Ausgabe 
27.9.1911
 
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^uwartschaft a!uj den Ehrenpreis von Wessex gehabt Härte, Mtü d,e rätselhafte Ermordung des Stallmeisters John ©trafer. Als Holmes nur daher plötzlich mitteilte, er ivolle sich auf den Schau­platz des Dramas begeben, hatte ich bereits auf diesen Entschluß! von seiner Seite gewartet und gehofft.

. würde dich sehr gern begleiten, wenn ich dir nicht Mit Wege bin," sagte ich.

Du tütest mir den größten Gefallen damit, lieber Watson, »UZ wäre es durchaus keine Zeitverschwendnug; der Fall ent­halt nämlich so interessante Einzelheiten, daß er wohl in seiner 'Art einzig dasteht. Wir können, glaube ich, unscrn Zug gerade M J!1 Buddington erreichen Und unterwegs will ich eingehender Niit dir Uber die wache reden. Bitte nimm auch deinen aus­gezeichneten Feldstechermit, wir brauchen ihn vielleicht."

= 'aP ttf) beitn etwa eine Stunde später in der Ecke eines Knpces erster Klasse und während der Bahnz'ug mit uns Nach Exter davoiiiaustc vergrub Sherlock Holmes sein scharfgeschnittenes, aur.'drnckvvollcs Gesicht, das von einer Reisemütze mit Ohrenklappen chwrahmt war, in einen Haufen neuer Zeitungen, die er sich in Paddington getauft hatte. Erst als Reading langst hinter Uns lag, warf er die letzte Nummer unter den Sitz und holte seine Zigarrcntaschc heraus.

Wir fahren rasch," sagte er, nachdem er einen Blick aus deut Fenster geworfen und auf seine Uhr gesehen hatte,unsere Fahrgeschwindigkeit beträgt augenblicklich dreiundfünfzig und eine halbe Meile in der Stunde."

Ich habe mir nicht die Zeit genommen, die Meilensteine zu zählen."

Ich auch nicht," erwiderte er.Wer die Telegraphen­stangen dieser Sinie haben einen Abstand von sechzig Men; da läßt sich's leicht berechnen. Vermutlich ist dir die Ermordung John Strakers und das Verschwinden von Silberstrahl schon samt allen näheren Umständen bekannt?"

Was derTelegraph" und dieKronil" darüber mittcilen, habe ich gelesen."

Bei diesem Fall ist es für die Schlußfolgerung wichtiger, die vorhaiidenen Angaben genau zu untersuchen, als sich nach immer neuen. Beweismitteln umzusehen. Tas Trauerspiel ist so ungewöhnlicher Art rind für eine große Anzahl Personen; von solcher Tragweite, daß uns die Uebersülle unbegründeter! Annahmen, Mutmaßungen und Voraussetzungen zu verwirren droht. Da gilt es vor allem', die nackten Tatsachen, soweit sie unleugbar unb bestimmt feststehen, von dem unnützen Bei- lverk zu trennen, welches Berichterstatter und Theoretiker hin- zugesügt haben. Erst ivcnn man eine sichere Grundlage gewonnen hat, ivird man Schlüsse ziehen und die besonderen Punkte ins Auge sassen können, um welche sich das ganze Geheimnis dreht. Am Dienstag abend bin ich sowohl von Oberst Roß, dem Eigen­tümer des Pferdes, als von Polizeiinspektor Gregory, dem der Fall übergeben ist, auf telegraphischem Wege um meinen Bei­stand gebeten worden."

Am Dienstag abend!" rief ich.Und heute ist schon Donnerstag. Warum bist dir denn nicht gestern Hingefahren?"

Weil ich mich in einem Irrtum befand, lieber Watson was leider häufiger vorkommt, als die Leute glauben mögen, die mich aus deinen Aufzeichnungen kennen. Ich hielt es näm­lich nicht für möglich, daß das berühmteste Reniipferd Englands lange verborgen bleiben köniite, noch dazu in einer so öden Gegend, wie der Norden von Dartmoor. Von Stunde zn Stunde habe ich gestern auf die Nachricht gewartet, daß man seinen Versteck entdeckt hat, und daß der Räuber des Pferdes zugleich John Strakers Mörder ist. Als aber die Zeitungen heute, außer der Festnahme des jungen Fitzroy Simpson nichts Neues brach- ten, da fühlte ich Wohl, daß etwas geschehen müsse und es für mich aii der Zeit sei, tätig einzugreisen. Inzwischen halte ich auch den gestrigen Tag nicht gerade für verloren."

Also hast du dir schon eine Theorie gebildet?"

Wenigstens ist mir klar geworden, welches die wesentlichen Tatsachen sind. Ich werde sie dir aufzählen, denn es gibt fein besseres Mittel, Licht über einen Fall zu verbreiten, als wenn man ihn jemand auseinandersetzt; auch kann ich ja nur auf deine Mitwirkung rechnen, wenn ich dir 'zeige, welchen Stand­punkt ich selbst einnehme."

Ich lehnte mich nun in die Kissen zurück und rauchte meine Zigarre, während Holmes vornübergebeugt dasaß, einen kurzen Umriß der Ereignisse entwarf, Ivelche uns zu der Reise ver­anlaßt hatten, und dabei mit dem langen, dünnen Zeigefinget auf der Fläche seiner linken Hand die verschiedenen Punkte be­schrieb, die ihm wichtig erschienen.

Silberstrahl," sagte er,ist ein Abkömmling des berühmten Jsouomy und feine Laufbahn war ebenso glänzend wie die seines großen Vorfahren. Das Pferd steht im fünften Jähr unb hat seinem' glücklichen Besitzer, Oberst Roß, nacheinander bereits sämt­liche Nennpreise eingebracht. Auch der Ehrenpreis von Wessex war ihm, nach allgemeiner Ansicht, so gut wie gewiß; die Wetten verhielten sich wie drei zu eins. Überhaupt ist Silberstrahl von jeher der bevorzugte Liebling des Rennpublikums gewesen Und hat die auf ihn gesetzte Hoffnung noch nie getäuscht; gelegent­lich find wahrhaft riesige «summen auf das Pferd gewettet worden. Hieraus ist leicht ersichtlich, daß eine Menge Laute das stärkste

Interesse daran haben Müßten, sein Erscheinen auf dem Remv- platz am nächsten Dienstag zu verhindern.

Auch in Kings Pyland, wo Oberst Roß seinen Reitstall Kai<roncm 'dieser Tatsache wohl bewußt und traf um- fassende Maßregeln zum Schutz des edeln Tieres. John Straker

früherer Jockei des Obersten, hatte bei allen Wettrennen! dessen Farben getragen, bis sein Gewicht zu schwer würde. Fünf ^zahre ist er als Jockei und sieben Jahre als Stallmeister bei seinem Herrn gewesen und hat den Dienst stets mit Treue nndi ©tta versehen. Sern Amt tvar übrigens nicht beschwerlich, denn alles in allem standen nur vier Pferde unter seiner Obhut Midi er halte drei Stallknechte zur Verfügung. Einer .Von diesen Knechten pflegte die Nacht über im Stall zn wachen, während die andern auf dem Heuboden schliefen. Alle drei standen im' ücftett Ruf und galten für vollkommen zuverlässig. Straker war verheiratet und wohnte in einem kleinen Landhaus, das kaum' zweihundert Meter von den Stallgebäuden entfernt liegt; er hatte kenie SHnber, hielt sich eine Dienstmagd unb lebte in guten Verhältnissen. Die Gegend riind umher ist einsam, doch hat ein Bauunternehmer aus Tavistock etwa eine halbe Meile nach Norden hm ein kleines Villenviertel errichtet, um Erholungsbedürftigen! oder ändern Sommerfrischlern, die in der reinen Luft von Dart­moor,Stärkung suchen, Unterkunft zn gewähren. Der Ort Tavi­stock lelbst liegt zwei Meilen nach Westen; jenseits des Moors befindet sich in gleicher Entfernung die große Pferdezüchtereii von Capleton, welche Lord Backwater gehört; der dortige Auf- seher heißt Silas Brown. Nach jeder andern Richtung hin ist das Moor völlig verödet unb dient nur einigen herumziehenden Zigeunern zum Aufenthalt,

So ungefähr standen die Tinge am letzten Montag abend/ ehe das Unglück geschah. Nachdem die Pferde ihren gewöhnlichen Uebungsritt gemacht hatten unb getränkt worden waren, ver­schloß man um neun Uhr den Stall. Zwei von den Knechten begaben itch nach Strakers Hans, wo sie in der Küche zu Abend aßen, während Eduard Hunter, der dritte, als Wächter zurück­blieb. Einige Minuten nach neun brachte ihm die Tienstmagd, Edith Baxter, fein Nachtessen, das in einem Teller voll Hammel- ragout bestand. Sie nahm kein Getränk mit, da Wasserleitung im Stall war und der Knecht, der die Wache hatte, nichts anderes trinken durfte, das galt als strenge Regel.

Edith Baxters Weg führte über das offene Moor, und da es ganz dunkel war, nahm sie eine Laterne mit. Als sie sich dem Stall bis auf etwa dreißig Meter genähert hatte, tauchte plötzlich aus der Finsternis ein Mann auf Und rief sie an. Er trat in den gelben Lichtkreis der Laterne und sie sah, daß er beit besseren Ständen angehörte; er trug einen grauen Anzug aus leichtem Wollenstoff, Gamaschen und eine Tuchmütze, in der Hand! hielt er einen schweren Stock mit dickem Knauf. Was ihr am! meisten ausfiel, war jedoch die entsetzliche Blässe seines Gesichts Und fein ängstliches Benehmen; nach ihrer Ansicht mochte er eher über als unter dreißig Jahre alt fein.

Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich bin?" fragte er. Ich hatte mich schon darein ergeben, die Nacht auf dem Moor zu- zubringen, als ich das Licht Ihrer Laterne sah."

Sie sind dicht bei den Stallgebäuden von Kings Pyland," versetzte sie.

Wirklich! Nun, das nenne ich einen Glücksfall!" rief er. Mair hat mir gesagt, daß dort nur ein Stallknecht wohnt; vielleicht wollen Sie ihm eben sein Abendbrot bringen. Ich denke. Sie löcrbeii nicht zu stolz sein, um sich das Geld M einem neuen Kleide zu verdienen, nicht wahr? Nun gut, wenn Sie dem Knecht noch heute abend dies hier zukommen lassen," er nahm ein kleines, zusammeiigefaltetes Papier aus der Westentasche,so sollen Sie den hübschesten Anzug haben, den man zu kaufen bekommt."

Die Magd erschrack, als er fein Anliegen so dringend vor­brachte, unb lief rasch an ihm vorbei nach dem Fenster hin, durch welches sie das Essen hineinzureichen pflegte. Es luar schon geöffnet und .Hunter saß drinnen an einem kleinen Tisch. Eben erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen sei, als der Fremde selbst herzutrat.

Guten Abend," sagte er, durch das Fenster blickend;ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen reden." Das Mädchen hat eidlich versichert, daß sie, während er sprach, eine Ecke des weißen Papierpäckchens in seiner geschlossenen Hand bemerkte.

Was haben Sie hier zu suchen?" fragte der Knecht.

Etwas, wobei Sie ein gutes Stück Geld verdienen können," lautete die Antwort.Sie haben zwei Pferde hier, die für den Wessex-Preis rennen sollen Silberstrahl und Bayard. Schenken Sie mir klaren Wein ein, und es soll Ihnen nicht zum Schaden gereichen. Ist es wahr, daß Bayard dem andern beim Proberennen auf fünf Achtelm'eilen hundert Meter Vorsprung abgewonnen hat, Und daß das Stallpersonal auf ihn wetten will?"

Also, Sie sind so ein verdammter Schwindler," rief Hunter. Warten Sie nur, ich zeige Ihnen gleich, wie wir solchem Pack in Kings Pyland mitspielen." Er sprang auf und lief nach dem Stall hinüber, um den Hund loszuketten. Das Mädchen ergriff eilends die Flucht, blickte jedoch noch -einmal zurück unb sah, wie der Fremde sich zum Fenster hineinlehnte. Als Hunter gleich darauf mit dem Hund herausgestürzt kam, war jener verschwunden und keine Spur von ihm zu entdecken, obwohl bet Stallknecht rings UM das Haus herumsuchte."