Ausgabe 
30.10.1911
 
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Die weiße Frau.

Roman von W. Collins.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Im nächsten Augenblicke sah ich in der dichten Finster­nis einen kleinen roten Funken vom anderen Ende des Hauses Herkommen. Ich hörte keine Schritte und konnte nichts weiter sehen als den Funken. Dieser wanderte in der Nacht daher, ging an dem Fenster vorüber, an welchem ich stand, und blieb dem meines Schlafzimmers gegenüber stehen, wo ich das Licht auf meinem Toilettentische hatte brennen lassen.

Der Funken blieb einen Augenblick unbeweglich., dann bewegte er sich nach derselben Richtung hin zurück, in der er gekommen war. Als ich ihm mit den Augen folgte, sah ich einen Zweiten roten Funken, etwas größer als den ersten, aus der Ferne herankommen. Beide begegneten sich in der Dunkelheit. Indem ich mich erinnerte, wer Zi­garren und wer Zigaretten rauchte, schloß ich augenblicklich, daß der Graf zuerst herausgekommen, um unter meinem Fenster zu beobachten und zu horchen, und daß Str Per- crval ihm später gefolgt sei. Sie mußten beide auf dem Rasen gegangen sein, sonst hatte ich sicher Sir Percivals schwere Schritte hören müssen, obgleich des Grafen leichter Tritt meinem Ohre selbst auf dem Kieswege hätte ent- gchen können.

Ich wartete ruhig tun Fenster, überzeugt, daß sie mich in der Dunkelheit des Zimmers nicht sehen würden.

Was gibt's? hörte ich Sir Percival mit leiser Stimme sagen. Warum kommst du nicht herein und setzest dich ruhig zu mir?

Ich muß das Licht in diesem Zimmer da erst aus­löschen sehen, entgegnete der Graf leise.

Was kann dir das Licht schaden?

Es beweist, daß sie noch nicht zu Bette gegangen ist. Sie ist schlau genug, um etwas zu argwöhnen, und ver­wegen genug, um herunterzukommen und zu horchen, wenn sie es möglich machen kann. Geduld, Percival, Geduld.

Unsinn! Mit deinem ewigen Geschwätz von-Geduld.

Ich werde in wenigen Minuten von etwas anderem! reden. Mein guter Freund-, du stehst am Rande deines häuslichen Abgrundes, und falls ich es zulasse, daß du den Frauen noch eine einzige Gelegenheit dazu gibst, Kus mein heiliges Ehrenwort! da werden sie dich hinab- stoßen.

Was zum Henker willst du damit sagen?

Wir wollen unsere Erklärungen anfangen, Percival, sobald das Licht da aus dem Fenster verschwunden sein wird, und ich einen kleinen Blick in die Stuben zu beiden Seiten der Bibliothek und auf die Treppe geworfen habe.

Sie bewegten sich langsam fort, und -ihre Unterhal­tung (welche durchweg in demselben leisen Tone geführt worden) wurde mir unhörbar. Doch war dies einerlei. Ich hatte genug gehört, um den Entschluß zu fassen, des Grafen Meinung von meiner Schlauheit und Verwegen­heit zu rechtfertigen. Lauras Ehre, Lauras Glück und vielleicht Lauras Leben sogar mochten in dieser Nacht von meinem scharfen Gehöre und meinem treuen Gedächtnisse ab hängen.

Aus des Grafen Aussage schloß ich, daß er die Biblio- thek als den Ort für die bevorstehende Unterredung ge­wählt hatte. Ich erinnerte mich der Veranda vor der Bibliothek, die durch Flügelfenster zu erreichen war. Das Dach dieser Veranda war ein flaches und zog sich vor den Schlafstuben hin. Eine Reihe von Blumentöpfen war darauf in großen Zwischenräumen aufgestellt, ein zier­liches Eisengitter am äußeren Rande des Daches schützte sie davor, vom Winde umgeworsen zu werden.

Der Plan, der mir nun eingefallen, war: durch mein Wohnstubenfenster auf dieses Dach zu steigen, geräuschlos darauf entlang zu schleichen, bis ich an die Stelle kam, die sich unmittelbar über dem Bibliothekzimmer befand, und dann zwischen den Blumentöpfen und mit dem Ohre am Eisengitter niederzukauern. Falls Sir Percival und- der Graf sich heute abend zum Rauchen hinsetzten, wie ich sie schon manchen Abend hatte sitzen sehen, nämlich dicht an den offenen Fenstern, wobei ihre"Füße auf den gußeisernen Gartensesseln ruhten, welche in der Veranda standen, so mußte jedes Wort, das sie lauter als im Flüstertöne mit­einander sprachen (und jeder Mensch weiß, daß eine lange Unterhaltung nicht im Flüstertöne fortgesetzt weiben 'taitn), unfehlbar bis zu meinen Ohren dringen. Sollten sie aber heute abend vorzieheu, mehr im Innern des Zimmers zu sitzen, so hatte ich Aussicht, wenig oder nichts zu hören, und mußte in diesem Falle die -weit ernstlichere Gefahr laufen, sie unten zu überlisten zu suchen.

Ich kehrte leise in mein Schlafzimmer zurück, um das weniger gefährliche Experiment auf dem Dache der Veranda zuerst zu versuchen.

Nachdem ich Zündhölzchen neben das Licht gestellt, löschte ich es aus und schlich im Finstern wieder in mein Wohnzimmer zurück. Ich verschloß die Türe, wie ich schon die meines Schlafzimmers verschlossen hatte, dann stieg ich leise aus dem Fenster und setzte die Füße vorstchtrg auf die Bleiplatten der Veranda. Meine beiden Zimmer lagen an dem inneren Ende des neuen Flügels, welchen wir alle bewohnten, und ich mußte an fünf Fenstern vor­bei, um zu der Stelle zu gelangen, die unmittelbar über der Bibliothek lag. Das erste Fenster war das eines Fremdenzimmers, welches augenblicklich unbewohnt war. Die beiden nächstfolgenden gehörten zu Lauras, das vierte zu Sir Percivals und das fünfte zum Zimmer der Gräfin. Die übrigen, an denen ich nicht mehr vorbei zu gehen brauchte, waren die Fenster in des Grasen Ankleide-