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Burschen Unb Mädchen, die auswärts dienen, scheuen etitelt Weg von zehn bis fünfzehn Stunden zu Fuß nicht, um die Kirmes in der heißgeliebten Heimat mitzufeiern.
Tie letzte Woche vor der Kirmes ist die große Scheuer-, Wasch«, Back- und Reinigungswoche Mr die Wohnräume, für Hof, Scheuer und Ställe. Vielleicht ist unter den Besuchern ein heimlicher Freier (benfen manche Eltern), der sich nebenbei das „Werk" etwas betrachten will. — Spätestens Freitag von der Kirmes beginnt bas Kuchenbacken: Berge von Zimmt-, Obst- Und andere Kuchen werden hergerichtet. Tas Dorf ist vom Geruch der Kuchen erfüllt.
Manche Dörfer haben nicht jedes Jahr, sondern nur alle 3, 5 oder gar alle 7 Jahre Kirchweihe; dann geht es besonders hoch her. Es ist Regel, daß der Tanz unter der Dorflinde abgehalten wird, aber nur bei guter Witterung, die im November selten ist. Das Dorf Bisses in der Wetterau hat alle 7 Jahre Kirchweihe. Merkwürdigerweise tritt fast jedesmal schlechtes Wetter ein, so daß sich das Sprichwort gebildet hat: Wenn Bisses Kirchweih hat, gibt es überhaupt kein Wetter
Acht Tage vor der Kirmes wird sie angetrunken.
Am Hauptkirchweihtage wird unverzüglich nach der Vormittags- kirche das Mittagessen eingenommen und der Festzug aufgestellt. Zuerst kommt die Musik. Hinter dieser schreiten vier Burschen, die vorher gewählt werden. Sie müssen für Ordnung sorgen. Wer sich widersetzt, fliegt hinaus. Dann folgen die Pärchen, Hand in Hand, wie sie durch Ersteigerung, oder durch das Los znsammen- geführt wurden.
Alle Gassen und Gäßchen muß der Zug durchschreiten. Vor den Pfcirr-, Bürgermeister- und Lehrerwohnung en hält der Zug einige Minuten, die Musik spielt ein Extrastückchen. Jetzt geht es ins Wirtshaus. Hier werden die drei ersten Reigen mit den ersteigerten Mädchen getanzt; sonst darf niemand mittanzen; es ist ähnlich wie bei den Hochzeiten.
Dann erst beginnt der allgemeine Tanz. Ain ersten Kirch- Iveihtag sind die Säle wegen des auswärtigen Besuchs fast immer so gepreßt voll, daß sich die Tanzlustigen kaum bewegen können, sie wiegen sich nur hin und her. Dabei bleiben sie auf einem Fleck stehen. „Tas tut nichts!" heißt es, „wenn man nur etwas Warmes int Arm hat." Schwatzen und Plaudern ist beim Tanzen ebensowenig beliebt, wie beim Essen, weil beides eine viel zu. wichtige Beschäftigung ist.
„Bist du gefragt?" lautet die Aufforderung zum Tanz an das Mädchen; es steht auf, sagt „nein" und geht mit dem Burschen. Sagt es „ja", so ist die Tänzerin bereits anderweit vergeben, der Bursche geht weiter und sucht eine andere Tänzerin.
Ist der Tanz aus und schweigt die Atnsik, so stimmen die jungen Leute sofort ein Lied an.
Nicht selten wird ein Choral gesungen, wie es in den Spinn- stuben und in der Sylvesternacht geschieht, das ist keine Gotteslästerung. Wehe dem, der eine abfällige Bemerkung wagen wollte: er würde unverzüglich hinaus geworfen.
Man tanzt Walzer oder Schteifer, Schottisch, Galopp oder Dräppler; zuweilen auch den „Küssentanz", wobei Bursch und Mädchen auf ein Kissen knieen und sich einen Kuß geben. Niemand findet etwas Unschickliches dabei.
So geht es bis zum Morgengrauen weiter. Dann kommt der Kehraus. Tas Zeichen dafür ist, daß alle Tänze rasch hintereinander her gespielt und getanzt werden. Nun fingen di« Burschen: „Geht haam ihr Maad!
Geht haam ihr Maad!
Der Fuchs der geht ins Kraut."
Fluchtartig eilen die Mädchen hinweg; e§ wird als unehrenhaft angesehen, wenn eine länger bleibt.
Mit Jauchzen, Singen und Schreien, das häufig heiser klingt, Liehen auch die Burschen nachhause.
Der erste Kirchweihtag ist vorüber!
Bei Wallbotts waren 38 Personen erschienen, obgleich nur 30 Einladungen erhalten hatten. Daraus war man gerüstet, sogar auf 40 Personen, weil manche Verwandten zahlreicher kamen, als man annahm. Vetter Renker und seine gewichtige Frau waren die ersten, die mit ihrem Wägelchen heranrollten.. Die Base konnte, weil schwer und unbeholfen, nicht allein absteigen.
„Thöms! komm her! heb' die Reukers Base vom Wägelchen, jch Bin es nicht imstande," rief der Bürgermeister.
Thomas lief herbei und breitete die Arme aus; langsam sank die Base herab. Aber o Mißgeschick! sie blieb mit ihren Röcken an einem Leiternagel hängen. — Thomas zog mit seiner Last vorwärts; da kam das Wägelchen — an dem glücklicherweise Has Pferd schon abgespannt war — ins Rollen.
„Oha! oohaa!" schrie Renker. „Wo will denn der Thöms Mit meiner Alten hin?"
„Weih ichs! frag’ den Thöms!" antwortete die Base.
Renker und der Bürgermeister sprangen hinzn, hielten das Wägelchen fest und hackten die Röcke los, woraus Thomas die Base langsam aus die Füße stellte.
„Du bist ein ausgezeichneter Vetter, ich muß dir eilten Schmatz für deinen Beistand geben!" rief die Dicke.
„Dank' schön Base! ich bin noch so sehr außer Atem, daß ich den Mund, nicht spitzen kann. Gebt den Schmatz meiner Mutter!"
„Hattest du keine Angst, als das Fuhrwerk los ging?" fragte Wallbott.
„Ach was, ich habe mich in den Armen des starken Thöms sicher und mollig gefühl,t" rief die dicke Base.
Tie Ankömmlinge begaben sich in das große Eßzimmer: Da standen lange Tafeln, schwer mit Speisen beladen.
„Gott sei Dank und Lob für diesen gesegneten Anblick!" rief Renker; „ich hab heute noch keinen warnten Löffel übers Herz geschlagen und Essen und Trinken hält Leib und Leben zusammen!"
„Und hilft zum Himmel!" bemerkte Wallbott.
, „Das hat Zeit, Vetter! mir gesällts ans der buckeligen Welt tmmer noch ganz gut," rief Renker und kaute drauf los.
„Hurra! eben fahren Stocks in den Hof und die Steinsurter kommen gleich hinten drein!" rief Thomas, der hinaus eilte, um die Gäste zu empfangen.
„Freut mich!" ertönte es gleich darauf, denn Vetter Heibel aus Ortenberg erschien auf Schusters Rappen. Auch der netto Förster Wackeling und seine Frau kamen vom Obermooser Teich, weil sie vom Bürgermeister freundlichst eingeladen worden waren und — weil sie gerne etwas gutes aßen.
Die reichbesetzte Tafel brach manchmal fast unter der Last der Speisen. Da aber stets neue Gäste kamen und die schon "früher angekommenen auch wieder Eßlust verspürten, wie z. B. Vetter Renker, Förster Wackerling und andere, sand stets Entlastung statt. Das Frühstück ging in das Mittagessen über. Dieses wurde durch den Ruf: „Ter Zug kommt!" auf kurze Zeit unterbrochen. Alle Gäste liefen an die Fenster. Wer hier keine Aussicht finden konnte, lies in den Hof. Nach zehn Mimtten war die Tafel wieder vollzählig, das Essen ging weiter.
Es trat eine kurze Pause ein. Flaschen, Schüsseln und Teller wurden weggeräumt; an ihre Plätze wurden Kannen, Tassen und Platten, berghoch mit verschiedenen Kuchensorten beladen, hin- gestellt.
„Jetzt kommt meine Leibfpeis'!" rief Renker.
„Freut mich!" antwortete Heibel, da rutschte er auf den Boden, weil er sich neugierig erhoben, dann aber versehentlich neben den Sttihl gesetzt hatte.
Ter Plumps erregte lebhafte Heiterkeit. 1
„Freut dich das auch, Heibel?" fragte seine Frau.
„Ei versteht sich, Base! Jeder mutz sein Teil zur Kirmesse- sröhlichkeit beitragen."
Nach dem Kaffee zündeten die Männer ihre Pfeifen an. Die jungen Leute eilten nach den Tanzböden, kamen aber bald wieder zurück und meldeten: „es ist alles so fürchterlich besetzt, daß man nicht hineintreten tarnt; erst gegen zehn Uhr, wenn die Leute aus den Nachbardörfern weg sind, können wir aukommen."
Die Frauen gingen mit Frau Rechne und Anna in das Kinderzimmer, wo sie in traulichem Gespräch zusammensaßen und das Bübchen bewunderten.
Langsam rückte die Abeiidessenszeit heran. Der Vikar erschien^ der vom Bürgermeister besonders eingeladen worden war,
„Vetter Seibel setz dich fest!" ermahnte Renker. |
„Freut mich!" antwortete dieser.
Der Vikar begrüßte zuerst die Frauen, bann die Männer.
„Das muß man sagen: der Vikar ist ein feiner, niederträchtiger unb gemeiner Mann," sprach die dicke Äenkersbase, womit sie sagen wollte: er ist fein, herablassend und leutselig.
„Ich glaubte: mit dem kannst du nur auf Halleluja, Sela unb Amen stehen; nun plaudert er so schön mit uns, als hätten wir schon drei Mestcn Salz miteinander gegessen."
(Schluß folgt.)
Der EiZvogel — ein fliegender Edelstein.
Bon W. Fischer, Tübingen.
Wir entnehmen diese interessante Studie der wertvollen Zeitschrift In meinen Mußestunden. Naturwissenfchaftlichs Anregungen und Mitteilungen für unsere Jugend. Herausgegebnk von Prof. Dr. K. Smalian, Hannover. 3. Jahrgang. 1. Heft. Franckhsche Verlags Handlung, Stuttgart.
Menschlicher Eigennutz hat ihn aus die Aussterbeliste gesetzt, den herrlichen Eisvogel, den man mit Recht einen fliegenden Edelstein nennt. Aus zwei Gründen verdient er diesen Beinamen: Wegen seines überaus farbenprächtigen Gefieders und seiner nunmehr großen Seltenheit in vielen Gegenden unseres Vaterlandes. Int Eisvogel haben wir einen der schönsten Vögel Europas vor uns. Wahrhaft tropische Farbenpracht hat die gütige Natur in ihn? entfaltet.
Kopf und Flügeldecksebern sind olivgrün, und hellgrünblaUs Fleckchen sink» darüber gestreut. Ueber den sonst dunkelgrünen Rücken zieht sich ein prachtvoller hellblauer Streifen, der sich gegen den Schwanz zu verbreitert. Dessen Ende wieder sieht dunkellasurblau aus. Diese blaue Farbe schillert aber in hohem Maße und geht bei veränderter Beleuchtung leicht in Grün über. Unter dem Äuge befindet sich ein rostroter Längsstreifen. An ihn schließt sich am Hals ein weißer Fleck an; den Raum. zwischen dem rostroten Streifen unb der weißen Kehle füllt ein blau- grüner Streifen aus. Brust unb Bauch zeigen rostrote Färbung, Rot sind auch der Lauf und der Fuß. Auffallend sind die kurzen Flügel, der lange schwarze Schnabel, die kleinen Füße und der winzige Schwanz.


