Ausgabe 
10.1.1912
 
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Mittwoch den |0. Januar

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Glückslasten.

Roman von Hanns von Zobelti^- (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.)

Eberhard lachte.

Aber Papa! Peinlich? Unverschämt fand ich, den würdigen Herrn."

Das will ich doch nicht sagen. Ich glaube ich habe Grund zu glauben, daß Onkel in der Tat beabsichtigte, Neustadt zur llniversalerbin einzusetzen."

Ich bitte dich! Es wäre ja eine haarsträubende Un­gerechtigkeit gegen uns gewesen. Aber wenn schon. Er hat doch, Gott sei's gaelobt, nicht testiert."

Ja. Aber die Verpflichtung fühle ich, daß wir uns anständig aus der Affäre ziehen müssen. Aus ein paar­mal hunderttausend Mark darf es uns dabei nicht ankom- Men.- Immer vorausgesetzt, daß Onkels Hinterlassenschaft wirklich so groß ist, wie du annimmst."

Inzwischen war Friedel hereingekommen. Ter Bruder erzählte ihm, während der Major immer noch unruhig auf- und abging, mit halber Aufmerksamkeit zuhörte und dann und wann ein Wort dazwischenwarf.

Friedel hatte die Achseln hochgezogen und mgchte nur: Pah! Es wird nichts so heiß gegessen, wie's gekocht wird!" Und daun:Ich schlage vor, daß wir jetzt in des Onkels Wohnung fahren und einmal gründlich in seinen Papieren Umschau halten."

Es kam dabei nicht viel heraus. In der peinlich ordentlich gehaltenen, sehr bescheidenen Junggesellenwoh- nung fanden sich zwar teils inr Geldschrank, teils im Schreibtisch beide Schlüssel hatte der alte Herr bei sich gehabt Geschäftsbücher, Stöße von Akten und Brief­schaften, aber die drei Herren waren zu geschäftsunkun-, oig, als daß sie einen Ueberblick hätten gewinnen können; höchstens die aus große Summen lautenden Depotauszüge und Nummernverzeichnisse der Deutschen Bank interessierten sie, ohne daß sie doch auch hier klar zu sehen vermochten. Ein Testament oder irgend eine Aufzeichnung über die Hinterlegung einer letztwilligen Verfügung fand sich nicht.

Dabei war der Vater in steter Unruhe und gar nicht recht bei der Sache. Er sah immer wieder nach der Uhr, drängte immer aufs neue zum Schlußmachen. Die Söhne merkten wohl: Srgnes Ankunft beschäftigte ihn so aus­schließlich, daß alles andere davor zurücktrat. Es kam beiden etwas lächerlich vor, wie Vater das verbergen wollte uiti> doch nicht zu verbergen verstand. Aber sie kannten seineNarretei" für Signe und hüteten sich, dagegen zu sprechen.

Es war verabredet gewesen, daß die drei Herren Signe von der Bahn abholen sollten. Nun fühlten die Söhne, daß Vater gern, allein gegangen fröre, daß er das erste

Wiedersehen nicht teilen mochte. Er sprach es nicht aus, aber seine ganze Art verriet es. Und ohne besondere Ver­ständigung taten sie ihm den Gefallen: sie sahen die Schwester, denHochmutspinsel", immer noch früh genug im Hotel.

Lange vor Ankunft des Zuges war Gudarcza auf dem Bahnhof. Ruhelos wanderte er den langen Bahnsteig auf und ab, von der vorderen Schranke bis jenseits der Glas­decke; blieb dort vor der literarischen Krämerei stehen und betrachtete, las Büchertitel und Zeitungsnamen ,ohne mehr als Buchstaben aneinander zu reihen; blickte hier auf die blanken, in die Weite führenden Geleise hinaus', sah dazwischen immer wieder nach der Riesenuhr oben im Ab­schlußgiebel der Halle. Immer stärker wuchs seine Un­geduld, seine Sehnsucht. Wie würde sie aussehen? Hatte sie sehr gelitten, sich stark verändert in diesem gräßlichen höfischen Frondienst, der gerade ihrer starken Individuali­tät so unerträglich fern mußte? Wie nahm sie nur die Veränderung der Lage auf? Was plante sie für die eigene Zukunft? Denn daß sie für ihre Zukunft sich einen ganz bestimmten Weg vorgezeichnet hatte, das war klar da­für kannte er seine Signe. Aber er wußte auch, dieser Weg führte vielleicht in'ganz, ganz- anderer Richtung, als Mutter oder er oder gar die Geschwister ahnen konnten. Signe war unberechenbar.

Noch eine Viertelstunde noch zehn Minuten

Er ging wieder hinaus in den Sonnenglast und sah den Eisenstrang entlang, der ihm seinen Liebling bringen sollte. Jetzt raste der Schnellzug wohl draußen an den Vororten vorbei. Ganz dicht vielleicht vorüber an der kleinen Villa, in der die Eltern von Victor Kaltenegg wohnten. Ob sie daran dachte? Ob sie überhaupt noch an Victor dachte!

Einmal Ivar sie schwach gewesen. Einmal auch dem Stärksten schlägt einmal seine Stunde.

Jetzt hob sich drüben das Signal. Endlich! Wie ein Arm war's, der in die Zukunft wies. Ja, Signe, liebe Signe in deine Zukunft. Wie wirst du sie dir gestalten, nun der Weg menschlicher Voraussicht nach frei ist von den kleinen und kleinlichen Hindernissen, die ihn dir sperrten?!

Es donnerte und polterte heran.

Gudarcza lief mehr als er ging zurück nach der Stelle, wo der Zug halten mußte. Er, der immer Rücksichtsvolle, schob die Wartenden rücksichtslos mit den Ellenbogen zur Seite. Nur gleich beim Einfahren Signe sehen.

Und da sah er sie.

Sie stand am Fenster eines Abteils erster Klasse natürlich, sie war erster Klasse gefahren und hatte auch ihn gleich erspäht, winkte ihm mit der Hand zu.

Ganz das liebe, schöne Gesicht von früher. Nur schmaler geworden. Gereifter. Aber darum vielleicht noch schöner^

Signe! Kind mein liebes, liebes Kindt" 'Tag, Väterchen r'i