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Wit Goldpapier überklebte Pappdeckelkrone zierte ihr Haupt. In den Händen trug der eine von ihnen ein Kästchen, meist die von der älteren Schwester entliehene Nähschatulle, die nach seiner An- 'gabe das dem Weltheiland M opfernde Gold enthielt; der zweite hielt in seiner Rechten gar sorgsam eine Honig- oder Zuckerdose, bergend den Myrrhenbalsanr, während der dritte auf einem Teller glühende Holzkohlen hatte, auf welche er hin und wieder eines der Weihrauchkörnchen streute, die ihm der Mehner auf Ansuchen geschenkt. Der interessanteste von den drei Königen war der Baltha- sar; denn der hatte seirr Gesicht mit Kam in ruß geschwärzt, frei- nch nicht immer sehr sorgfältig und in den Händen trug er dre schwarzen Wollhandschuhe, welche feilte Mutter am morgigien Festtage in die Kirche n 1150g. (
Boten so die heiligen drei Könige für ein Kinder Herz des' Bemerkenswerten genug, das Schönste war doch! ihr Stern. 'Tiefen trug der Gregori, unseres Herrn Lehrers Blasebalgtreter, jan einer drei bis vier Meter Hohen Stange. 'Ter Stern war ans einem Draht- oder Holzgestell gefertigt, mit goldgelbem, durchscheinendem Papier beklebt, zwei Fuß hoch und drehte sich um ein Eisenstängcheu. Der Stent war hohl, und in seinem Innern hing etn Licht. Durch eine besondere Vorrichtung drehte sich der Stern ziemlich rasch, wenn der Träger eine Schitur ans- und abbewegte, was der Gregori mit einer so wichtigen Miene besorgte, als Helse er deut Meßner das heilige Weihnachtsfest einläuten.
Die drei Buben in ihrer Verkleidung gingen in jedes Haus hinein. Sie sangen dort das Sieb: „Ein Stern ging auf im Osten, drei König' sahen ihn" usw., verkündeten dann in einem kleinen Dialoge die Geburt Christi und nahmen hernach dankend die Geschenke in Empfang, Hutzelbrot, Schick und Würste, am liebsten aber Geld, weil sie von ihrer Eittnahme dem Gregori einen halben Gulden geben mußten, wie das seit altersher gewesen.
Hatten wir Buben uns in der Stube aushalten lassen, ftänbig in Unruhe, bis die heiligen drei Könige da gewesen waren, so ging es mit ihnen hinaus auf die Straße, und wir hielten uns in der Gefolgschaft des Sternes, der immer vvr den Häusern halten blieb. Wohl ein halbes Hundert Kinder untstanden ihn, mit leuchtenden Augen keinen Blick von ihm wendend, bis er, den drei Königen den Weg weisend, zum nächsten Hanse weiterzog.
Da schauten wir stumm auf die erleuchtete Papier hülle, die sich gleichmäßig drehte, wir achteten nicht der Kälte, nicht der tanzenden Schneeflocken, mir sahen nicht den prosaischen Gregori, der, an seinen halben Gulden denkend, mechanisch an der Schnur zog, wir sahen nur den Stern, den Stern, der den drei Königen nach Bethlehem vorausgiug.
O unvergleichliche Jugendzeit, du Gottessnihling int Erdenleben !
An dem Tage sagte der Vater nichts, wenn wir eine Stunde iuub noch mehr in der Nachtzeit draußen zubrachten; er mochte an seine eigene Jugendzeit denken, da er, den Stern bewttndernd, den heil. Treikönigen nachgelaufen war.
Wenn ich mich an diese Abende erinnere, muß ich immer an den Peterle denken.
Dieser spielte, als ich mich für die Dreikönigsbarstellungen zu interessieren begann, jeweils den rußgeschwärzten Balthasar. Er besaß eine Helle, klingende Stimme und sang immer allein die Melodie. Mir sind seine braunen Augen, die freudestrahlend aus dem schwarzen Gesichte heraus leuchteten, noch heute in guter Erinnerung.
Gerade brav war er nicht, der Peterle. Wo es einen schlimmen Streich auszuführen gab, da war er dabei. Aber diese nicht sehr lobenswerte Eigenschaft entsprang weniger einem bösen Herzen, sondern hatte in einer mangelhaften Erziehung ihre Ursache. Den Junge hatte früh feinest Vater verloren, und seine Mutter, ein armes Weib, taglöhnerte Sommer und Winter bei fremden Leuten. Da war der Peter den ganzen Tag sich selber überlassen, half nach Beendigung der Schulzeit dem ober jenem Nachbar beim Fuhrwerk und schaute hernach, mit seinesgleichen Belustigung zu finden.
Der reichste Manu meines Heimatortes war in jener Zeit der Sonneuwirt. Das halbe Tors stak bei ihm in Schulden, Auch die Mutter unseres Peterle hatte ihm von ihres seligen Mannes Zeiten her noch ein Sümmchen von 150 Mk. zu bezahlen, und die Abtragung dieser Schuld wollte ihr nicht gelingen. Aber der Sonneuwirt mahnte und mahnte zuletzt eindringlicher, und jetzt wollte er ihr ein Aeckerlein versteigern lassen, das fast ihr einziger Grundbesitz war.
Das Weinen der Mutter ging dem Peterle nahe, unb sein Herz faßte einen Haß gegen beit harten Mann.
„Daß Ihrs nur wißt, zum Sonnenwirt gehen wir nicht!" sagte er bei der Probe zu seinen Kameraden.
„Ja, warum nicht?" fragten erstaunt der Kaspar und der Melchior.
Der Peterle scheute sich erst, darüber zu reden. Aber schließ?- lich erzählte er seinen Kameraden das Vorgehen des Wirtes und erklärte rundweg, lieber mache er gar nicht mit, als daß er in des Sonnenwirtes Stube singe.
DaS wat den Zweien nicht recht; zum Ersten konnte es böses Blut geben, wenn ein Haus .übergangen würde, insbesondere das des Sonnenwirts, des einflußreichsten Mannes im Ort. Das wäre gewiß seit Menschengedenken der erste Fall, daß die heiligen Dreikönige nicht in feie Sonne gingen, Zstm Andern gabs dort
immer reiche Beute. Die Gäste spendeten jeder einen Groschen, Unb der tooiineutoirt stellte den drei Kronenträgern und ihrem siechte, der den Geschenkkorb trug, jedem ein Glas Wein vor, schütte sogar dem Gregori ein Glas hinaus, der draußen auf der Straße seinen Stern drehte. Schmeckte der Wein auch ein wenig sauer, so war es eben doch Wein, der das Singen erleichtert« und den Leib erwärmte.
Aber was war zu tun? Den eigenwilligen Peterle ganz aus dem Spiel lassen und noch schnell Ersatz für ihn suchen, girtg nicht wohl an, weil nicht leicht ein anderer Knabe im Orte eine so helle Stimme hatte und so schön fingen konnte; auch hätte sich nicht jeber das Gesicht mit Ruß beschmiert. Also mußten sie sich zufrieden geben, hofften aber insgeheim, der Peterle werde sich noch uinftimmen lassen.
Allein, wie am Vorabend des Dreikönigsfestes die Reihe an das Sonneuwirtshaus kommen sollte, ergriff der Balthasar feen Melchior am Aermel und zog ihn vorbei. Der Kaspar stand schon auf der Stafiel und bat und drohte unter Assistenz des Korbträgers, aber der Peterle ließ sich nicht erweichen, sondern zog den Melchior mit sich weiter, so daß die beiden andern auch folgen mußten. Doch gabs noch eine kleine Szene. Der Gregori stand wie eilte Bildsäule vor der Wirtshausstasfel und drehte seinen Stern. Es schien ihm unbegreiflich, daß die „Sonne" boykottiert werden solle und hätte er nicht an den halben Gulden gedacht, so würde er tu den Streik getreten fein. Brummend und mit großem Widerwillen folgte feer Alte endlich feen heiligen Treikönigen.
Drinnen in der Wirtsstube wartete man auf feie Ankunft der Knaben. Es waren zwei Reisende da, die von dem Wirte daraus aufmerksam gemacht wurden, daß es an diesem Abend etwas zu sehen und zu hören geben würde, auch hatte sich! im Laufe des Nachmittags eine lustige Gesellschaft aus der Amtsstadt auf zwei Schlitten eingefunden, die gerne nach ein gebrochener Dunkelheit weggefahren wäre, sich jedoch auf Zureden fees Sonnenwirts bewegen ließ, das Auftreten der heiligen Dreikönige abzuwarten.
Und nun kamen die Erwartenden nicht. Wohl aber wußte ein eintretender Manu darüber zu berichten und auch feen Grund anzugeben, weshalb das Haus des Sonnenwirts übergangen worden war.
So erfuhren die fremden Reisenden und die lustigen Gäste aus feer Amtsstadt das wenig menschenfreundliche Vorgehen des Sonnenwirts und ließen es an entsprechende Reden nicht fehlen. Das ärgerte ihn ganz gewaltig, und am andern Morgen, als das Hochamt beendet war, ließ er durch seinen Knecht dem Peterle aiifpassen und ihn in das Hinterstübchen debitier en.
„Du Lausbub, warum seid ihr gestern Wend nicht gekommen/ herrschte er den Buben an. ;
„Tas werdet Ihr schon wissen, Sonneuwirt. Weil Ihr uns feen Sommerhalbenacker nehmen wollt!"
Ta fuhr der Sonnemvirt mit erhobener Hand auf ihn ein. „So? Ist deine Mutter mir das Geld nicht schon lang' schuldig und laßt alle Jahre noch den Zins hängen?" Er schlug den kleinen Burschen aber nicht, denn dieser schaute ihm so ernst und ruhig in die Augen, daß, der sonst rücksichtslose Mann feen Arm sinken ließ.
„Wenn Euch feie Mutter zahlen könnt' hält' sie es schon getan!"
„Ihr seit eben Bettelvolk, dem es nicht darauf ankommt, wenn andere Leute ihr Geld verlieren!"
„Ja, aber zum Dreikönigspielen ist das Bettelvolk schon recht. Wenn Ihr meiner Mutter den Acker wegnehmt, kommen die Drei- könig im nächsten Jahr wieder nicht zu lÄrch!"
„Die Mutter soll mich bezahlen, dann kann der Acker Euer bleiben!"
„Wartet bis ich groß bin, bann will ich schaffen unb sparen, daß Ihr das Geld bekommt!"
„Wenn ich auf dich warten müßt!" sagte der S»iineuwirk Unb pufft den Peterle scheltend hinaus.
Die Sache machte ihm aber doch zu schaffen; denn sie sprach sich im ganzen Orte herum. Unb die meisten Leute gaben dem Peterle recht, der sich an dem unnachsichtlichen Manne gerächt hätte.
„Peterle, bist ja sonst nicht der brävste, aber diesmal hast's recht gemacht. Ich als König Balthasar hätt dem Sonnenwirk in dem Fall auch nicht gesungen!" sagte sein Vormund zu ihm.
Einigemal des nachts mußte der Sonneuwirt an das Aeckerlein der Witwe denken, und je länger, desto mehr scheute er sich, es ihr abzuuetzmen. Schließlich nahm er sich vor, die Sache vorerst beim Alten zu lassen.
Im nächsten Jahre fangen ihm feie heiligen 'Dreikönige wieder, unb er hatte diesmal eine ganz besondere Freude daran, namentlich lobte er hernach den Peterle wegen seiner schönen Stimme.
Als der Junge aus der Schule entlassen war dachte der Sonneuwirt an die Worte deS Burschen, daß er später zur Abbezahlung der Schuld schaffen und sparen wollte, und er nahm ihn zur Verrichtung leichter Arbeiten in bas Haus. Und das gern (feste dem Peter zum Glücke. Er wurde ein tüchtiger, fleißiger Mensch, der im SonnenwirtShause bald unentbehrlich ward. Und weil feer Sonneuwirt, feer nur eine Tochter hotte, die au einen Richter in feer Stadt verheiratet war, in späteren Jahren viel von der Gicht geplagt wurde, wollte er fein Geschäft verkaufen. Aber


