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Ich öffnete schweigend die Tür für sie und folgte ihr hinaus. ,
Wir fanden den Gärtner wie gewöhnlich bei der Arbett. Er tonnte uns aber leider nichts sagen, als daß die Frau sehr eilig in südlicher Richtung davongegangen sei.
Das Dorf lag südwärts vom Hause. Daher begaben wir uns nunmehr ins Dorf.
X.
In Limmeridge setzten wir unsere Nachfragen geduldig in allen Richtungen und unter allen Arten von Leuten fort.
Als wir an der Schule vorübergingen, schlug ich vor, noch den Schulmeister zu befragen. Wir fanden die Türe halb geöffnet, und die Stimme des Schulmeisters drang deutlich bis zu uns hin, als wir einen Augenblick im Borhäuschen stille standen.
Jetzt Jungen, sagte die Stimme, paßt auf, was ich euch sagen werde. Wenn ich in dieser Schule noch ein Wort von Gespenstern sagen höre, so soll es euch schlimm ergehen. Ihr alle seht Jakob Pastlethwaite, der dort zur Strafe in der Ecke auf dem Schemel steht. Erlist bestraft worden — nicht, weil er gesagt hat, daß er gestern abend ein Gespenst gesehen, sondern weil er zu frech und halsstarrig ist, um Vernunft anzunehmen; und weil er darauf besteht, zu behaupten, daß er ein Gespenst gesehen hat, nachdem ich ihm gesagt habe, daß dies unmöglich ist.
Es scheint, wir haben einen ungünstigen Augenblick zu unserem Besuche gewählt, sagte Miß Halcombe, indem sie am Schlüsse der Rede des Schulmeisters die Tür anf- stieß und mir voran ging.
Unser Erscheinen machte große Sensation unter den Küaben. Sie schienen zu denken, daß wir ausdrücklich kamen, um Jakob Pastlethwaite an der Wand stehen zu sehen. •
Wir kamen, um eine Frage an Sie zu tun, Mr. Dempster, sagte Miß Halcombe zum Schulmeister, und waren wenig darauf vorbereitet, Sie damit beschäftigt zu zu finden, ein Gespenst zu beschwören. Was soll dies alles bedeuten? Was hat sich in Wirklichkeit zugetragen?
Dieser böse Bube, Miß Halcombe, hat die ganze Schule in Angst gejagt, indem er behauptet, gestern abend ans dem Kirchhof ein weißes Gespenst gesehen zu haben, antwortete der Schulmeister. Und trotz allem, was ich ihm sagen kann, bleibt er noch immer bei seiner albernen Geschichte.
Sehr sonderbar, sagte Miß Halcombe. Ich hätte kaum geglaubt, daß unsere Knaben Einbildungskraft genug besäßen, nm ein Gespenst zu sehen. Dies ist in der Tat ein neuer Zuwachs zu der schweren Arbeit, den Geist der Jugend von Limmeridge zu bilden — und ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie es bald überstanden haben mögen, Mr. Dempster. Inzwischen erlauben Sie mir, Ihnen zu erklären, weshalb Sie mich hier sehen und was ich wünsche.
Sie legte dann dem Schulmeister dieselbe Frage vor, die wir schon an fast alle Bewohner des Dorfes gerichtet hatten. Er gab dieselbe entmutigende Antwort, worauf wir die Schule verließen.
Der Auftritt im Schulzimmer hatte in mir einen Verdacht bestätigt, den ich beim Lesen des anonymen Briefes gefaßt hatte.
Ich sagte aber nichts davon. Ans meine Bitte führte mich Miß Halcombe zum Friedhöfe, wo sie mich allein ließ, um wieder zu Laura zurückzukehren.
Die Kirche, ein trauriges Gebäude von grauem Stein, lag in einem kleinen Tale. Der Begräbnisplatz zog sich von der Seite der Kirche ein wenig den Hügel hinauf. Er war von einer rohen niedrigen Steinmauer umgeben und lag ganz frei da, außer an der Stelle, wo ein kleiner Bach dahinfloß und ein Gebüsch von kleinen Bäumen deren schmale Schatten auf das kurze, magere Gras warf. Gerade jenseits des Baches und der Bäume und nicht weit von den drei steinernen Tritten, über die man an verschiedenen Stellen in den Kirchhof stieg, erhob sich das weiße Marmorkreuz, welches Mrs. Fairlies Grab von den bescheidenen Monumenten, die es umgaben, unterschied.
Ich ging sofort in den Kirchhof hinab und stieg über den Tritt, welcher geradewegs zu Mrs. Fairlies Grabe Mrte.
Das Gras umher war zu kurz und der Boden zu hart, um Fußspuren zu zeigen. In dieser Erwartung getäuscht, betrachtete ich dann aufmerksam das Kreuz und den vier
eckigen Marmorblock unter demselben, in welchen die Jst- schrist graviert war.
Die natürliche Weiße des Kreuzes hätte hier und dort vom Wetter gelitten, und etwas mehr als die Hälfte des Blockes war auf der Seite, welche die Inschrift trug, in demselben Zustande. Die andere Hälfte indessen zog sogleich durch ihre vollkommene Sauberkeit meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich sah näher darauf hin und bemerkte, daß sie gereinigt — ganz kürzlich gereinigt worden war, in einer Richtung von oben nach unten. Die Linie zwischen dem gereinigten und dem nicht gereinigten Teile war an der Stelle zu erkennen, wo die Inschrift den Marmor frei ließ — deutlich als eine Linie zu erkennen, welche durch künstliche Mittel hervorgebracht worden. Wer hatte das Reinigen des Marmors angefangen, und wer hatte es unbeendet gelassen?
lJch schaute umher voll Neugierde, das'Rätsel zu lösen. Von der Stelle, an der ich stand, Ivar keine Wohnung zu sehen: der Begräbnisplatz war int ausschließlichen Besitze der Toten. Ich kehrte zur Kirche zurück und ging daran hin, bis ich zur tzinterseite des Gebäudes kam; dann stieg ich vermittelst eines der anderen Tritte über die Grenzmaner nnd fand mich am Eingänge eines Pfades, welcher zu einem verlassenen Steinbrnche führte. Gegen die eine Seite dieses Steinbruchcs lehnte sich eine kleine zwcistnbige Wohnung; und vor der Tür war eine alte Fran mit Wüsche beschäftigt.
Ich ging zu ihr heran nnd fing eine Unterhaltung über die Kirche und den Begräbnisplatz an. Die Iran ging bereitwillig genug darauf ein; und gleich die ersten Worte, die sie sprach, unterrichteten mich, daß ihr Manu das Amt des Küsters und Totengräbers inne habe. Ich sagte dann ein paar lobende Worte in bezug auf Mrs. Fairlies Monument. Die alte Frau schüttelte den Kopf t'wd sagte mir, ich hätte es in keinem vorteilhaften Zustande gesehen. Es wäre ihres Mannes Geschäft, darnach zu sehen, aber er sei schon seit vielen Monaten so schwächlich nnb unwohl, daß er nur mit der größten Anstrengung imstande gewesen, Sonntags nach "der Kirche zn schleichen, um sein Amt zu verrichten, und das Monument sei infolgedessen! etwas vernachlässigt. Jetzt aber gehe es ihm besser und er hoffe, in einer Woche kräftig genug zu fein, um sich daran zu machen und es zu reinigen.
Dieser Bericht sagte mir alles, was ich besonders zu wissen wünschte. Ich gab der armen Frau eine Kleinigkeit und kehrte sofort nach Limmeridge House zurück.
Die teilweise Säuberung des Monumentes war also offenbar durch eine fremde Hand geschehen. Indent ich das, was ich bis hierher entdeckt hatte, mit dem zusammen- hielt, was ich gcargivöhnt, als ich von dem Erscheinen des Gespenstes int Zwielicht gehört hatte, bedurfte cs weiter nichts, um meinen Entschluß, heute abend heimlich Mrs. Fairlies Grab zu bewachen, zu befestigen; ich beschloß, um Sonnenuntergang dorthin zurückzukehren und bis Einbruch der Nacht zu warten. Die Säuberung des Monumentes war unbeendet geblieben, nnd die Person, welche sie angefangen, mochte vielleicht zurückkehren, um sie zu beenden, .
(Fortsetzung folgt.)
Zilberstrahl.
Delektivgeschichte von Conan Doyle
„Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, Watson, als hinzugehen," sagte Holmes eines Morgens zu mir, als wir beim Frühstück saßen.
„So! Wohin denn?"
„Nach Dartmoor — nach Kings Pyland/
Das überraschte mich nicht; im Gegenteil, ich hatte mich schon gewundert, daß er nicht längst zur Mitarbeit an deut ungewöhnlichen Fall aufgefordert worden war, der in ganz England das Tagesgespräch bildete. Bjü gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, war nretn Gefährte einen ganzen! Tag lang ruhelos int Zimmer auf- und abgegangen, hatte immer wieder den stärksten schwarzen Tabak in seine Pfeife gestopft und war für alle meine Fragen und Bemerkungen stocktaub gewesen. Die neuesten Nummern sämtlicher Tagesblätter, die unser Zeitungsagent ihm zuschickte, überflog er nur mit einem Blick Und warf sie dann in Len Winkel. Er blieb sturUm, aber ich! wußte genau, worüber er brütete. Es lag ja nur e i n Fall vor» der genug öffentliches Aufsehen erregte, um ihn zu bewegen, die ganze Kraft seines kritischen Scharfsinns aufzubieten, nämlich, das seltsame Verschwinden des Rennpferdes, welches die größte!


