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Uns ZU stören begann,- schoben wir Stühle, Sofa, Tisch beiseite und arbeiteten int Schweiße unseres Angesichts wie die Kuli, um Platz zu machen, den Teppich umzu!- klappen.
Aber gerade als wir mit unserem Werke fertig waren, trat der Bursche eüt. Er blieb fassungslos stdheu. Unser freiwilliges Reinemachen, an das er wohl glaubte, begriff er nicht. Und- auch wir mochten nun nicht mehr tanzen. Wir ließen alles stehen, wie es war und retteten Uns in mein Zimmer. Dort setzten wir uns auf den Diwan, sahen uns in die Augen, und ich fragte lachend:
— Nun sage mir einmal, Maria, was hat man davon?
Sie stöhnte nur:
Gott sei Dank, daß es vorbei ist!
— Nicht wahr, das tun wir nie wieder?
— Nie wieder!
Dann aber erzählten wir uns Unsere Eindrücke. Sie wollte genau wissen, was jeder einzelne geredet, wovon ich mit dieser Dame gesprochen hätte, wie lange mit jener. Wir befragten uns ängstlich, wie unsere Gäste den Tee und wie sie die Butterbrote gefunden hätten. Ob der Bursche sich anständig benommen hätte, ob die Leute zufrieden gewesen wären. Schließlich fanden wir alles gut und gelungen, und waren mit Allerhöchstuitsselbst sehr zufrieden. Am zufriedensten aber darüber, daß tvir allein waren. Wir zogen uns sofort um — ich! bequemes Zivil, denn heute war ich! entschlossen, nicht einen Fuß mehr aus dem Haufe zu setzen — Maria ein Hauskleid.
— Das kann ich zerknautschen, wie ich will! — meinte sie dazu.
Darauf gingen wir ins Wohnzimmer, wo noch vor einer halben Stunde förmlich und feierlich die Teegesellschaft gesessen, und begannen uns zu. erzählen.
Wovon sprachen wir? Von unserem Glück ■— Nur immer und immer von unserem Glück. Bon dem, das wir gehabt, uns zu finden. Ich sagte zum Scherz:
i—- Wenn ich nun in Pernese einen Tag vor euerer Ankunft abgereift, wäre?
-Maria war erschrocken:
— Nm Gottes willen, das wäre ja fürchterlich ß'o wesen!
Doch bald tröstete sie sich- und meinte nun ganz beruhigt:
— Dann hätten wir uns in Mentone getroffen, in Vordighcra, San Remo, in Nizza, in Nervi oder irgendwo anders. Denn getroffen hätten wir uns ganz bestimmt.
Ich- zog meiner Frau Stuhl zu mir, und !vie wir so nebeneinander saßen, die Schläfen aneinander geschmiegt, dis Hände verschränkt, daß meine großen, langen Finger ihrs zarten, kleinen umspannten und unsere Schultern sich berührten, fragte ich:
— Weißt du denn das so gewiß?
Sie war ernst geworden, als handle es sich um eine große Feierlichkeit, sie antwortete langsam:
— Ganz gewiß!
Ich dankte ihr durch einen Kuß. Es wär schon dunkel geworden, denn die Tage würden kurz. Wir liebten beide diese Dämmerungsstunde, in der die Gedanken freier sirren als am lichten Tage, in der die Seelen sich weiter öffnen, wie eine Iris int Menschenauge größer wird in der Dunkelheit. Mir schwirrten Fragen durch den Sinn, aber ich schwieg und ließ bett Zauber der Stunde auf mich wirken. Maria begann zu sprechen. Ganz leise, als hauche sie mir ein tiefes Geheimnis ein. Ich sah sie nicht an, ich lauschte nur ihrer leise verschleierten Stimme:
-- Ich bin immer überzeugt gewesen, daß Menschen füreinander bestimmt sind! Ich glaube, ich hätte tun können, was ich wollte — dir wäre ich begegnet. Ich habe denen, die früher um mich ungehalten haben, nein gesagt, weil ich immer nur den wollte, zu dem es mich auf den ersten Blick triebe. Ms ich dich damals in -Pernese sah, denke dir, wußte ich sofort: der ist es.
Sie schwieg, und ich küßte im tiefer niedersinkenden Dunkel ihre Hand. Sie sprach weiter:
— Und denke dir, ich hatte nicht Angst, du möchtest mich nicht sehen, und weitergehen. Ich wußte, du mußtest kommen! Fritz, ich! habe so eigene Gedanken oft, und heute möchte ich dir etwas beichten, das Einzige, das ich in unserer Ehe für mich behalten habe. Du brauchst nicht zu er-? schrecken. Es sind nur Gedanken, Gedanken, ja
. oder, wie soll ich es neunen? — Ahnungen vielleicht. Es find dUmme, dumme Gedanken, aber ich kann nichts dafür, daß sie mir gekommen sind. Mir ist ess als wäre meist Glück zu groß!
Zu groß? — fragte ich! leise, und sie fuhr flüsternd fort:
Ich bin so glücklich, so namenlos glücklich, daß ich fühle, wie es nicht so bleiben kann. Ein Mehr ist nicht! möglich. Was soll da also geschehen? Ich .... ich denke! manchmal, das Glück der Menschen dürfte doch nicht so ungerecht verteilt sein, daß die einen alles haben und die anderen nichts. Daun weht mich- der Gedanke an, nur von fern, nur ganz leise, das könnte so nicht bleiben.
i—Wie — wie meinst du das?
Maria legte den Kopf dicht an meine Wange und sprach nun so leise, daß ich kaum mehr verstand:
r- Ich meine, mein unsägliches Glück kann nicht lange dauern! Es ist zu groß, zu herrlich!. Es muß ende«, bald einmal. Ja, Fritz, sei mir nicht böse, ich muß dir doch sagen, was ich fühle. Es muß — ich glaube — ich werd-e nicht lange leben!
Das traf mich jäh. Ich fuhr zurück von ihr. Doch j nur für einen Augenblick, dann schloß ich mein Weib in die Arme, küßte ihr Wangen und Stirn, Augen, Schlafen und Mund, streichelte und liebkoste sie, nannte sie mit zärtlichen Namen. Aber eine fürchterliche Angst hatten die Worte in mir erweckt. Bor meine jäh erregte Phantasie trat per Gedanke, ich könnte Maria wirklich verlieren, so lebhaft, so schmerzlich, daß ich sie an mich preßte, sie hielt, als müßte ich sie verteidigen, und ich rief als wollte ich mich selbst vor dein Gaukelspiel der Sinne schützen:
>— Maria, du darfst mich nicht verlassen, nie, hörst du? Was sollte aus mir werden ohne dich?
i— Ich will bei dir bleiben !
i— Immer, Maria?
H Immer und ewig!
Wir waren ruhiger geworden. Wir kehrten zur Wirklichkeit zurück, und es schien uns beiden, als hätte irgend etwas Sonderbares auf uns gelastet. Etwas Unerklärliches, das wir jetzt gar nicht mehr begriffen. Wir richt- teten uns auf. Maria sagte nachdenklich:
>— War das nicht eigen? Welche Ahnungen man doch manchmal hat!
9(1111 begannen wir beide zu lachen über die Stinw mung, die uns noch eben im Bann gehalten hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Die rialterücksälle.
Dr. A. Peppler, Vorsteher der Wetterdienststelle Gießen.
Es ist eine Eigentümlichkeit unseres Klimas, daß voiN Winter zum Sommer die Wärme nicht-gleichmäßig zunimmt,- so wie die Sonne sich von Dag zu Tag um einen bestimmtest Betrag höher über den Horizont erhebt, sondern daß der Wärmeanstieg in unregelmäßigen Sprüngen erfolgt; auf Perioden der Wärme folgen scharfe Rückschläge, die die Temperatur unter den Normalwert herabdrücken. Besonders im Mai und Juni sind diese Kälterückfälle häufig und gefürchtet, da sie an der jungen aufsprießenden Vegetation oft großen Schaden anrichten. Seit Jahrhunderten schon spielen diese Eigentümlichkeiten der Witterung im Volks- munde eine große Rolle und sie haben sich zu zahlreichen Wetter- und Bauernregeln verdichtet, in denen diese Wetterregeln mit den mannigfaltigsten Zweigen des praktischen Lebens in Beziehung gefetzt werden. Im Volksmunde haben die Külterückfälle eine Verlegung auf ganz bestimmte Tage erfahren, die ohne innere Gründe meist int Anschlüsse an bestimmte Legenden oder Kalenderheiligc erfolgte. Am bekanntesten sind die drei Eisheiligen, Mamertus, Pankratius, Servatius, am 11., 12. und 13. Mai. Bei einer wissens schaftlichen Prüfung der Regel, ob wirklich an diesen drei Tagen mit besonderer Vorliebe Wlterückfälle eintreten, ist oft übersehen worden, daß die Eisheiligen wie die meisten Bauernregeln ihren Ursprung vor die Gregorianische Kia-, lenderreform zurückführeit lassen. Dadurch wird eine Untersuchung, die sich aus den 11., 12. und 13. Mai erstreckß ganz illusorisch, denn die Eisheiligen haben durch die Käleuderreform eine erhebliche zeitliche Verschiebung er-, fahren. Bekanntlich! war der Gregorianische Kalender dem alten Julianischen Um 10 Tage voraus. Schon zur Zeit der Reform im Jahre 15.82. machte man gegen feine. Mila


