Ausgabe 
21.12.1911
 
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Thomas Wallbotts Familienleben, Brautfahrt und Hochzeit.

Von Gg. Schäfer. I

(Schluß.)

Während der Wendmahlzeit unterhielt Förster Wäckerling die ; Tischgesellschaft mit einigen Jagdgeschichteu, die freundlich aut- I genommen wurden. Als er eine Pause machte, rief Heikel: I Freut niich, Herr Förster, ich habe kürzlich eine Frscherergeschlchte I erlebt, die ist wirklich passiert." I

Vetter Heibel, du mußt sie erzählen, hreß es von allen | ©eiten I

Freut mich! Also, ich sitz an der Nidder und angele; sch ich da einen armslangen Hecht stehen. Ich nicht sank, steck emen I fetten Regenwurm an die Angel und werfe sre aus; doch der I Hecht regt sich nicht. Ich mach mich näher heran und stoß dem I Fisch mit der Angelrute in die Seite; er schwimmt ein Stückchen I ab, dreht sich um und stellt sich auf den nämlichen Fleck. Dich soll eine Krot petzen! denk ich, leg, mich aus den Leib, rutsch be- I hutsam vor und schau von der Seit ins Wasser. Sitzt das Vieh I ja meiner Six! auf einem Entennest und brütet die Eier aus. I

Ein mächtiger Beifallssturm belohnte den Erzähler.

Es scheint, Sie verstehen mich Jägerlatein! sprach Wacker- I ,^freut mich! ich verstehe gar nichts," erwiderte Heibel, I aber mein Schwager Franz Karl in Selters kann dreimal schöner I ^Gegen zehn Uhr kam die Botschaft: alle Fremden sind weg, es hat Luft gegeben, der Wirt hat das Nebensalchen für den Wallbottsbesuch geräumt; mich sollen zwei Musikanten hmem, I sobald es gewünscht wird. . I

Jetzt vorwärts, der Wirt will von uns auch etwas ver- I dienen!" rief der Bürgermeister. I

Das Bübchen wurde der Großmagd anvertraut, dann zog die Gesellschaft zum Tanz, wo es gemütlich hergrng.

Wäckerling, der ein großer, starker Mann war, ruhte nicht I eher, bis die Renkersbase mit ihm zumLauterbacher antrat. Kaum hatte sie einmal herumgetanzt, so wurde sw dormelig, tote I bei der Hochzeit. Sie fiel und die nachfolgenden Paare stolperten

Ta ließ der Bürgermeister gleich wieder sein Leibstück spielen: I Jeder hat sein Kreuz in Händen. Niemand hatte Schaden ge- I n°m$etter Heibel behauptete: der Fußboden habe einen starken Knacks getan, deshalb müsse Renkersbase die neue Borde bezahlen. I Ich danke!" rief Renker,davon wird man nicht satt. I Gegen Mitternacht hieß es : Drüben im großen Saale setzt es I

Ohrfeigemt Heibel.Ein bißchen Rumor gehört

dazu: eine Kirchweih ohne Prügel ist wie eine Suppe ohne Salz, wie ein Ochse ohne Hörner, wie ein Löffel ohne Stiel.

Jugend will getobt haben! hat jener Zmngießer gesagt, als ihm das Kind aus der Keetze gehupft ist/ antwortete Wallbott.

Der Wirt kam und rief:Herr Bürgeriiceliter, es ist Zeit, ^,Komm^ThömE wir wollen ein bißchen Ruhe Men!" sprach der Bürgermeister. , _ _ , ..., . .

Beide gingen nach dem Tanzsaal. Da sah man, wie sich d>e Mädchen in die Ecken und auf die Muke geflüchtet hatten. Die Burschen bildeten im Saal einen Knäul und prügeltsn auf- nWI£ngSan, Thoms!" befahl Wallbott. Thomas Packte je einen Kämpfenden mit jeder Hand im Genick, stieß sie nut den Köpfen zusammen und warf sie wie Bälle dem Vater zu, der an der Türe stand. Dieser warf sie zur Tür hinaus auf den kleinen Vorplatz, von dem sie rasch davonlliefen.

In wenigen Minuten war der Saal gerimmt. ,

Musikanten: den Lauterbacher! Ihr Mädchen tanzt einst­weilen miteinander unter euch; die Kerls werden schon wieder kommeii und Ruhe halten," befahl der Bürgermeister. ,

Nach kurzer Zeit kam einer nach dem anderen wieder zum Vorschein. Alle führten sich jetzt ordentlich auf, jeder hatte fern Teil bekommen, hiermit tröfteten sie sich untereinander. ,

Eine große Enttäuschung erlebte Kathrine Müller, die jahre­lang Großmagd bei Wallbotts und der Schatz des Matthes Bruck gewesen war. Vom Schusterhannes, der den schönsten Schnurr- -bart in Rothenbühl besaß, hatte sie sich betören lassen, darum wurde sie von Matthes hinausgeworfen. Ein Jahr Ivar verstrichen, der Schusterhannes konnte nicht zum Heiraten kommen. Von Zeit zu Zeit lieh er einen Gulden bei seinem Schatz Kathrine Muller. Am ersten Kirmes tag zeigte er sich recht lau. Ost tanzte er mit Karline Lösch von Partenhain. Kaum daß er der Kathrine bei der Heimbegleitimg am ersten Kirmessetag ordentlichGute Nacht! sagte. Stundenlang wälzte sie sich aus ihrem Lager, sie zerbiß den Ueberzug ihrer Bettdecke'und sann hin und her. Nachdem sie »u einem festen Entschluß gekommen war, erhob sie sich, um ihre Arbeiten zu verrichten. , ...

Gib acht!" sprach Bauer Lippert, bei dem Kathrine diente, zu seiner Frau:Die Kathrine stellt etwas, an, der Schusterhannes hat sie sitzen gelassen,"

Kathrine ging erst nach dem Abendessen zum Tanz, weik nicht vom Schusterhamies abgeholt wurde.

Daraus merkte sie, daß es fertig und aus zwischen ihnen war. Mehreremal ging sie vor dem Wirtshause auf und nieder, wo der Tanz stattfaiid. Endlich entschloß sie sich, hinauf zu gehen.

Was hast du denn da, Kathrine?" fragte ihr Nachbars­mädchen Torte Pitz, die auf einen mit einem bunten Taschentuch umwickelten Gegenstand deutete.

Ein Stöpsel auf einen Essigkrug ist es !" antwortete Kathrine. Sie schaute nach dem Schusterhannes. Der tanzte lustig mit der Karline Lösch und diese schaute mit höhnischen Blicken nach der sitzengelassenen Kathrine.Wir rechnen noch miteinander ab, bevor der Hahn kräht," knirschte diese.

Nachdem die Burschen vom Bürgermeister und seinem Sohne hinausgeworfen worden waren, ging Kathrine zur Karline.

Du, komm doch einmal mit in den Hof, wir wollen uns Mit­einander besprechen," raunte sie der Nebenbuhlerin ins Ohr, Diese zögerte anfangs.

Komin nur, brauchst nicht zu fürchten, daß ich dir deut Schusterhannes wieder abspannen will, den kannst du behalten, lebenslänglich!" wisperte Kathrine.

Widerwillig folgte Karline in den hinteren Hof des Wirts­hauses. Plötzlich faßte sie Kathrine an den Haaren, riß sie nieder und zerkratzte ihr das Gesicht.

So, Karline, jetzt hast du ein Gegenstück dafür, daß bU mich vor einer Stunde verhöhnt hast," zischte Kathrine.Wasch dir dein Fratzengesicht draußen am Brunnen ab, ich schicke dir gleich den Schusterhannes."

Eiligst lief sie die Treppe hinaus in den Tanzsaal, wo sie auf Dorte Pitz stieß.Komm Torte, ich will dir zeigen, .wozu ich den Stöpsel auf den Essigkrug nötig habe. Rus mir einmal den Schusterhannes heraus auf den Vorplatz/

Schusterhannes kam. Kathrine wickelte das bunte Taschentuch von dem Stöpsel, da kam ein daumendickes, zwei Fuß langes, hainbuchenes Stöckchen zum Vorschein. Mit der Linken saßt« Kathrine blitzschnell in die Krawatte des Schusterhannes, mit der Rechten ließ sie das hainbuchene Knüppelchen aus den Schädel des treulosen Schusters niedersausen, dann warf sie ihn die kreppe hinab, wo er der Dorte Pitz in die Arme fiel.

Der hat sein Fett!" rief sie und eilte schleunigst nach Hause, Nur' wenige Personen hatten das Strafgericht draußen mit- angesehen. Sie gönnten dem Don Juan die empfangene Lektion, der die Kirmes und das Karlinchen im Stich ließ und sich tn sein Bett verkroch.

Die vier AufsichtMrenden Burschen verkündeten, nachdem | wieder Ruhe und Ordnung eingetreten war: jetzt wird em ILärmen" gehupft." Sogleich stellten sich ine Paare m einen Kreis auf; alle Tänzer und Tänzerinnen streckten ihre Arme nach rechts und links aus und legten sich die Hände gegenseitig auf die Schultern. Die Musik spielte denLärmen", d. h. das Tanzlied vor: ,

Holzäppel-Baamche,

Wie sauer ist dein Wei',

Ach, wenn ich nur ein Schätzche hätt, I Wie luftig wollt' ich sei!

Holdrio!

Die Tanzenden singen und hüpfen denLärmen" nach der I Melodie mit.

Es heißt weiter: ,

Ich wollt auss Baamche steigen. Das nicht zu steigen war, Da bogen sich die Arste, I Daß ich gleich unten lag,

Holdrio!

MuchSpottlärmen" wurde gehupft und gesungenl Sechs Aeppel fürn Kreuzer, I Der schönste ist faul.

Dort sitzt mein schön Schätzchen

Und macht ein schief Maul, Holdrio!

Was batt' mich mein Wetzen, Wenn die Sichel net schneid't, Was batt' mich mei Schätzche, I Wanns nit bei mir blei't,

Holdrio!

Drei Dutzend alte Weiber

Gott verzeih' mir mei' Snndß

Uff'n Schubkarrn gelade, , , Mit der Peitsch' hinne bnnn!

Holdrio!

Vetter Renker war in das kleine Küchenstübchen geschlüM; I bortliin hatte er je eine Portion Schweinsbraten niit Kartoffel- chlat und Kalbsbraten mit Endiviensalat bestellt. Die Brate« standen bereit, die Salate ließen auf sich warten.

Förster Wäckerling hatte Renker ausfindig gemacht.

j Wollen Sie die zwei Portionen Braten allem essen? fragte Mayerling, dem der Mund wässerte.