Ausgabe 
2.10.1912
 
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strengsten Schnitt und das Haar, ganz glatt, an b-eiden Seiten hernntergekämmt, wodurch ihre abnorm hohe Stirn besonders hervortrat. Kurzum, sie gehörte nicht gerade zu den Personen, zu denen jüngere Leute besonderes SSer» traun haben. Aber trotz dieses etwas abstoßenden Aeu- ßcren besaß sie doch eine große natürliche Gutmütigkeit , man mußte sie nur zu nehmen verstehen, was freilich nicht immer eine leichte Sache war; und als ich, sie zu begrüßen, ausstand, sah ich auf den ersten Blick, daß es heute abend- besonders schwer sein würde, weil sie sich offenbar nt einer wenig rosigen Stimmung befand.

Edward, sagte sie zu mir in einem eisigen ^one, ich bin überrascht, daß du mich uicht eher aufgesucht hast.

Das finde ich ganz begreiflich, antwortete ich, indem ich ihr einen Stuhl an den Kamin schob, ich hatte selbst auch schon gestern stark die Absicht, herauszukommen, aber ich müßte rasch nach London fahren. ,

Und auf dem Rückweg hattest du natürlich auch kerne Zeit, in Putney auszusteigen.

So viel Zeit hätte ich schon gehabt, aber mein Freund Mortimer war bei mir, und da ging es nicht gut. _ Auch heute früh war er schou wieder da ich bin nämlich in eine unglückliche Geschichte verwickelt worden.

Eine sehr unangenehme für dich. Ich kenne sie schon sehr genau.

Ich dachte mir, daß du sie bereits gehört hättest, Und gebe auch zu, daß es eine unerquickliche Sache ist, Soll ich dir den Hergang erzählen?

Tu' das nur.

Ich beschrieb ihr alles, nur vermied ich, von Marcella zu sprechen. Sie saß aufrecht in ihrem Stuhl und hörte bis zum Schluß aufmerksam zu.

Es ist eine sehr ernste Sache für dich, Edward, sagte sie dann streng; eine sehr ernste Sache.

Es kränkte mich, daß sie mich Edward nannte, denn sie tat das nur, wenu sie mir ihre Mißbilligung über etwas ausdrücken wollte.

Und nun, fuhr sie, ihren kalten Blick auf mich gerichtet, fort, hast du vielleicht auch die Güte, mir noch zu sagen, was das für ein merkwürdiges Weib ist, das du im Hause hast?

Endlich war es raus, was ich am meisten gefürchtet hatte. Ich erklärte ihr jedoch ohne längeres Zögern:

Deshalb bin ich hauptsächlich heute zu dir gekommen, Tante, darüber wällte ich gerade mit dir sprechen; du scheinst ja auch -davon bereits etwas erfahren zu haben.

Es gibt schon genug gute Freunde in Putney, die die Abendblätter lesen und sich eine so gute Gelegenheit, die Ge­fühle einer alten Fran zu kränken, nicht, entgehen lassen. Mehr als ein halbes Dutzend getreue Nachbarinnen, die sich wenigstens ein halbes Jahr lang nicht hatten sehen lassen, waren gestern abend bei mir. Es war außerordentlich er­freulich für mich. Ich sah znm erstenmal ein, wie angenehm es doch ist, wenn man einen Neffen hat, dem man unbe-, dingtes Vertrauen schenken kann.

Dieser Ton verletzte mich. Ich fühlte, daß sie die Grenzen einer erlaubten Kritik überschritt. Doch ich be­herrschte mich noch.

Willst du nun, bitte, so freundlich sein und mir sagen, was dieser schreckliche Skandal zu bedeuten hat? fuhr sie fort.

Das wurde immer schlimmer, und meine Empörung wuchs. Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg, und antwortete erregt:

Skandal? Was willst du damit sagen? Skandalös finde ich nur die Art und Weise, wie du mit mir dar­über sprichst.

Du willst doch nicht etwa leugnen, daß du ein fremdes Weib im Hause hast, fuhr sie fort, ohne auf meine heftige Erwiderung einzugehen.

Absolut nicht.

Weißt du irgeud etwas von ihr?

Nein, nur daß sie eine Dame ist.

Woher weißt du, daß sie eine Dame ist?

Das habe ich im Gefühl, ebenso gut, wie du wissen wirst, ob du einen Herrn vor dir hast. Eine genauere Defi­nition kann ich dir nicht -geben, und es sollte dir wohl -genügen, wenn ich sage, daß sie eine Dame ist. Du würdest selbst keinen Augenblick daran zweifeln, wenn du sie sähest.

Ich habe durchaus kein Verlangen, sie zu sehen. Her- gelaufene Weiber interessieren mich absolut nicht.

Jetzt war es 'mit meiner Fassung ganz z-u Ende. . .

Was?! rief ich empört, hergelaufene Weiber? Die ist eben nicht mehr 'ein hergelaufenes Weib wie du.

Edward! erwiderte sie. Wie kannst du dir solche Ver­gleiche erlauben?

Ich ziehe gar keine Vergleiche weiter. Wer du liest allerlei Sachen' in der Zeitung und tust, als ob das ein Evangelium wäre.

Etwas Wahres muß doch- dran sein, versetzte sie hart­näckig, sonst würde man es doch nicht zu veröffentlichen wagen. Sie hatte wohl auch Geld bei sich?

Jawohl. ...

Dann war das also keine Lüge. Viel? <

Eine beträchtliche Summe, jawohl.

Wo ist das?

Sicher deponiert.

Und gehört ihr?

Allerdings.

Wie ist sie dazu gekommen?

Das weiß ich nicht. Ich war zartfühlend genug, sch nicht darnach zu fragen.

Bist du dir auch sicher, daß du keine Diebin be# herbergst?

Ich sprang entrüstet vom Stuhl auf.

Was soll das heißen? rief ich zornentbrannt.

Ich glaube, ich habe mich deutlich genug ausgedrückk. Soll ich die Frage etwa wiederholen?

Das war mtr zuviel.

Nein! rief ich. Ich verbitte mir eine solche Verleumd düng gegen ein wehrloses Weib. Es ist einfach nicht zu glauben!

Du scheinst ja ein großes Interesse an dem Frauen­zimmer zu haben?

Das habe ich allerdings, versetzte ich entschieden, und es wird mich mit Stolz erfüllen, ihr jeden Dienst zu erweisen, der in meinen Kräften steht.

Diese Erklärung genügt mir, erwiderte meine Tante in festem Tone. Dieser Sache muß ich ein Ziel setzen. Es ist ne Schande, daß so was im Hause eines anständigen Arztes vorkommt, und es ist mir ganz unbegreiflich, wie son harmloses Mädchen wie Helen dich in einer solchen Ver­rücktheit bestärken kann.

Was hat Helens Harmlosigkeit damit zu tun? fragte ich. Sie hat ein Herz und empfindet Mitleid was bei dir nicht der Fall zu sein scheint.

Schäme dich! -Das sagst du zu mir, Edward?

Ich war außer mir vor Wut.

Ja, zu dir! rief ich. Ich bin kein Kind mehr und laß mir eine solche Sprache nicht länger gefallen.

(Fortsetzung folgt.)

Die gesunden Aufregungen.

Ein medizinisches Kapitel von Tr. Wilhelm S t e k e l.

Es gibt Wahrheiten, die wir bedingungslos annehmen, wie man das Papiergeld entgegennimmt. Sie haben eben den Wert von Wahrheiten. Eines Tages kommt jemand auf die Idee/ die Wahrheit auf ihre Wahrheit zu prüfen, und siehe da, die vermeintliche.Wahrheit ist gar keine .Wahrheit mehr, sondern eine gut maskierte Lüge.

So eine Binsenwahrheit ist auch die allgemein verbreitete Anschauung, daßAufregungen" schädlich sind. Klagt man einem Laien über irgendwelche nervöse Beschwerden, so wird er sich zuerst erkundigen, ob man nicht zu viel Aufregungen im Berufe oder in der Familie habe. Zum Arzt kommen die meisten Kranken mit der Klage, sie hätten so viel Aufregungen durcKurnachew Ob ihnen diese nicht schädlich wären. Ob sie nicht ein wenig oder ganz ausspannen sollten. Sie beneiden die Menschen mit ruhigem Leben. Ta es aber in Wirklichkeit keinen Beruf ohne Aufregungen gibt, ebensowenig als es eine Familie gibt, in der das Leben still und gleichmäßig wie ein ruhiger Strom verrennt/ so ist dieser Neid unsinnig und entspringt nur der Unkenntnls des wahren Lebens. Wer wie der Strom anschwillt undZeme Fluten verlaufen läßt, so ist das Leben ein ständiges Auf und Nieder von Erregungen und Sorgen. Und wer fte Nicht Hatz der sucht sich seine Aufregungen.Man schafft so gern sich Sorg und Müh, sucht Dornen auf und findet sie", tote das wundervolle Volkslied sagt. _ ,,

Nein! Aufregungen schaffen keine Krankheiten. Im Gegen­teil! Aufregungen erhalten jung und dienen der Gesundheitz Freilich, wie überall im Leben, mag _ anch da em Uebermaß von Schaden fein. Aber wenn man mich fragt, was schädlicher ist, ein ruhiges Leben ohne jede.Aufregung oder em .vasein voller Aufregungen, so zweifle ich. nicht eine Sekunde lang und entscheide