Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
Walter Hartrights Aussage.
1. Teil.
I.
An einem sehr heißen Julinachmittaae pilgerte ich nach Hampstead hinaus, um meiner Mutter Lebewohl zu sagen. Am nächsten Tage sollte ich nach Cumberland fahren, um dort eine Stelle als Zeichenlehrer anzutreten.
Diese Stelle hatte mir mein kleiner Freund Pesca verschafft, dem ich in einem vornehmen Haufe begegnet war, wo er im Italienischen, ich im Zeichnen unterrichtete. Seitdem ich Gelegenheit gehabt, ihm beim Baden das Leben zu retten, wäre er für mich durchs Feuer gegangen. Das fast zwerghafte Professorchen war seit Jahren in London ansässig, nachdem er aus irgendwelchen politischen Gründen seine Privatdozentenstelle an der Universität Padua hatte aufgeben müssen.
Die Bedingungen für diese Stelle bei Mr. Frederic Fairlie, zu Limmeridge House in Cumberland, waren die denkbar günstigsten. Ich sollte während vier Monaten zwei junge Damen im Aquarellieren unterrichten und gleichzeitig eine wertvolle Sammlung von Handzeichnungen ordnen. Dafür sollte ich wöchentlich vier Guineen erhalten, in Limmeridge House wohnen und dort wie ein Mitglied der Familie behandelt werden. „Heirate eine der beiden Damen und erbe tzie fetten Güter dieses Fairlie, und wenn du dann ein großer Herr bist, dann vergiß deinen alten Pesca nicht ganz!", hatte mir der kleine Italiener beim Abschiede zugerufen.
Es war sehr spät geworden, als ich endlich das Häuschen meiner Mutter verließ. Trotzdem es beinahe Mitternacht war, lag immer noch eine drückende Schwüle über der mond- beschienenen Landschaft. Daher beschloß ich, auf einem weiten Umweg heimzuschlendern, um möglichst lange der rauchigen Luft der Großstadt zu entgehen, den weißen sich Mn- und herschlängelnden Pfaden, die über die einsame Heide Mnliefen, zu folgen und durch die am freiesten liegende Vorstadt von London dorthin zurückzukehren, indem ich den Weg von Finchley einschlug und so in der Frische des neuen Morgens auf der Westseite des Regents Park anlangte. Ich wanderte langsam auf der Heide dahin, im Genüsse der himmlischen Stille und voll Bewunderung der sanften Abwechselungen von Licht und Schatten, wie sie einander rund itm mich her auf der hügeligen Heide folgten.
Ms ich aber die Heide verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen hatte, wo es weniger zu sehen gab, zogen die Gedanken, welche die kommende Veränderung in meinen Gewohnheiten und Beschäftigungen natürlicherweise hervor- Viefen, mehr und mehr meine Aufmerksamkeit ausschließlich
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auf sich. Ms ich am Ende des Weges anlangte, war ich vollkommen in meine phantastischen Visionen von Limmeridge House, Mr. Fairlie und den beiden jungen Damen vertieft, deren Hebungen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei ich so bald beaufsichtigen sollte.
Ich war jetzt an der Stelle angekommen, wo vier Wege einander begegnen — der Weg nach Hampstead, auf dem ich zurückgekehrt war, der Weg nach Finchley, der nach West End und der nach London. Ich.hatte mechanisch den letzteren eingeschlagen und schlenderte langsam die Landstraße entlang, als in einem einzigen Augenblicke jeder Tropfen Blutes in meinem Körper durch -die Berührung einer Hand, die leicht und plötzlich von hinten auf meine Schulter gelegt wurde, erstarrte.
Ich wandte mich schnell um, indem meine Finger sich fest um meinen Stock schlossen.
Da, in der Mitte des breiten, hellen Weges — als ob sie soeben aus dem Erdboden entsprungen wäre — stand die Gestalt einer einsamen Frau, von Kopf bis zu. Füßen in weißen Kleidern, ihr Gesicht in ernster Frage zu dem meinigen gewendet, und mit der Hand auf die dunkle Wolke deutend, die über London hing.
II.
Ich war über die seltsame Erscheinung zu sehr erschrocken, um sie zu fragen, was sie verlange. Sie sprach zuerst.
Ist das der Weg nach London? fragte sie.
Ich sah sie aufmerksam an, als sie diese sonderbar^ Frage tat. Es war jetzt beinahe ein Uhr. Alles was ich deutlich im Mondlicht unterscheiden konnte, war ein farbloses, junges Gesicht, mager und spitz um Kinn und Wangen; große, ernste, sehnsüchtig aufmerksame Augen; nervöse, zuckende Lippen und helles Haar von lichter, braungelber Farbe. Es lag nichts Wildes, nichts Unbescheidenes in ihrer Manier; sie war ruhig und gefaßt, ein wenig melancholisch und hatte einen kleinen Anflug von Argwohn; nicht gerade die Manieren einer Dame und doch auch nicht die einer Frau aus der niedrigsten Klasse. Die Stimme^ so wenig ich auch bis jetzt davon gehört, hatte etwas seltsam Stilles und Mechanisches in ihren Tönen, und ihre! Sprache war außerordentlich schnell. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand, und ihre Kleidung — Hut, Shwal und Kleid, alles weiß — war, soviel ich dies beurteilen konnte, gewiß nicht von sehr feinem oder teurem Stoffe. Ihre Figur war schlank und von etwas über mittlerer Größe, ihr Gang und ihre Bewegungen waren frei von jeder Ueber- treibung.
Haben Sie mich gehört? sagte sie, noch immer leidenschaftslos, aber schnell und ohne die geringste Gereiztheit oder Ungeduld. Ich frug Sie, ob das der Weg nach London sei.
Ja, erwiderte ich, das ist der Weg: er führt nach St. Jobn's Wood und Regent's Park. Sie müssen mich entschuldigen. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte mich


