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(Nachdruck uetboiert.l
(Fortsetzung.)
Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Zimmer verschenkt, denn das Geschäftliche bei der Sache drückte sie. , -
Sie tat jedermann jeden Gefallen und hatte umiich harten Kampf mit der Kosh auszufechten, die die Mech- nnnaeu ausschrieb und nicht das kleinste durchgehen ließ.
„Gehet: sie ans Sommerfrische, dairn können sie auch zahlen!" Das war ihr Prinzip, und sie gab kern Glas Milch, keine Tasse Kaffee, kein Abendbrot ohne emen ver- nimftigen, aber sehr ehrlichen Verdienst.
Fran von Hilbach zählte nun kaum noch die Tage) in aller Elle strich sie morgens vor dem Aufstehen rata Zahl auf ihrem Zettel ans und dachte sich nichts dabeu Zum ersten Mal in ihrem Leben lebte sie der Gegenwart» war ganz und gar in Anspruch genommen und aus such herausgerissen; das einzige, was sie hin und wieder dunkel! empfand, war ein leises Heimweh nach ihrer Euyamkett,
Die Menscheir in ihrem Haufe kamen und gingen, große Koffer und Reisekörbe wurden herein und heraus getragen, es war ein ewiges Fragen und Antworten, ein Bekannte werden und Scheiden. Dann die vielen Sorgen, daß alles im Hause stimmte, daß genügend Wäsche vorhanden war daß am Morgen das Frühstück richtig verteilt, die Milch ab- gekocht und die Bäder zurechtgemacht wurden.
„Nicht wahr," sagte die Kosy ost am spaten Abend, „das hatten Sie sich selbst nicht zugetraut, daß Sie noch mal so ’ne Art Hotel zu leiten hätten? Aber es geht ja ganz gut, besser als id) dachte. Nur muß enter, dich ein Geschäft hat, sich nicht über alles aufregen, tote ©te es tun. Was können Sie dafür, wenn ein Fensterflügel herausfliegt? Das kann auch int „Mutigen Ritter" pafliererß.
, wo die Leute das Dreifache zahlen, wie bei uns, und daß I es immerzu regnet, das macht Ihnen auch Kopsweh, dm, merk ich wohl. Wenn Sie's könnten würden Sie am liebsten dem Herrgott ins Handwerk pfuschen Und das Wetter machen wegen Ihrer Sommerfremden. Ja, ja Fran von Hilbach, auch so was will gelernt sein!"
Es regnete immer, immerfort! seit acht Tagen, und die Kurfremdcn langweilten sich, wurden schlechter Laune, und Frau von .Hilbach hatte wirklich das Gefühl, als galten all die traurigen Gesichter ihr; sie las einen Mrwurf I in den Minen ihrer Gäste, wenn die übers Wetter klagten, I und sie sah wohl hundertmal am Tag nach dem Hmnnel, I der wie ein großes, graues Bleidach über der Saale hing-
Die Wege, die vom Witwenhaus nach rechts und links I führten, waren grundlos. Die Kosy hatte rar stucklang I Bretter gelegt, aber das nützte auch nicht viel, rm Gegen-« I fxil, eins von den kleinen Mädchen, die tu der Natusius I Stube wohnten, fiel von dem Brett in den Schmutz und die I Mutter kam empört zur Frau von Hilbach und verlangte! I die Entfernung der Bretter. ~ f4vd
I Fran von Hilbach spielte Skat ober Domino und S^ftal I mit ihren Badegästen und vertröstete sie, denn die Kosh | hatte am Morgen ein Stückchen blauen Htmmel gesehen» 1 hisser Trost wurde bald hinfällig: es regnete immer starke
In Naumburg mar der Wein billig und gut, sie ließ I ihn gleich int großen kommen, eine ganze Kiste voll, die 1 stellte sie hinter bett Herd in die Küche, da war er sicher, und sie brauchte nicht weit zu laufen, wenn sie eine neue I Flasche nötig hatte.
Sie merkte nun nichts mehr von der quälenden Hitze, I die tagsüber in ihre Räume gekrochen kam; das Wehr I rauschte nicht mehr zu laut, die Uhr hätte ihr Ticken ver- I gefreit, und in der Nacht war das Bett neben ihr nicht mehr leer. Da lag der Küster leibhaftig und schlief, und morgens, wenn sie sein Bett machte, schüttelte sie den Kopf I und dachte: „Früher hat er doch unruhiger geschlafen. Jetzt I schont er die Kissen!"
Kein Mensch im Hans hatte jetzt Zeit, sich um die I arme Küsterin zu kümmern. Sie hatten alle ihre Hände voll I zu tun. Es ging den ganzen Tag treppauf, treppab im Witwenhaus, man rief und läutete, lachte und schlug | Türen; wenn es regnete, spielten Berliner und Leipziger Minder Nachlaufen auf Gängen und Treppen, und die | arme, alte Treppe stöhnte und ächzte, denn sie war sonst I nur leichte Schritte gewohnt. Das Witwenhaus schien ärgerlich zu sein, daß so viel Lärm und Scherz in ihm getrieben I wurde. I
Wenn die Türen mit Gewalt geschlagen wurden, ging es wie ein leises Grollen durch die Wände. In der Natusius Stube löste sich- ein Nagel von der Wand und ließ einen großen Spiegel zur Erde fallen: ein fremdes Dienstmädchen zerschnitt sich die Hände an den Scherben und gab der Hausbesitzerin die Schuld.
Oben int ersten Stock riß der Sturm bet Nacht einen ganzen Fensterflügel heraus und warf ihn klirrend auf hie Straße; in der Häuflein Wohnung hatte sich die Schwelle der Balkontür gelockert und ließ an Regentagen das Wasser in die Stube laufen.
Fran von Hilbach war in einer beständigen Angst und Unruhe, sie war doch verantwortlich für alles und jedes und war doch selber noch so wenig fest, war doch nur so, wie einer, der sich von einer schweren Krankheit soeben erholt hat.
Die Kosy hätte jetzt angestrengten Dienst am Brunnen: Liese und ihre Mutter mußten zu zweit jede Minute wahr- nehmen, wenn sie in den kurzen Vormittagsstunden die vielen Zimmer aufräumen und allen Wünschen gerecht werden wollten- und weil Frau von Hilbach keine Geschäftsfrau tvar, faßte sie ihre Stellung fälsch auf, sah es als Pflicht an, lästige Einladungen zu weiten Spaziergängen oder Konzerten anzunehmen, ließ sich die Lebensschicksale wildfremder Menschen anvertraueu und hätte am liebsten ihre


