Ausgabe 
18.11.1911
 
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Gegend verschwunden. Daher fuhr ich wieder nach Black­water Park zurück, «m noch den Parkhüter auszufragen.

Ungefähr eine Meile vom Parke entließ ich meine Droschke und setzte dann, nachdem ich mir von dem Kutscher hatte die Richtung bezeichnen lassen, meinen Weg nach dem Hanse allein und zu Fuße fort.

Als ich von der Landstraße in den Privatweg einbog, sah ich einen Mann mit einer Tasche in der Hand schnell! vor mir der Wohnung des Parkhüters zugehen. Er war ein kleiner Wann in abgeschabten schwarzen Kleidern und mit einem auffallend großen Hute. Ich hielt ihn (soviel mir dies zu beurteilen möglich war) für einen Wvokaten- schreiber und stand augenblicklich stille, um die Entfernung zwischen uns zu vergrößern. Er hatte mich nicht kommen hören und ging ohne sich umzuschauen weiter, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Als ich eine kleine Weile später ebenfalls durch das Tor ging, war er nicht zu sehen er war offenbar nach. dem Herrenhanse gegangen.

Beim Parkhüter erfuhr ich nur, daß Sir Percival wütend und fluchend in einer Mondnacht abgefahren sei.

Als mich der Gärtner dann hinausbegleitete, sah ich den Mann in Schwarz mit dem großen Hute von dem Hause Herkommen, dann in einiger Entfernnng stille stehn und uns beobachten.

Es war mir schon ein gewisser Verdacht in Bezug auf das, was ihn nach Blackwater Park führte, durch den Kopf geflogen. Derselbe vermehrte sich jetzt, als der Gärtner mir nicht sagen konnte (oder wollte), wer der Mann sei, und ich beschloß, mir hierüber Auskunft zu verschaffen, indem ich ihn selbst anredete. Die einfachste Frage, die ich als Fremder tun konnte, war die: ob es Fremden gestattet fei, das Haus zu besehen. Ich ging sofort auf den Mann zu und richtete diese Frage an ihn.

Sein Aussehen und Wesen verriet deutlich, daß er wußte, wer ich sei, und daß er mich zum Streite zu reizen wünschte. Seine Antwort war impertinent genug, um ihn seinen Zweck erreichen zu lassen, wäre ich weniger fest entschlossen gewesen, meinen Gleichmut zu bewahren. So aber be­gegnete ich ihm mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, ent­schuldigte mich wegen meiner Störung (welche er eineun­berufene Aufdringlichkeit" nannte) und verließ den Garten.

Ich erwartete, daß man mich aus meinem Wege von Blackwater Park bis zur Station beobachten werde, wie man es am vorhergehenden Tage in London getan hatte. Aber ich konnte zur Zeit uicht entdecken, ob man mir bei dieser Gelegenheit wirklich folgte oder nicht. Dem Manne in Schwarz mochten Mittel zur Verfügung stehen, mir nach- Huspüren, die mir unbekannt waren jedenfalls sah ich chn aber persönlich weder ans meinem Wege nach der Sta­tion, noch später abends bei meiner Anknnft in London auf dem Perron. Ich erreichte unsere Wohnung zu Fuße, nachdem ich jedoch, ehe ich mich unserer Haustür nahte, die Vorsicht gebraucht, durch die einsamsten Straßen der Nachbarschaft gehn und dort stille zu stehst und mich mehr als einmal nmzusehn.

Es hatte sich in meiner Abwesenheit nichts ereignet, Marianne zu beunruhigen Sie frag mich begierig, welchen Erfolg ich gehabt. Als ich ihr alles erzählt, konnte sie mir ihre Verwunderung über die Gleichgültigkeit nicht ver­hehlen, mit der ich von dem bisherigen Mißlingen meiner Nachforschungen sprach.

Die Wahrheit aber war, daß mich meine Erfolglosigkeit noch nicht im geringsten entmutigt hatte. Ich hatte meine Nachforschungen als eine Sache der Pflicht begonnen, jedoch nicksts von ihnen erwartet. Ist meinem derzeitigen Ge­mütszustände war es mir fast eine Erleichterung, zu wissen, daß der Kampf sich jetzt auf einen Wettkampf zwischen Sir Percival Glydes und meiner List beschränkte. Der Be­weggrund der Rache hatte sich von Anfang, an mit meinen anderen nnb besseren Beweggründen vermischt, und ich be­kenne, daß es mir eine Genugtuung war, zu fühlen, daß die einzige Art und Weise, Lauras Interesse zu dienen, die war, mich fest an den Schurken zu hängen, der sie geheiratet hatte.

Während ich gestehe, daß ich nicht stark genug war, um meine Beweggründe außer dem Bereiche dieses Wun­sches nach Rache zu halten, kann ich auf der andern Seite etwas zu meinen Gunsten beibringen. Mein Herz dachte keinen Augenblick an eine erbärmliche Spekulation auf eine etwaige künftige Beziehung zwischen Laura und mir oder aus bie persönlichen Konzessionen, zu denen ©ir Percival

zu zwingen gelingen dürfte, falls ich ihn einmal in meine Gewalt bekäme. Ich konnte, wenn ich sie ansah, nichI solche Gedanken an die Zukunft hegen. Der traurige An­blick der Veränderung, welche sie erlitten, machte das Interesse meiner Liebe zu einem Interesse der Zärtlichkeit und des Mitleids, die ein Vater oder Bruder für sie hätte fühlen mögen. Alle meine Hoffnungen blickten jetzt uicht weiter hinaus, als bis zu dem Tage ihrer Genesung.

Au dem Morgen nach meiner Rückkehr aus Hampshire nahm ich Marianne mit mir auf mein Arbeitsstübchen nnb machte sie hier mit dem Plane vertraut, den ich mir reiflich ansgedacht hatte, um mich der einen angreifbaren Stelle in Sir Percivals Glydes Leben zu bemächtigen.

Der Weg zu dem Geheimnisse ging, durch das uns allen undurchdringliche zweite Geheimnis, welches die Frau in Weiß umhüllte. Der Zugang zu ihm durfte seiner­seits mit Hilfe der Mütter Anna Cathericks gewonnen werden, und das einzige erreichbare Mittel, Mrs. Catherick zur Sprache oder zur Tat zu bewegen, hing von der Aus­sicht ab, ob ich örtliche und Familieneinzelheiten durch Müs. Clements erfahren würde. Nachdem ich die Sache sorgfältig überlegt, kam ich zu der Ueberzeugung, daß ich meine neuen Nachforschungen beginnen mußte, indem ich mit Anna Cathericks treuester Freuudiu und Beschützerin in Verkehr trat.

Die erste Schwierigkeit also war, Mrs. Clements zu finden.

Ich verdankte es Mariannens Scharfblicke, dieser Not­wendigkeit auf die beste und einfachste Weise zu begegnest., Sie erbot sich, an die Leute auf dem Gehöfte bei Limme- ridge (Todds Ecke) zu schreiben und sich zu erkundigens ob sie in den letzten paar Monaten von Mrs. Clements ge­hört hatten. Es war uns unmöglich, zu erraten, auf welche Weise Anna von Mrs. Clements getrennt worden war; doch nachdem diese Trennung einmal bewerkstelligt war, mußte es Mrs. Clements gewiß einfallen, sich vor allem in der Gegend nach ihr zu erkundigen, für die, wie sie wußte, die Verschwundene die größte Vorliebe hatte; in der Gegend von Limmeridge. Ich sah augenblicklich, daß Mariannens Vorschlag uns eine Aussicht auf Erfolg bot, sie schrieb demzufolge mit der nächsten Post an Mrs. Todd:

Während wir die Antwort erwarteten, ließ ich mich durch Marianne, soweit ihr dies möglich war, über Sir Percivals Familienverhältnisse und über sein früheres Leben unterrichten. Sie konnte hierüber nur vom Hörensagen berichten; aber über das Wenige, was sie zu erzählen hatte, konnte sie mit -ziemlicher Gewißheit sprechen.

Sir Percival war ein einziger Sohn. Sein Vater, Sir Felix! Glyde, hatte seit seiner Geburt an einem schmerz­haften und unheilbaren Gebrechen gelitten und seit frühester Kindheit alle Gesellschaft gescheut. Sein einziges Glück lag im Genüsse der Musik, und er hatte eine Dame ge­heiratet, welche seine Geschmacksrichtungen teilte und die, wie man sagte, eine ausgezeichnete Virtuosin war. Er erbte die Güter von Blackwater Park, als er noch ein junger Mann war; doch weder er noch seine Frau näherten sich, nachdem sie von dem Landsitze Besitz genommen, aus irgend eine Weise der Gesellschaft der Umgegend, und niemand verleitete sie, ihre Zurückhaltung abzulegeu, mit der einen unheilvollen Ausnahme des Geistlichen des Kirch­spiels. (Fortsetzung folgt.)

Der Granaten wast.

Eine lustige Geschichte ans Tirol von Rudolf G r e i n z>

Wir entnehmen diese humorvolle Geschichte dem soeben im Verlag von L. Staackmaun in Leipzig erschienenen neuen Werk Auf der Sonn sei t'n, lustige Tiroler Ge­schichten von dem bekannten tiroler Dichter Rudolf G r e i n z. Mit behaglichem Humor schildert der geschätzte Mitarbeiter der Jugend in diesem Buche allerhand Leute ans seiner Heimat und in flotten Schnurren und Geschichten gibt er ein schärferes und getreueres Bild von dem Tiroler Volks­leben als dicke wissenschaftliche Bände.

Hoch über Mayrhofen im Zillertal droben liegt das Dörfel- Finkenberg. Recht einsam und verschneit int Winter. Im Sommer kommen aber zahlreiche Touristen vorüber, die ins Duxertal wan­dern, an dessen Eingang Finkenberg auS steiler Höhe winkt.

Ein Stück weit außer dem Dörfel, knapp an dem schmälest Bergstraße!, das ins Dux, nach Lanersbach und nach dem altest Bauernbad HiMerdux führt, liegt das Häusl des Granaten Wast. Mein, bewettert Ustd. windschief. Ein gemauerter ilnterstock. Dap°-