Ausgabe 
9.10.1912
 
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Die Dame im Pelz.

Roman von G. W. Appleton.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

9. Kapitel.

Helen hatte pslichtschuldigst an Tänte Maria geschrieben, Und am darauffolgenden Morgen kam mit der "ersten Post bereits die Antwort. Meine Schwester öffnete den Brief und las ihn mir laut vor:

Meine liebe Helen, begann die sonderbare Epistel, es ist ja ganz schön von Dir, daß Du mir schreibst, und Dich wegen Deines Bruders entschuldigst. Du wurdest Dich aber vor diesem Schritt geschämt haben, wenn Du dabei gewesen wärest und gehört hättest, welche J-lut von gemeinen Schimpfworten er neulich über mich aus­gegossen hat. Zum Glück war Nephzibah anwesend Und kann die Wahrheit von beut, was ich sage, bezeugen, sonst würde und könnte kein Mensch ans der Welt glauben, daß sich ein gebildeter Mann so weit vergessen und eine solche Sprache führen könnte, wie er es mir gegenüber getan hat.

Helen sah von deut Schreiben auf.

Schimpfworte hast du doch gewiß nicht gebraucht, Ted, sagte sie.

Natürlich nicht. Ich wurde nur erregt und sprach etwas kräftig, weiter nichts. Ich hätte ihr beinahe gesagt, sie sei des Teufels, das gebe ich zu, aber ich unterdrückte es noch rechtzeitig.

Darauf guckte sie wieder auf ihren Brief und las weiter: Ich hätte nie geglaubt, daß ich eine solche Schlange an meinem Busen großgezogen hätte

O, o! unterbrach ich hier, das ist ein bißchen stark.

Die mich in meinem Alter stechen würde; freilich, da ich Euren Vater kannte, hätte ich nichts Besseres zu er­warten.

Wozu wundert sie sich dann überhaupt so darüber? warf ich hier -ein.

Helen fuhr, ohne darauf zu erwidern, fort:

Er hat mich wie einen Schuhputzer behandelt; mir die Türe vor der Nase zugeschlagen, Helen, und gesagt, er wünsche, nrich nie im Leben wiederzusehen. Nirn, diesen.Wunsch will ich ihin erfüllen. Das hab ich ihm guch gesagt. Wenn er das fremde Weib nicht aus dem Hause schafft, wird er mich, aber auch keilten Pfennig von meinem Vermögen zu sehen bekommen. Das habe ich mir fest vorgenommen und von diesem Entschluß kann mich nichts abbringen. Es ist sonst nicht meine Art, jemandem Vorschriften zu machen aber hier handelt es sich um ein Vorgehen Edwards, wogegen eingeschritten werden muß, und wer sollte dazu besser qualifiziert sein als seine eigene Tante?

Die Ausdrucksweise ist großartig, rief ich dazwischen, aber recht hat sie wahrhaftig, denn wer ist zum Vor­schriftenmachen besser qualifiziert als Fräulein Donaldson?

Helen achtete nicht weiter auf meine Bemerkung, fons" dern las weiter:

Und nun, Helen, möchte ich Dich mal offen fragen, was es heißen soll, daß Du Deinen Bruder in dieser skandalösen Sache noch bestärkst? Ich habe Dich in einer ausgezeichneten jungen Mädchenschule erziehen lassen und keine Kosten gescheut und alle.guten Grundlehren der Kirche wohl gepflanzt; wie Du da ein fremdes Frauen- zimnter im Haus erlauben kattnst, von dem Du nichts weißt

iD, du meine Güte, unterbrach sich hier Helen selbst, ich glaube fast, die gute Tante hat in ihrer Jugend keine ausgezeichnete Mädchenschule besucht. Aber immer 'nur beim Schreiben gerät sie in dieser Weise mit der Satzlehre in Konflikt-

Dann fuhr sie mit ihrer Lektüre fort:

Dein Vater, H-elen, hat sich mit schrecklichen Men­schen, Mördern, Totschlägern und Halsabschneidern, und allem möglichen Gesindel 'rumgetrieben, und doch gabs keinett gutmütigeren und besseren Kerl. Er nannte diese Schurken Patrioten und, Gott weiß, was sonst für bmttnte Namen; und ich versichere Dir, bas Weib, was Ihr ins Haus genommen habt, ist auch von dieser Sorte, unb wenn Ihr eines schönen Nachts in Euren Betten in die Luft fliegt, so geschieht's Euch recht, wenn Ihr nicht auf mich hören wollt. ,Jst der Skandal nicht so schon groß genug? Zeigt Dir Edward dann die Zeitungen? Nein, ich werde nicht zu Euch kommen und bas Weib schien. So 'ne Idee! Ich bin erstaunt, baß. Du mir so eine Zumutung machst. Mein Urteil steht fest, und ich brauche keine Hilfe von Dir Und Edward, um mir die nötige Meinung von einem Weib zu bilden. Be­denke, daß ich älter bin als Ihr und ein gut Teil mehr von der Welt kenne als Ihr. Ich sage weiter nichts, als dieses Frauenzimmer muß aus Eurem Haus fort, oder ich breche mit Euch beiden. Wenn Du 'rüber kom- nten willst nach Putney und vernünftig sein, wie's sich für ein anständiges Mädchen gehört, werde ich Dich gerne bei mir sehen; dagegen habe ich Befehl gegeben, daß Edward nicht wieder ins Haus gelassen wird.

Deine liebende Tante

Maria Donaldson.

Liebende Tante! rief ich aus. Ein garstiges, lügen­haftes, altes Weib ist sie! Ehe du anfingst, war ich in einer ziemlich reuigen Stimmung, aber jetzt wünsch' ich sie hin, wo der Pfeffer wächst; ich iverde den Teufel tun und ihr Entgegenkommen zeigen. Was meint sie damit, daß sie Marcella als Mörderin und Totschlägerin be­zeichnet?

O, nein! sagte Helen, das hat sie nun gerade nicht gesagt.