Ausgabe 
14.8.1911
 
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ihr vorüber. So tat auch ich. Und mein Auge ist erst Heller geworden"

Als du die andern Augen sahst," fiel, Kruse ein, die sich begehrend auf sie hefteten. Mein alter Freund, wenn wir and) bedächtig genug geworden sind, unser Selbst zu begrenzen, und weise genug, für die in uns aufstrebende Kraft Maße zu finden, die uns int Gleichgewicht halten eine Gefahr droht uns ewig mit ihren Erschütterungen: der Instinkt der Natur. Ich will grob sein: das Animalische. Ist dir int Gesellschaftsleben noch nie ausgefallen, wie rasch ein junges Mädchen, sobald sich der erste Kurmacher ein» gefunden hat, von allen Seiten umschwärmt. wird? Wie kommt das? Wir sind beide Jägersleute. Wenn, der Edelhirsch der Spur des Weibchens folgt, bleibt er nicht lange allein. Die Spur lockt auch atrdere. Der Brnnft- schrei fiicdet sein Echo. Und dann kommt es 51t Kämpfen." Er stand auf und legte seine .Hand auf die Schulter des Freundes . . .Wir wollen hoffen," sagte er,daß unser feines Edelwild glücklich ans diesen Kämpfen hervor- geht."

Moebius hatte den Kopf tief geneigt und die Hände int Echoße gefaltet. Er antwortete nicht.

Kritse blieb neben ihm steheir. Wieder rührte er leicht an der Schulter des andern.

Ich weiß, an tuen du jetzt denkst."

Nicht an Traute wahrhaftig nicht."

Aber an Klärchen."

Ja, int hast recht ich dachte an sie."

Wo lebt sie jetzt?"

Drüben in Hamburg."

Unit euer Kind?"

Wird groß und hübsch."

Wann warst btt zum letzten Male bei ihnen?"

Es ist lange her. lieber ein halbes Jahr. Ich ver­meide die Zusammenkünfte. Ich spüre ja" und nun sprang er auf, und durch seine Stimme zitterte ein Wider­hall schmerzlicher KlageNiels, ich spüre ja, wie die Kluft ztoischen ihr und mir sich weitet und sich keine Brücke mehr schlagen läßt! Das ist die Tragik meines Lebens, daß ich mich an sie gebunden fühle und zuweilen rast die Sehnsucht nach Freisein wie ein Sturm durch meine Seele! Noch jüngst ah ja, lache mich aus! als ich in ein ver­ängstigtes Mädchen!) erz schauen mußte und jedes Trostwort mir schtver wurde, weil"

Er schlug wild mit der Faust gegen die eigene Stirn. Animal!" rief er.Duckt sich das Tier dcnit nie in uns?!"

Kruse nahm ruhig die Zigarre auf, die Moebius auf den Teppich hatte fallen lassen. Dann gab er ihm Feuer.

Rauche," sagte er;das kalmiert. Und sprich dich nur aus. Wir haben uns wieder einmal in einer Narrheit getroffen: das bringt nns von neuem ein paar Schritt zu­einander."

Wie war es denn," fuhr Moebius fort.Nichts, was bett Reiz des Sonderlichett au sich hätte: int Grunde ge­nommen eine Geschichte von gestern und heute, etwas All­tägliches. Ein junger Student, der ein armes kleines Mäd­chen liebte. Und dann so fort. Kein interessanter Routau. Ich wollte sie heiraten damals, als ich noch bei der Bühne war, und wartete nur auf den Aufstieg zu besseren Zeiten und Gagen. Und auf eintüat kaut der Ekel vor­der Kulissenluft; da ließ ich schminke und Puder liegen und setzte mich wieder hinter die Bücher, lind- wurde Pastor und war gefangen. Bom ersten Tage ab, da ich auf der Kanzel stand, habe ich einer duldsamereit Lebensanschauung das Wort geredet; aber glaubst btt wohl, daß auch nur einer aus meiner großen Gemeinde es mir verziehen haben würde, wenn ich mein Studeuteuliebchen geheiratet und mein Kind zu mir genommen hätte?"

Kruse saß unter der Lampe, die einen violetten Seideit- schleier hatte, durch die das Licht in seltsam uuwahrschein-- lkcheu Tonen auf den glatt geschorenen Kopf und die eckige Sttrn des Malers siel.

. Er nickte stumm. Es flatterte etwas durch fein Hirn: eine Erinnerung, die ihn itt diesem Augenblick peinlich be­rührte. Er dachte au die kurze Geschichte, die er vor we- nigen Stunden Traute erzählt hatte. Auch eine Alltags- geschichte wie die von Moebius; nur daß hier der grau» fame Tod eingegriffen hatte. Das Tragische spielte nach anderer Sette; aber die Borbedingungen lagen gleich. Und dennoch hatte er einen Unterschied gemacht. Bei Moebius

war ihm nie der Gedanke einer Schmählichkeik gekommen: bei Eberstedt war er das Empfinden eines Bubenstücks nicht los getuorben. _ Freilich, diese doppelte Beurteilung, für die es schon Erklärungen gab, war es nicht, die er im Augenblick des Erinnerns unbehaglich fühlte. Es war viel- mehr die blitzähnliche Reflexion, daß seine schonungslose Enthüllung Traitte gegenüber doch nur ein Pharisäerknnst- stück gewesen war.

Indes sprach Moebius weiter: sprach sich seine Last vom Herzen.

Du, Niels, hast mir einmal gesagt :Löse die moralische Schlinge, und du bist frei." So waren deine Worte. Aber selbst, wollte ich versuchen, durch rohen Bruch meiner lieber» zeugung die Kette abziischütteln: das Kind ist da und läßt es nicht zu. Ich kann es nicht zu mir nehmen. In frü­heren Jahren glichen Jugend und Leichtsiuti so mancherlei ans. Aber wir sind älter gewordetr, sie und ich. Und mit dem Aelterwerden sind auch die Reize berlorett ge­gangen, die mich an sie fesselten: die Frische ihres Wesens, ihre holde Naivität, ihre Herzensamnut. Was geblieben ist, erschreckt mich: ihr Mangel an Bildung und die leeren Strecken in ihrem Empfindungsleben. Wenn ich auch heute den Talar ausziehcm wollte, nut die alte Schuld einzulösen: ich könnte sie nicht heiraten, toeil diese Ehe mein Grab sein würde. Denn, Niels, mein Herz ist noch jung ich spüre es allzusehr. Und ich sage dir: loäre die Kugel nicht da, die ich nachschleppen muß ich hätte alles daran gesetzt, mir das blonde Geschöpfcheii zu fangen . . . Hätte auch den Kampf tticht gefürchtet und bett feindlicheit Brunst­schrei . . . Da wäre das Leben in meinem Leben der Att- trieb gewesen. Das Animalische, sagst du. Nein, Niels; das Göttliche!"

Und das Fazit, Arthur: die Etttsagung. Für dich und für mich . . . Da sitzen sich nun zwei reife Männer, die das Schicksal genugsam geschüttelt hat, wie Backfisch­chen gegenüber und quarren von dem Unglück ihres Her­zens. Weil ein niedlicher Blondkopf ihnen den Kopf ver­dreht hat. Nichts als ein niedliches Kerlchen: keine blen­dende Schönheit, kein ragender Geist ein Durchschmtts- mäbelchen. Sie stiebt aus wie ein Licht aus dem Dunkel, und die Motten schwirren um sie Her. Wenn das nicht

aber nein, ich spreche nicht mehr von dem Trieb der Natur und dem Geheimnis elementarischer Anzie- hungskrast. Ich schone das Höher-als-Sinnliche in dir. Ich plädiere nur für einen neuen Band zur Psycho- Physiologie. der Liebe aber ich wette, du kannst ihn nicht schreiben."

Ich plädiere für Besseres und sage habet von vorn­herein: schilt mich wieder einen rettungslosen Idealisten. Ist die Kleine uns auch verloren: verloren gehen soll sie darum nicht."

Kannst du sie halten? Ich- hatte einen vergifteten Pfeil im Köcher, der sollte Everstedt treffen. Ich fürchte, er traf nur sie."

(Fortsetzung folgt.)

Wföer die Zprachverderdnis.

Wie steht es um unsere Muttersprache? Das ist eine Frage, der sich heute kein Gebildeter, und läge sein Berufs­gebiet noch so weit ab, ganz entziehen kann. Und wer möchte sich wohl unterfangen, ans diese Frage, sei es voller Ueberzeugung, sei es mit dem Gefühle der Gleichgültigkeit, zu antworten: Gilt. Eine Sprache voll Lebenskraft be­darf keines Sprachvereins der Allgemeine deutsche Sprach­verein zählt zurzeit 30000 Mitglieder, und matt darf ruhig behaupten, daß der Anteil an dem Gegenstände int Wachsen Begriffen ist. Die mannigfachsten Schriften, Aufsätze, Preis­fragen und sonstigen Steuerungen, sie zeigen, baß der Ruf vom Niebergatige unseres Sprachlebens yeitte in weiten Kreisen Gehör sucht und wenigstens teilweise auch findet.

Das Eingeständnis des Nebels ist also Vorhänden; wie aber steht es mit der Erkenntnis der Fehler oder gar mit dem ernsten Willen zur Besserung? Bei einer großen Zahl von Leuten erschöpft sich die ganze Frage in der Bekämpfung der Fremdwörter. Ihrem Bedürfnisse Nach Svrach- retmguitg genügt es, daß man heute z. B. Beloziped durch Fahrrad, Perron durch Bah n st ei g usw. ersetzt hat. Die Besetttgung überflüssiger Fremdwörter bedeutet aber nur die alleräußerlichste Betätigung zum Schutze unserer Sprache, und in gar manchen Fällen kann