Ausgabe 
26.4.1911
 
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in seiner Seele Not selbst nicht aus noch ein wüßte, uns' einen unendlichen Trost für den Lebensweg mitgegeben. Wir treffen einen Menschen wieder, an den wir jahrelang! Nicht gedacht, wir reden mit ihm kürze Worte, wir finden ihn unverändert und doch im Hafen, scheinbar tm Hafen, im Bannkreis anderer Menschen, in der Hut seiner Familie h- und es schmerzt uns, weil wir noch auf offener See treiben. Wir find verstimmt, traurig, fast trübsnnrger denn vorder.

Und dann kommt der Jahrmarkt des Lebens: wir lachen über die anderen Menschen, die Laune kehrt zurück, ja der Umschlag erfolgt, weil wir ein Fenster geöffnet und das Meer gesehen, das wir tausendmal sahen.

Was geschah? Weil der Mond schien und die Blumeu- dufte Zogen? Weil wir einen dunklen Mädchenkopf erblickt? Weil eine umflort) Stimme süß in der Mondennacht klang?

Wer wird die Rätsel der Seele lösen? Ja, es schien der Mond, ja, die Düfte wehten! Ja, drüben glitzerte das Meer! Und über uns standen des Himmels funkelnde Sterne. Und unter mir sprach flüsternd ein Menschenkind. In meiner Seele aber kam leise alte Seligkeit und Jugend heraus, und süß wieder wie einst erschien mir an diesem Albend das Leben!

Am andern Morgen stand ich frischer auf deun seit Jahren, die mich das Alleinsein > ich will esdas Altern" nennen bedrückte. Ich war lustigich wußte nicht warum. Mir ging alles von der Hand wie nie. Das Rasieren, das mir sonst manchen Fluch, meist zwei Messer, immer aber doppeltes Einseifen gekostet, glückte mir aufs erste Mal so, daß ich ein Kinn hatte, glatt wie ein Knabe. Dann ging ich in den Park. Ich kletterte zu meiner Bank hinüber, starrte auf das Meer und überlegte mir, indem die Erinnerung an den Abend wiederkehrte, wer wohl die beiden Damen in dem Zimmer unter mir sein möchten. Gewiß Neuankömmlinge, denn sonst kannte ich doch, jeden Menschen im Hotel. ,

Nun, mein Freund, der Kellner, mürbe mich ja auf­klären.

Aber das Erstaunliche geschah: er wußte wohl, daß die Familie Vater, Mutter, Tochter abends einge­troffen waren, aber er hatte sich noch nicht um sie kümmern Wunen, da er doppelten Dienst gehabt, denn einer der Kollegen, der sich den Arm im Speisenaufzuge geklemmt, war arbeitsunfähig geworden.

Der Leipziger wußte nicht einmal den Namen der Sente. Links von mir war der Tisch für sie gedeckt. Ich war ganz pünktlich erschienen, und während ich meine Ser­viette auseinanderfaltete, traten die neuen Gäste ein. Ge­schlossen, im Gegensatz zu den Chappuis aus Paris. Dafür waren es aber auch" Deutfche, die zusammenhielten, wo, wie es schien, Mann und Frau so einig waren, wie Eltern und Tochter.

Als sie kamen, wendete man an allen Tischen die Köpfe. Mer Vater ließ seine beiden Damen vorangehen. Sie waren mittelgroß, zierlich beide. Aber die Tochter schien nur Wesen und Gestalt von der Mutter zu haben. Das Gesicht war ganz das des Vaters, ins Weibliche übersetzt. Er war ein schöner Mann. Dunkel, mit braunen Augen, groß, offen, Aar. Wie er an den Tisch trat, hatte man das Gefühl: der weiß, was er will. Und doch wieder, als er 'die Plätze verteilte, glitt auf Frau und Tochter ein so warmer Blick, daß es zur Gewißheit ward: diesem Willen sich zu beugen, wird nicht hart sein, und gerne wird es wohl jede Frau tun, Henn was er verlangt, geschieht mir aus Liebe.

Ich saß so, daß ich das Mädchen unausgesetzt vor Augen hatte. Und nun konnte ich- während der Mahlzeit das Bild von gestern abend, wie ich es in halbem Lichte von oben erblickt, «mit der Wirklichkeit vergleichen.

Wie oft geht es so, wenn wir uns eine Vorstellung von einem .Menschen gemacht, dann die Enttäuschung gewaltig ist, nicht weil dieses unser Mitgeschöpf so abstoßend wäre, nur weil das Leben anders ist als unser Traum.

Ich hatte dieses Mädchen unter Umständen gesehen, die eine herbe Enttäuschung fast gewiß machten. War meine Stimmung von gestern abend nicht verrauscht? Schien hier der milde, weiße, Mond? Wehten balsamische Blumen­düfte zu mir? Lag vor meinen trunkenen Sinnen das Meer? Wo war das Rauschen, das Brechen, das ewige Anlaufen 6er Wellen?

Es war lichter, unbarmherziger Tag, daß ich Madame

Chäppuis' Puderwolke wie eine Kreideschicht auf ihrem Ge- ichte sah. Eben wurde ein neuer Gang aufgetragen, und 'tatt der Veilchen, der Rosen, der Nelken dufteten Sauce und Pommes fettes. Statt der stillen Seeflut, der monden­beschienenen, sah ich den gelbgeblümten Teppich auf dein' Boden des Speisesaals, die weißgedeckten. Tische, die 'chwarzen Röcke der Kellner. Und das einzige, das ich hörte, war das Klappern der weggelegten Messer, das leise Kritzeln der Gabeln auf den Tellern, das Klirren eines! Glases, an das ein Unvorsichtiger gestoßen hatte.

Und doch, so hatte ich mir in meinem Moiidentranme das Mädchen gedacht. Fein, zart, zierlich der Nacken, wie ich ihn gesehen, und darauf bewegte sich ein Kopf mit großen, schwarzen Augen, und die schwere Fülle des Haares hob zu weißer Milchfarbe die Zartheit des Teints. Jenes Seltene zeigte sich hier: Haar und Augen des Südens mit der Hautfarbe des blonden Nordens vereint. Die Erschei­nung war so bannend, daß ich die Augen nicht davon ließ.

Unbefangen blieb das Mädchen. Sie sprach mit den Eltern und hatte ihre Bücke nicht andierwärts. «v fiel es nicht auf, daß ich sie anftarrte wie ein Wunder. ^>a, wie ein Wunder, denn so schien sie mir. Ein süßes Rätsel, das mir das Blut ins Hirn trieb, das mein Herz klopfen machte, laut und stürmisch. So laut, so stürmisch, daß ich mich ganz erstaunt an der Brust faßte, wo dieses Ding!, sich abarbeitend, gegen den Eindruck sich zu wehre« schien. War ich wirklich wieder jung, daß es sich regte, daß e§ em Mädchenauge durch den Blick allein zum Toben trieb?

Ach ja, mein Herz, mein armes Herz, das längst zur Ruhe gegangen schien, mein Herz redete ängstliche Sprache in meiner Brust:Daß ich so lange geschwiegen, ich wache heute auf!" Die alte Leidenschaft kam über mich, das alte Unglück meiner jungen Jahre. Oder sollte ich es Glück nennen? Ja, Glück! O, heute war es Glück! Denn mir leuchteten die Augen, mir schlug der Puls, mir brannten die Wangen.

Der Pfeil des losen, kleinen Gottes saß klirrend in meinem Herz. Mir war es, als hörte ich förmlich noch des Bogens Sehne summen, schwirren, uachzittern. Ich empfand die Wunde, und die Last des Gefiederten zog ihn herab, daß die Spitze abbrach in meinem Herzen und saß nun tief und fest darinnen. Ich suhlte, wie ich nur je gefühlt, kein Arzt, keine Zeit zog sie heraus und schloß und vernarbte die Wunde.

Ich war voll tiefer, zitternder Glückseligkeit. Ich wußte, ich war ganz, ganz, ganz gewiß: die dort saß, ohne ein Auge zu mir zu wenden, gehörte mir. Sie aljitte wohl nichts davon, und doch war sie mir bestimmt. Sie hatte mit den Eltern gerade hierher kommen nttiffeu, sie mußte das Fenster öffnen gestern in der Mondennacht. Sie saß mir gegenüber, weil es nicht anders ging. _

Als sie sich.erhob und die zierliche Gestatt den «aal verließ, .blieb ich .ruhig auf meinem Platze, ein Lächeln um den Mund. Ich hatte keine Eile, den Kellner zu fragen: Wer sind die Leute?" Es war ja gleich. Ich erfuhr es beizeiten. Sie war ja mein.

Dann, als ich der einzige Gast geworden war, ging! ich hinaus in den Park. Auf eine Bank setzte ich mich, so gewendet, daß ich mein und ihr Fenster sah. Dort rauchte ich behaglich meine Zigarre und wartete. Ach, ich hatte ja Zeit, unendlich Zeit! Es dauerte denn auch nicht lange, so traten Mutter und Tochter oben ans Fenster. Sie schienen über den Blick zu sprechen, der sich ihren dunklen Augen bot. Mit graziöser Hand machte das Mädchen eine malende Geb erde, zeigte etwas, die beiden Köpfe lehnten sich fest aneinander, bann trennten sie sich wieder, und die ältere verschwand. Unbeweglich blieb das Mädchen stehen. Unbeweglich saß ich und bückte hinauf.

Wie sich der dunkle Kopf vom weißen Fensterladen abzeichnete! Wie das helle Gürtelbaud den zierlichen Um­fang dieses Mädchenleibes.umspannte! Wie alles faß und. ßaßte!

Aber würde die Seele dazu stimmen? Diese Seele, die doch nicht äußerlich sichtbar war wie ein glattes Lärv­chen, eine weiße Hand, ein schwarzes Ange? Das Bedenken kam mir nicht. Ich wußte, eine Enttäuschung konnte nicht fein, ja, mir war, als müßte ich im nächsten Augen bück die Bekanntschaft der Leute machen. Ich faß hier unten und wartete auf sie.

(Fortsetzung folgt.)