Ausgabe 
30.10.1911
 
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so daß fie der vereinzelte Sieg des Verbrechers gar nicht er­schüttern kann. Oder aber es ist diese Amerikanisierung unserer Anschauungen von Welt und Leben. Das Smarte, ist Trumps, das Lebenstüchtige imponiert uns unter allen Umständen/

Deutsche schiüsale im Lande der Mormonen.

Erst jüngst ist es in England zu Aufruhrfzenen gekoinmen, weil Mormonenmissionare eine große Anzahl britischer Frauen nach Utah entführten, da bei der von denHeiligen der letzten Tage" immer noch geübten Vielweiberei am Salzsee ein großer Bedarf an Frauen herrscht. Aber nicht nur auf den Mädcheufaug gehen diese Agenten der Mormonen aus, sondern sie veranlassen auch viele Arbeiter, cui§ der Heimat auszuwcmdern, und versprechen ihnen im Staate Utah goldene Berge imb ein herrliches Leben. Dabei kommt nicht nur England, sondern auch Deutschland in Be­tracht, und bei uns mehren sich ebenfalls die Klagen über die ver­hängnisvolle Tätigkeit der Abgesandten desPropheten". In einer Korrespondenz der Internationalen Wochenschrift aus San Franzisko werden Bilder von den deutschen Schicksalen im Lande der Mor­monen enthüllt, die abschreckend wirken müssen.

Die Zahl der Mormonenmissionare ist in Deutschland überaus groß, und viele hundert Personen werden von ihnen jährlich über­redet, nach Utah auszuwandern. Dabei spielen neben den poly­gamischen Tendenzen, die besonders die Gewinnung von Frauen erstreben, polnische und geschäftliche Momente eine große Rolle. Durch die Blasseneinwanderung von neubekehrten Mormonen wächst nämlich das politische Stimmvieh der Mormonenhierarchie, die außerdem von jedem ihrer Untertanen einen beträchtlichenZehnten" erhebt, und durch die Gewinnung tüchtiger bentjcber Arbeiter für die Mormonenlehre erhalten die großen tnbitftrtellen Anlagen der Mormonenkirche brauchbare und vor allem billige Arbeiter. Wie es solchen Auswanderern ergeht, sei an einem Beispiel erläutert:

Vor einigen Jahren kamen etwa hundert deutsche Emigranten, die in den verschiedensten Teilen des deutschen Reiches zur Mor- tnonenreligion bekehrt worden waren, nach Zion, demneuen Jerusalem". Nachdem man ihnen drei Tage lang alle Herrlich­keiten der Salzseestadt gezeigt halte, mürben sie in einigen Waggons auf der Oregon-Short-Lmie nach Idaho, und zwar nach Rexbnrg, expediert. Tie beiden großen Zuckerfabriken, die die Mormonen­kirche hier unterhält, bekamen so treffliche Arbeiter, beim man hatte vorsorglicherweise die Leute zum größten Teil aus deutschen Rüben­gegenden gewählt. Tie Ansiedler erhielten Farmerhäuschen mit drei Stuben und dazu zwei bis drei Acres Land, das aber völlig wertlos ist, da jede Bewässerung fehlt. Den neuen Ankömmlingen wurden diese Häuschen au! 20 Jahre Abzahlung überlassen. Sie mußten sich verpflichten, bis zur vollen Abzahlung ausschließlich für bie, betreffende Zuckerfabrik zu arbeiten, halten regelmäßig den Zehnten" an den Mormonenblschot zu zahlen und mußten alle Bedürfnisse tu den Läden der 'JJiormoiien decken. So befanden sie sich völlig tu der Gewalt der Fabriken, da sich in einem Umkreise von 400 Meilen keine andere Arbeit für sie bot. Die Fabriken, an deren Spitze der geschäftstüchtigeProphet" der Mormonen, Joseph F. Smith, steht, konnten die /Arbeitslöhne nach Belieben festsetzen und eine systematische Anssaugerei betreiben. Außer dem Zehnten fordert die Kirche auch noch bestimmte Umlagen, wenn ein neues Versammluugshaus oder ein anderes öffentliches Gebäube errichtet werben soll. Tie Arbeiter müssen dann plötzlich einen ganzen Monalslohn für diesesgute Werk" opfern.

Abgesehen von der wirtschaftlichen Knechtung werden die Deutschen im Mormonenlande auch in Verhältnisse hineingedrängt, die ihren ganzen heimatlichen Anschauungen wibersprechen. Noch immer ist Polygamie der oberste Glaubensartikel der Sekte, ob­wohl man sich offiziell zu einem Verzicht auf die Vielweiberei be­quemt hat, weil Utah sonst 1896 vom Kongreß nicht als souveräner Staat anerkannt worden wäre. Die Polygamie führt deutsche Frauen zu den furchtbarsten Konflikten, denn sie steht zti unserem Begriff vom Familienleben in einem schroffen Gegensatz. Da wird die Frau, die jahrelang ihrem Alaune eilte treue Gefährtin war, plötzlich gegen ein Nebenweib zurückgesetzt; fie ist der Willkür und Tyrannei des Mannes völlig auSgetiefert. Die Mormonenkirche ist überhaupt eine durchaus tyrannische Institution, in der sich jeder dem Willen der Oberen fügen muß, und sie ist ein gigantisches kommerzielles Geschäft, das auf der Aussaug tt n g hilft o,s e r Auswanderer beruht. Der jetzige Präsident der Kirche, Joseph F. Smith, der als armer Mann zum Propheten erwählt wurde, ist heute Millionär, Direktor der Union-Paeiste- Eisenbahu, Präsident verschiedeiter Banken und Trusts, Chef eines großen Handelshauses, Vorsitzender einer Riesenvereinigung, die den Rübenzucker in Utah kontrolliert, ferner Teilhaber eines Theaters, eines Tanzsalons und eines Seebades, das der Kirche gehört, und schließlich Chefredakteur von dreiMagazines". Daß ein so viel­beschäftigter Mann noch Zeit hat, eine große Familie zu gründen, ist erftaunlich; aber Smith besitzt fünf Weiber und mehr als vierzig Kinder.

Vermischtes.

*WennmatiSolbatenalsStatistennimmt. IM der Warschauer Oper hat sich kürzlich während einer Aufführung vonCarmen" ein reizendes Intermezzo abgespielt. Das spanische! Kriegsvvlk wurde, wie dieNeue Lodzer Zeitung" erzählt, von Soldaten der Warschauer Garnison gestellt. Im zweiten Akt, als die Soldaten unter dem Befehl eines Unteroffiziers auf die Bühne vormarschierten, entstand in ihren Reihen eine all­gemeine Verwirrung. Der Grund war: In der ersten Reihet der Zuschauer saß ein General. Als der Unteroffizier nun feinens hohen Vorgesetzten im Parkett sitzen sah, brach er in ein donnerndes Stillgestanden!" aus. Das Publikum begriff zuerst den Zu­sammenhang nicht. Als der General merkte, daß die Soldaten wie festgebannt an der Rampe standen, machte er ein Zeichen, daß sie abtreten sollten. Das wurde aber von den Soldaten nicht verstanden, und so sagte der General lachend:Wollt Ihr denn nicht machen, daß Ihr weiter kommt?!" Hierauf ertönte von den Soldaten auf der Bühne die Antwort:Zu Befehl, Herb General!" Der Heiterkeitserfolg war groß.

* Die Erfolge der Zahnpflege in den schwe­dischen Schulen. Die große Aufmerksamkeit, die man der Zahnpflege der schwedischen Kinder zuwendet, hat bereits schöne Früchte getragen. Wie aus Stockholm berichtet wird, besitzt Schweden mit seinen 51/2 Millionen Einwohnern etwa 30 aus­gezeichnet eingerichtete zahnärztliche Institute für Schulkinder, während Deutschland mit seinen 65 Millionen nur 100 hat. lieber jedes in Behandlung befindliche Kind werden genaue Aufzeich­nungen gemacht, so daß man über den Gesundheitszustand der Zähne genau unterrichtet ist. Die Institute sind jeden Tag ge­öffnet. Früher geschah die Behandlung ganz unentgeltlich, aber nun ist man dazu gekommen, bei Stubern nicht unvermögender Eltern eine kleine Summe jährlich für die fortgesetzte Behandlung der Zähne zu ergeben. Die Erfahrung hat gezeigt, daß Kinder sowohl wie Eltern größeren Wert auf die Zahnpflege legen,; wenn sie nicht unentgeltlich behandelt werden. Durch Umfragen unter den Lehrern in einer der größten Schulen Stockholms ist festgestellt worden, daß seit der Einrichtung dieser zahnärzt­lichen Institute ein Fehlen in der Schule wegen Zahnschmerzen! nicht mehr vorkam. In den Antworten der Lehrer wird ebenso hervorgehoben, daß die Kinder ruhiger und ausmerksamer ge* worden sind, seit ihre Zähne ordentlich behandelt werden, und ihr allgemeines Gesundheitsbefinden sich erheblich gebessert hat.

* Eine neue F 0 r m von Bäder n. Einen außerordent­lich belebenden Einfluß auf die Muskeltätigkeit sollen nach den Angaben des bekannten Badearztes Dr. Determann in der Medizinischen Klinik" heiße Tauchbäder haben, d. s, kurze, nur 468 Sekunden dauernde Bäder von 3745° C. Der große Reiz, der durch das plötzliche Eintauchen in das heißg Wasser entsteht, bedingt eine heftige, schnierzhafte Schreckempfin- dung. Die Hautgefäße ziehen sich als Physische Schreckenäußerung zusammen, und die Haut erblaßt. Bald darauf aber strömt das Blut nur um so mächtiger in die Peripherie des Körpers, di« Haut und die Muskeln. Hier schwemmt es die ErmüdungsstE hinaus und befähigt die Muskeln zu neuer Arbeit. Zweifellos! aber spielt auch das psychische Moment eine große Rolle. Denn besonders gut werden Schwächezustände auf nervöser Grundlage durch das Tauchbad beseitigt. Gegen eine allgemeine Verwen­dung ohne ärztliche Kontrolle spricht der heftige Choc, den es er­zeugt. Aber es ist auch nicht wahrscheinlich, daß diejenigen Krankem für die das Tauchbad angezeigt ist, eine so große Vorliebe dafür: gewinnen werden, um es ohne fünften ärztlichen Zwang auf­zusuchen.

* Kuchen!Welch ein merkwürdiger Briefbeschwerer! Ganz auffallend schwer!"Das ist ja das Erstlingswerk meiner Frau, ein Kuchen, den sie selbst gebacken hat!"

Silbenrätsel.

a, a, oem, bi, e, ger, ke, las, le, li, ni, ni, 0, ot, pal, ra, ri, te, te, ti, van.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangs- buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen das Ziel mancher kühnen Forscher bezeichnen, sowie das Hindernis, welches der Erreichung dieses Zieles entgegen- fteht. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes:

1. Strom in Afrika.

2. Weiblichen Vornamen.

3. Einen Feuerwerkskörper.

4. Einen Schmuckgegenstand.

5. Griechische Gottheit.

6. Einen Astronomen.

7. Küstengegend am Mittelmeer.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:

Saat, Salat.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Uitiversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.