Ausgabe 
8.6.1911
 
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storben waren, die ich kannte, huschte darüber weg und sagte Mr:Ach!" Ich nahm es hin wie Menschengeschick. Bekannten war ein Sohn, eine Tochter geboren. Die Welt stand nicht still, ging unerbittlich weiter, der eine trat ab, ein anderer kam wieder.

Ich las von Unglücksfällen, von Krieg in fernen Landen, von neuen Gesetzen und Parteienkampf. Ich las, um mich zu beschäftigen/ Ich las mit dem Gedanken: Was hätte Maria dazu gesagt? Manchmal in meiner einsamen Zelle traf ich auf etwas, daß es mir wär, als mußte ich Maria fragen: Kennst du das schon?

Immer mehr vertiefte ich mich in das, was dort unten geschah. Dort unten, tveit, weit unten in den Tälern, wo die Menschen sich stritten und liebten, wo sie verdienten und ausgaben. Mir gleich, mir fern. Ein Philosoph, blickte ich nieder von der Höhe auf all die Kleinlichkeit, aus tausend Eitelkeiten, auf Schmerz und Elend, auf Kampf und Spiel. Sah nieder !vie einer, den das nichts anging, der nur kopfschüttelnd las,- kopfschüttelnd und auch manchmal lächelnd.

Denn siehe, ich konnte wieder lächeln. Ich lachte einmal laut auf über einen Scherz, einen dummen Witz. Und da war es mir, als hätte ich unrecht getan. Wie konnte sch achen und heiter sein? Aber meine Gedanken beruhigten ich. Hätte sich Maria nicht mit mir gefreut? Ihr silbernes Lachen klang mir ins Ohr, so hell, so rein. Ja, Maria hätte Tränen in der: Augen gehabt. Ich konnte und durfte lachen.

Die Tage vergingen. Die Menschen wechselten. Ich blieb nicht mehr still und einsam, scheu in einer Ecke. Redete mich jemand an, so gab ich Antwort. Mit ein paar Herren sprach ich, als das schöne Wetter, das lange angehalten hatte, einmal wich, den halben Regennachmittag. Es waren Beamte aus Wien. Den ganzen Tag saßen sie im dumpfen Bureau, und nur diese Sommerzeit kämen sie heraus. Ta wollten sie freie Luft atmen, keine Menschen sehen, da mußten sie in die Einsamkeit. Sie gingen jedes Jahr zu­sammen ins Hochgebirge.

Es waren liebe, gescheite Männer in meinen! Älter, von meinen Ideen. Sie fragten, ehe sie schieden, nach mir. Ich sagte, meine Frau sei gestorben. Ich sprach es ruhig Und gefaßt, die Stimme versagte mir nicht, ja, ich konnte Von ihr erzählen.

Sie wollten fort, die Rucksäcke hatten sie schon auf beni Rücken. Aber da legten sie noch einmal das Gepäck ab, setzten sich zu mir, und in der herzlichen Weise des Oesterreichers, der leicht seine Seele öffnet, nahmen sie teil au dem, was ich sprach. Sie ließen sich von dein Ende er­zählen in Meran. Sie wollten durch das Bintschgau nach hem Ortler, und der eine sagte, wenn sie mit der Bahn am Friedhof vorbeikämen, würden sie meiner gedenken.

Dann schüttelten wir uns die Hand. Sie gingen. Sie winkten mir lange noch zu, wie sie hinaufstiegen zum Sant- nerpaß. Ich blieb vor der Hütte. Es waren die letzten Gäste. Ich stand allein. Der Führer schlief. Dann saß ich dort auf der Bank im trüben Wetter und sah die beiden sich entfernen, .Und ich, der ich die Menschen geflohen hatte, empfand ganz leise ein Bedauern, daß sie mich ber- ließen.

Am nächsten Tage schien wieder die Sonne. Neue Menschen kamen, und wenn sie mir nicht paßten, legte ich mich draußen hinter der Hütte auf die Felsen mit einem Buch, einein Blatt, sah zu den hohen Türmen und Bergen auf, die den Kessel umschlossen: der Rosengartenwand, dem wunderkühnen, jähen Winklerturm.

Ich las, las, ließ die Zeitung sinken und dachte nach. Das kleine Grab dort unten erschien vor meiner Phantasie, mit jenem:Die Liebe höret nimmer auf." Und ein Lächeln schlich um meine Lippen. Nein, wenn du auch gingest, hu bist mein geblieben, Maria!

*

Ich sprang auf, stieß die Läden zurück. Die Sonne war noch nicht heraus, aber wolkenlos spannte sich der Himmel über dem engen Täleinschnitt, den inan sah. Schlank hob sich, wie her spitze Zahn eiires Raubtieres, der Mnkler- turm vom Hinlinel ab.

i Wie ist das Weills, Schön!

Ich zog niich an. Es sollte auf beit Rosengarten gehen.

Der Führer hatte gesagt, ich hätte so gut klettern ge­

lernt, daß !vir es mit einem der leichteren WajolettürmÄ versuchen könnten. Aber ich kannte meine Kräfte und wollte nicht an die Grenze des Mögliche» gehen, sonderns Genuß und Freude davon haben.

Die Wirtschafterin gab uns Frühstück mit. Ich, der bisher eine» Bergstock getragen hatte, lieh mir einen Pickel. Der Führer nahm den Rucksack, das Seil darauf, und lang­sam schritten wir hinaus, langsam, wie der Bergsteiger beginnt.

Es ging die Schlucht hinan zum Gartet, zwischen den gewaltigen Wänden, eng mteutmiber gerückt, den Winkler­turm immer vor uns, der bei jedem Schritte näherzukommen schien, über dem der Himmel blaute, daß es mir war, als ob die Spitze sich bewege, sich langsam neigend gegen uns.

Dann machte» lvir Halt, etwa dort, wo ich zum ersten Male das Wunderbild der Vajolettürme gesehen hatte. Ich blickte mich um. Starr und trotzig, heute noch nicht von der Sonne beschienen, standen sie da. Aber mir liebe Freunde, denn es war mir, als hätten sie Viel aus meiner Seele gelöscht, diese drei gewaltige», trotzige» Gesellen.

Dan» hieß es: Nagelschuhe aus und die Kletterschuhe angezogen. Das Seil ward umgelegt, der Anstieg begann. Im überhängenden Kami» ging es schwer hinauf, senkrecht, lange Zeit, aber schnell, denn mein Körper war gestählt durch die vielen Tage des Umherirrens hier oben. Nun kletterten lvir in die freie Wand hinaus. Schwindlig war ich nicht. Der Führer zeigte, wie in immer mehr versinken­der Tiefe dämmerig unten auf dein Geröll unser Gepäck lag, fast gerade unter uns, daß ein Steinwurf es hätte treffen können.

Die Wand ward steiler und steiler. Auf schmalen Bän­der» ging cs an den Felsen hin. Ab und zu traf mich ein forschender Blick des Führers, ob ich dem auch gewachsen sei, aber ich lachte ihn nur an

Es ist schön!

Immer mehr gewannen wir an Höhe. Kleine Felsvor­sprünge gaben Halt dem Fuß und MUschelvertieftingen und -köpfe Halt der .Hand: Bald lag nach steilem Klettern, daß der Körper durchgearbeitet ward und Schweißtropfen mir auf der Stirn standen, die hohe Wand hinter uns, und auf dem Grat tat sich jäh ein Ausblick auf, wie ich ihn nicht geahnt hatte.

Tief sank es hinab auf der anderen Seite, aber milder, mäßiger geneigt. Wir konnten den wilden Felsenzirkusi überblicken, an dessen Hintergrund schneebeglänzt i» den ersten Straßen der junge» Sonne hoch die Marmolaia stand.

Nun begann die Kletterei über den Grat, langsanr, vorsichtig. Lange immer steigend, ab und zu einen Blick in die furchtbare Tiefe. Wieder drehte sich vorsorglich der Führer um: »

Tut's Ihnen was?"

Zum zweiten Male gab ich zurück:

r Es ist schön!

(Fortsetzung folgt, v.

Rosen und Lilien.

Die schönen Früchte unserer Bäume, die herrlichen Blumen unseres Gartens, meistenteils sind sie Kinder des Orients, die dort seit uralter Zeit angepflauzt, veredelt und zu Salben und Wassern für die Despoten und zu Religionsgebräuchen verarbeitet wurden. Es ist begreiflich, daß diese Pflanzen, Blumen und Früchte den Hirten, Kriegern und Ackerbauern des Westens lockend und wunderbar erschienen und darum auch frühe schon von Volk zu Volk westwärts verbreitet wurden.

Der Rose, dieser Lieblingsblume aller gebildeten Völker der Welt, wie nicht minder auch der Lilie, den! herrlichen Sinnbilde der reinen Unschuld, beiden herrlichen Zierpflanzen unserer Gärten hat der Mensch seit der ältesten Zeit seine Liebe und Sorgsalti zugewandt. Das heiße, heitre Persien, heute noch ein Blumen­land, lvo alle Garten und Höfe mit Rosen überfüllt, alle Säle mit Rosentöpfen besetzt, jedes Bad mit Rosen bestreut und alles mit Rosendust umweht ist, Persien ist jedenfalls die Urheimat der Rose und der Lilie, die von da aus nach Babylonien verpflanzt wurden, und zu den Blumenschätzen der berühmten Gärten Babylons zahlten. Auch in der Bibel werden des öfteren Rosen und Lilien bildlich erwähnt. Schon waren Rosen und Lilien in der ältesten geschichtlichen Zeit zu den Griechen, denk ältesten Kulturvolk Euro­pas, gelangt, anfangs Wohl 'nur den! Rufe nach als etwas M- bestimmtes, herrliches der Blumenwelt, von dessen Farbe und Gestalt erzählt wurde, in Form duftenden Oeles, dann auch allmählich die Pflanzen selbst mit ihren .Blüten, Homer gebraucht