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Protocollum gibt dafür interessante Beispiele. So wird' jemand vom Pfarrer aufgefordert, seine Töchter, von denen die ältere 8 Jahre alt war, in die Schule zu senden. Er antwortete: Seine Kinder seien gar .zu unverständig, sie müßten bei dem kleinen Kinde bleiben. Und als ihn« darauf im Kirchenkonvente scharf zugesetzt wurde, meinte er: Es wären in vier Herrenländern so keine Leute; er zöge lieber zum Dorfe hinaus. Ein anderer sagte, er hätte kein. Geld, dein Kinde ein Buch zu, kaufen und fügte ironisch zu: er hätte nicht vor, es auf die Hohe Schule zu schicken. .Wurden die Leute in die Enge getrieben und Strafen ihnen angedroht, dann war ihr letztes Wort, wie das des zuerst genannten Mannes: Sie gingen eher zum Dorfe hinaus. Und dieser Widerstand des kleinen Mannes ist, wie es scheint, so stark gewesen, daß die Regierung es bei der Androhung sowie bei etlichen Strafen beließ. Immerhin besuchten in einem Jahre aus Großen-Linden 14 Schüler (die Anzahl der Schülerinnen ist nicht angegeben) die Schule. Wenigstens erfahren wir einmal aus dem Protokoll, daß 14 Schüler in zwei Parteien in Großen-Linden die Braten einsammelten; ein Brauch, den: die Hirten im Schlitzer Land heute noch obliegen, und der .darin besteht, daß sie sich von den einzelnen Dorfbewohnern Lebensmittel usw. erbitten.
Mit der Konfirmation verließ der junge Mensch die Schule. Er trat bald in die Zahl der Burschen, die Burschenschaft, wie man später sagte, oder, wie man damals sich ausdrückte, in die Zahl der Knechte ein. Man bekommt beim Lesen des Weigel- schen Protokolls sofort den Eindruck, daß es sich hier nm eine festgefügte Korporation handelt. Wer in sie eintritt, muß das sogen. Knechtsleier zahlen. Weigert er sich, so wird er des nachts auf der Gasse etwa überfallen, niedergeworfen und erbärmlich durchgedroschen, oder in eine Wede (einen.kleinen Teich, deren Großen-Linden 4 hatte) geworfen. Alle Knechte halten treu zusammen. Keiner verrät den andern. Sie ziehen zusammen aus, wenn z. B. irgendwo in der Nähe eine große Hochzeit ist. Sie sind allzusammcn als ledige Personen zum Besuche der Kinderlchre verpflichtet, aber mitunter schwänzen sie sie.
Aber es ist noch mehr, als dieses Schwänzen der Kinderlchre und das oft zu Schlägerei ausartende und viel mit wüsten Gelagen verbundene Nachtgassenlanfen, das der Pfarrer an ihnen tadelt und straft. Die Jugend ist die Bewahrerin uralter Bräuche und Sitten, und der Pfarrer sieht gerade in diesen Schlimmes, Arges. In der Walpurgisnacht rufen sie bei einem Feuer am Pfarracker am Holzweg die Lehn aus, wie ja in Hessen noch hier nnd da heute, und sie zünden dabei ein helles Feuer, über das vielleicht die Paare int Jubel springen und schießen. Und ihr Uebermut ist einmal so groß gewesen, daß sie der Pfarrerin selbst die Dorn-Wellen zum Feuer stahlen. Am Pfingstmorgen vor der Metten reiten die jungen Burschen auf die Pferdpfingstweide, alte Frühlingsgebräuche daselbst zu pflegen, und in der folgenden Nacht singen sie um Mitternacht bei einem Umzug aus den Gassen und halten beim Rathause einen Schwerttanz. Am Pfingstdienstag kommen sie abends von der Weide geritten, halten dreimal einen Umzug im Flecken und einer ist dabei ganz schwarz, ein anderer sitzt verkehrt auf dem Pferde und hat statt des Zügels den Schwanz in der Hand. Der Pfarrer versucht, was er kann, diesem Brauche zu steuern. Er ermahnt die Kirchenältestcn, die Senioren, wohl acht zu Leben, er spricht mit dem Schultheiß und Amtsschultheißen; aber erwischt und zur Bestrafung gebracht wird keiner. Selbst sein eigener Knecht betrügt ihn. -Er ist auf Walpurgisabend nicht im Stall, wo er sein Lager hat. Statt dessen bemerkt der Pfarrer aber zwei Knechte, die seinen Knecht zum Lehnausrufen abholen wollen, aber alsbald entweichen. Er bringt die ganze Sache vor den Schultheißen. Der Knecht redet sich heraus; er sagt: er hätte in der Schauer Heu gerupfet und sei darüber entschlafen. Als man ihn fragt, wer denn die zwei Kneck e gewesen seien, sagt er, er hätte sie nit gekannt, er sei schlaftrunken gewesen. Auch mit dem Sausen mancher Knechte in den Wirtshäusern und unter den Linden, mit ihrem Kreischen in der Nacht auf 'der Gassen, mit den Nachttänzen auf der Straße bei Hochzeiten hat der Pfarrer seinen Aerger. Desgleichen ist er mißtrauisch gegen das Treiben des Gesindes am hl. Christfest. Er will den Brauch des „Scheidens", d. h. des Dienstwechsels nicht hindern, aber der überquellenden Fröhlichkeit ivill er entgegentreten. So mahnt er die Senioren, wohl Achtung zu geben, wenn das Gesind ausgingc aut Christfest. Ebenso ist es mit der Kirchweih. Sie fiel auf Mitte Juli. Alle Kirchorte in der Umgegend hatten ihre bestimmte Kirchweihzeit (es ist nicht mehr ein bestimmter Tag, aber ein weiterer Zeitbegriff vielleicht von einer Woche), die so bekannt war, daß Pf. Weigel z. B. berichtet, jemand sei zu Heuchelheimer Kirchweih 2 Jahr alt geworden. Die Kirmes dauerte 3 Tage, obgleich der Pfarrer das nicht wollte. Sie begann mit einem Gottesdienst. Zuweilen siel sie auch aus, so, wenn ein Not- oder Kriegsjahr, oder landesherrliche Trauer war, die bei der zahlreichen Verwandtschaft des Landgrafen gar nicht selten befohlen wurde. In anderen Stücken hatte der Pfarrer wieder an den Knechten sein Wohlgefallen. Als ein Brand einst das Torf Hatzfeld heimgesucht hatte und für dte Brandbeschädigten die Mildtätigkeit angerufen wurde, bringen sie freilich dem Pfarrer 15 alb., die sie unter sich gesammelt haben Ein ander Mal vereinigen sie sich zu einer theatralischen Aufführung. Sie spielen auf dem Rathaus das Spiel von den
7 klugen und den 7 törichten Jungfrauen und der Pfarrer sorgk> daß ihnen .zur Belohnung ein Ehrentrunk von der Gemeinde gereicht werde. Theatralische Spiele anderer Art sah Großen- Linden damals öfter. Es kamen fahrende Leute, die sie veranstalteten. So einmal im September 1670 Antonius Span- nagel von Biedenkopf. Der hatte ein Spiel mit Figuren, so da tanzeten, und sprang auch selbst dazu, ein ander Mal kam Andreas Rosenbaum aus dem Braunschweiger Land, der eine Komödie hier agieren wollte. Er hatte 2 in seinem Repertoire: vom verlorenen Sohne und von des Menschen Sterblichkeit. Merkwürdigerweise steht nun aber in dem Protocollum Weigels kein Wort von dem Brauche der Jugend, den Kenner oberhessischen Volkslebens unsrer Zeit zuerst zu finden erwarten. Die S p i n n st u b e wird nirgendwo erwähnt; selbst das Wort kommt gar nicht vor. Ich glanbe weniger, daß es hier damals keine Spinnstuben gab, als vielinehr, daß das Treiben in denselben entweder dem Pfarrer verborgen blieb oder ihm keine Veranlassung gab einzuschreiten. Aber von einer seltsamen Einrichtung, an der die männliche Jugend hier beteiligt war, muß ich hier noch berichten. Es gab damals noch keine allIemeine Militärpflicht. Das Heer des Landgrafen war ein Söldnerheer. Aber man hatte neben diesem in den Ortschaften den sogenannten Ausschuß. Jeder Bezirk hatte seinen eigenen. Die jungen Bnrschen jetten Ortes mußten sich in gewissen Zeiträumen in Gießen dem dortigen Obristzwachtmeister vorstellen, dieser musterte aus ihnen eine Anzahl aus, die nun zum Ausschüsse gehörten. So wurden einmal aus Großen-Linden 15 junge Männer zu ihm gewählt. Alle Jahr zweimal kam der Ausschuß in Heuchelheim oder Lollar oder Gießen zusammen zur Vorstellung« und zu einer militärischen Uebnng. Er trat in Wirksamkeit, wenn bestimmte Not die Orte und das Land bedrohte. So zog einmal der Ausschuß des Hüttenberges des benachbarten Bezirks aus, Hörnsheim von den Kroaten, die von durchziehenden Heeren zurückgeblieben ivaren und nicht fort wollten, man gäbe ihnen denn Vorspann, zu säubern. Es war also eine Art Landwehr im eigentlichen Sinne des Wortes. Der Ausschuß hat sehr lange in unserm Lande bestanden und noch ivirb in unserm Rathaus« eine Fahne aufbewahrt, die im 18. Jahrhundert ein Landgraf ihm schenkte und deren Wappen irrtümlich eine Zeitlang als das Großen-Lindener Wappen angesehen wurde.
Es ist bisher von der männlichen Jugend und ihrem Leben die Rede gewesen. Die Frage, wie es denn mit der weiblichen gewesen sei, mnß leider offen bleiben. In Weigels protocollunr wird dem jungen Mädchen erst Aufmerksamkeit geschenkt, wenn cs Braut ist, freilich da um so mehr. Die Zurückhaltung, die eben die Sitte dem Weibe und dem jungen Mädchen insbesondere in der Oeffcntlichkeit auscrlegte, der Umstand, daß das Haus sein Reich ist, und so fein Wirken und Arbeiten mehr verborgen bleibt, haben wohl das meiste dazu beigetragen.
Lassen Sie mich hier halt machen, obgleich ich mit dem Angeführten nur einen kleinen Teil eines großen Materials erschöpft habe. Ueber Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Verkehr mit Zimmerleuten und Maurern, der Beamten und Pfarrer unter sich und mit den Vorgesetzten, Krankheit und Sterben, über dieses und noch anderes mehr unterrichten noch die genannten un- gedruckten Quellen und fördern noch viele eigentümliche Bräuche und Sitten zu Tage. Von selbst drängt sich eine Vergleichung des Lebens der Jugend mit heute auf. Wie ist das alles so anders! Eine neue Zeit hat fast die letzten Spuren weggeweht,. nuv int feinen Bogelsberge zeigt sich noch hier und da Aehnliches. Das sage ich nicht, um zu beklagen, wie so vieles Interessant« hinschwindet. Es ist das Recht jeder Zeit, neue Sitten zu schaffen und ins Leben zu rufen und ein' Unrecht, Altes' halten zu wollen, das nicht mehr der Zeit gemäß ist. Aber es soll auch kein Volk vergessen, welche Veränderung es dnrchgemacht hat, ehe es zu dem wurde, was es heute ist. Unser Älter erfreut sich an den Erinnerungen der Jugend, dem Großen-Lindener von heute soll es auch eine Freude sein zu denken an das Linden von ehemals.
Erinnerungen aus -er Bartholomäusnacht.
Erst kürzlich hat der Kaiser, in einer seinem Vorfahren, dem Admiral von Coligny, gewidmeten Rede an die Schrecknisse der Bartholomäusnacht erinnert, deren Opfer der Admiral geworden ist. In allen Zetigtiissen der Zeitgenossen, die von dieser furchtbaren Nacht erzählen, zittert die alle Dämme sprengende Leidenschaftlichkeit und Erregung, die entsetzliche Angst, unter bereit Bann ganz Paris stand, nach. Mit die lebendigsten Erinnerungen aus der Bartholomäusnacht verdanken wir Margarethe von Valois, der Tochter König Heinrichs II. von Frankreich und damaligen Gattin Heinrichs von Navarra, der später als Heinrich IV. Frankreichs Thron bestieg? Margarethens von ihren Zeitgenossen begeistert gepriesene Schönheit kam ihrer Klugheit gleich, und daß sie die Feder mit großer Sicherheit und Eleganz zu handhaben wußte, das beweisen ihre.leider nur einen Teil ihres reich- bewegten Lebens behandelnden Erinnerungen, die bereits vor mehr als 100 Jahren Friedrich Schlegel der Uebertragung ins Deutsche ür wert erachtet hat. Während indessen Schlegels Uebertragung unvollständig war, veröffentlicht der Verlag von Georg Müller in München demnächst eine neue, von Alfred Semerau besorgte deutsche


