Ausgabe 
27.2.1911
 
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Wv Sttt fejitin, offenen Blick eines Mannes, Lern das angenehme Loos zu teil geworden ist, stets befehlen, zu dürfen und lederzeiti Gehorsam zrr finden. Sein Wesen war lebhaft, nitb doch machte seine ganze Erscheinung keinen jugendlichen Eindruck mehr, beim er hielt sich ein klein wenig vorgebmgt und sarrk beim Gehen etwas in die Knie. Als er derr hochkrempigen Hut abnahm, zeigte sich auch sein Haar ringsum an den Spitzen ergraut, «md auf dem Scheitel dünn.. Sein Airzug war von einer fast stutzerhaften Eleganz: hoher Kragen, schwarzer Gehrock, weiße Weste, gelbe Handschuhe. Lackstiefel und helle Gamaschen. Er trat mit, ge­messenem Schritt ein, drehte dabei den Kopf von eurer Werte zur anderrr tzrnd ließ den goldenen Nasenklemmer nm seine rechte Hand tanzen.

Guten Tag, Lord St. Simon," sagte Holmes, indem er vufstand und sich verbeugte;bitte, nehmen Sie Platz im Arm- stuhl. Dies ist mein Freund nnb Kollege, Dr. Watson. Setzen Sie sich etwas näher zum Feuer, dann wollen wir die Ange­legenheit besprechen."

Eine höchst peinliche Sache für mich, wie Sie sich, leicht Vor siel len können, Herr Holmes. Der Schlag hat mich bis ins Mark getroffen. Man sagt mir, daß Sie schon mehr heikle Fälle dieser Art unter den Händen gehabt haben, jedoch wohl kaum tzus denselben Kreisen."

Nein, aus weit vornehmeren."

-Wie sagten Sie, bitte?"

Mein letzter Klimt dieser Art wär ein König."

O wirklich! Davon hatte ich keine Ahnung. Und welcher König war das?"

Der König von Schweden und Norwegen."

Was? War ihm auch seine Frau abhanden gekommen?" Sie werden begreifen," erwiderte Holmes in sanftem Tone, daß ich die Verschwiegenheit, die ich Ihnen in Ihren Angelegen­heiten zusichere, in gleicher Weise auch meinen übrigen Klienten gegenüber beobachte."

Natürlich! Ganz recht! Ganz recht! Bitte sehr um Ver- gebung. Was meinen eigenen Fall betrifft, so bin ich bereit, Ihnen jeden Aufschluß zu geben, der Ihnen förderlich sein kann."

Danke. Was in den Tagesblättern darüber steht, weiß ich bereits alles, aber sonst nichts. Ich setze voraus, daß ich bereit Inhalt als richtig annehmen darf so z. B. auch den Artikel, der sich auf das Verschwinden der Braut bezieht."

Lord St. Simon überflog denselben.Allerdings; was darin steht, ist richtig."

Doch bedarf er noch der Vervollständigung, bevor man sich eine Ansicht in der Sache zu bilden vermag. Ich glaube, ich könnte mir das nötige Material am besten verschaffen, wenn ich Ihnen direkt Fragen stellte."

Bitte, tun Sie das nur."

Wann trafen Sie zum erstenmal mit Fräulein Hatty Daran zusammen?"

In San Francisco, vor einem Jahr."

Sie befanden sich damals auf einer Reise in den Vcr- eiuigten Staaten?"

Ja."

Verlobten Sie sich damals schon?"

Nein."

Aber Sie standen auf freundschaftlichem Fuße mit ihr?" Ich saird Vergnügen an ihrer Gesellschaft, und sie konnte ftud) wohl merken, daß dies der Fall war.,"

Ihr Vater ist sehr reich?"

Er gilt für den reichsten Mann an der ganzen Westküste." Und womit verdiente er sein Geld?"

Mit Bergbau. Vor wenigen Jahren war er noch ohne Vermögen. Nun grub er auf Gold, und machte dabei so glän­zende Geschäfte, daß er mit Riesenschritten vorwärts kam."

Nun, und was ist Ihr Eindruck von dem Charakter der jungen Dame Ihrer Gemahlin?"

Der Edelmann ließ seinen Klemmer noch etwas rascher tanzen und blickte starr in das Kaminfeuer.Sehen Sie Herr Holmes," begann er,meine Gemahlin war schon zwanzig Jahre alt, ehe ihr Vater ein reicher Mann wurde. Bis dahin war sie in einem Goldgräberdorf frei nmhergelaufen und durch Wälder und Berge geschweift, so daß ihre Erziehung mehr auf Rechnung der Natur als des Schulmeisters zu fetzen ist. Sie ist, was man einen Wildsang nennt Eine starke, ungestüme, freie, durch keinerlei alte Ueberlieferungen beengte Natur. Sie ist rasch fertig mit ihrem Urteil und kennt keine Furcht, wenn es gilt, ihre Entschlüsse äuszusühreu. Auf der anderen Seile würde ich ihr nicht den Namen gegeben haben, den ich die Ehre habe zu tragen (liier ließ er ein kurzes vornehmes Hüsteln hören), hätte ich sie nicht für xm durchaus edel geartetes Wesen gehalten. Ich glaube, daß sie heroischer Amvpscrung fähig ist und daß die geringste Unehrcn- bastigkcit ihr widerstreben würde."

Besitzen Sie ihre Photographie?"

DaS hier habe ich bei mir." Dabei öffnete er ein Etui, totoi ließ uns ein äußerst einnehmendes weibliches Bildnis sehen. Es war fetne Photographie, solidern eine Miniaturmalerei auf Elfenbein, ,n welcher der Künstler das glänzend schwarze Haar, die großen dunklen Augen, den ausgesucht schönen Mund zu vvller Wjrtmig zu bringen gewußt hatte, Holmes betrachtete

das Porträt lange und aufmerksam, dann schloß er das Etui wieder und gab es bent Lord zurück.

Die junge Dame kam hierauf nach Loudon, und Sie knüpfte« hier die Bekanntschaft wieder an?"

Jawohl. Ihr Vater brachte sie zur diesjährigen Saison herüber. Ich traf mehrmals mit ihr zusammen, bis ich mich mit ihr verlobte und kürzlich heiratete."

Sie hat, wenn ich recht berichtet bin, eine beträchrlWe Mitgift erhalten?"

Eine ganz hübsche Mitgift, Nicht größer, als es in meiner Familie üblich ist."

Und diese Mitgift verbleibt nun natürlich Ihnen, nachdem die eheliche Verbindung zur Tatsache geworden ist?"

Danach habe ich mich wirklich noch nicht erkundigt."

Das läßt sich denken. Waren Sie mit Ihrer Braut am Tage vor der Hochzeit zusammen?"

Jawohl."

War sie da guter Laune?"

In so froher Stimmung als jemals. Sie machte fort* während Pläne für unsere Zukunft."

Wirklich? Das ist höchst merkwürdig. Und am Hochzeits- morgcn?"

War sie so heiter als nur möglich. Wenigstens bis nach der Trauung."

Und haben Sie nach der letzteren eine Veränderung an ihr bemerkt?"

Nun ja, Um die Wahrheit zu gestehen, erfuhr ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal, daß sie auch etwas heftig werden kann. Das Vorkommnis war übrigens zu unbedeutend, um ein Wort darüber zu verlieren, und hat keinerlei Bedeutung für den von* liegenden Fall."

Bitte, teilen Sie es uns trotz alledem mit."

Ach, es hört sich wirklich kindisch an. Während wir auf die Sakristei zugingen, ließ sie ihr Bukett fallen. Sie schritt gerade an der vordersten Sitzreihe vorüber, und so fiel es in einen der Kirchenstühle hinein. Dies verursachte einen Aufent­halt von einigen Augenblicken, allein der auf dem Platze besindliche Herr händigte ihr den Strauß sogleich wieder ein, mich schien er durch den Fall nicht gelitten zu haben. Trotzdem gab sie mir auf meine Bemerkungen über den Vorfall nur abgerissene Ant­worten, und während unserer Fahrt nach Hause zeigte sie eine unbegreifliche Erregung über dieses unbedeutende Vorkommnis."

Wirklich!! Wie Sie sagen, befand sich ein Herr in bent Kirchcustuhl. Es waren also Leute aus dem Publikum zugegen?"

O ja. Tics läßt sich unmöglich Berni eiben, wenn die Kirche offen ist."

Jener Herr gehörte nicht zu den Bekannien Ihrer Ge­mahlin?"

Nein, nein. Ich neune ihn nur ans Höflichkeit einem Herrn: es war ein ganz gewöhnlich aussehendcr Mensch, den ich kaum bemerkt hatte. Aber ich glaube, wir schweifen ziem­lich weit von unserem Ziele ab."

Ihre Gemahlin war also bei der Rückkehr von der Trauung in einer weniger heiteren Stimmung als auf dem Hinweg. Was tat sie nach der Ankunft im väterlichen Hause?"

Da sah ist sie im Gespräch mit Alice, ihrem amerikanischen- Kammermädchen, das sie ans Kalifornien mitgcbracht hat."

Wohl eine vertraute Dieiicrui?"

Ja, nur etwas zu sehr. Mir scheint, als gestatte sie sich ihrer .Herrin gegenüber große Freiheiten. Doch sieht man der­artige Verhältnisse in Amerika natürlich etwas anders an."

Wie lange dauerte dieses Gespräch?"

Nur ein paar Minuten. Ich dachte gerade an etwas anderes." Sie haben nicht gehört, um was es sich handelte?" Meine Fran fprach etwas vonin fremdes Gehege komme«"« Ich habe keine Ahnung, was sie damit meinte."

Und was tat Ihre Gemahlin nach dem Gespräch?"

Sie bdgab sich in das Speisezimmer."

An Ihrem Arm?"

Nein, allein. In solchen Kleinigkeiten war sie sehr selb­ständig. Wir mochten etwa zehn Minuten bei Tische gesessen, haben, als fie eilig aufstand, einige Worte der Entschuldigung murmelte und den Saal verließ, um nicht wiederzukehren."

Wenn ich recht verstanden habe, so wäre sie nach Aussage des Kammermädchens auf ihr Zimmer gegangen, hätte einen langen Mantel über ihr Brautkleid umgeworfcn, einen Hut auf­gesetzt und das Haus verlassen."

Ganz richtig. Daraus wurde sie noch'im Hyde-Park zu­sammen mit der Flora Millar gesehen, die an jenem Vormittag! bereits in Herrn Dorans Haufe eine Störung verursacht hatte und inzwischen verhastet worden ist."

Ganz richtig. Ich darf Sie wohl um einige genauere Auskunft über diese junge .Dame und Ihre Beziehungen zu der­selben bitten."

Lord St. Simon zuckte die Achseln und zog die Augen­brauen in die Höhe.Wir haben ein paar Jahre lang auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden ich darf woU sagen: auf sehr freundschaftlichem Fuße. Sie war meist am Allegro" befchästigt. Ich habe nicht umwbel an ihr gehandelt, fixud sie hatte keinen triftigen Grund zur Klage über mich; stet Sie wisfep ja, wie die Weiher find, Herr No«