Ausgabe 
8.5.1911
 
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Gelbschnäbel in der neuesten deutschen Literatur. Unter anderem rühmte er SchillersWallenstein" und fügte hinzu:Freilich verlautet jetzt von dem guten Schiller, daß er kein Dichter sei, doch wir haben so unsere eigene Meinung darüber." Dieser Satz ging auf Passow, der zwei Schritte von Goethe stand, denn es war Goethe zugetmgen, Passow predig« seinen Primanern, daß Schiller kein echter Dichter sei.

Ein recht schlimmer Äusfall gegen Goethe findet sich in einem Briefe Passows aus dem Jahre 1808:Bei dieser Ge­legenheit muß ich Ihnen doch die betrübte Nachricht melden^ daß Goethe, seitdem ihm Napoleon das Schandkreuz der Ehren­legion ins Knopfloch gesteckt hat, sich beträgt, wie es einem solchen Legionär geziemt." Dann folgt eine Periode der Ent­fremdung zwischen Goethe und Passow, dem' der Dichter doch seine Position in Weimar geschaffen hatte. Passow erschien häufig bei den Nachmittagtees der Frau Schopenhauer und gefiel sich darin, den Verkannten dort zu spielen.Ich besuchte sie den ganzen Winter, aller Langweile zum Trotz, weil ich Goethe dort zu sehen ünd ihn zuweilen sprechen und erzählen hörte, selbst wenig teilnehmend, weil der ewig mit aufgesperrtem Maul lachende !>md jachternde frivole Ton der Tees nicht in meinen Ton paßte." Der junge Mann ahnte nicht, wie unbeliebt solche Ueberlegenheit macht.Selbst wenig teilnehmend" er hörte also nur zu, ünd machte innerlich oder hinterher seine Glossen. Riemer er­zählt, Passow habe bei der Hofrätin Schopenhauer ganze Abende gesessen, ohne ein Wort zur Unterhaltung beizutragen, und mit Bezug auf Passow berichtet er von Goethe,daß er in der Mitte heiterer Gesellschaft, ehen im Begriff, sich gemütlich- zu ergehen, durch die Anwesenheit gewisser impafsibeler oder im- pasfibel erscheinender Personen, die den Verdacht heimlichen Auf­passens rechtfertigten, aus dem Konzept gebracht wurde, und das, was humoristisch und geistreich herausgekommen wäre, nun ernst, trocken und einsilbig ablief."

Ein Oberst v. Hintzenstern, der zu jener Zeit sich in Weimar Uiederließ, unternahm es, die Verstimmung zwischen Goethe und Passow aus der Welt zu schaffen. Es gelang ihm auch, und Goethe! in seiner großzügigen Art lud daraufhin Passow und seine Gattin wieder zum Essen zu sich ein. Goethe war überaus mild und freundlich und ließ von den bisherigen Mißverständnissen gar nichts merken. Bald darauf wurde Passow nach Jenkau berufen. Und Goethe schreibt darüber an Knebel:Es ist mir.nicht an­genehm, daß wir Passow verlieren. Vielleicht wäre er mit der Zeit kommunikabler geworden." Im Herbst 1811 wechselten Goethe Und Passow zwei lange Briefe miteinander. Passow erbat Goethes Protektion stir «in großes pädagogisch-patriotisches Unternehmen, Goethe lehnte jedoch ab. Als -am 28. August 1830 int Bade Landeck, wo Passow als Patient weilte, der Graf Larisch eine Goethe-Feier aus dem Stegreif veranstaltete, hielt Passow eine halbstündige Festrede, die die Zuhörer entzückte. Bei Goethes Tode gehörte er zu den aufrichtigsten Leidtragenden,

vermischtes.

' Mozarts Meisterwerk,Figaros Hochzeit", wurde ttnt 1. Mai 125 Jahre alt. Das heute noch jugendfrische Werk wurde am 1. Mai 1786 zum ersten Male in Wien aufgeführt, i Es geschah auf Befehl des Kaisers, der zuerst das Lustspiel des Beaumarchais wegen seinesunmoralischen Stiles" verboten und Ktrnd) gegen Mozart Bedenken hatte; als aber der Textdichter da Ponte ihm ein Probestückchen vorspielen ließ, den Auftrag zur Vollendung gab. Der Sätrger Kelly, der erste Basilio, der auch den stotternden Richter fang, erzählt, nie sei eine Oper besser gegeben worden als in dieser Premiere des Figaro. Denn Mozart Unterwies selbst alle Darsteller und bemühte sich, auf ihren Geist seine Anschauung und seine Begeisterung zu übertragen. Niemals, sagt Kelly, werde ich sein kleines belebtes Gesicht vergesseir, in dessen Zügen das Feuer des Genius glühte und leuchtete. Ich sehe noch Mozart im roten Pelz und goldbordierten Hut bei der ersten Probe mit Orchester auf der Mhne stehen und der Musik den Takt angeben. Als Benucci, der den Figaro fang, zu der Stelle kam:Gei dem Donner der Kartaunen", waren die Dar­steller auf der Mhne und im Orchester elektrisiert und riefen immer lauter:Es lebe der große Mozart". Die im Orchester schlugen Unaufhörlich mit den Bögen ihrer Violinen auf die Musikpulte. Es schien, als ob der Sturm der Beifallsbezeugungen sich gar nicht legen wolle. Der 'kleine Mann dankte durch wiederholte Ver­beugungen. So gab es denn auch bei der Auffiihrung einen großen Erfolg. Mozarts Vater konnte seiner Tochter berichten, sieben Nummern seien wiederholt worden und ein Duett mußt« sogar dreimal gesungen werden. Bei jeder folgenden Aufführtmg war das Haus gedrängt voll und das Publikum nicht müde zu klatschen Und Mozart herauszurufen. Aber trotzdem blieb dem Werke der Erfolg nicht treu. Mozarts Kollegeit und Neider setzten alle Hebel in Bewegung, die Oper zu Falle zu bringen. Der Kaiser wurde dazu veranlaßt, jede Wiederholung einer Nummer aus der Oper zu verbieten, und erklärte das für eine Wohltat den Sängern gegen­über. Aber die Sängerin der Susanne erklärte dem Kaiser frei­mütig:Glauben Eitre Majestät das nicht, alle wünschen, daß mau da capo ruft, ich wenigstens kann es von mir bestimmt ver­

sichern." Aber die Italiener behielten Seit Sieg. Nach be­nennten Aufführung wurdeFigaros Hochzeit" noch im Jahr« 1786 vom Spielplan abgcsetzt und in den beiden folgenden Jahren überhaupt nicht mehr gegeben. Auf dem Prager Theater aber erlebte die Oper einen ungeteilten Erfolg.

^AusderGeschichtederKußpreise. Zuweilen liest man, wie irgend jemand meistens ein Amerikaner zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist, weil er ein junges Mädchen geküßt hat, ohne die Erlaubnis dazu vor­her eingeholt zu haben. Die Italiener zur Zeit der Renais­sance betrachteten das unerlaubte Küssen eines Mädchens offenbar als viel schwereres Verbrechen, wenn man die Strafen als Maßstab benutzt, die sie dafür verhängten. Nach demFigaro" hing die Strafe für das unerlaubte Küssen damals zum Teil von dem Alter der Geküßten ab, und das Küssen eines jungen Mädchens wurde teurer! geahndet, als das einer älteren Dame. Im Coneglianq wurde ein unerlaubter Kuß mit einer Geldstrafe von 500 Lire belegt. Zuweilen wurde das Küssen sogar mit heute un­verständlicher Härte bestraft: Im Jahre 1525 wurde ein Florentiner zu einer Gefängnisstrafe von einem vollen Jahre wegen dieses Verbrechens verurteilt und im Jahre 1556 mußte ein Römer das gleiche Verbrechen mit zwei Jahren Galeere büßen, während ein Einwohner voit Gori sogar auf fünf Jahre auf die Galeere wanderte! Es scheint sogar, als ob die Italiener den Bösewicht bestraft haben, selbst wenn er seine Verbrechen gar nicht hat zu Ende aus­führen können! . . ..

Von der Bereitwilligkeit im Namenh « r - geben könnte in unserer Zeit ein Kapitel geschrieben werden.. Es könnte nicht nur, es sollte, so meint derKnnstwart". Es scheint nachgerade, als ob unsere Berühmtheiten überhaupt nicht mehr widerstehen könnten, wenn man sie um ihren Namen bittet. Das aber nutzen die Geschäftsleute aus,' um damit für jene heutzutage auchhochbeliebten" Unternehmungen zu fischen, die rein geschäftliche Privatmiteritehmungen sind, sich aber als ge­meinnützigeVereine" usw. geben. Der neuesteFall" dieser! Art betrifft dieGesellschaft für Heimkultur",Sitz Wiesbaden".^ Gegen einen festen Mitgliedsbeitrag soll man allerhand schöne Publilatioiten bekommen, daß die Sache vorzüglich ist, dafür aber bürgenVorstand und Ehrenausschuß" aus dennachstehen­den Herren",deren Namen hinreichen, die Bedeutung der Ge­sellschaft zu dokumentieren". In der Tat, die Namen ivaren so stattlich, wie man es nur wünschen kann. Woher jedoch hatten die Träger dieser Namen die genügenden Informationen, die berechtigten, eine gute Durchführung der Sache mit ihrem Namen zu verbürgen? Das war die Frage. Und da dieses ganze Wesen weit über den einzelnen Fall Hinaus wichtig war, so beschloß der Arbeitsausschuß des Dürerbuitdes, sich bei bett sämtlichen Unterzeichneten nach den Gründen zn erkundigen, die sie zum Eintritt bewogen haben. Mehrere von den Herren desVorstandes" undEhrenausschusses" fchriebett uns, sie zögen ihren Namen zurück, einer sogar, er wiße von der Gesellschaft überhaupt nichts, die anderen aber hatten sich jeder auf di« übrigen verlassen. Kein einziger der Herren, die uns antworteten, wußte etwas Näheres. Jmuterhin hatten eilte ganz« Anzahl ihren Beitritt zumEhrettausschusse" tatsächlich erklärt und somit ihren Namen zur Empfehlung einer Sache hergegeben, die keine« kannte!

* In der Klemme. Sie:Ich denke, du warst auf der Kegelbahn? Du riechst ja aber ganz nach Veilchenparfüm!" Er:Weißt du, die andern in der Kegelbahn haben sich auch darüber aufgeha'lten. Der Kegeljunge hat sich nämlich heute so einparfümiert ttnb damit di« ganze Kegelbahn ver stänkert!"

* Vorsichtig. A. (Arzt):Na, wie geht's, lieber Freund?" B.:Bevor ich Ihnen di« Frag« beantworte, sagen Sie, fragen Sie als Arzt ober als Freund?"

* Zweifel.Gnädige Fran sind in tiefster Trauer? Der. Herr Gemahl gestorben oder gar der Seidenpinsch?"

Ergänrungsratsel.

G.. tz.. M. n . c.. n W. r. e . u . eh'

S... ä. t . i. e. n.. b. r,

.. ch e. h. b. e. . u. h w.. b. r,

..ß .o .t. a. b.. c. M. n. c..n g.. c.eh'.l

Auflösung in nächster Nummer i

Auflösung des Diantanträtsels in voriger Nummer: G Leu Harte

Gertrud Barke Rum d

Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitSts-Vuch- und Steindruckereh R. Lange,