642

Paul hatte bereits ein Wachshölzchen entzündet. Dann steckte er sich selbst seine Zigarre an. Der Alte rauchte sonst nicht vor einer Weinprobe. Tat er es heute, so war das ein Zeichen für Paul, daß er gemütlich wurde.

Also arm . . . Hm . . . Das verstößt gegen Sitte und Herkommen."

Auch in dieser Beziehung folge ich meinem eigenen Meschmack."

Schafskopf. Aber ich will es gelten lassen. Du bist der einzige. Es reicht noch. Was hat sie sür eine Figur?"

Eine feine und zierliche."

Natürlich. Goüt Everstedt. Die mageren Kätzchen haben uns immer Glück gebracht. Du hast den Kruse ver­wundet?"

Unbedeutend. Ein Streifschuß an der rechten Schulter. Er selbst schoß in die Luft."

Warum du nicht auch?"

Weil die Sache für mich kein Spiel war."

Und dann habt ihr euch wieder vertragen?"

Er hat mir Aufklärung gegeben und mehr. Er hat mir wieder Hoffnung gemacht."

Nanu?! Paßte ihr Paul Everstedt nicht? Mrd dir der Sieg diesmal schwer?"

Sehr schwer, Papa."

Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut."

Merci und warum?"

Aeh, mein Junge weil mir dein Kampf erst zeigt, wie lieb du das Mädchen hast. Nun, und sie? Sie er­widert deine Neigung nicht?"

Das ist das Merkwürdige, Vater: Kruse, der sie gut zu kennen vermeint, und noch ein anderer, dessen Namen ich nicht zu nennen brauche, der ihr aber auch tief in das Herz geschaut haben will die behaupten beide, sie liebe mich. Trotzdem hat sie mich abgewiesen. Dabei mögen psycho­logische Gründe mitgesprochen haben, die überwunden wer­den könnten. Aber sie hat mir auch erklärt, sie sei bereits verlobt."

Ah und du glaubst, das sei gar nicht der Fall?"

Kruse hält es für eine Ausflucht. Aber ich werde die Wahrheit erfahren wenn es auch einige Zeit dauern kann."

Der alte Everstedt hatte sich in den Holzsessel zurück­gelehnt. Die Rückenlehne schnitt in den stämmigen Nacken ein. Das merkte er nicht: er war viel zu interessiert bei der Sache seines Sohnes. Zwischen feinen noch immer ausgezeichneten Zähnen, die breit und weiß waren und dicht nebeneinander standen, klemmte er die dicke schwarze Zigarre. Den Rauch stieß er aus dem linken Mundwinkel von sich, unaufhörlich, in dichten Wolken.

Hähä", lachte er kurz, in zwei Quarrtönen,weißt du, Bengel das Mädelchen gefällt mir schon heute. Weun sie nämlich nicht verrückt ist. Aber wenn ihr ganzes Ge­haben bloß Laune sein sollte oder vielleicht gar rafft- trierte ®nfetterte -"

Kein Gedanke, Papa," fiel Paul rasch ein.Es ist meiner innersten Ueberzeugung nach nichts weiter als eine Störung des seelischen Gleichgewichts. Kruse hat mir An­deutungen gemacht, die das erllären würden."

Hm so. . . und was ich will einmal fragen: was dünkt dich so liebenswert an ihr?"

Ein leichtes Rot strich über Pauls Gesicht.

Du fragst mich vergebens, denn ich weiß es nicht. Oder ich muß dir antworten: alles. Mein lieber, guter Vater, wir haben uns ja eigentlich immer verstanden < selbst damals, als du mich am Gripps nahmst und über die Atlantic schobst. Vielleicht verstehst du auch, wenn ich dir sage, daß meine Liebe zu dem Mädchen aus Widersprüchen erwuchs, die ich schließlich nun ja, es ist so als ein Problem meines eigenen Wesens empfand. Es wurde ein unerträglicher Zustand, über den ich hinauskommen mußte, wenn ich nicht innerlich zusammenbrechen wollte. . . Ich will noch deutlicher sein. Als ich das Mädchen kennen lernte näher kennen lernte, denn begegnet war ich ihr schon häufiger, da dachte ich wirklich nur an einen flüchtigen Flirt. Oder nein: an eine Liebschaft auf Kündigung. An eine ganz gewöhnliche Liaison. Mich reizte ihre Niedlich­keit: das Animalische würde Kruse sagen. Ich habe mir in früheren Zeiten, als meine sogenannte Seele noch mehr Wildmark war als heute, einmal eine Art Philosophie des Amoralischen geschaffen. Jedem Sieger gebührt sein Beute­

recht, sagte ich mir. Aber bei d e r da fattt1 die Raubritter-- sophistik aus allen Angeln. Warum? Ich kann nur wieder­holen, ich weiß es nicht. Vielleicht geht das Schlechte und Ungerechte an seiner eigenen Nichtigkeit zugrunde, wenn es in dem Besseren den überwältigenden Gegner sucht. Und dies Bessere ... ja, du lieber Gott, soll ich dir das Wesen der Liebe erklären? Dazu fehlt mir die Begabung. Ich kann dir nur sagen: ich liebe das Mädchen von ganzem Herzen, und da das so ist, habe ich auch die feste Zuversicht, daß sie allen Widerständen zum Trotz doch noch die meine werden wird. Doch noch!"

Der Alle neigte in den ihn umwallenden Zigarren- qualm hinein bedächtig den Kopf.

Gut. Ich frage nicht nach ihrem Namen. Hast du deine Sache in Ordnung gebracht, dann komnt zu mir. Ms dahin wollen wir auch der Mama keine Unruhe be­reiten. Ich bin zufrieden, und sie wird es ebenso sein. Ich bin zufrieden, weil ich dich kenne. Und dich! kenne ich, weil ich m i ch kenne. Ern Widerspruch würde ." . . aber ich widerspreche gar nicht. Du wirst im nächsten Jahr dreißig. Das war immer unsere Lebenswende. Bis dahin taugten wir alle nicht viel. Aber dann kamen mit Regel­mäßigkeit die kleinen Frauen und packten uns am Schla­fittchen. Das ist Everstedtsch. Dagegen ist Gott sei Dank nichts zu wollen. Gib mir die Hand."

Paul ergriff die große, fleischige, weiß behaarte Hand seines Vaters und küßte sie. Er sagte kein Wort des Dankes. All right, man verstand sich.

Noch etwas, Paul?"

Eine geschäftliche Frage. Ich möchte mich auf mein Privatkonto an der Pelzgerberei von Nippold Söhne in Elmenried beteiligen. Du hast doch nichts dagegen?"

Da es aus dein Konto geht und ich überzeugt bist, daß. . . Aber ioemt ich nicht irre, ist die Konjunktur für Rauchwaren schlecht."

Vorübergehende Krisen, Papa, durch den amerika­nischen Markt beeinflußt."

Hm. . ." Der .Alte kniff das rechte Auge zu . . . Sag mal: die Ettern deines Mädchens, sind sie sehr kleinbürgerlich?"

Paul schwieg einen Augenblick und antwortete dann ruhig:

Ich kann es nicht bestreiten. Ich weiß auch, was du meinst. Für das Philistertum haben wir beide nichts übrig. Aber beruhige dich: sie sind taktvoll. "

Morning, Junge."

Morning, Papa."

Sie nickten einander zu. Als Paul zur Türe ging, Köpfte er im Vorübergehen auf den Deckel des grauen Zylinderhutes, der über dem Paletot hing.

Kann Stiefke dir nicht einmal einen neuen besorgen?" fragte er.

Nein. Das Neue paßt mir nicht. Aber zu deiner? Hochzeit lasse ich! ihn vielleicht schwarz färben."

Nun ging Paul. Er hatte an diesem Tage Dinge zu tun, mit Denen er sich bisher noch nicht beschäftigt hatte.. Er interessierte sich plötzlich für Gerberei und Lederfabri­kation und fuhr auch am Nachmittage nach dem benach­barten Elmenried, um sich bei Rippold Söhne das Wälr- verfahren, Beizen, Blenden und Färben des Pelzwerks an­zusehen. Und dann hatte er mit Herrn Friedrich Nippold eine längere Unterredung, und als er wieder nach Hause kam, beauftragte er das Anskunftsbüreau von Poske, das zuverlässigste und diskreteste am Platze, genaue Erkundi­gungen über den Geschäftsgang und die gegenwärtige Lage des Hauses Otto A. Köhler, Felle und Häute, einzuziehen. Schließlich fuhr er auch noch bei Firneisen und Kompagnie vor, der bestrenommierten Handlung für Luxusartikel, und kaufte nach längerer Auswahl ein paar schöne venetianische Gläser, die er mit seiner Karte an Professor Niels Kruse nach Wörreshoop schicken ließ.

Sein letzter Brief vor Geschäftsschluß war an Moe- bius gerichtet. Er schrieb ihm:

Lieber Herr Pastor!

Ich möchte <äte dieser Tage gern einmal üt einer sür mich wichtigen Angelegenheit sprechen. Darf ich das, und wann kann ich kommen? U. A. w. g.

Herzlichst ergeben

Paul L. Everstedt.^ (Fortsetzung folgt.)