Ausgabe 
9.8.1911
 
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war ein Uebersctll. Ich mußte ihn wagen. Dennoch: ich bitt nicht roh gewesen. Ich habe Ehrfurcht vor Ihnen; die zügelt die Leidenschaft. Aber so ohne weiteres gebe ich Sie. nicht auf. Ich würde auch warten köimen. Doch ich weiß: dann begönne eine schwere Zeit für Sie."

Sie verstand nicht.Warum?" fragte sie.

Weil Sie Everstedt lieben."

Eilte Lohe schlug über ihr Gesicht. Auch das Weist ihres Halses, das unter dem Blond ihres Haares schiiu- inerte, färbte sich dunkler.

Wie kommen Sie ans diesen Gedanken!?" rief fie._

Ich habe zwei Tugen und ein scharfes Gehör. Sie sprachen zu viel von ihm. lind erwähnten Sie seiner, so wurde Ihr Blick unsicher. Menschenkenntnis ist keine allzu hohe Kunst; man muß nur aufmerksam sein."

Sie irren sich," sagte sie kopfschüttelnd.Ihre Phan­tasie übertrumpft auch Ihren Scharfblick. Sie kommen ans den Irrtümern nicht heraus."

Liebe Traute, ich biu meiner sicher. Sie entsinnen sich auch wohl: ich habe Sie nicht vor Everstedt gewarnt. Ich gab Ihnen nur einen Rat. Den gab ich aus tiefster Ueberzengnng. Im Leben Eberstedts war immer der Genuß des Augenblicks maßgebend und mehr als das Herz das Spiel der Nerven, lind deshalb sagte ich Ihnen . . ."

Er verstnmmte plötzlich mitten int Satze und lauschte.

Im Zimmer nebenan wurde die Stimme der Biertalern laut.Na, wenn ich's Ihnen doch sage," hörte man sie sprechen,es ist so und nicht anders. Der Herr Professor hat ein Modell da da kann keiner rein."

Und dann antwortete eine Männerstimme:

Modell? Was heißt denn das!? Blödsinn! Eine junge Dame ist kein Modell, lind nun'. . ."

Das Zetern der Biertalern machte die Fortsetzung un- . verständlich.

Auf der Stirn Krnses schwollen die Falten. Er wandte sich mit heftiger Bewegung gegen die Tür; aber die Hände Trautes hielten ihn zurück. Diese Hände zitterten. Ein Ausdruck krassen Entsetzens stand auf dem Gesicht des Mäd­chens. Ihre Augen waren weit geöffnet, die Brauen hoch­gezogen, die Züge voll Spannung.

Herrgott," flüsterte sie.

Dann hörte man wieder die Münnerstinime:Nun machen Sie keine Geschichten, liebe Frau. Der Herr Pro­fessor wird es mir nicht übel nehmen. Ich muß die Dame sprechen. Und damit sela."

Max!" hauchte Traute. Es war fast unverständlich.

Jetzt klopfte er an der Ateliertür.

Nicht hereinlassen!" rief Traute. Sic stürzte hinter den Wandschirm.

Die Tür war nur angelehnt. Roeßler wartete das Herein nicht ab. Er trat ein und stand Kruse dicht gegen­über: so dicht, daß die beiden sich fast berührten.

Er stutzte, schlug die Absätze zusammen und sagte:Ver­zeihung . . ." Er hatte noch weiter sprechen wollen, aber er fing einen drohenden Blick Kruses auf, der ihn be­fremdete.

Niels beherrschte sich nur mühsam.Zum Dvnuer- wetter, Herr, was ist das für eine Art!" schrie er.Haben Sie nicht gehört, daß ich mich während der Arbeit nicht stören lasse?! Wer sind Sie? Ich kenne Sie gar nicht!"

Roeßler öffnete die Lippen wie zu einer Antwort. Aber er sprach nicht. Sein Ange heftete sich auf das Bild. Er erkannte den Kopf Trautes. Der Körper des Irrlichts war nicht ausgeführt. Aber durch wogenden Nebel sah man doch die leicht skizzierten Umrisse eines nackten Mädchen­leibes.

Da zuckte er zusammen wie unter der Wirkung eines unvermuteten Schlages. In suchender Hast flog sein Blick umher. Die Muskeln seiner Wangen spannten sich, der Mund schloß sich fest. Und plötzlich stieß er Kruse mit aller Kraft zur Seite und sprang an den Wandschirm.

Traute hatte ihre Bluse noch nicht geschlossen. Unter weißer Stirn starrten ihre Augen verängstigt auf Roeß­ler. Er packte sie und zerrte sie hinter dem Schirm hervor.

Schamlose!" keuchte er. Kruse riß ihn zurück. Er war ein Manu von riesiger Kraft. Seine Finger umspann­ten die Handgelenke Roeßlers; sie brachen ihm fast die Knöchel.

Roeßler stürzte in die Küiee. Und nun hob Muse

die Faust. Der Bauer erwachte. Aber zwei kleine Hände klammerten sich um die erhobene Faust.

Lassen Sie ihn!" schrie Trante. Jeder Nerv in ihr zitterte. Sie umfaßte Roeßler, um ihn aufzuheben. Er schüttelte sie ab und war int Nu auf den Füßen. Sein Blick flammte zu ihr herüber: ein Blick schonungsloser Ber- achtung.

Rühr mich nicht an!" rief er.Du bist meiner nicht wert! Du"

Er verschluckte das Schimpfwort und eilte zur Tür.

Da stand schon Kruse, breitbeinig und mit wehrender Hand. Sein Grimm war verraucht: er schlug nicht mehr nieder; er ahnte ein Mißverständnis.

Hiergeblieben," sagte er.Mir fehlt noch eine Er- nifriutg."

Habe ich Ihnen Rede zu stehen?"

Ich denke doch. Sie sind in meinem Hause und ver­gaßen sich vorzustellen."

Bei aller leidenschaftlichen Erregung siegte in Roeßler die gute Erziehung. In diesem Augenblick wurde sie frei­lich zur Parodie. Der Mann, der eben noch unter Krnses Faust geächzt hatte, verbeugte sich kurz.

Pardon," sagte er.Leutnant Roeßler."

Kruse sah ans den schlechtsitzenden Zivilanzug des jungen Offiziers.Leutnant hm . . . Und was noch?"

Er war mein .Verlobter," sprach eine zache Stimme. Traute mußte sich setzen; die Kniee brachen ihr fast. Die Spannung des Empfindens löste sich in einer schweren Träne. Ein Schluchzen stieg in ihr ans. Aber sie biß tapfer die Zähne zusammen.

War?" wiederholte Krnse mit starker Be­tonung.

Ja mar!" rief Roeßler.Ich bin es nicht mehr! Das Modell des Herrn Kruse kann nicht die Brant eines Ehrenmannes sein!"

Oho! Mein Lieber, Me vergaloppieren sich»!. Das Modell des Herrn Kruse. . . Zapperlot, das klingt etwas wegwerfend!"

Ich bin bereit, Ihnen Rechenschaft zu geben."

Merci. Ich danke eraebenst. Ich bin aus meinen eigenen Ehrenkodex eingeschworen. Ich schieße nur auf der Jagd. Aber ich raufe auch."

Traute stand neben ihm.Ich habe eine Bitte, Pro­fessor," sagte sie. Ihre Hand wies auf Roeßler.Lassen Sie mich auf eine Viertelstunde mit ihm allein."

Er neigte den Kopf.Gern: Klingeln Sie, wenn ich wiederkommen darf."

Er ging.

Trante strich mit der flachen Rechten langsam über ihr Gesicht, als wolle sie ihre Miene ordnen. Dann schob sie, während ein tiefer Atemzug ihre Brust schwel­len ließ, das nur locker geknotete Haar fester unter den Hut.

So, Max. Nun können wir uns aussprcchen. Was sollte dein Toben?"

Fragst du noch?" Er deutete auf das Bild des Irrlichts.

Ist es ein Verbrechen, wenn ich einem befreundeten Maler zu einem Kopfe sitze?"

Das Bild zeigt mehr." ... Er fuhr auf . . .Willst du leugnen . . . Ich sah ja selbst"

Was sahst du? Daß ich meine Bluse schloß. Ich hatte mich dekolletiert, weil Kruse den Halsansatz brauchte. Aber ich war dabei schämiger als int Ballsaal. Und du, der du behauptest, du liebtest mich, du hast es für möglich halten können, daß ich . . . Setzt Liebe nicht auch Achtung voraus? Und wo blieb die Achtung bei deinem törichten .Glauben?"

(Fortsetzung folgt.)

Herrn und Frau puitfarkens Reift in den wilden Kaiser.

Ein Reiseerlebnis von W. Peer s.

Neulich fuhr ich Bit einem schönen Sommermorgen von Roscn- Hehn das Unter-Anntal hinauf. Eine gesegnetere Fahrt wiE total nicht leicht in deutschen Landen finden. Die Natur zeigt die Schrecken des Hochgebirges im anmutigsten Mantel versteckt. .Der Inn durchfließt in weiten. Windungen eine lachende Ebene. Das Land M gut, die Vegetation üppig unö reich an imntnta* faltigen Saumarten. Rechts und links treten, je weiter, desto! näher, die Voralpen heran. ist nun freilich ein ander MU