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Ackeren. Besonderheiten' nationaler oder örtlicher Art fallen^ Moch hier und da dem Sachkenner auf und sollen erwähnt werden. Dazu gehören z. B. die Grundsätze der Beköstigung. Vom Kriegsmrnisterinm sind u. a. plastische Darstellungen des Nährwertes der Kriegs- und Friedensportion der deutschen und Mlswartiger Armeen zum Vergleich nebeneinander gestellt. Auch Ks-pan stellt seine Soldatenkost aus. Da sieht man, daß der Nährstoffgehalt der verschiedenen Kriegspoationen kaum nennenswerte, Unterschiede zeigt, obgleich z. B. der Stickstoff- 'Zehalt Bet uns überwiegend durch Fleisch, bei den Japa- nern durch den Extrakt der Soyabohne gedeckt wird. Die japa- rnsche und die chinesische Abteilung zeigen die blühende Pflanze Ttl. "AAAr>ßer Nachbildung; die Samen und den Extrakt, der wre Fleiichextrakt aussieht, in Wirklichkeit.
^.Tahrbare Kompagnieküchen kann man in der ruftsschen und deutschen Ausstellung vergleichen. Der russischen Armee gebührt bekanntlich das Urheberrecht an dieser nützlichen Erfindung, aber das deutsche Modell zeigt, welch ein Fortschritt m der Einrichtung seit den etwa sechs Jahren ihres Bekannt- werdens gemacht worden ist. Die Hinzufügung der Kesselräume für heißes Wasser, Kaffee, Milch, Tee hat die Verwendbarkeit "ustNiordentltch gesteigert. Dagegen schien mir ein japanischer Kochkessel, etwa für einen Zug berechnet, durch die Art seiner Feuerungsanlage bemerkenswert. Sie liegt in dem Kesselmantel, geschützt vor Wind und Regen; die Einrichtung erinnert etwas an die Konservenbüchsen mit Spiritusfeuerung, die bei uns vor dem Manöver angekündigt werden. !Ein Diorama in Lebens- sroße, das einen Zug im Felde beim Abkochen darstellt, zeigt den Kessel im Gebrauch und,verpackt. Bei diesem äußerst lebendig wirkenden Diorama, wie bei dem noch größeren, das einen Verbandplatz vor Port Arthur zeigt, kann man gleichzeitig sehen, wie praktisch die Khakiuniformcn der japanischen Armee dem für sie in Betracht kommenden Gelände angepaßt sind. Das Zeug ist als Wintertuch und Sommerstoff, sein und grob, ans-
Die sandgelbe Farbe hebt sich von dem gleichfarbigen Gelände rn beiden Dioramen sehr wenig ab. In Europa, herrschen solche Farbentöne nicht vor. Die deutschen und russischen Kostümpuppen in Lebensgröße zeigen, wie der Grundfarbe des europäischen Geländes für die Felduniform mit einem anderen Grau Rechnung getragen wird.
In dem englischen Pavillon ist ein Gepäcksystem für Infanterie einschließlich Patrontaschen, Leibriemen, Brotbeutel und Tornister, aus grauem, wasserdichtem Gewebe zu sehen. Es ist bei gleicher, Haltbarkeit leichter als Leder; ob es auch nach Durchnässung seine Form und Glätte bewahrt, bleibt dahingestellt; der Prospekt des Erfinders behauptet es.
Im japanischen Gebäude fesselte mich das große Modell eines Reservelazaretts aus 24 hölzernen einstöckigen Pavillons mit gedeckten Verbindungsgängen mck allen erforderlichen Nebengebäuden. Es ist für 1000 Kranke bestimmt, deren jeder 20 Kubikmeter Luftraum und 6 Quadratmeter Bodenfläche erhält. Die Bauzeit ist auf 20 bis 25 Tage, der Kostenbetrag auf 270000 Mk. angegeben. Das wären 270 Mk. für das Bett — ein unerhört niedriger Preis, selbst wenn man die geringeren Arbeitslöhne in Rechnung zieht.
Es sei gestattet, diesen Eindrücken noch einen über das Kapitel Jugenderziehung anzuschließeu, deren Beziehungen zur militärischen Tüchtigkeit der Nation auf der Hand liegen.
Am vollkommensten in der wundervollen Ausstellung, die dem Turnen, dem Sport und Zubehör gewidmet ist — aber auch bei der Schulhygiene, in der Halle „der Mensch", endlich im englischen und japanischen Pavillon. Es ist sehr erfreulich, daß in Deutschland die Volksschulen für Knaben und Mädchen systematische Bewegungs- und Gerätübungen pflegen, die zwischen den Unterrichtsstunden liegen; es ist wichtig und richtig, daß mit den Freiübungen auch Atemübungen verbunden werden, wie ich in einer Volksschule in Thüringen sah. Die Gymnasien sind auf diesem Gebiet noch zurück. Ain weitesten in der militärischen Ingendvorbereittmg ist Japan. Alle die Uebungen sind dort obligatorisch für sämtliche Schulen. Die Schüler sind mit Uniform» Und Ausrüstungsstücken versehen, Bambusschwerter und -lanzen, sowie leichte aber feste Masken und Harnische aus Bambusstäben ermöglichen Uebungen im Kontrafechten mit Schwert gegen Schwert, Schwert ,gegen Lanze, Bajonett gegen beide. Auch aus Mäochen- schulen sind Abbildungen da, die das graziöse Lanzenfechten zeigen. Zn den Oberk'lassen werden die Schüler im Uiu-ji-tsu und in der ersten Hilfe bei Unglücksfüllen ausgebildet. Ich meine, daß eine solche obligatorische Erziehung zum Mut, zur Gewandtheit Und zur Lust am, Waffenwerk unseren höheren Schulen bitter not täte und unendlich viel mehr wert wäre, als die langweiligen! Reden eines Cicero oder Demosthenes oder eines anderen antiken Abgeordneten.
Eine große Freude macht es mir, nicht nur in deutschen Abteilungen, die die Seuchenbekämpfung darstellen, sondern auch in der englischen und japanischen das Andenken an Robert Koch durch sein Bild geehrt zu finden: im englischen Pavillon bei der Bekämpfung der Schlafkrankheit in Zentralafrika, im japanischen bei der Ausstellung des Instituts für Infektionskrankheiten zu Tokio, das Professor Masako, ein Schüler Kochs, leitet. Wie Joseph Lister erst die heutige Chirurgie ermöglicht hat, so ist Robert Koch der Schöpfer der heutigen Hygiene, Md daran' ändert
"ichck, daß man in der französischen Abteilung sein Bild französischen Hygienikers Pasteur vergeblich sucht. Ein schönes Zeichen von Pietät gibt die in der japanischen Aus- ftellung hangende Photographie einer steinernen Büste beä preui§ Men ^PerstabsaEes Dr. Müller, die in einem Park zu Tokio fÄe“liftrc ^ller war, einer der ersten enropäisRn
”\?Te Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts
3apan berufen wurden. Er lehrte dort jahrelang Krieqs- Heilkunde und hat Verdienste um die erste Einrichtung des japa- Nischen Militar-Sanitatswesens nach preußischem Muster,
Der Verbrecher in der Literatur.
ist nicht lange her, daß der Verbrecher rothaarig, bucklig, hinkend oder schieläugig auf der Bühne stand, und zornige Zurufs drohten ihm von den Galeriebesuchern; heut findet et sich im ©monng, eleganter als die Eleganten auf den Brettern, und dse Damen rm , Parkett klatschen ihm Beifall. Wie hat sich , .Wandlung^in der Gestaltting des Verbrecherthpns und zu- gletch in der Stimmung des Publikums vollzogen? Karl Hans Strobl geht dieser Frage in einem Aufsatz im Oktoberheft des „Literarischen Echos" nach.
Schon bei Schüler findet sich neben dem vollkommenen Böse- wicht, also Franz Moor etwa, der andere Verbrecher, Karl Moor, den die Verzweiflung an der Menschheit zum Feind der sozialen! Ordnung macht. Aber den einen trennt ein unüberbrückbarer! Übgrund von dem anderen, der verirrte Edelmensch hat mit dem geborenen Schlechten nichts gemein, der eine ist vielmehr das Gegenspiel vom andern. Erst die Romantik, die mit dem 19 Jahrhundert aufkam, sah die Möglichkeiten zum Gott und zum Teufel von einer Persönlichkeit umschlossen. Man beginnt zu wittern, daß jeder Mensch seinen heimlichen Verbrecher in sich trägt. W war eigenste Angelegenheit der Romantik, sich mit diesen Zwiespältigkeiten^ auseinanderzusetzen. In Hofflnanns „Elixiere des Teufels" wird aus dieser Zweiteilung ein wahnsinniger Toten- tanz, das Motiv des Doppelgängertums kommt hier zu feiner! Geltung.
Die Zeiten der Romantik waren vorüber, es folgte eine Aeta der Popularisierung der Wissenschaft. Lornbrosos Arbeit liegt auf diesem Wege und von großen Kunstwerken Dostojewskis „Raskolnikow". Dieser Roman ist das klassische Werk des „psychologischen^ Zwanges". Dostojewski verzichtet auf das Hilfsmittel der Zweiteilung, an Stelle der symbolistischen tritt die realistifchs Psychologie. An Stelle der dualistischen Ethik Schillers ist die monistische getreten. Gut und Böse sind nicht mehr die durch Abgründe getrennten Gegenpole menschlicher Wesenheit, sondern liegen nahe benachbart, manchmal ununterscheidbar gemischt, in uns. Und Nietzsche bewundert die kraftvollen, bedenkenfreien Ver- brechernaturen der Renaissance und wünscht eine Zukunftsmenschheit von gleich heiterer Gelassenheit im Bejahen der Rechte bett Persönlichkeit. Vorerst noch unter Protest her Aengstlichen.
Aber das war noch nicht genug. Noch hatte her Verbrecher den letzten Anstieg in der Schätzung seitens der öffentlichen Meinung vor sich. Das Leben der Kulturvölker ist in zunehmender Amerikanisierung begriffen. Die gute alte Zeit des behaglichen Bücherlesens ist vorbei. Der Durchschnittsleser will, daß auch seine Erholung jenes Element der Spannung trage, die ihn den ganzen Arbeitstag über knechtet. Unb nun tritt ein Autor auf den Plan, der kein Künstler, wohl aber ein Bttttivse der Detektivgeschichte ist: der Engländer Conan Doyle. Er wurde der Erfinder der Sherlock-Holines-Figur. „Sherlock Holmes ist ein tadelloser Gentleman und Sportsmaim, kaltblütig bis in die Spitzen seiner Lackschuhe, er stillt seinen Klubsessel ebensogut aus wie irgendein Lord und unterscheidet sich von diesem vielleicht nuM dadurch, daß er außerdem noch einen nützlichen Beruf hat. Sherlock Holmes ist das angelsächsische Rasseideal. Einem solchen Gentleman immer nut ruppige Gauner, rotbärtige Spitzbuben, einäugige! und lahme Einbrecher.entgegenzustellen, ging nicht gut an. Er hatte einen Anspruch darauf, sich mit seinesgleichen zu messen. Unb so wuchs an diesem Meisterdetektiv auch der Standard of life des Verbrechers. So kam der Verbrechet in den Salon, kam ey zu den Gamaschen, der Modeweste und der Kamelie im Knopfloch, so bekam er Geist und gesellschaftliche Formen als beste allen Masken. Und damit vollzieht sich die letzte Wandlung. In dem Zusammenstoß zwischen dem Vertreter der gesellschaftlichen Ordnung und dem der Verbrecherinstinkte war bislang bet erfterti siegreich. Die Bühne unserer Tage aber ist angefüllt von dep Triumphen des Verbrechers. Ter Detektiv, der Untersuchungsrichter, bei" Staatsanwalt verlassen den Schauplatz als blamierte Europäer. Der Verbrechet steht in bengalischer Tclenchttmg oa> lächelt, wischt den Schweiß mit einem seidenen Taschentuch von der Stirn und geht davon, mit einer kleinen Million im Sack und womöglich noch einer hübschen Miß, die sich ihm an benl Hals geworfen hat. Und das Publikum freut sich darüber. Es hat darauf verzichtet, sich seine eigene soziale Ordnung bejahen zu lassen, es macht ihm ein Vergnügen, sie über den 'HaufeN geworfen zu sehen und die Organe, die es selbst zu seinem Schutz besoldet, auslachen zu können. ■ Tie ernsthafte Erbitterung, nut der es früher den Verbrecher verfolgte, ist vorüber. Vielleicht deshalb, weil das Publikum um seine sozialen Einrichtungen nicht mehr besorgt und vielmehr sehr überzeugt von ihrer Festigkeit ist.


