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Die Finnen kennen das Wort in der Lautgestakt Kaufst UUd gebrauchen es für den Begriff Volk, Gesellschaft, die Russen bezeichneten mit K a n z a die Synagoge, im Estnischen begegnet K ä i, KLza mit der Bedeutung Genosse, Gatte, Gattin (Feist, Gotisches Wörterbuch).
Won einem einzelnen Mitglieds einer Genossenschaft, einem Bundesverwandten wurde Hanse, Hans auch im Deutschen gebraucht. An diesen Gebrauch erinnert noch die Zusammensetzung .Prahlhans. In Hessenkassel aber nannte man ein Mitglied einer Hanse einen Hansegreben, wohl zum Unterschiede von Grebe, der Bezeichnung des Dorfvorstandes bis zum Erscheinen der Gemeindeordnung vom 23. Oktober d. I. 1834, während die Kaufmannsgilde den Namen Hansegrebegilde führte.
In dem ältesten germanischen Heldengedichte, dem angelsächsischen Beowulfsliede findet das Wort in der Form Hös Mit der gleichen Bedeutung begleitende Schar, in der es bereits bei Wulfila auftritt und die zweifellos auch die älteste Anwendung des Wortes gewesen ist.
Nun aber erhebt sich die Frage: Wie ist das Wort zu dieser Bedeutung „Menge, Genossenschaft" gekommen, welches ist die Quelle des eigenartigen Ausdrucks? Ich will dem geschätzten Leser im Folgenden erzählen, wie sich mir diese nach und nach erschlossen hat; nur muß ich um einige Geduld bitten, wenn ich etwas weiter auszuholen scheine.
Am Ursprung des unterfränkischen Flüßchens Wern (urkundlich Werinaha), unweit des Weltbades Kissingen, liegt ein Dörfchen Pfersdorf. Das aber ist nicht der ursprüngliche Name der Ortschaft, sondern eine spätmittelalterliche Uebersetzung der älteren Benennung Heingesdorf oder Hengesdorf. Hange oder Hanke heißt nämlich noch heute in der Kindersprache der Gegend das Pferd und Hantele das Pferdefüllen. Früher war es zweifellos die weithin verbreitete Benennung des Tieres; ist doch davon das schriftdeutsche Hengst (altdeutsch Hengist, Heiugist) abgeleitet. Als das Wort allmählich außer Gebrauch kam, schämten sich die Dorfbewohner des Namens ihres Dorfes und so ward es uMgetaust und das Modewort des ritterlichen Mittelalters Pferd mußte dabei Pate stehen. Me gleiche Umtaufung Mußte sich die Ortschaft H e n g i st f e l d (bei Lichtenfels) gefallen lassen, die jetzt Pferdsfeld heißt. Am Ende der Dorfmark Pfersdorf aber, am Rande des großen Waldes Hunnehag, der Wasserscheide zwischen Wern und Saale liegt ein Feld, das heißt Hosland. Als ich mich bei dem Lehrer des Ortes nach der Bedeutung dieses Nam'ens erkundigte, wurde mir die Antwort, es heiße so nach einem „gewissen Hoß oder H6s". Nun ging es mir wie dem Tuttlinger Wandergesellen in der großen Stadt Amsterdam mit seinem Kannitverstan: Ich fand den „Hos" bäld da und dort. Mein Heimatdörfchen liegt am Fuße eines Hosberges; so heißt der Waldberg in der Mundart des Volkes. In der Schriftsprache heißt er H a ß b e r g. AM Südfuße der Haßbcrge oder Hosberge erstreckt sich der Haßgau (Hasigowe 814), im Volksmunde Hosgau genannt; dort liegt am Main die Stadt Haßfurt (Hasefurt 1340); das Volk nennt sie H o s f u r t. Der „gewisse Hos" ließ mir keine Ruhe, bis ich hinter sein Geheimnis kam. Die Stelle im Beowulf verriet es mir. Eine angelsächsische oder, wie wir gleich sehen werden, den Angeln und Sachsen nahe verwandte Schar, eine Hös oder Hanse hat sich da am Nordufer des Mains niedergelassen und dem Gau den Namen gegeben wie dem' im Süden des Flusses sich ausbreitenden Volkfelde (um Volkach) ein. „Volk". Bei Haßfurt überschritt sie die Mainfurt. Ihre Herden weideten auf den Haßbergen. Es waren gemeine Waldungen, das Weide-. gebiet der Hos oder Hanse, der Gemeinde. Gemeindeland oder Volkland war äuch das Hosland am Ende der Pfersdorfer Markung, wo der Hunnehag seinen Anfang nimmt. So findet auch das auffallend häufige Vorkommen des Familiennamens Hußla, Hußlein/Hussel in der Gegend seine Erklärung. Es ist die Koseform zu Hös (Gemeinde) und bezeichnet einen Gemeindegenossen, den man anderwärts einen Hansen nannte, während die Fremden Außerhansen hießen. Auch die Grundform Koos begegnet in Unterfranken als Personenname.
Noch heute läßt sich mit zweifelloser Gewißheit der Volksstamm namhaft machen, dem die Hos oder Hanse angehörte, die in der Urzeit, die Reiterei an der Spitze, Besitz ergriff von dem fruchtbaren Wiesengelände der Wern, wie einstens um die Mitte des 5. Jahrhunderts die Angeln und Sachsen, angeführt von ihren sagenhaften Fürsten Hengist, nach den angelsächsischen Meschlechtsregistern einem Sohne Wodens und H o r s a d. i.: Roß und Stute, den heiligen Pferden des Gottes, Besitz ergriffen haben von Britannien. Bei der Thingstätte der HLs-Hos (Hanse), bei Hastings ist dann bekanntlich der letzte König dieser, Harald, in tapferem Kampfe dem Sohne Roberts des Teufels, Wilhelm dem Eroberer, erlegen. Hier in Unterfranken waren es die den Angeln in der alten Heimat im Norden der unteren Elbe benachbarten und nächst verwandten Warnen oder Wernen, die Varini des Tacitus, die zu dem Verbände der Northus- Mmphiktyonie gehörten. 1
Wie nahe sie den Angeln ständen und daß sie aufgegangen find' in dem Volke der Thüringer, deren silberweiße Pferde noch zur Zeit Kermanfrieds und deZ großen Theodorjch weithin be
rühmt waren, beweist die Aufschriff des alten Gesetzes der Thü- nnger: Lex Angliorum et VarinoruM hoc est Thoringorum! (Gesetz der Anglen und Mariner, das ist der Thüringer), das für. beide Stämme das gleiche Mergeld ansetzt und auch sonst gleichartige Rechtsverhältnisse bekundet. (O. Bremer in Pauls Grundriß der Germanischen Philologie). Hier an der Wern zeugt für sie nicht bloß der Name des Flusses' selbst, die W e r e n- ack)e und der des Gaues, des ehemaligen Weringowes (Werengaues), sondern auch die Siedelungen Ober- und Nieder- wern, Werneck und Wernfeld (an der Mündung der Wern in den Main). Auch ber Personenname Werner ist in den Dörfern an der Wern in dem alten Werngau ziemlich verbreitet.
Germanische Hansen oder (mit aiiderer, den Nasenlaut unterdrückender_ Aussprache des Ausdrucks) HLsen, Hosen (s. oben die mit HLs, Haß, H6s gebildeten Zusammensetzungen und wegen des Ausfalls des Nasals das estnische KLz in seinem Verhältnis zu dem russischen Kanza!) haben den Weg auch nach dem deutschen Süden, ja selbst bis in das nordwestliche Ungarn gefunden. Dafür zeugt der Name des ehemaligen Huosen- g au es (zwischen Ammer und Isar, in der Nähe des Starnberger Sees) und des altbayerischeu Adelsgeschlechtes der Huosi oder Housi, und in Ungarn spricht deutlich genug für ihre vttederlaffung die Benennung der O s e n, einer bereits von Tacitus aufgeführten und ausbrücklich den Germanen zugerechneten Völkerschaft (Germania, Kap-, 28), die am linken -Donauufer an der Eipel, in den Honter und 9t er grab er Gespanschaften wohnte.
Noch ein anderes Wort hat im Süden Bayerns die Erinne- rung an diesen durch germanische Gefolgschaften verbreiteten Ausdruck Hos oder Hoß festgehalteii. Das ist die altbayerifche Bezeichnung der Polizeistunde, das sogenannte Hoßausläuten. Hoß nämlich bedeutet, wie ich an anderer Stelle ausführlich dargetan habe, in dieser Wortfügung dasselbe, wie das früher erwähnte kärntnische Hans, also die Unterhaltung, Gesellschaft beim Wein ober Bier, die anderwärts auch Heimgarten oder Dorf unb auch Auger genannt wird. Wenn die Hoßausglocke ertönte, dann durfte fast bis in das Neunzehnte Jahrhundert herein in den bayerischen Landstädten im Wirtshause nicht mehr gespielt werden und, alles Ausschenken war verboten. Noch im Jahre 1727 war selbst in München um 10 Uhr abends dieses Hoßausläuten geboten. (SHmeller.)
Nach all dem, was über den Gebrauch des Wortes Hause bisher bemerkt worden ist, kann über den Ursprung desselben nicht länger mehr ein Zweifel obwalten. Hanse oder, wie man früher auch schrieb und sprach, Hanze, Hense, Henze deckt sich mit dem altdeutschen, im Bergbau und Hüttenwesen bis heute bekannten Worte G.anzi, Gänze, Genze die Gesamtheit, Ganzheit, einer Ableitung von dem Beiworte ganz. Im Gemeinde- und Rechtsleben, in alten Weis- tümern bezeichnete der Ausdruck das ganze Kirspel die vollberechtigten Gemcindeglieder als Vertreter des ganzen Kirchspiels und fragt der Schöffe, ob der Schöffeustuhl ganz sei und heißt ber ganze Hübner soviel wie bas ganze, volle Hub- geeicht, die „ganze n" Bürger soviel wie die gesamte Bürgerschaft (Heyne im Deutschen Wörterbuch). In Salzburg aber heißt die gesamte Ordensgenossenschast des Klosters St. Peter die Ganz der Priesterbruderschaft zu St. Peter. Die Ganz — das ist also deutlich die Hanse, Hans, und es unterscheidet sich das letztere von dem ersteren lediglich durch die norddeutschem Munde geläufige erweichte Aussprache des anlautenden Kehllautes, durch welche man das Wort von dem gleichlautenden Gans trennte.
Diese an und für sich einleuchtende Herleitung, die auch durch die finnische, russische und estnische Form nahe genug gelegt wird, findet eine weitere Stütze in dem gleichen Wechsel des Anlautes, der sich in einem echt niedersächsischen Ausdruck wiederholt. Das ist das sogenannte Ganzup, ein Nachtkleid der Kinder, das aus einem Stück besteht und den ganzen Leib samt den Füßen bedeckt. Einige sprechen das Wort, wie die Verfasser des b'remisch-niedersächsischen Wörterbuches tadelnd bemerken, unrecht aus H a n s e u p, wie es auch Richey in seinem bremischen Idiotikon geschrieben hat. Dieser Tadel ist natürlich nur vom Standpunkt der historischen oder etymologischen Rechtschreibung aus gerechtfertigt, nicht aber von dem ber lautlichen (phonetischen). Mit demselben Rechte hätten die um die heimische Sprache verdienten Verfasser auch die Schreibung Hanse oder Hense, statt Ganze, Genze bemängeln können, wenn ihnen die Herkunft des Wortes klar geworden wäre. Daß sie ihnen, ebenso wie den neueren Sprachforschern ein Rätsel geblieben ist, daran trägt natürlich die Gewohnheit einer schriftgelehrten Zeit die Schuld, welche die lebendige, doch in erster Linie für das O h r bestimmte Sprache weniger mit diesem als mit dem Auge ersaßt.
Es ist demnach der Flurname Hosland, der uns den eigentlichen Sinn des Wortes Hanse enthüllt hat, den Ausdrücken Allmende, Gemeine Mark gleichbedeutend, und das Hoßausläuten der Bayern, das in alten Zeiten der Unterhaltung der Gemeindebürger ein oft nur allzu frühes Ende bereitet hat, das Gegenspiel des hessischen Menneläutens oder Ewertläutens („Einwärtläutens"), das ehedem den Ewert, t>. i. den Einwart, die Einwärtigen oder die Dorfgemeinde die Msn zur GemeistdevcrsauWlimg unter der .Dorflinde läutete (Vilmar).,


