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Es persönlichen Gründen. Die geschäftlichen setzte er sehr genau auseinander: es handelte sich da vorwiegend um die öfters erwähnte neue Aktion auf dem Käutschnkmarkt sowie um eine großartige Kakaospekulation, von der er sich titel versprach. Die persönlichen drehten sich um em Herrats- projekt. Mister Brigham schrieb, er suche ganz ernfach eine Fran, die er bei der Eigeilart der gesellschaftlichen Verhältnisse im eigenen Lande ebendort nicht finden könne. Er verfehlte nicht, am Schlüsse seines Briefes wiederum der Hoffnung Ausdruck zil geben, daß sich zwischen den Däusern Otto A. Köhler ititb Jonathan W. Brigham vielleicht doch noch intimere Beziehungen anknnpfeu las, en könnten, und endete mit speziellen Grüßen für Fraulem Traute.
Köhler lebte in letzter Zeit nur noch von Hoffnungsstrahlen. Seine Bedrängnis war groß geworden, und rn seiner Mutlosigkeit und dem Mangel an kaufmännischer Initiative sah er die Zukunft in fürchterlichem Lichte. An eine Steigung der Werte war vorläufig nicht zu denken; im Gegenteil: mit den ständig tiefer sinkenden Preisen erhöhte sich die Geldnot immer mehr. Schwere Verluste drohten; auch an Brigham schuldete Köhler große Summen.
Wenn Köhler in seinem engen, naphtalingeschlvängerten Bureau saß und seinen kleinen Würfel Kautabak von einer Backentasche in die andere schob und zu grübeln begann, ging ihm zuweilen die Phantasie durch, lieber die trüben Zukunftsbilder floß dann ein Zauberschein von Rosenrot, und die Hoffnungen begannen zu galoppieren. So war es auch in biefeit Tagen. Er hätte zu der Heirat Trautes mit Herrn Max Roeßler gern Ja und Amen gesagt, weil er seine Tochter dann in einer sicheren Versorgung wußte. Nun aber war er eigentlich wieder glücklich, daß sich die Sache zerschlagen hatte, denn nun tauchte von neuem der frohe Stern von Guatemala aus den Finsternissen auf. Daß Mister Brigham persönlich nach Europa kommen wollte, war doch der schlagende Beweis dafiir, Paß er es ernst meinte. Er suchte nach einer passenden Fran, die er drüben nicht fand; er wollte allem Anschein nach auch eine Deutsche haben. Er hatte nach der Photographie Interesse für Traute gewonnen — und in Wirklichkeit War das Mädchen gewiß noch viel hübscher, als das Bild es zeigte!
Köhler kombinierte: wenn Mister Brigham sein Schwiegersohn wurde, war er aus allen Nöten. Dann wollte er das Fellgeschäft nach Möglichkeit einschränken und in der Hauptsache der Agent von Jonathan W. Brigham werden, der europäische Vertreter fiir seine Spekulationen nnd Transaktionen.
Natürlich, auch mit beit Launen Trautes mußte man rechnen. Es war uufaßlich, daß sie einen Ehrenmann wie Herrn Roeßler so grundlos verabschiedet hatte. Sie hatte erklärt, sie hätte sich getäuscht: sie liebe ihn nicht, imb sie werde nur den heiraten, dem ihr Herz gehöre. Das war freilich eine schlimme Sache. Aber vielleicht war Mister Brigham ein'bildschöner Mann. Vielleicht lockte sie das Exotische: das Rabenhaar und der Glanz der Augen. Vielleicht auch der Reichtum--und schließlich war Traute
doch auch eine gute Tochter, die den Ruin des Hauses nicht wollte. Und wieder sprangen die Hoffnungen Köhlers in vollem Galopp.
Von alledem ahnte Traute nichts. Sie hatte acht Tage lang das Bett hüten müssen und fühlte sich doch nur elend, nicht krank. Als sie wieder aufstehen durfte, fand sie em paar Briefe vor, die inzwischen für sie eingetroffen waren und die man ihr absichtlich nicht gegeben hatte, um ihr jede Aufregung fern zu halten. Der eine enthielt die Ber- lobungsanzeige von Suse Appelmann. Die Anzeige sah sehr stattlich aus; Yvedon nannte alle seine Namen: „Raoul Bienaimo Marquis d'Ytiedon de Bearn Sieur de Laparre" — das schlicht-bürgerliche, wie aus einem Lustspiel Rau- pachs klingende „Appelmann" nahm sich daneben fast komisch aus. Aber Traute freute sich und schrieb auch gleich eine Gratulationszeile. Die dicke Suse hatte doch glücklich erreicht, was sie wollte. Ihr Vater hatte nachgegeben, und Yvedon brauchte nun keine Konversationsstunden mehr zu geben. Dann war auch noch ein Briefchen von Eva Delbrück gekommen: kurz und sehr geheimnisvoll in den Andeutungen: „Liebes Drautchen," schrieb sie, „Sonntag fünf Uhr Rendezvous bet Bartels. Hinterzimmer. Die ganze Goldene Horde ist da. Neue Ueberrumpelung geplant. Verein Caritas — aber wie! Küß — Eva,"
Traute lächelte etwas trübe. Ach du. lieber Gott, ihr stand der Sinn nicht mehr nach den alten Albernheiten! Aber sie antwortete Eva dennoch. Sie sei krank geworden und solle auf einige Zeit nach Sonderkroog; da könne sie sich leider an den Unternehmungen der Goldenen Horde vorläufig nicht mehr beteiligen, würde sich aber sehr freuen, wenn man sie in Sonderkroog einmal, besuchen ivollte; sie wohne bei Möchels und sei ganz allein draußen. ,
Dies Alleinsein wär wonnig für sie. öte faulenzte viel. Sie schlief bis in den Dag hinein und frühstückte dann sehr gemächlich. Milch war auf Befehl des Achtes ihre Hauptnahrung. Gegen Fleisch hatte sie plötzlich einen Widerwillen bekommen. Frau Möchel wußte gar nicht mehr, was sie ihr vorsetzen sollte. Gottlob gab eg. Fische genug, auf deren mannigfache Zubereitnng sich die Alte verstand, und auch Gemüse tvaren leicht zu beschaffen. Ä ,
Die schöne Witterung hielt iwch an. Der Mar war sommerlich warm. Tagsüber war Traute fast immer tm! Freien. Sie hatte sich eine ganze Kiste voll Leihbibliothekslektüre kommen lassen: Romane von der Mühlbach, Flh- gare-Carleen, Braddon, von Gustav vom See, Dumas, Springer — alte Scharteken, die sie mit ins Freie nahm und völlig gedankenlos las. Auch weite Spaziergange machte sie. Den Strand hinab bis zu den Felsen von Tendlau, wo der Leuchtturm stand; dnrchkletterte die Dunen nach allen Richtungen und streifte in den Fichten umher, bis zu der Talmulde, wo Kruse für sie den Thron der Märchenfee hatte errichten wollen. So war sie des Abends dann immer sehr müde und kroch gern in die dicken, bunt- überzogenen Federbetten der Frau Möchel und schlief, bis die Sonne hoch stand.
Das faule Leben bekam ihr gut. Ihre Wangen braun- ten sich, die Farbe der Gesundheit kehrte zurück. Sie koii- statierte auch, daß sie zunahm. Das ärgerte sie zunächst. Sie wollte nicht wie Suse Slppelmann. werden. Sie ivar so froh über ihre Schlankheit. Aber das half alles nichts: sie rundete sich. „Traute, du wirft fett wie eine Wachtel," hatte Helene erst neulich zu ihr gesagt. Helene und Ryls kamen immer des Sonntags nachmittag, Vater und Mutter zuweilen in der Woche. Einmal hatte sie mich Klothilde, besucht, aber das war keine frohe Stunde gewesen. Klothilde hatte sofort von Max Roeßler angefangen und ihr bittere Vorwürfe gemacht. Sie sprach auch voll den geschäftlichen Verlegeiiheiten des Hauses nnb Betonte, wie glücklich der Vater fein würde, wenn sie ihm nicht mehr zur Last zu fallen branchte. Diese Bemerkung machte Trante wütend ; es kam zu scharfen Worten; Klothilde bedauerte, daß sie überhaupt ilach Sonderkroog gekommen wäre, und Traute sagte, sie sehne sich nicht mehr nach ihrem nochmaligen Besuch. , ,
(Fortsetzung folgt.)
Die Gartenstadtbewegung in Deutschland.
Von M. Dunkler, Kohlscheid.
Das rapide Anwachsen der industriellen Großstädte hat M Erscheinungen geführt, die Gesundheit und Volkswohl mehr und! mehr bedrohen. Die stets wachsenden Bodeupreise der Großstädte zwingen zu möglichster Ausnützung der kleinsten Fläche, und so wachsen nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa die Häuserblocks immtzr höher und höher, die vorgeschricbencn Hohen werden aufs äußerste beschränkt und gleichen sie eher manchmal Schachtanlagen als Hofräumen. In diesen Blocks sind mm manchmal mehr Menschen zusammengepfercht, als in einem klemen Bauern- döeschen wohnen, und mit Schrecken wendet man sich von so vielen Ein- rmd Zwei-Zimmerwohuungen ab, die noch nicht einmal zu den schlechtesten gehören. ,
Nnd nun erst der Gedanke an die Kmder, die m mesen Häusern groß werdeii. Der kleine Hofraum, der dazu noch vielfach zu allem niöglichen ausgenützt wird, bietet keinen Raum- also müssen sie hinaus in den Trubel der Straße, und die vieleU UnglückSsälle und all die unliebsamen Vorkommnisse können denk nur Wunder nehmen, der mit den Verhältnissen nicht vertraut ich
Wenn ich-aber oft am Wend meiner außerhalb der, Stadt! gelegenen Wohnung zuging, mußte ich eine dieser Arbeiterstraßen passieren. Und was bann dort an den Häusern und auf der Straße und auf den Treppen hockte, um eineu Mund voll frischer, schlechter, dumpfiger Stadtluft einzuatmen, das ist zum Erbarmen.
Diese schrecklichen Zustande zu heben, dem Arbeiter und denk gering besoldeten Angestellten eine Wohnung in frischer, freier Luft und zum Preise der alten, schlechten Wohnung zu IwW;' das ist das Ziel der Kartenstadtbewegnng. Unter einer Garten-


