Ausgabe 
23.1.1911
 
Einzelbild herunterladen

UW

IWWWM n ^gtij itjnnacEPniy^ t ffTiiT

rve»

Das Witwenhaus.

Raman von Helene von Mühlau- Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.»

Im Handumdrehen hatten sie ihre Rollen gewechselt. IBon dem Augenblick an, da sie sich klar geworden war, daß sie ihre Zukunft nie an die dieses Mannes ketten würde und wenn er sie in Gold einbetten wollte, fühlte sie sich frei.

Was hatte doch ihr Mann so oft gesagt?Selbsb- bewußtsein und Frechheit imponieren immer Wehleidig­keit und Klagen werden immer verachtet!"

Ja, so hatte er gesagt, und er hatte recht.

Sie wurde sehr sicher und ein wenig hochmütig, und Lasker verlor mehr und mehr seine herablassende Art. Er ftaunte nur und fing an Respekt zu bekommen, und wie ie in die Wirtsstnbe der Katze eintraten, da spar ihm warm ums Herz geworden.

Donnerwetter, die war ja eine kleine Hexe, ordent­lich Temperament hatte die. Nur schade, daß sie so schmal und blaß und dadurch etwas unscheinbar war. Er hatte nun einmal eine Schwäche fiir volle, üppige Frauen.

Er bestellte Kaffee und Kuchen und echtes Pilsener, setzte sich neben Frau von Hilbach aufs Sofa und nahm den Jungen zwischen seine Kniee.

Nächste Woche kommt ihr wieder mit mir, was Kleiner? lmd to ernt'§ deiner Mutter gefällt, dann hol ich euch alle zwei Tage ab, und später--"

Ach!" machte das Jungchen und sah nach der Tür, die sich geöffnet hatte.

Frau Specht und Frau Häuflein standen mitten im Zimmer und sahen sich um, und wie sie Frau von Hilbach neben dem Herrn aus dem Schlitten auf dem Sofa sitzen sahen, da flog um der Specht Muird ein Lächeln, und dieses Lächeln kam Frau von .Hilbach vor, als sei eine kleine Schlange um den schmalen MUnd £er Specht ge­schlüpft, und auch die Häuflein lächelte von oben herab. Und sie begrüßten sich förmlich; dann setzten sich die beiden dem Tisch der Frau von Hilbach gegenüber, und Lasker sagte zweimal bewundernd:Eine schneidige Frau! Famose Figur!" Dabei schnalzte er mit der Zunge.

In der Gaststube zur Katze war es überwarm ge­heizt. Die Häuflein stand auf und legte langsam ihren Mantel ab, bann trat sie ans Lenster, und ihre tadellose Figur kam so recht glänzend zur Geltung. Laskers Blicke hinten wie gebannt an ihr.

Eine schöne Frau!" sagte er noch einmal, uitd Frau von Hilbach erzählte ihm leise, daß das auch eine von den Witwen sei, die in ihrem Hause wohnten, ititb zwar die einzige, die nicht arm sei. Ein toller Gedanke oeivog sie, den Lasker von sich abzuschieben und dieser

Frau zuzuwenden, und sie, die sonst den Mietern in ihrem Hause so zurückhaltend gegenüberstand, brachte es stetig, eine Vermittlung zwischen den beiden Tischen herbeizu­führen und machte die Damen mit Herrn Lasker bekannt, und wie die Wogen einer angeregten, überlustigen Unter­haltung so recht hoch schlugen, nahm sie ihr Kindam dis Hand, und ehe sie jemand halten konnte, hatte sw Btw schied genommen, war aus dem Wirtshaus heraus, xannte, als wäre sie verfolgt, und hielt erst ein, wie sie mckten im wirbelnden Schnee auf der einsamen Chaussee stand io® sicher wußte, daß niemand hinter ihr war.

Da sank sie auf einen abgesägten Baumstamm um» staunte über sich selbst und schüttelte den Kops. Erst wie das Bübchen ungeduldig und verwundert neben ihr stand, stieg ein tobender, wütender Schmerz in ihr auf.

O Gott, Gott," jammerte sie,was soll nun werden? Warum so viel Häßliches und Kleines? Warum läßt du mich so lang warten, lieber Gott??"

Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.

Mein ganzes Leben ist eine Täuschung, eine Luge!"- sagte sie trostlos.Bin ich ruhig, so sehne ich mich nach oem Leben, und kommt das Leben, dann laufe ich fort

Mütterchen, mir ist kalt!" sagte der Junge. Sie stand auf, nahm das Kind wieder an die Hand nnb ging lang­sam und müde über die verschneite Chaussee; und bei jedem Schritt war ihr, als müsse sie zusammenbrechen unter einer entsetzlichen, unsichtbaren Last.

Zu Hause fand sie den zierlich gedeckten Tisch; die hohe Stehlampe mit dem roten Schirm stand mitten darauf zwischen all den Leckerbissen, die die Kosh für den reichen Lasker aufgebaut hatte.

Frau von Hilbach lächelte wehmütig; es tat ihr der Kosy wegen leid, daß alles so gekommen war. Sie zog ihren Jungen aus, brachte ihn ins Bett und setzte sich wieder an ihren Fensterplatz.

Es war Rächt geworden, und der Himurel wölbte sich klar und blau über der weißen Landschaft. Von ferne hörte sie feines Glockengeläut: das war Laskers Schlitten, der über die Brücke flog. Eine Minute später hielt er vor ihrem Haus. Sie hörte lächert und plaudern.

Lasker half den beiden Mauen aus dem Wagen, un8 alle drei stiegen die Treppe hinauf. Nach einer halben Stim.de klopfte Frau Spechts Minna bei Frau von Hilbach an, brachte ihr die sechzig Pfennige, die die Kosh ihr zur Besorgung von Pilsener Bier aus demMutigen Ritter" gegeben hatte, stellte auch den leeren Krug auf den Tisch mtb erzählte, daß der Herr mit Frau Hänflein und Frau Specht zu Nacht esse und daß sie sich eine Punschbowle ge­braut hätten.

Frau von Hilbach erwiderte nichts. Nachdem das Mäd­chen gegangen war, räumte sie den Tisch ab und öffnete einen Augenblick die Fenster. Dann ging sie zu ihrem Kind ins Schlafzimmer, und ihr war zumut wie eineim der zwar sein ganzes Vermögen verloren, sich aber etwas.