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(Nachdruck verboten!
Er kam nun wirklich jeden
im großen Lehnstuhl am Ofen
<ur kanr nun wirklich jeden Abend, ganz einfach und ohne besondere Worte, so, als müsse es so sein, daß er §r?ßen Lehnstuhl am Ofen saß und zuhörte, denn er 'bldst sprach wenig und war trotzdem kein langweiliger Gast.
Nie wieder fühlte Fran von Hilbach in seiner Gegen- wart jene uuerklärliche, übergroße Erregung wie am ersten ^u.r Üblich war sie, so still und durch und durch glualich, wie cs Menschen sein können, die nach langem Wog durch Dunkelheit und Schatten plötzlich in schönes, warmes Licht kommen.
Man machte auch keine sonderlichen Umstände mehr U<Ll^ent .®°^or. Wenn die Pastorin unten war, saß er zwischen ihr und Frau von Hilbach am Teetisch und be- semen Aufschnitt richtig abgezählt, genau soviel, wie
Aosy für fünfundslebzig Pfennig bei einem kleinen Verdienst liefern konnte.
während sie so plauderte, sah sie den Doktor scharf an, aber in seinem Gesicht änderte sich kein Zug, und er sagte auch kein Wort zu der Kosy Geschwätz.
Sie schüttelte oftmals beit Kopf über die beiden, und wenn sie allein in ihrem Stübchen oben am Bergabhang saß, dann dachte sie darüber nach, was er wohl eigentlich sei und wie das zugehe, daß er so lange hierbleiben konnte, und ob er wohl Geld genug habe, um eine arme feine Frau mit einem Kind zu ernähren, denn daß er sie lieh hatte und daß sie ihn lieb hatte, das wußte sie, dafür; hatte sie ihren Blick, ihren guten, vernünftigen Spürblick, der sie nie täuschte.
„Wie geschaffen sind sie füreinander," dachte sie »ft. „Wollte Gott, daß einer von beiden ein bißchen Geld hätte, denn wenn sie beide arm sind, dann hätten sie sich besser nie gesehen!" —
Dreizehntes Kapitel.
Die Specht Und die Hänflein saßen wieder allabendlich zusammen und erzählten sich die Neuigkeiten aus dem Haus und dem Städtchen. Ihre Freundschaft war um vieles inniger und vertrauter geworden wie im vergangenen Winter. Die Specht war jetzt so, wie die Hänflein sie sich wünschte, ein bißchen demütig, immer gefügig, immer etwas ängstlich, ob keine Abkühlung im Verhalten ihrer Freundin eintrete, und wenn die Häuflein wirklich einmal ein wenig verstimmt war, dann ruhte sie nicht, bis sie den Grund erfahren Und die Hänflein so weit gebracht hatte, daß sie sich ihren Trostreden zugänglich zeigte.
Die Häuflein ließ es ihrerseits an kleinen Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten nicht fehlen. Im Grund war ihr die Specht äußerst unsympathisch, und dennoch, sie vermißte sie, wenn sie nicht mit ihr schwatzen konnte. Sie brauchte solch einen Menschen, der ihr schöne Dinge sagte, der tirr zu Willen war und sie auf dem Laufenden erhielt über alles, was sich in der Umgebung abspielte.
Spät abends, wenn die Specht sich mit wortreichem Dank verabscksiedet hatte, spielte dann immer ein häßliches Lächeln um der Hänflein Mund, und sie flüsterte Worte wie: „Heuchlerin, gemeine Seele, Schlange!" und die Specht warf sich oft in ihrem Zinuncr auf einen Stuhl und ballte die Fäuste und sagte: „So eine, pfui, so eilte! Und gegen so was muß man freundlich sein, weil man zu arm ist, um sich allein das Geringste zu gönnen!"
Und doch empfand auch sie etwas wie wirkliche Freundschaft zur Hänflein, und selbst wenn diese ihr nicht fortgesetzt kleine Wohltaten und Freundlichkeiten erwiesen hätte, sie würde doch das Verlangen getragen haben, bei ihr zu weilen und mit ihr zu plaudern, weil es so schön war, so unbeschreiblich schön, gegenseitig die Meinung auszutauschen/ Pläne zu schmieden und Urteile zu fällen.
Und gerade in diesem Winter ging doch so manches im Haus vor, was der eingehendsten Besvrechunq wert war.
^eine Erwin bettelte um sein Abendmärchen, und Ms Frau von Hilbach zuerst etwas zweifelnd zu dem Doktor hmubergtyehen hatte, bat der sie herzlich, alle Gewohn- heiten fortzusetzen, und sie hatte dann ihrem Kind irgend eine Geschichte erzählt, die ihr so aus der blauen Luft zugeflogen war, und der kleine Junge hatte erstaunt auf- gesehen, weil seine Mutter so merkwürdig hastig und ängstlich sprach. 01
Sie fühlte immer, daß des Doktors Augen an ihr hingen, wahrend sie sprach, und das benahm ihr die Rühe, Und als sie fertig war, entschuldigte sie sich und meinte, er wurde nun wohl über sie lachen.
„Ich finde es schön", antwortete er, „wenn Mütter ihren Kindern Märchen erzählen, und heutzutage pflegen viel M wenig Mütter diese liebe Sitte. So eine Mutter, die Märchen und Geschichten erzählt hat, die wird einmal viel inniger von ihren Kindern betrauert, die lebt viel länger in ihrem Gedächtnis fort."
Frau von Hilbach hatte zu ihm auffehen müssen. Solche Worte hatte sie ihm nicht zugetraut, aber sie hätte ihm danken mögen dafür.
„Sehen Sie, Frau von Hilbach, am ersten Abend haben Sie gemeint, er wäre nicht gut, ich hab Ihnen das wohl angemerkt, denn darum wurden Sie so lustig. Nun aber ^te gemerkt, daß auch einer, der ein bißchen brummig «ussreht und dessen Augen manchmal etwas unheimlich blicken, doch gut sein kann!" sagte die Kosy und sah ihre Herrin forschend an; und wenn sie morgens beim Doktor ™ „Ci Aufraumte, erzählte sie ihm von ihrer kleinen Gnädigen, und wieviel die auf ihren zwei Schultern zu tragen habe, und welches Glück es sei, daß so ein lieber, guter Mann wie er, der Doktor, jetzt bei ihr wohne, und
Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.)


