Ausgabe 
11.3.1912
 
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Montag den März

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Eine Heldin.

Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Drittes Kapitel.

Ihre Durchlaucht die Fürstin Clothilde bewohnte das sogenannte Gartenpalais. Dies war ein zierlicher Bau im Rokokostil am Südeude des Schloßteiches. Im Erdgeschoß des Schlößchens befand sich das Empfangszimmer, daran schloß sich das Musikzimmer, das nur durch einen orientali­schen Perlenschnurvorhang vom Vogelhaus getrennt war.

Die Fürstin Clothilde war eine begeisterte Liebhaberin fremdländischen Getiers, und man konnte ihr keine größere Freude machen, als wenn man ihre Lieblinge bewunderte oder mit einem Leckerbissen beschenkte.

Das Hauptstück in der alten Fürstin zoologischem Mu­seum aber war Jockel, der Zwerg-Orang. Unstreitig der Frechste seines Geschlechtes, erfreute sich Jockel doch der höchsten Gunst Ihrer Durchlaucht. Das Affentier war der Schrecken des gesamten Hofstaates und mancher Minister und Marschall, die fetzt auf irgend leiner Glitzfche ihreWensiou verzehrten, dankten ihren Ainhestand der Tücke Jockels.

Am Morgen nach Kathinkas Einzug in das herzogliche Schloß raste Jockel wie wahnsinnig in seinem Käfig umher. Das war das Zeichen, daß der Tageslauf im fürstlichen Hofstaat beginnen konnte.

Nun, Margret, was gibt es Neues?" So eröffnete Ihre Durchlaucht nun seit siebenundzwanzig Jahren das Morgengespräch mit ihrer alten Dienerin und lauschte inter­essiert dem Bericht über die neue Hofdame, die heute bei Ihrer Durchlaucht antreten sollte.

Also die kleine Hämmerling hat mir Seine Hoheit aus­gemacht?" Die alte Dame sann vor sich hin, dann seufzte sie tief auf:Wird nicht lange bleiben, wie die andern."

Um dieselbe Zeit stand Kathinka von Hämmerling im Geheimkabinett Sr. Exzellenz des Hofmarschalls Freiherrn! von Graul. Der alte Herr saß vor einem Diplvmatentisch und blätterte in einem Aktenbündel. Bei Kathinkas Ein­tritt erhob er sich und beäugte sie mit seinem langgestielten Lorgnon ganz uitgemeTt vom Kopf bis zum Fuß.

Hm Sie, ich dächte, wir hätten uns schon irgend einmal gesehen, r Mo war es nur gleich? Ah so. Richtig, entsinne mich: Attentat auf Se. Hoheit, ha ha war spaßig damals." Und der Alte schritt, nachdem er sorgsam nach links und rechts geschaut hatte, zu Kathinka und kniff ihr in die Wange. Klaps.

Au Sie bissige Dern."

Kathiukas feine Nasenflügel vibrierten vor Zorn. Sie trat dicht vor Se. Exzellenz und hielt ihm ihr kleines Fäust­chen unter die Nase-

UnterstehewSie sich noch die geringste Zudringlichkeit und Sie sollen mich kennen lernen."

Herr von Graul wich zurück, wischte sich mit seinem seidenen Sacktüchlein den Angstschweiß von der Stirn, dann stotterte er verlegen:Parbleu. Ein resolutes Dämchen."

Kathinka wandte sich zur Tür, doch da wurde der kleine steife Herr mit einemmal beweglich. Er haschte nach Ka­thinkas Hand und zog sie zurück.Sie waren doch wohl hierhergekommen, gnädiges Fräulein, um Ihre Anweisungen für den heutigen Tag entgegenzunehmen?" Se. Exzellenz war wieder ganz der Gewaltige des Hofes und vollständig Herr der Situation.

Kathinka neigte ein wenig das dunkle Köpfchen zur Seite und lächelte fein, dann sagte sie schelmisch:Wie Ew. Exzellenz befehlen."

Herr von Graul nahm einen silbernen Notizblock vom Tisch und las:Also um 9 Uhr präsentieren Sie sich Ihrer Durchlaucht der Fürstin Clothilde im Gartenpalais, 10 Uhr 30 wollen Se. Hoheit der Herzog und Se. Hoheit der Erbprinz Sie empfangen, und nach Erledigung dieser Audienz stellen Sie sich wieder der Fürstin zur Verfügung, Hochdieselbe dann weiter disponieren wird." Er machte eine Bewegung mit dem Lorgnon, Kathinka war ent­lassen. Sie eilte schnell durch den großen Vorraum, und als sie die schwere eichene Flügeltür hinter sich in das Schloß geworfen, lachte sie so herzlich und hell, daß. ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Sie scheinen etwas Nettes erlebt zu haben." So sprach sie Herr von Merkwitz an. Kathinka bekam.ein glühend rotes Köpfchen und blickte verschämt zu Boden.

Ach verzeihen Sie, Herr Baron ich tcty weiß selbst nicht aber ich mußte so lachen", und bei der erneuten Vorstellung des alten Graul stahl sich schon wieder ein neues Lächeln auf das liebliche Gesicht.

Aber bitte sehr, gnädiges Fräulein, ich habe nicht die geringste Ursache, Ihnen irgend etwas zu verzeihen. Lachen sie, so viel Sie können, bringen Sie Fröhlichkeit in unseren alten Bau und wir alle liegen Ihnen zu Füßen.

Kathinka wurde immer verlegener.Aber das sollen Sie ja gar nicht, Herr Baron, im Gegenteil . . ." Sie murmelte noch ein paar undeutliche Worte, dann verneigte sie sich und sagte:Adieu, Herr Baron."

Sie eilte schnell den Gang entlang, verirrte sich aber in den vielen Treppen und Aufgängen und kam wieder aus den Hauptkorridor zurück, wo Herr von Merkwitz noch stand.

Sie sehen, Gnädigste, daß man in unserem Palast nicht führerlos auskommt. Ich wäre glücklich, wollten Sie mich zu Ihrem Mentor erküren."

Kathinka neigte zustimmend das Haupt und nun schritten sie den mit schweren Teppichen belegten Serpen­tingang hinab und durch das Hauptportal in den Park. Herr von Merkwitz brach zuerst das Schweigen.Sie wer-