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Vorsätzlich in Brand steckte. Die bloße Möglichkeit, daß । schnelle Hilfe kommen und die Bücher etwa gar gerettet würden, mußte nach kurzer Ueberlegung genügt haben, um ihn den Gedanken wieder aufgeben zu lassen. , Wenn ich an die Masse leicht entzündbarer Gegenstände in der Sakristei denke — an das Stroh, die Papiere, die Packkisten, das trockene Holz und die wurmstichigen alten Schränke — so deuten alle Wahrscheinlichkeiten meiner Ansicht nach darauf hin, daß das Feuer die Folge eines Unfalles war.
Die Leichenschau wurde um einen Tag vertagt; denn es war nichts entdeckt worden, was das Auge des Gesetzes als genügende Erklärung der geheimnisvollen Umstände des Falles hätte anerkennen können.
Man kam überein, noch mehr Zeugen zu vernehmen und den Rechtsanwalt des Verstorbenen _ aus London zu verschreiben. Auch wurde ein Arzt beauftragt, über den geistigen Zustand des Dieners zu berichten, da er augenblicklich unfähig schien, irgendwie Zeugnis von Wichtigkeit abzulegen.
Meine eigene Ueberzeugung ging dahin, daß man ihn lohne schuldiges Mitwissen von seiner Seite) dazu gebraucht hatte, sich von der Abwesenheit des Küsters zu überzeugen und bann int Nebenwege (doch außer Gesichtsweite von der Sakristei) zu warten, um für den Fall, wo ich dem Angriffe auf der Landstraße entginge und hier mit, Sir Percival zusammenträfe, seinem Herrn Beistand zu leisten. Ich muß jedoch hinzufügen, daß des Mannes eigene Aussage diese meine Ansicht nie bestätigt hat. Der ärztliche Bericht über ihn lautete dahin, daß das Wenige, was er an Geistesfähigkeit besitze, ernstlich erschüttert sei; in der vertagten Untersuchung wurde nichts Befriedigendes aus ihm herausgebracht, und soviel rch weiß, ist er bis auf diesen Tag noch nicht wieder hergestellt.
Ich kehrte geistig und körperlich so erschöpft und durch alles, was ich durchgemacht, so geschwächt und niedergedrückt zum Gasthofe in Welmingham zurück, daß ich nicht imstande war, die Unterhaltung über die Leichenschau und die trivialen Fragen zu ertragen, welche die Gäste im Kaffeezimmer an mich richteten. Ich zog mich nach meinem frugalen Mittagsmahle auf mein schlichtes Dachstübchen zurück, um mir etwas Ruhe zu gönnen und ungestört an Laura und Marianne denken zu können.
Falls ich mehr Geld gehabt hätte, so wäre ich nach London gefahren, um mich noch diesen Abend durch den Anblick der beiden lieben Angesichter zu erquicken. Aber ich war verpflichtet, bei der vertagten Untersuchung zu erscheinen und doppelt verpflichtet vor der Behörde zu Küowlesburh, der für mich geleisteten Bürgschaft nachzukommen. Unser bescheidenes Kapital hatte bereits ohnedies gelitten, und die zweifelhafte Zukunft — jetzt zweifelhafter denn je — warnte mich, es unnötigerweise noch zu verringern, wenn es selbst nur die unbedeutende Ausgabe einer doppelten Eisenbahnfahrt dritter Klasse war.
Den nächsten Dag — den, welcher unmittelbar dem Tage der Leichenschau folgte — hatte ich zu meiner eigenen Verfügung. Ich begann den Morgen, indem ich mir erst wieder den regelmäßigen Bericht von Mariannen auf der Post abholte. Ich sand ihn wie gewöhnlich vor, und er war durchweg mit frohen Lebensgeistern geschrieben.
Dann ging ich spazieren und überleg, e mir unsere Lage.
Nicht zum ersten Male dachte ich daran, wie für jetzt wenigstens alle Hoffnung darauf, Lauras Identität zu behaupten, durch Sir Percivals Tod über den Haufen geworfen war. Er war tot — und mit ihm die Aussicht, auf die ich meine größten Hoffnungen gebaut hatte.
Einige Stunden später, als ich allein im Gastzimmer saß, Überbrachte mir der Kellner einen Brief. Er war an mich adressiert und, wie man mir sagte, gerade vor Dunkelwerden, ehe das Gas auge'zündet gewesen, von einer Frau abgegeben worden. Sie halte nichts gesagt und war schon wieder fortgegangen, ehe man noch Zeit gehabt, zu fragen, wer sie fei.
XIII.
Ich öffnete bett .Brief. Derselbe war weder datierst noch unterzeichnet, und die Handschrift war sichtbar verstellt. Doch ehe ich noch den ersten 'Satz zu Ende gelesen;, wußte ich, wer ihn geschrieben: es war Mrs. Catherick.
Er lautete:
P. P.
Sie sind nicht wiedergekommen, toie Sie sagten, daß Me tun würden,' Einerlei. Ich habe die Nachricht erfahren
und schreibe, um Jhnen dies zu sagen. Sahen Sie irgend etwas Besonderes in meinem Gesichte, als Sie mich verließen? Ich dachte in meinem eignen Herzen, ob wohl der Augenblick seines Unterganges gekommen und ob Sie etwal das dazu erwählte Werkzeug seien. Sie waren es — und! Sie haben diesen Untergang herbeigeführt.
Sie waren schwach genug, toie man sagt, zu versuchen, fein Leben zu retten. Wäre Ihnen dies gelungen, so hätte ich <sie als meinen Feind betrachtet. Jetzt, da es Ihnen! fehlschlug, sehe ich Sie als meinen Freund an. Ihre Nachforschungen trieben ihm in seiner Angst nachts nach der Sakristei; Ihre Nachforschungen haben ohne Ihr Mitwissen meinem Hasse von dreiundzwanzig Jahren gedient und meine Rache vollzogen. Ich danke Ihnen, Sir, wider Sßiffen.
Sie waren im Jahre 27 vermutlich noch ein kleiner Knabe? Ich war zu jener Zeit eine schöne, junge Fran und wohnte in Altwelmingham. Ich hatte einen verächtlichen Narren zum Männe. Ueberdies hatte ich die Ehre, (einerlei auf welche Weise) mit einem gewissen Herrn (einerlei wer) bekannt zu sein. Ich werde ihn nicht beim Namen nennen. Wozu auch? Es war ja nicht einmal sein eigner. Er hatte nie einen Namen. Sie wissen das. jetzt so gut, wie ich es weiß.
Es wird zweckdienlicher sein, wenn ich Ihnen sage, auf welche Weise er sich in meine Gunst einschlich. Ich Ivar mit den Geschmacksrichtungen einer Dame geboren, und er befriedigte dieselben. Mit andern Worten, er bewunderte mich und machte mir Geschenke. Kein Weib tanrt der Bewunderung und Geschenken widerstehen — besonders aber Geschenken, vorausgesetzt, daß dieselben gerade! , die sind, welche sie braucht. Er war schlau genug, das zu wissen — wie die meisten Männer. Natürlich wollte er etwas dafür wieder haben — auch wie die meisten Männer. Und worin glauben Sie wohl, daß dieses etwas bestand? Eine bloße Kleinigkeit. Nichts, als den Schlüssel der Sakristei und den Schlüssel des dort befindlichen Schrankes, wenn mein Mann einmal abwesend sei. Natürlich log er mir etwas vor, als ich ihn frug, wozu er so! heimlich die Schlüssel brauche. Er hätte sich die Mühe ersparen können — ich glaubte ihm nicht. Aber mir gefielen seine Geschenke, und ich wollte noch mehr haben. Darum verschaffte ich ihm die Schlüffe!, ohne daß mein Mann es wußte, und paßte ihm dann auf, ohne daß er es wußte. Einmal, zweimal, viermal paßte ich ihm auf — und das viertemal kam ich hinter seine Schliche.
Ich war nie übermäßig gewissenhaft, wo es anderer Leute Angelegenheiten betraf, und es beunruhigte mich nicht besonders, daß er auf eigne Hand ein Heiratszertifikat zu den übrigen hinzusügte. ,
Tie einzige Bedingung, auf der ich bestand, war, daß er mich ins Vertrauen zöge und mir alles sagte. Ich war damals ebenso neugierig über seine Angelegenheiten, tote Sie es jetzt über die meinigen sind. Er ging auf meine) Bedingung ein — Sie werden gleich sehen warum.
Folgendes ist in der Kürze, was ich von ihm erfuhr. Er erzählte mir nicht aus eignem Antriebe, was ich Ihnen! hier erzählen werde. Ich brachte einiges durch Ueberreduug und einiges durch Fragen aus ihm heraus. Ich Ivar entschlossen, die ganze Wayrheit zu wissen — und ich glaubte, ich erfuhr sie.
Er wußte bis nach dem Tode seiner Mütter ebenso wenig wie andere Leute über das wirkliche Verhältnis zwi- schen'sihr und feinem Vater. Als sie gestorben war, gestand sein Vater ihm dasselbe ein und versprach ihm, für feinen! Sohn zu tun, was er könne. Er starb, nachdem er nichts getan — nicht einmal ein Testament gemacht hatte. Der Sohn (und wer kann ihn dafür tadeln?) war so klug, für sich selbst zu sorgen. Er kam sofort nach England unb nahm Besitz von dem Grunbeigentnin. Es war niemand da, der ihn beargwöhnen konnte. Sein Vater und seine Mütter hatten stets wie Eheleute zusammen gelebt — und niemand unter den wenigen, welche mit ihnen beton rot waren, ahnte je, daß er anders sei. Der rechtmäßige Erbe war ein entfernter Verwandter, der nicht im entferntesten daran dachte, das Besitztum je in seine Hände zu bekommen, unb war außer Landes auf dem Wasser, als Sir Percivals' Vater starb. Es stellte sich ihm also bis hieher keine Schwierigkeit entgegen — Und er nahm Besitz, als ob sich die Sache von selbst verstände. Aber er konnte nicht Geld auf das Eigentum erborgen, als ob es sich von selbst verstände. EA


