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von Ueberlingen" läßt darum Gottfried Keller den gleichnatnigen alten Recken jedesmal in der Nacht vom letzten Hornung aus den ersten März regelrecht mit des Jahres drittem Monat kämpfen. In voller Rüstung tritt Ueberlingen um Mittemacht vor.die Tur hinaus und fordert den Gegner, der ihm „des Alters leise Not jedes Jahr in die Knochen zu zaubern sucht, heraus mit den Worten: . , n
„Hei, falscher Mars, nullst du es wagen?
Dir sag' ich ab und biete dir. Auf Hieb und Stoß gerecht zu schlagen Um's teure Leben jetzt allhier.
Willst du an Herz und Mark mir greifen. Du Tückebold, so komm heran. Ich lehre dich ein Lieblein pfeifen. Du findest einen MartisMann!".....
Fuhr dann dem Alten ein Schneegestöber entgegnt, so hieb und stach er mächtig in die Lust.
Aber das sprunghafte Märzwetter wird leib er nicht nur dem Menschen, sondern auch seinen treuen Haustieren gefährlich: „Der März bricht der Kuh das Herz." Der Landmann sürchtet ihn besonders für die empfindlichen Lämmer, auf die es dieser Monat so grausam abgesehen hat. In Andalusien versprach darum ein Schäfer dem März freiwillig ein Lämmchen, wenn er sein Wetter so gestalte, daß die ganze übrige Herde von Krankheit und Tod verschont bleibe. Als aber der März, der auf diesen Vorschlag eingegangen war, in den letzten Tagen seiner Herrschaft das Opferlamm einsorderte, verweigerte es der Schäfer ■— in der Meinung, daß der böse Monat ja nun keine Gewalt mehr habe. „Wohlan!" sprach da der März. „So werde ich mir ein paar Tage von meinem Gevatter April borgen." Und ein so schauderhaftes Wetter tobte in den letzten Märztagen, daß der wortbrüchige Schäfer alle seine Lämmer einbüßte.
Die Ueberlieferung, daß der März darum ein so ungleiches Verhalten zeige, weil er sich einige Tage vom April „geborgt" habe, kennt man z. B. auch in England. Ein alter englischer Kalender bezeichnet sowohl die letzten März- als auch die erstm Apriltage als „Borgtage" oder „borrowing days“. Eine Reihe englischer Sprichwörter sagt ungefähr das Folgende:
„Drei Tage lieh sich vom April der März.
Sie waren alle drei ein übler Scherz: Am ersten Regen fiel, am zweiten Schnee, Am dritten blies der Sturm so kalt wie je."
Gefürchteter als der Märzsturm aber ist die Märzsonne, deren „milden, salschen Schein" auch Goethe besingt. In Illyrien sagt das Sprichwort: „Besser von der Schlange gebissen als von der Märzsonne beschienen werden!" Und auf Sardinien heißt es: „Märzsonne nimm nur im Schritt!" — man soll sich »von ihr also nicht zum Ruhen im Freien verleiten lassen. Auch das Märzwasser soll ungesund fein. In Oberösterreich glaubt man zwar, es mache schilpe Haut, >md Preist es darum als Waschwasser, aber trinken soll man es ja nicht. Einst hieß es sogar, man solle lieber im Notfall seinen -Rock versetzen, nm sich im dritten Monat des Jahres ein anderes Getränk als Wasser zu verschaffen. Sehr gut zu sprechen ist der Volksmund dagegen allerorts auf den Staub im März: „Märzenstauü, goldenes Laub!" Er verspricht ein fruchtbares Jahr. Auch sonst gibt der März interessante, wetter- prophetische Ausschlüsse: „So viel Nebel im Märzen, so viel Gewitter im Sommer sich zeigen." Und zwar komme das Gewitter, heißt es, immer genau hundert Tage nach dem Nebel. Außerdem kamt man aus dem Wetter des Märzanfangs ersehen, wie das Ende des Monats sein wird. „Kommt der März wie ein Wolf," meint nämlich das Sprichwort, „so geht er wie ein Lamm — kommt er wie ein Lamm, so geht er wie ein Wolf." Möge ßti diesmal wie ein Lamm kommen und gehen!
vermachtes.
* Die Gefahren Londons für junge deutsche M ä d eh e n sind in unserem Vaterlands noch immer zu wenig bekannt. Jährlich ziehen gegen 1300 deutsche Mädchen dorthin, aber was wartet ihrer dort? Der Sprache unkundig, unbeholfen den fremden Sitten und Gebräuchen gegenüber, meist mit wenigen Mitteln versehen, kommen sie in der Millionenstadt an und müssen sich dem anvertrauen, der ihnen eine hilfreiche Hand bietet, ost zu ihrem Verderben. Obgleich die englische Bahnhofsmission und andere gemeinnützige Vereine sich sehr bemühen, scheitert ihr Können an dem großen Zuzug der Mädchen. Wer eine Stelle in London annehmen möchte, darf nicht glauben, daß diese sogleich zu finden fei. Es sind viel mehr deutsche Mädchen drüben, als begehrt werben. Es dauert ost Wochen, bis sich eine Anstellung finden läßt. Bis dahin muß die Betreffende von ihren eigenen Mitteln leben, d. h. bei den teueren Preisen Londons mindestens 100 bis 150 Mark zu verzehren haben. Auskunit über billige, gute Heime für junge Mädchen, gute Stellenvermittlung und Bahnhofsabholung erteilt das Bnreatt der evangelischen Jungfrauen-Vereine Deutsch- lands, Berlin N. 4, Tieckstraße 17.
* Die Verteilung der Maine-Reliquien. Die lleberrefte der im Haien von Havanna gehobenen „Maine", deren
Untergang den Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges veranlaßte, sind jetzt auf dem Kutter Leonidas aus dem Wege zu dem amerikanischen Marinedock Wafhmgtcm. Die Ueberrefte sollen nach den Bestimmungen eines kürzlich genehmigten Gesetzes an die Stadtbehörden Amerikas, an patriotische Gesellschaften und an Angehörige von Opfern der Katastrophe verteilt werden. Bis jetzt sind 350 Gesuche um Ueberlaffung von Maine-Religuien eingelaufen. Unter den geborgenen Schätzen findet man so ziemlich alles, was ein Schlachtschiff birgt, von einigen Sechs-Zoll-Geschütz en hinab big zu Messingknövien und Steingutgefäßen. Eine ganze Reihe von Kautschukmatten, Holzstückeit, allerlei Gerätschaften sind gesammelt, sogar ein Booiscmker und eine Nähmaschine fehlen nicht Eine Anzahl von Ssechs-Zoll-Granaten soll für Denkmalszwecke zurückbehalten werden. Der Kultus mit den 3)laine»l)teliquieii harmoniert nicht völlig mit dem Ergebnis der anterikanischen Untersuchung, bei der sich herausstellte, daß die „Alaine" keineswegs durch die Spanier zum Sinken gebracht worden ist.
'„Was für’n König?" Der Neuyorker American läßt sich aus Stockholm eine Geschichte berichten, die in der Hauptstadt Schwedens viel Heiterkeit erregen soll und von entern Telephon- gespräch eines jungen Journalisten mit dem König Giistas handelt. Der Journalist wollte nach dem Geburtstage eines hohen Hof» beamte« fragen, klingelte im Schloß an und ließ sich ^nit den königlichen Gemächern verbinden, in der Annahme, einen Sekretär oder Kammerdieiier sprechen zu können Es entroitfelte sich angeblich folgendes Gespräch: „Halloh! ist dort die königliche Woh- Nimg?" „Jawohl." „Ist dort vielleicht der Herr Hofmarscball selbst?" „Nein, aber worum handelt es sich?" „Es banbelt sich um den alten Kammerdiener. Aber am Ende spreche ich mit Herrn Blomberg selbst?" „Nein." „Ja, aber wer ist denn nun eigentlich dort?" „Der König." „Was für’n König?” Worauf die Antwort lautete: „Gustaf V."
* Das Gehen als körperliche Leistung. Im Neu- vorker Outlook macht der Turnlehrer der Universität Penusylvanieit W. I. C r o m i e einige interessante Angaben über das Gehen als körperliche Leistung und über die Art, wie man geben soll. Er betrachtet das Gehen nicht nur als die beste Körperübnng, sondern behauptet, daß man in einem Tage durch Geben ohne Anstrengung die größte Muskelleistung vollbringen kann, deren der nieuschltche Körper fähig ist. Das Gehen ist indirekt eine der besten Kraftquellen für den Menschen, aber nichts ist falscher, als einem un- abgehärteten und ungeftäblten Körper auf diesem Gebiete plötzlich Gewaltleistungen znzumuten. Das beste Vorbild des richtigen Gehens bietet der von Torf zu Dorf ziehende Wandersmann. Cromie hat in dieser Beziehung die amerikamschen Tramps systematisch beobachtet. Diese Leute, die ohne Anstrengung gewaltige Wanderleistimgeir vollbringen, marschieren ansnahmslos mit einem fast flachen Fuße, so daß bei jedem Schritt das Körpergewicht übet die ganze Sohle verteilt ist. Beiiy Schreiten soll der vorgesetzte Fuß nicht mit dem Ballen, sondern ztierst mit dem Absatz den Boden berühren. Die Fußspitzen sind beim korrekten Gehen nicht etwa auswärts gerichtet, sondern zeigen fast genau nach vorn, die Arme geraten von selbst in natürliche Schwingungen und die Brtist dehnt sich aus. Natürlich ist gut sitzendes Futzzeug Hauptbedingung: besonders an den Zehen ntuß der Schuh weit sein und die Strümpfe dürfen teilte Falten machen. Besonders nach dem Winter ift für den Großstadtmenschen die Pflege des Gehens das beste Kräftigungsmittel. „Ein Spaziergang ist für den Körper dann dasselbe, wie das Reinemachen für das Haus, in dem wir leben."
kf. D i e Rückkehr der S i o ti x zur N a t u r. 200 Sioux- inbianer sind schon lange auf der Suche nach einem Lande, in das des „Europäers übertünchte Höflichkeit" noch nicht gelangt ist. Sie flüchten vor der Kultur, die die „Blaßgesichter" in ihr Vaterland gebracht haben. Endlich haben sie jetzt eine Heimstätte in Nicaragua gefunden. Ter Präsident der Republik bat ibnen einen großen Landstrich zur freien Verfügung gestellt; dort können sie ganz nach Belieben häufen und die alten halb verklungenen Stammes sitten wieder aufleben (affen. Nur im Kriegsfälle müssen sie dem Präsidenten Gesolgschafi leisten; das ist der einzige Preis, der von ihnen für die neue Heimat verlangt wird.
vexirrötsel.
Er wurde vor Gericht geladen, Doch wer nicht pünktlich kam, war er. Er schrieb, es sei fein alter Schaden, Das Laufen fall’ ihm gar so schwer.
Brauchst nicht zu fragen, was ihn quälte, Ter Grund ist wirklich völlig klar;
Denn als er im Gericht nun fehlte, Ergab sich, was fein Leiden war.
Auslösung in nächster Nummer»
Auflösung des Telegravhen-Rätsels in voriger Nummer: Der Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihnr nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft halten kann. Sinton Dach.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl’schen Universitüts-Btich- und Steindrttckerei, R. Lange, Giejen-


