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H Ich Will bei dir bleiben! Ich kann noch nicht fort! Ach habe dich so lieb!
Da faßte ich mein Mich barg es bei mir, und ein Blutfchtvall strömte mir zum Herzen so mächtig, daß es mir den Zorn ins Gesicht trieb, als wollte ich Maria verteidigen gege'n den, der es wagen würde, sie mir zu entreißen. Mit erstickter Stimme rief ich, sie wie rasend küssend, in ihr dichtes, schwarzes Haar-
!— Ich lasse dich nicht, Maria! *
Täglich fuhr sie tut Rollstuhl. Sie hätte sich zuerst gesträubt dagegen. Sie meinte, das sähe ja zu gefährlich aus. So schlecht ginge es doch nicht mit ihr.
Aber sie merkte doch, päsß sie zu schwach war, Um längere Strecken zn gehen. Ich tröstete sie, daß es vom langen Liegen sei, die Mäste würden wiederkommen, und sie nickte voller Dank. Wenn sie dann fuhr in dem rot» überzogenen Sessel, den hinter ihr der Lohndiener schob, schritt ich daneben, die Hand, solange es wegen der Menschen ging, auf ihren Arm gelegt, nur daß ich sie fühlte und sie mich. Meist blieben wir in Obermais, denn wir wollten allein sein. Mleu Bekannten, von denen doch dieser und jener in Meran war, hatte ich gesagt, der Arzt wünsche nicht, daß sie spräche und Leute sähe; so waren wir fast immer für uns. Aber wir vermißten die Gesellschaft nicht. Irgendwo an einer geschützten, recht sonnigen Stelle kippte der Fahrer dann vorschtig den Stuhl nach vorn, ich stützte Maria, und sie stieg aus, um ein paar Schritte am Winkel- Weg oder wo es sonst eben war, zu gehen. Dann setzten wir uns auf eine Bank nebeneinander unü waren glücklich zu zweit und allein. Wir sprachen von der Schönheit der Gegend, machten Pläne, welche der alten Schlösser, die rings von den Höhen ins Dal herabsahen, wir besuchen wollten, waren in Gedanken im Pintschgau, wo es nach dem Ortler ging, int Passeier, wo einst Andreas Hofer im Wirtshaus am Sand gelebt hatte. Wir ließen unsere Blicke über die hohen, schneebedeckten Berge gleiten, und sehnsüchtig sagte Maria, als ob die Kräfte des Bergsteigers in ihr ruhten:
, i— Wie es wohl da oben aussieht?
Ihr Pater hatte sie nie mitgenommen. Er pflegte zu sagen, er dürfe das Genick brechen, aber seine Tochter picht. Und ich war fremd! in jenen Regionen ewiger Felsen und ewigen Schnees. Maria blieb immer dabei, sobald es ginge, müßten wir einmal dort hinauf. Es wurde wie ein nicht mehr zu bannender Wunsch, als. wolle sie nur Kräfte sammeln, um mit mir dort oben Luft und Blick zu genießen, dort oben, wohin nur "starke, gesunde Menschen kommen können. Sie aber fuhr weiter in ihrem Stuhle, und jeder längere Gang ward mit Schwäche und ein. wenig Husten bezahlt.
Der Husten machte mich ängstlich', denn jedesmal erforderte er eine größere Borsicht. Dann kamen einmal mehrere Tage schlechten Wetters, und! Maria mußte das Zimmer hüten. Sie sah bläß aus, sehr blaß, und als ich eines Abends neben ihr saß, um ihr vorzulesen, das Buch aber meiner Hand entsunken wär und ich den Kops an ihre Schläfe lehnte und ihr erzählte, sah ich ihre Hand ausgestreckt aus der Armlehne Hegen. Roch nie war mir ausgefallen, wie schmal und- dünn die Finger geworden waren. Ich zog fie an die Lippen und streichelte sie. Ich Umklammerte sie mit meinen Händen, daß sie ganz verschwanden. Ich war erschrocken, aber ich zeigte es nicht.
Maria klagte nie. Selbst an solchen Tagen — wie selten sie auch waren wenn sie das Haus nicht verlassen durfte, kam nie ein Wort des Unwillens über ihre Lippen. Sie war immer heiter, immer zeigte sie mir ein freundliches Gesicht. Nie ließ sie sich gehen zu einer Klage, und ich sah doch oft, wenn sie saß-, daß ihr eine Stellung unbequem war, wie sie die Arme aufstützte, um besser, tiefer Atem zu schöpfen. Nur an einem merkte man ihr au, daß ihre Lunge nicht arbeitete wie die eines Gesunden; sie bat öfters:
— Fritz, bitte, mache doch das Fenster etwas auf, ich glaube, es ist schlechte Luft int Zimmer!
Dabei war fortwährend gelüftet worden.
Marias Geduld und Sanftmut war rührend. Der Arzt, ein alter Mann, dem in seinem Leben gewiß Tausende solcher Kranken vorgekommen waren, sagte zu mir:
i । Herr Rittmeister, Ihre Frau Gemahlin ist ein Engel.
Bei diesen Worten schoß mir — W weiß nicht zu erklären, wie es kam — die Jdeeverbindung durch den Kopf mit dem Himmel, als hätte Maria schon! ntchjts Irdisches, mehr. Ich konnte mich nicht beherrschen, und! begann zst weinen. Ich schämte mich dieser Dränen nicht. Eine ensti schliche Angst kam über mich!, ich dachte mit Bestimmtheit daran, ich würde Maria verlieren. War sch! mit Blindheit geschlagen gewesen? Alle Worte der Aerzte daheim und hier sielen mir ein. Ich suchte überall einen versteckten Sinn. Auch jetzt las ich! ängstlich! in der Miene des alten Arztes. Er streichelte mir über Schulter und! Mm und sagte in einem so weichen, lieben Dort, wie ich ihn noch nie aus seinem Munde vernommen hätte:
Fassen Sie sich. Es ist doch noch! nichts verloren! . . Ä Sie haben wohl Ihre Frau sehr lseb?
Ich blickte ihn an: /
i— Ja, ich habe sie sehr lieb.
Man sieht es. Es ist sehr schön, wo es so ist. Und ich will Ihnen nur zur Beruhigung sagen: Sie brauchen den Mut noch nicht zu verlieren. Sie ist krank; sehr krank. Aber fie kann wieder gesund werden! \
Nun schwiegen wir beide. Was sollte ich sagen? Mir wär es ein Bedürfnis, wenigstens beizeiten die Wahrheit zu erfahren. Darum erklärte ich, ich wäre Sold!at, wäre Manns genug, dem Schicksal ins Auge zu sehen. Er würde mir durch Verschweigen keinen Dienst erweisen. Er sollte mir das Versprechen geben, es mir zu sagen, sobald er über Marias Leben mit sich int klaren sei — so oder so.
Einen Augenblick sah der Arzt mich an, als wollte er mich prüfen: „Kannst du auch wirklich die Wahrheit er-, tragen?" Dann hob er wie zum Schlage seine Hand Und lieh fie langsam rn die meine sinken:
Ich verspreche es Ihnen, ich werde es sägen l.
, (Fortsetzung folgt.).
Die internationale Hygiene-Ausstellung Dresden M.
Bon Dr, van Troy, II.
Das Hasts des Menschen-,
Wenn Uran durch die drei Ordnuitgcn des mächtigen dorischen Haupttores das Gelände der Hygiene-Ausstellung betritt, so bleibt der Blick für eine kurze Spanne in deut offenen Rechteck zweier sich streckender Hallen, ruhen. Bald aber gleitet er aus ihmi heraus, hinübergezogen, auf das tocite Geviert eines festlichen Platzes zu einem Halbrund von Säulen hin, die einen kühn in die Lüftp steigenden Kegelhelm tragen. Weithiir leuchtet auf dem Giebel des Tempelbaues die monumentale Inschrift „Der Mensch". So eindringlich spricht die Lage und die Architektur des Werkes, daß kein Zweifel darüber herrschen kann, in ihm dem Mittelpunkt der Ausstellung gegenüber zu stehen. Eine ernste Halle empfängt den Eintretenden. An ihrem Ende ein überlebensgroßes Bildwerk -eines Menschen, der frohlockend seine Arme in die Höhe, der Gottheit entgegen, wirft. Eine Sammlung ist hier. im Hause des Menschen zusaMMengebracht, wie sie in der Mannigfaltigkeit? glücklichen Auswahl und technischen Vollendung der ausgestellten! Objekte noch nie gesehen worden ist. Der Urheber des Planes z'st diesem Museum wußte, wie schlecht es bestellt ist nm die Kenntnisl vom Ban des menschlichen Körpers, von der Verrichtung seiner! Organe, hon dem Sinn 'und Ziel seiner Lebcnsgewvhnheittlnh Ein Wandel in dieser Beziehung muß eintreten, beim wie kann rationell Hygiene getrieben werden, sowohl von Staatswegen als jauch von der Seite des Individuums, wenn diesem die Fähig- keit zu verstehen, warum gewisse Maßnahmen zn treffen sind Unter gewissen Umständen, abgeht!
Auf der breiten Basis, welche die Entwicklung spezieller! Menschlicher Verhältnisse aus allgemein naturwissenschaftlichen Erscheinungen fordert, beginnt .die Ausstellung. Die Zelle, der elementare Baustein jedes tierischen und pflanzlichen Organismus- ist das erste, was in seinem Wesen klargestellt wird. Der abstrakte Begriff, hier und da nur geläufig, wird durch wabeuförmige! Hohlkörper in plastische Anschaulichkeit umgesetzt. Daneben steht ein Mikroskop, das reelle Pslanzenzcllen Mit ihren Wänden, ihrem! Protoplasma und Kernen demonstriert. Auch die kleinsten ein» zelligen Lebewesen, die uns überall in der Ausstellung als das Objekt hygienischer Bestrebungen entgegentreten, die Bakterien? erscheinen hier zum ersten Male. Die Zellen teilen und vermehrest sich, es entstehen Körper, die durch Ausfaltung und Einstülpung immer kompliziertere Formen annehmen. An Modellen lernest wir die Entstehung der Organe und Organsysteme kennen: Knorpel Und Kuochcngcwebe, Muskeln und Nerven differenzieren sich. Der niedrigste Repräsentant der Wirbeltiere, der nicht.zwei Fingerglieder lange La n zett fisch, offenbart den großen Fortschritt in der Entwickelung gegenüber den zurückbleibenden TierreickM.> Knorpel Md Kuschen, die char-akteristischen Stützfubstanzen des


