Msntag -en 8. Januar
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Glückslasten.
Roman von Hanns von ZobeltiA- (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Tief War das Haupt Gudarczas auf die Brust herabgesunken. Beide Augen hatte er geschlossen. Seine Ge- ■ danken wanderten zurück: „Wenn bii nur ein Bruchteil dieser Millionen damals besessen hättest, als du heiratetest, wie anders würde sich deine Karriere gestaltet haben. Es ist so traurig, man traut es sich kaum auszusprech-en, und doch ist es wahr: was tut nicht das Geld! Du hättest in der Garde bleiben, bit hättest ein großes Haus machen können. Und man hätte dir nicht in die Qualifikation geschrieben, daß dein Reiten Schneid vermissen ließe: es gibt ja schließlich für jeden Reiter ein passendes Pferd, tmm muß es nur bezahlen können."
Und dann zogen steine Gedanken hinaus in die Zukunft, und Signes 'lichtes Bild stand plötzlich vor ihm: für die lag 'nun auch, mit einem Male, das Leben weit und schön offen.1 Nur zuzugreifen brauchte sie, unb- alles, was sie sich erträumt, was sie erhofft, wonach sie sich gesehnt, alles war ihr erreichbar.
Nur an sie, ' an seinen Herzensliebling und sein Schmerzenskind, dachte er in diesen Augenblicken. Er freute sich wohl auch für die anderen dort drüben — gewiß — auch für Ida. Aber das stand alles doch in zweiter Reihe. Weit voran "stand Signe. Und ganz mrriwürdig mischte sich damit eine gewisse leise Bi.terkeit.
Das erste Wort, das fiel, gab dem Ausdruck: „Wenn Dnkel Reinhard so reich war, dann hätte er Signe auch ihre "Wünsche gewähren können."
„Gewiß!" stimmte Friedel ein. „Auf die paar tausend Emmchen hätte es ihm uicht anzukommen brauchen. Ich will beileibe über den guten Alten nichts Böses sagen. Ich wäre der letzte dazu. Aber ein bissel geizig war er doch. Sonst hätte er freilich seine Millionen nicht zusammenscharren können."
Dodo stand bisher nut dem Gesicht nach dem Fenster zu. Auf sie hatten die Mitteilungen des Bruders eigentlich am wenigsten Eindruck gemacht — Kind, das sie war. Nur flüchtig hatte auch sic gedacht: „Jetzt wird die gute Mama nicht mehr jeden Nickel dreimal umzudrehen brauchen, und Papa mit seinen zwei Dutzend Kassen braucht nicht mehr so ängstlich zu rechnen." Aber jetzt fuhr sic herum, jach und mit roter Stirn, und schrie Friedel an: „Pfui! Pfui sag ich - - und nochmals Pfui!"
Es war so aufrichtig gemeint, war der Ausdrück echtester, ehrlichster Entrüstung. Mit geballten Fäusten sprudelte sie's heraus. Aber auf die andern wirkte es nur komisch. Friedel lachte ihr ins Gesicht, Eberhard- zog lächelnd die Achseln hoch. .Vater schüttelte den Kopf und sagte: „Dodo,
schäme dich. Wie kann man so heftig sein? Du machst dich ja lächerlich."
„Aber es war doch abscheulich — das, chas Friedel sagtet Ganz abscheulich war's. Er sollte sich schämen!"
„Nun hör auf, Dodo. Ich will nichts weiter hören," entschied Vater. „Das fehlte noch, daß ihr cnch hier, eine Stunde nach- Onkels Beerdigung, zanktet." Und dann wandte er sich an den Aelteften: „Ist denn der Rechtsanwalt wirklich so gut unterrichtet?"
„Er gilt allgemein als äußerst gewissenhaft und als sehr vorsichtig in seinen Aeußerungen, Papa. Mehr kann ich auch nicht sagen."
Frau Ida hatte bisher ganz still in ihrer Sofaccke gesessen. Jetzt richtete sie sich zum ersten Male ein wenig ans. Eine plötzliche -Angst hatte sie überkommen, der sie Ausdruck geben mußte: „Ich bitt euch alle — dich, Pahachen, und euch, Kinder — baut nicht zu fest auf eure Voraussetzungen. Es kommt immer anders, als man denkt und hofft. Es kann sich doch noch ein Testament finden. Und das -glaubt mir: die Summe, die Eberhard nannte, ist eitel Phantasie. So reich kann Onkel gar nicht gewesen fein. Denn sonst hätte er -ganz gewiß mehr für uns alle getan."
Die Worte wirkten wie ein kleiner Dämpfer. Wenigstens' vorübergehend. Eberhard schüttelte zwar den hübschen Kopf mit dem blonden, ganz kurz geschorenen Haar, aber er machte diesmal keine direkte Einwendung. Vater saß eine Weile still, zupfte die Röllchen langsam aus den Aer- meln des Gehrocks weiter hervor und- drehte an den Man- schettenknöpfen. Dann sagte -er endlich: „Ihr werdet sehen, Mama hat recht, wie sie immer recht gehabt hat. ES kann sich noch ein Testament finden. Und auch das ist richtig: wäre Onkel so reich gewesen, dann hätte er ja eigentlich unverantwortlich gehandelt, wenn er uns in der Misere gelassen hätte."
Es war ein kleines Schweigen im Zimmer. Auch das Wort Misere, das Vater -gebraucht hätte, klaug nach. Es weckte bei Frau Ida trübe Erinnerungen, die in einem schwachen Seufzer zum Ausdruck kamen. Und besonders die beiden großen eleganten Söhne fühlten, was es bedeutete. Sie, die sich eigentlich nie klar gemacht hatten, nie recht hatten klar machen wollen, welche Entbehrungen die Eltern sich um ihretwillen auferlegt hatten. Friedel sah unwillkürlich aus die dürftige Trauerkleidung von Mutter und Schwester. Eberhard-, der vorhin noch ein etwas spöttisch überlegenes Lächeln für Vaters Röllchen gehabt hatte, schämte sich ein wenig.
IN das Schweigen hinein tönte ein diskretes Klopfen. „Herein!" rief Vater.
Der Zimmerkellner war es. Er brachte eine Karte. Ob der Herr den Major sprechen könnte?
Gudareza wandte die Karte verlegen in den Händen. Er wußte .augenscheinlich nicht recht, was er damit an- fan-gen sollte. „Aus Neustadt," flüsterte er endlich seiner!


