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Ms Prohaska zu Ende war unft seine Feueraugen auf sie richtete, um ben Dank für sein Spiel von ihrem jungen Gesicht zu lesen, sah er, baß dicke Tränen über ihre Wangen herabrollten.
„Aber Fräulein! Das wollte ich nicht! Sie so tief bewegens'^ rief er geschmeichelt, mit eitlem Lächeln.
„Verzeihen Sie! Ich muffte an zu Hause denken. Ich bekam plötzlich solches Heimweh!" sagte sie leise. „Nach unserem alten Weihnachten!"
Einen Augenblick war er verblüfft, fassungslos vor Enttäuschung.
„O, wir wollen die Sentimentalität verjagen!" rief er dann uiit einem harten Auflachen. Er packte die Geige und spielte mit all seiner Bravour, mit feurigem Temperament einen tollen Ungarischen Tanz, um mit dieser wild ausgelassenen Musik ihre elegische Stimmung zu verscheuchen, ihr Lebenslust durch die Sinne zu jagen, um sie her zu zwiirgeu zu sich mit unwiderstehlicher Gewalt.
Aber Trude lauschte nicht mehr. Die Erinnerung war übermächtig. Ganz leise huschte sie aus dem Gastlokal, sprang die Treppe hinauf, holte ihre Reisetasche — und in der nächsten Minute stand sie schon drauffen in der stillen, kalten klaren Winternacht.
Ein Schritt folgte ihr. Sie lief immer rascher. War er ihr gefolgt? O, er sollte sie nicht wankend machen in ihrem Entschluß und wenn er noch so überlegen spottete über ihre Weichheit rind sie wieder ein großes Kind nannte.
Sie atmete ordentlich befreit auf, als dann nicht der schwarze Kopf des Aiusikers, sondern das blonde, ernste Gesicht Dr. Gilberts neben ihr austauchte.
„Ich darf Sie doch begleiten zur Bahn, Fräulein," sagte er bewegt. „Ich kann Ihnen gar nicht ausdrückeu, rote ich mich freue, daß Sie zu Ihrem Vater wollen."
Sie schaute ihn verwundert an. Woher wußte er? Konnte er Gedanken lesen?
„Das ist nicht sehr schmeichelhaft, Herr Doktor," erwiderte sie und verbarg ihr Erstaunen, ihre Verwirrung unter einem kurzen Lachen. „Sie sind also sehr froh, mich hier los zu sein?"
„Sie wissen sehr wohl, daß ich mich nur Ihretwegen an» schloß," gab er in einem erregten Ton zur Antwort, der ihr ans Herz ging.
„Wie sollte ich das wissen?" fragte sie verlegen. „Sie haben mich niemals vermuten lassen, daß Ihnen etwas an meiner Gesellschaft liegt."
„Herr Prohaska ist ja beständig an Ihrer Seite und tuschelt Ihnen in die Ohren," warf er heftig ein.
„Herr Doktor! Das klingt wirklich, als wären Sie eifersüchtig !"
„Nein, bang, furchtbar bang ist mir um Sie," flüsterte er bebend vor Erregung. „Um Sie zu schützen, zu warnen vor einer Gefahr, darum kam ich mit."
„Bor einer Gefahr?" wiederholte sie betroffen.
„O, dieser Rattenfänger rod6 so schmeichelnd zu locken!" stieß er leidenschaftlich hervor. „Hüten Sie sich vor ihm! Sie gehören nicht zu den Menschen, die über alles spotten können, die jede weiche Regung sentimental finden! Heute folgen Sie Ihrem guten Engel! Möge er Sie nie verlassen, Trude!"
Es hatte etwas Ergreifendes, wie er in tiefster Seele bewegt, die Worte hastig hervorsprudelte, während sie dahingingen in der großen schönen Winterdnsainkeit. Aus dem Schulhaus kam Kindergesang; ein Weihnachtslied von zarten Müdchen- stimmen.
Als er ihren Namen nannte, mit einem Ausdruck heißer, scheuer, banger Sehnsucht, schlug sie die Augen zu ihm auf und schaute ihm erschüttert in das warme, junge Gesicht.
„Ich danke Ihnen! Danke Ihnen!" ftommelte sie, ihm die Hand reichend, „nnb ich will nachdenken über Ihre Worte."
Er hielt ihre Hand so fest imb zärtlich in der seinen. „Trude! Trude!" rief er. „Es ist so lieb von Ihnen, daß Sie zu Ihrem Baker reisen! Das ist ja auch für mich eine große tiefe Weih- nachtssreude, weil ich nun weiß, was für ein braves, herzensgutes Menschenknrd Sie doch im Grunde sind!"
Noch ganz befangen und verwirrt von ihrem Erlebnis, saß Trude dann im Zug. Der Ton, wie er ihren Namen gesprochen, klang ihr nach in der Seele und weckte ihr ein neues, süßes Glücksempfinden.
Dann mußte sie plötzlich laut vor sich hinlachen, wenn sie an Prohaskas enttäuschtes Gesicht dachte! Warum hatte sie es dem Doktor nicht gesagt, daß sie gar nicht im Bann dieser schwarzen heißen Zlugen war, daß sie innerlich mit einem gewissen Mißtrauen von dem Musiker abrückte, je mehr er ihr seine Nähe aufzwang!
So stumm war sie geworden vor diesem Unerwarteten, vor diesem Wunder, das ihr die Christusuacht offenbart!
Sie wußte kaum, roie die Stunde der Fahri vorübergegangen war, so versonnen hatte sie vor sich hingeträumt. Daun umfing sie wieder das Stadtleben. In allen Fenstern schimmerte es hell. Die Christbäume brannten. Wie Kinderjubel schwirrte es durch die Luft.
Sie kaufte, was ihr einfiel, in einer seligen, verschwenderischen Gebelaune, packte ihre Geschenke in die Tasche und lief bann rasch wieder zum Bahnhof. Es klappte gerade, daß um Neun noch ein Zug nach dem Ammersee abging.
Nun ward iHv die Stund« lang. Denn während der Fahrt ergriff sie mit einem Male eine beklemmende Angst.
Wenn ihrem Vater etwas zugestoßen wäre? Warum hatte! sie plötzlich sein Bild so scharf, so lebendig vor sich gesehen? Gab es nicht Ahnungen, die sich gerade in der Stunde ausdrängten, in der ein nahestehender Mensch in Gefahr schwebt?
Wie furchtbar, wenn er krank wäre! Wenn sie ihn am Ende gar nicht mehr sähe! Sie mrinte, das Herz müßte ihr zerspringen Vor Ungeduld.
Die Bangigkeit wollte auch nicht weichen, als sie bann durch das Dorf lief, in die Wiesemoege einbog. Weiß und licht lag das winterliche Land. Der Mond war hevaufgekoiumeit; eine glitzernde einsame Märcheuprächt war um sie her.
Endlich, endlich bas Haus! So totenstill war es hier. Sie hörte ihre Schritte knirschen im Gärtchen. Ihr Schatten huschte über die weißen Beete.
Gott sei Tank! Am Wohnzimmerfenster schimmerte noch Licht!
Ihr Herz klopfte, als sie die Klingel zog. Es dauerte eine Weile, bis die alte Magd hevanschlürfte und vorsichtig hinausspähte. । ;ii
„Wie geht es meinem Vater?" stieß Trude hervor.
„Es fehlt ihm weiter nix," brummte die Alle. „Traurig is er halt, heut am heiligen Abend!"
Leise öffnete Trude die Tür. Er saß von ihr a'bgcrocnbet. Vor ihm auf bem Tischchen unter der Hängelampe hatte er die Photographien der Familie aufgestellt; in der Mitte die Mutter, die der fernen Kinder daneben, auch die Enkelchen, die er noch nie gesehen.
Trude atmete auf wie ans erlöstem Herzen. Auch chr Bild darunter! Nun wendete er sich um. Er hatte feuchte Augen. Sie sah es wohl. Aber er fuhr sich mit der Hand über die Lider! und hätte ihr am liebsten seine traurige, einsame Feier verborgen. Aber es klang doch eine tiefe Rührung durch feine Stimme: „Ta kommt sie wirklich noch in der späten Stunde; ganz allein, zu mir!" , t .
„Verzeih, verzeih Papa, baß es so spät geworden i]t! bat sie und streichelte ihm das graue Haar, und ihr Herz war so voll Reue und Liebe, daß sie kaum zu spreche» vermochte.
„Baum habe ich ja keinen," stammelte sie dann. „Nur cm paar Tanuenzroeiglein!" Sie hätte fast aufgeschluchzt, weil sw wieder an den einsamen Herrn denken mußte, der ihr das Bald des Vaters vor Augen gerufen. „
„Aber nun will i ch einmal eine Bescherung für dich rächten- wie du es so oft für uns getan hast, Papa!"
Ein feierlicher Ton ttang durch die Winternacht. In allen Dörfern läuteten diei Glocken zur Christtnette und von den fernsten Einzel Höfen, aus jedem Haus, aus jeder Hütte, gingen durch das lichte Weiß die dunklen Gestalten nach altem frommen Brauch zur Kirche _____________
Thomas NaWotts §amil enleben, VrauLsahrt und Hschzät.
Bon Gg. Schäfer.
(Fortsetzung aas Nr. 198.)
5. Kapitel.
Kirchweihe.
Es war in der Nacht vom Jakobi- auf den Aunatag (25. auf 26. Juli) des folgenden Jahres, da pochte der Storch am Wallbottshofe an und legte der jungen Frau einen, kräftigen! Sohn in den Arm. Darüber herrschte große Freude im Hause. Ter Großvater saß oft Viertelstunden laug an der Wiege: er konnte sich nicht satt sehen an dem kleinen Menscheulinde. Frau Regine schritt in gehobener Stimmung leise durch die Räume, Sie sah zum Rechten; dabei beschenkte sie die Armen, die vor- sprachen, mit doppelter Gabe.
„Tie Taufe des Kleinen wird in aller Stille vorgenommen," beschlossen beide Ehepaare. „Dagegen erfolgt die, Nachfeier mit der Kirchroeihe um Martini: Bis dorthin ist t>ie junge Fran ganz bei der Hand, sie kann dann eher an der Festlichkeit teil- nehmen."
Bei der Taufe wurde nur ein Name gegeben. Der Kleine! erhielt den Namen des Vaters: Thomas, der schon seit hundert! Jahren in der Familie sorterbte. Der Taufsckmiaus war bescheiden. Die Hebamme erhielt ein großes Geldstück als Geschenk von dem Paten, einen Kroirentaler. Dieser wurde in ein Glas' Branntwein gelegt; die Amme mußte den Branntwein nach und nach austrinken und den Taler auf diese Weise cinheimsen. Ei» kleiner Rausch folgte manchmal darauf, roemt das Glas groß war.
Wahrend der übrigen Feste: Weihnachten, Ostern, Himmcl- sahrttag und Pfingsten kirchliche Feste sind, haben Neujahr, Fastnacht und 'Kirch he, ober die „Kirmes" einen weltlichen Charakter. Der Gebirgsluroohuer hängt mit großer Liebe und unentwegter Treue an seiner Kirchroeihe. Ein ganzes Jahr lang spart die Jugend ihre Groschen für die Kirmes: aber auch ihren Haß und ihre Liebe. Man pflegt die ganze Freundschaft, d. h. Verwandtschaft, die auswärts wohnt, einzuladen. Kinder imd Kindeskiuder her weggezogeneu Familien erscheinen im Heimatsdorfe Mr KirmM


