Ausgabe 
30.12.1911
 
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rechtzeitig zugerufenesProsit!" kann dem vielleicht ab- helfen. Bei Hofe ist das Niesen untersagt. Geschieht es dennoch, weil es sich durchaus nicht immer verhüten läßt, so darf doch nichtProst!" dazu gerufen, sondern nur in aller Stille gedacht werden, und das versäume niemand, der vom Volksglauben etwas hält! Soviel vonProsit" undProst", den Hauptschlagwörtern in der Silvesternacht. Silvester, und nicht Sylvester, möchte ich bei dieser Gelegenheit noch sagen, wird jetzt fast allgemein geschrieben, und zwar mit Recht, wenn auch der, nach dem dieser Tag genannt ist, ein römischer Papst des vierten Jahrhunderts nach Christi Ge­hurt, sich Sylvester schrieb. Die Zeit der Vorherrschaft des falschen Wsilons im achtzehnten Jahrhundert noch wurde seyn" sogar fürsein" bei uns geschrieben ist ja zuru Glück vorbei. Silvester aber kommt von dem lateinischen silva, der Wald, her und heißt soviel wie Waldmann oder Waldfreund. Davon haben eine Anzahl unserer lieb ichsten Blumen den Beinamensilvestris", d. h. im Walde zu Hause. Ach, sähe man sie doch erst wieder blühen!

Aus der Kinderzeit und von der alten Heimat her, wo iwch durch Blasen hoch vom Turm herab der Beginn des neuen Jahres verkündet ward, taucht am Silvesterabend manche fröhliche Erinnerung in mir auf. An diesem Abend wurde allerhand ausgeführt, was geheimnisvoller Art war und mit Zauber zu tun hatte. Dazu zählte das Zinngießen und das Schwimmenlassen von Schiffchen. Die Schiffchen bestanden aus Walnußschalen, in denen eigens zu diesem Zweck von Weihnachten her die Msse so vorsichtig gespalten wurden, daß nichts dabei entzweiging. In jeder solcher halben Nußschale toitrbe ein Wachslichtchen angebracht, und damit war^das kleine Schiff fertig und konnte aus das Wasser gesetzt werden, mit dem eine Waschschüssel angefüllt war. Alsdann wurden nach Anzündung der Lichtchen die kleinen Fahrzeuge, deren jedes einer bestimmten Persön­lichkeit zugeeignet war, in ihrem Verhalten genau beob­achtet. Dabei setzte man von Zeit zu Zeit mittels eines leichten Handgriffs das Wasser etwas in Bewegung. Von großer Bedeutung für die Zukunft war es dann, welche von beit Schiffchen einander begegneten und enge zuein­ander hielten; in welchen zuerst die Lichtchen erloschen, und welche von ihnen Havarie erlitten oder gar unter- sanken. Das alles wurde, wie gesagt, scharf beobachtet und vermerkt. Im übrigen erregte auch der Untergang einer ganzen kleinen Flotte keine andauernde Betrübnis.

Blei oder auch Zinn gegossen wird zweifellos am Sil­vesterabend noch in vielen Häusern und immer noch mit großem Nachdenken studiert, woran das gegossene Stück in seiner Form erinnert, denn das ist ja entscheidend. Erinnert es an ein Rad, so darf man auf einen Lotteriegewinn hoffen, sieht es aber so ähnlich aus wie ein Schädel, dann tut man wohl daran, sein Testantent aufzusetzen.

An vielen Orten, zumal auf dem Lande, ist gewiß auch das Schuhwerfen in der Silvesternacht noch nicht ans der Mode gekommen. Ansgeübt wird es von Personen weib­lichen Geschlechts, jungen oder auch schon älteren, und zwar auf die Art, daß sie den Schuh' es kann auch ein Morgen- schnh sein über den Kopf werfen. Fällt er mit der Spitze nach der Türe zeigend auf den Fußboden, so können sie sicher sein, daß im Saufe des kommenden Jahres der Freiersmann erscheint und sie abholt. Zeigt er mit der Spitze in das Innere der Stube hinein, so ist zunächst für sie keine Aus­sicht auf den mit veilchenblauer Seide gewundenen Jüngfernkranz vorhanden. Ließen sich denn nicht alle Damenschuhe von einem Kunstschnster so bauen, daß sie, über den Kopf geworfen, stets mit der Spitze nach außen fallen? Daun würden doch alle noch unverlobten Jungfränlein im gemeinen Jahr wenigstens 364 und im Schaltjahr 365 Tage fröhlichen Sinnes fein, weil sie so lange hoffen würden, er, der Geliebte, der sie heimführt, könne noch kommen.

Doch ich will nicht weiter von solchen Sachen reden, weil Raum und auch Zeit zu Ende geht. Neujahr ist schon dicht vor uns, und der Augenblick ist nahe, in beut auch von dieser Stelle aus allen, die noch auf sind, was auch das vergangene Jahr ihnen gebracht haben mag, von ganzem Herzen zuzu- xufeu ist ein wohlgemeintesProst Neujahr!"

Die Silvesterblumen.

Humoreske von Else K ras sh

Es war ein Jammer, daß der gute schwarz« Rock schon glänzte. Da nützte weder Wasser noch Salmiaitzeist, o jee, o jee! Eigentlich konnte er mit der Glanznummer die hochwohlgeborene Gesellschaft des Direktors in Friedrichshafen nicht besuchen. Noch dazu in der Silvesternacht, wo man doch bestrebt sein mußte, seinen alten Menschen abzulegen und in ein junge" und neues Gewand zu hüllen.

Wenn bloß die Liselotte nicht wär'! Dieses' toynuigc, sonnige Mädel, das ihn im Wachen und Träumen verfolgte. Wer dic- mal zur Fran bekam, der durste wahrhaftig die hunderttausend Mark Mitgift nicht annehmen. Ter war schon königlich genug belohnt mit dem holden Mädel selber. O Gott, o Gott, wem» er diesen Kerl mal zwischen die Finger kriegte, der das nicht stinsah und Mädel und Geld nahm! Zerrädern, vierteilen oh, noch mehr quälen würde er den.

Hans-Günther Leonhard, der Dichter und Schriftsteller, machte plötzlich eine Handbewegung nach dem eignen Halse, als wäre er selber dieser größte aller Feinde. Dann strich er noch einmal! mit der nassen Bürste über den schwarzen Rock, in dem er einst so glänzend durchs Examen gefallen war, und zog seufzend sein Portcmomtaie.

Ein Skandal war es, daß Silvester jedesmal auf Ultimo stell Tie Fahrt nach Friedrick)shagen zweiter Klasse kostete mindestens eine Mark' hin und zurück, und wenn er zu Fuß bis zum Schlesi­schen Bahnhof lief, vielleicht zehn Pfennige weniger. Und dritter Klasse heute fahren, um der Gefahr ausgesetzt zu sein, eine Stunde mit der Kochfrau oder einem Lohndiener des Direktors im Kapee zusammen zu sitzen nee, das ging auch über feine Kraft. Also hatte er nach Abzug der Fahrkarten noch zwei und! einen halben Groschen im Besitz. Dafür gabs höchstens einen Veilchenstrauß en Miniatur. Trinkgeld geben hatte er sich als moderner Mensch längst abgewöhnt, das kam also nicht in Betracht. Ueberhaupt, wenn man jedesmal bei so einer vornehmen Gesell­schaft das Gefühl hatte, daß der hochnäsige Diener, der ihm das Haustor ausschloß, monatlich mehr zu verzehren hatte, wie der Gast selber. . .

Es würde heute wirklich das Beste fein, er blieb der Gesell­schaft in Friedrichshagen fern. Es würde ja doch nur Merger, Unruhe und krasse Eifersucht für ihn geben, wenn er zusehen mußte, wie Leutnant Specht oder sonst einer der vielen Verehrer der süßen Liselotte ihm mit Mut und Schneidigkeit die heimlich Geliebte vor der Nase wegschnappte.

Mit diesen Gedanken klappte sich Hans-Günther Leonhard den geduldigen Chapeau-Claque auf das Haupt, zog den flatternden Havelock über die mächtigen Schultern und ftieg mit Riesenschritten aus seiner Junggesellenbude die Treppe hinunter.

Im nächsten Mumeitladcn forderte er sehr elegant ein Sträuß­chen für eine viertel Mark und kletterte kurz daraus in den Vor­ortzug, als könne er mit diesem winzigen Sträußchen die ganz« Welt erobern.

Es war schon lange acht Uhr vorüber, also würde er natürlich wieder einer von den letzten Gästen fein. Aber da es heute bei Direktors ja kein großes gemeinsames Abendessen, sondern nur ein ausgestelltes kaltes Büfett fein sollte mit sehr viel Punsch und noch mehr Bowle, kam es auf eine Stunde früher oder später wahrhaftig nicht an.

Hans-Günther Leonhard zog in dem über stillten Knpee so gut es ging, seine langen Beine zurück und vertiefte sich fürs erste in seinen Taschenspiegel. Tas Gesicht, das er darin sah, gefiel ihm eigentlich sehr gut.Der echte Dichter köpf mit Locken und Feueraugen" stellte er fest. Es war ein Jammer, daß das Habit so ganz und gar nicht dazu, paßte. Ter Patente Smoking', das seidene Hemd und die Krawatte für sechs Mark fehlten.

Der Spiegel flog mit einem Ruck wieder in die Westen­tasche, und die langen Beine schoben sich von Station zu Station der Eisenbahnfahrt weiter vor. In Köpenick verließ auch der letzte Fahrgast außer Hans-Günther Leonhard das Knpee. Ta erhob sich der junge Schriftsteller sehr erleichtert und ließ das Fenster herunter. Tie Hitze in dem über füllten Abteil war ja unerträglich gewesen. Mer was was duftete denn da plötzlich so köstlich? Konnten das wirklich seine paar armseligen Veil­chen sein?

Ter Mann blickte sich um, zog die Nase hoch und hob dann wie elektrisiert die Arme. Oben in dem Gepäcknetz, ganz in die Ecke gerutscht, bauschte sich weißes Seidenpapier. Und darunter dünner dittchen das waren doch Blumen! Kostbare', schnee­weiße, exotische Blüten lachten ihm entgegen, fein und geschmack­voll mit einer lichtblauen Manschette umgeben. Tie waren ja! geradezu von Gott gesandt, oder irgend ein famoser Silvester­kobold, der es sehr gut mit armen 'Dichtern meinte, hatte sie in das Gepäcknetz hineingezaubert. Heute würde Liselotte 9fugen machen über den noblen Freund alle Achtung!

In weitem Bogen flog das Veilchenstr an sichen über das nackst- schwarze Feld da draußen.

Prosit Neujahr!" hatte Hans-Mitther beinah schon jetzt gerufen.--

Liselotte war heute gar nicht recht vergiÄgk. Sie wußte selber mit ihren Gestihlen nicht aM noch eilt. M lvstr schrecklich.