Band — Regiment.
Man setze vor jedes der vorstehenden Wörter ein dazu nässendes anderes Wort, zum B. vor Wein: Rot-, Weitz-, „Ungar- ober dgl. Tie Anfangsbuchstaben der neu hnizugefügten Wörter ergeben zusammen den Namen einer Stadt in Böhmen, während die Endbuchstaben der Reihe nach folgende sein sollen: g, n, 1, r, n. 1, 1, m, n.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummekk Arifiibes -- jLena — fljyigrmum — Xtngu — Ac^tne«. — STnumur — Delaware;
Alexander Dumas.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


