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Set Landstand Großen-Linden diese Wicht, worauf im Jahre 1248 die Vestungswerker der Stadt geschleift, imd ihre Burghäuser zerstöret wurden. Bis jetzt hat sich die Sage unter Großen-Lindens alten Einwohnern erhalten, daß die Tempelherrn in ihren Maumn «inen Siz gehabt, und das Rathhaus bewohnt haben sollen. Dieses alte geräumige Gebäude läßt so etwas vermuthen, aber nichts mit Gewißheit bestimmen.
Gin gewisser ohngesehr eine halbe Stunde vvn hier entlegener Ort führet den Namen: Gerichtshaus, wo ehedessen ein Hochgericht nebst einem Hanse gestanden, Md die Missethäten mit dem Tode bestraft worden sind.
Bei diesem Blutgericht hatten die in Großenlinden resi- dirende Burgmänner den Vorsiz, die Schöffen aber, oder der engere Ausschuß, aus item mit Großenlinden verbundenen Hüttenberg, die Concurrenz. In Großmlinden, der Hauptstadt des Hüften- bergs, war der Siz der Jurisdiction, es mußten alle Contracte «ns den einschlagenden Dorfschaften daselbst confirmirt lötib; besiegelt werden. Die ältesten noch vorhandenen Urkunden dieser Art sind diejenigen, worin der Kirche zu Lützellinden der Ankauf eines Wiesenstücks durch Herrn von Schlaun von Linden und B'tirgmann zu Giessen (einer alten hier blühenden Familie) 1481 zugesichert wird, und noch andere Stiftungs- und Donationsbriefe der Kapelle zu Ällendorf, gestellt, von Hm. Konrad von Busek im I. 1489 und durch Junkern Kaspar von Schlaun zu Linden vonftrmirt.
Bon der Mitte des 16ten Jahrhunderts aber haben dergleichen Urkunden ihre Consirmation von dem in Großenlinden angestellten Centgrafen und Schnlthcisen der Stadt und des ganzen Hüttenbergs erhalten.
Bis 1703 wurde die Jurisdiction hier und in dem Hütten- berg mit Nassau-Weilburg gemeinschaftlich verwaltet. Großen- linden aber hatte das ausschliessende Recht, mit Wein, Bier und Branntwein die anderen Ortschaften zu Belegen. In diesem Jahr theilten sich beide Herrschaften in Ansehung des Hüttenbergs ab. Und die Stadt verlor diesen ausschliessenden Nahrnugszweig.
Ueberhaupt ist das Ansehen dieser Stadt, seitdem ihre Ber- hindung mit dem Hüttenberg ausgehört hat, sehr gesunken. An- ftrngs wurde der ganze Hessische Antheil des Hüttenbergs zu' dem Oberamt Giessen gezogen, nachher ein Teil desselben wieder davon abgetheilt, Äroslinden aber bei demselben gelassen. Die städtische Angelegenheiten werden vom Bürgermeister mit Zuziehung des Raths verwaltet. Dieser besteht aus 12 Personen! und den: Stadtschreiber. Sechs werden die Schöffen oder Öbcr- 6 aber der Unterrath genennt.
Die Anzahl der Einwohner beläuft sich auf 120 Bürger, die sich insgesamMt vom Ackerbau nähren. Die Feldgemarkung der Stadt beträgt 1954 Morgen 22 Ruthen. Ueberdas liegt aber auch noch ein Wald, die Mark genannt, in dem Großenlinder! Bann, welcher 535 Morgen 78 Ruthen groß ist, und der. Stadt, deut diesseitigen Dorf Leihgestern, nnd den beiden Weilburgischen Dörfern Hörnsheim und Lützellinden gemeinschaftlich zustehet.
Das Land ist für alle Fruchtarten sehr ergiebig, und belohnt den Fleiß seines Besitzers, und da Großenlinden an der Land- stvase, von Giessen und Wetzlar nicht weit entfernt, liegt, so wird es den Einwohnern nicht schwer, ihre Prodüften gegen ftingende Münze zu vertauschen. Korn, Gerste und Waizen sind die vorzüglichsten Produfte.
Drei in der Stadt sich befindende Färbereien, welche der Leinwand die dauerhafteste blaue Farbe geben, sind seit langer Zeit berühmt.
Ern Bach, der auf den Cleegebirgen entspringt, und durch einen Teil der Stadt läuft, treibt drei schöne und beträchtlich« Mühlen, deren eine an der Landstraße gelegen, eine ErbleihMühle der Universität Giessen, sich durch ihre schöne Bauart und Vortheilhafte Lage, vorzüglich ansnimmt.
Den Zehnden entrichtet Großenlinden an unverschiedene ade- liche Familien, Klöster, Stifter und ihre beiden Pfarreien,
Einen kleinen Bezirk, welcher vermuthlich in neuern Zeiten urbar gemacht worden, bezehndet die Landesherrschaft, auch besitzen die Herren von Fabrice «aus Hannover das ansehnlich« ehemals Schlaunische Guth samt einem geräumigen Haus.
Großenlinden entrichtet im Ganzen jährlich 365 Achtel Korn Ian unterschiedene Stifter, Klöster und Pfarreien. Diese Abgaben würde die Stadt weniger empfinden, wenn sie der Mangel an dem nöthigen Brennholz nicht so ausserordentlich drüfte. Ihr Wald, den sie mit Leihgestern und den beiden Weilburgischen Ortschaften Lützellinden und Hörirsheim gemein hat, und welcher im testen Krieg von den Franzosen vieles erlitten hat, ist äusser Stand, dieses Bedürfnis hinlänglich zu beftiedigen.
Uebrigens bestehen die Gemeinheiten der Stadt in beträchtlichen Wiesengründen unb dem Pflastergeld, welche ans Temporalbestand verliehen sind, und jährlich mehrere hundert Gulden eintragen.
Die Gegend um Großenlinden wechselt ab mit kleinen Anhöhen und Plänen, Md ist fttr das Ange sehr unkerhaltenßn Gutes Wasser, und eilte reine Luft, erhält ihre Einwohner gesund. Und führt sie öfters auf die höchste Stufe des menschlichen Atters.
Die Kirche zu Großenlinden ist eine alte Kreuzkirche, über dem Chor mit einer Haupt- ans beiden Seiten des Eingangs aber mit zween Nebenthüren versehen. Sie war die Haupts Md Meiropolstanftrche der ganzen Gegend, in welcher sich die
umliegenden Dorfschaften zum Gottesdienst einfanden. Nur öa> wo Kapellen standen, wurde derselbe von ihren Geistlichen zu gewissen Zeiten versehen.
Auf der südlichen Seite des Nebeneingangs befindet sick) eine männliche in Sandstein eingehauene Figur, in der rechten Hand eine Spade, in der linken aber einen Stab mit einer Kreuzsahne haltend, welche viele für den Stifter derselben halten wollen, lieber dein Hanpteingang der Kirchenthüre findet man allerhand menschlich^-thierische nnd andere Figuren in großer Anzahl, welche nicht blos Verzierungen, vielleicht die Wappen derer, welche den Bau derselben befördert haben, vorstellen sollen.
Zwei Stücke möchten in ihr bemerkenswerth sehn; 1.) der von schwarzem Marmor errMete Altar und Taufstein, welche beide Stücke ihr Dasehn einem Hrn. v. Fabrice, Ober- unti Landshauptmann in dem Hanovrischen, zu verdanken haben; 2.) der aus dem PabstthNm übrig gebliebene Hohe Altar, vor welchem vor Alters die Messen gelesen und die Sacra administriret worden. Dieser führt, wie Ms einer auf Pergament in Mönchs- schrift abgefaßten Urkunde von 1407 erhellt, den Namen Peters Astar.
Auf diesem Vvn Mauerwerk errichtet und mit einer Sandstein- platte überlegten Altar stehet ein in mehrere Gefache eingetheilter und mit stark verguldeten Statuen, die sich theils auf biblisch« Geschichten, theils auf Päbstische Legenden beziehen, angesülltep Kasten, der zu seiner Zeit seinen Werth gehabt haben mag.
Auf beiden Seiten gedachten Altars erblikt man in ber MM er zwei eiserne Thüren, welche in zerstörte, dunkle und schauervotle Gemächer führen, deren Bestimmung nicht sicher be- kannt ist, welche aber wahrscheinlich für Bußende bestimmt waren.
Zur rechten Seite der Treppe, die auf die Orgel führt, ist die Grabschrift eines Herrn Cuno von Rodenhausen mit vielen Wappenstücken zn sehen, welcher 1551 gestorben.
Der erste protestantische Prediger dahier war M. Joh. Stock-. Hansen, weicher den 25ten Jauner 1595 gestorben ist.
Die Gemeinde Kleinlinden ist nach Großenlinden eingepfarrt. So lange die Anzahl seiner Einwohner geringer war, wurden! alle Actus ininisteriales in Großenlinden verrichtet, sogar ihte Toden auf dem Gottesacker daselbst auf dem ihnen angewiesenen Ort, • welcher der Lindeser Kirchhof hieß, begraben. . Nachdem sich aber dieselbe ansehnlich vermehrt hatte, ließ sie sich irt einen Kontrakt mit dem hiesigen Pfarrer ein, wodurch sie ihren eignen Gottesdienst, jedoch unter gewissen Einschränkungen, erhielte.
Unter den Diakonen, welche allhier gestanden, zeichnete sich der 1783 verstorbene Pfarrer Arnoldi durch fein Privatinstitut für Taubstumme aus. Wir haben befielt in den vorjähriges Jahrgängen des Adreßkalenders mehrmalen erwähnt.
Mit der Schule zu Großenlinden hatte es laut Nachrichten Ms dem löten Seculo ähnliche Beschaffenheit wie mit der ftrch- lichen Verfassung daselbst. Sie war die Pflanzschule des Hüttenbergs, und dazu funbiret, ihren Zöglingen die ersten Grundsätze der Hähern Wissenschaften mitzutheilen. Niemand äusser dem Hüttenberg durste sich Hoffnung machen, zu diesem Beneficium zu gelangen, weil besonders dazu angestellte Personen den Mißbrauch zu verhüten hatten.
Auszug aus dem H ochfürstlich-H e ssen- D ar m- städti scheu Staats- und Adre ß-Kal end er auf b a § Jahr 1789.
An ebendemselben Orte findet sich folgendes Mitgliederverzeichnis des Hüttenberger Seniorats.
Senior.
Herr Ehr. Fr. Lindemneyer, Oberpfarrer zn Großen-Linden.
Großen-Linben: Oberpfarrer (f. Senior), Diakonus, Herr N. N. Degen, auch Pfarrer zu Ällendorf; Schullehrer, Herr I. H. Pöppler.
Klein-Linden: Schullehrer, Herr I. G. Fritsche.
Ällendorf: Schullehrer, Herr Jakob Hinkelmann.
Hausen: Pfarrer, Herr Phil. Henr. Balth. Bogt; Schullehrer, Herr Justus Friedrich Atzbach.
Annerod: Schullehrer, Herr I. L. Schäfer.
Heuchelheim: Pfarrer, Herr G. C. Steinberger; Schullehrer, Herr Joh. Henkelmann.
Kirchgöns: Pfarrer, Herr G. Henr. Ehr. Burk; Schullehrer, Hr. Joh. Konrad Sommerlad.
Langgöns: Pfarrer, Herr Johannes Sell; Schullehrer, Herr Hieronymus Fritsche.
Leihgestern: Pfarrer, Herr Joh. Henr. Weichard, Schullehrer, Herr Hieronymus Sommerlad; Ässistent, Herr Christian Sommerlad.
Pohlgöns: Pfarrer, Herr Christ. Mor. Kornmesser; Adjunkt, Herr Friedrich Andreas Seipel; Schullehrer, Herr Georg Wilhelm Panz.
Rodheim: Pfarrer, Herr Fel. Christ. Georgi; Schullehrer, Herr Johann Karl Marx; Opfermann und Glöckner, N. N. Lupp; Adjunkt, N. N. Lupp.
Fellingshausen: Schullehrer, Herr I. G. Paulus.
Watzenborn: Pfarrer, Herr Henrich G. Nebel; Schullehrer, Herr Georg Andreas Sommerlad.
Garbenteich: Schullehrer, Herr I. M. Briegel.


