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Die Hofdame durchschritt den Salon und das Mnstkzimmer und trat dann nach kurzem Anklopfen in das Boudoir der Prinzessin. , ,
Es war ein kleines Eckgemach mit einem einzigen, aber breitem Turmfenstcr. In der Fensternische waren nach altdeutscher Art zwei eichene Sitze angebracht, und auf einem saß die Prinzessin und schaute verträumt durch die Butzenscheiben in die Ferne.
„Clarissa!" rief Fräulein von Doberenz lerse.
Die Prinzessin wandte sich nach der Eintretcudcn und nickte ihr lächelnd zu. „Guten Morgen, Susi."
„Hu — Eure Hoheit machen ein so trübes Gesicht. Haben Euere Hoheit vielleicht guädigst geruht, schlecht zu schlafen oder gar schlecht zu träumen?" sagte Susi Doberenz mit gemachtem Ernst und knixte komisch dazu.
„Falsch geraten, Susi. Ich habe zu gut geträumt und nun, da ich erwachte, merkte ich, daß ich bloß eine Prinzessin bin."
Ihre Hoheit strich die blonden Haarringel aus der Stirn und seufzte aus tiefstem Herzen.
„So, bloß eine Prinzessin?! Und was warst du im Traum, Wein Kind?" fragte die Hofdame lachend.
„Ein Hirtenmädel, Susi, ein Hirtemnädel! Und einer kam Vom Schloß, im grünen Wams und grünem Federhut und hob mich auf und hat mich — geküßt." Die Prinzessin stützte den Kopf in die Hände und fchaute der Träne nach, die üt ihren Schoß perlte und auf dem hellblauen Seidenstoff nicht Ruh uud Rast fand und weiter rollte in den Teppiche
Susi Doberenz sah das und umschlang die Prinzessin. „Was hast du, Cläre?" Und da sie keine Antwort erhielt tröstete sie mit weicher, milder Frauenstimme. „Schlag dir das aus dem Kopf, Kind. Du weißt, das kann nicht sein. Solch ein Mann wie Selffers ist nicht für dich und nicht für mich. Du stehst für ihn zu hoch und er für mich." Das letzte sagte fiel matt und resigniert.
„Ach ja!" Das klang so gebrochen und mutlos.
„Run komm, Cläre, eine Gartcnpromenade wird dich auf andere Gedanken bringen."
Die Prinzessin nahm Susis Arm. Ihre lange, schillernde Schleppe schleifte über den Boden. Die beiden Damen gingen durch die Gemächer.
Ten an den Türen stehenden Lakeien nickte die Prinzessin freundlich zu und dem alten Bolbe, der am Altan ihrer harrte und Sonnenschirm und Schal trug, reichte sie sogar die Hand.
„Guten Morgen, Bolbe, gute Nacht gehabt?"
„Gehorsamsten Dank, Euere Hoheit.",
Susi von Doberenz nahm dem Alten die Sachen ab. „Bleiben Sie da, Bolbe. Die Schirme brauchen wir nicht und die Tücher trage ich." Der alte treue Lakei verbeugte sich tief.
„Haben Euere Hoheit Befehle wegen des Frühstücks?"
„Wie denkst du, Susi?"
„Wenn es warm genug ist, hier auf dem Altan."
„Schön. Also sagen Sie dem Herrn vom Dienst — wer ist es übrigens heute?"
„Herr von Rüdiger, Euere Hoheit."
„Also sagen Sie Herrn von Rüdiger, wir wünschen hier zu frühstücken. Drei Gedecke, nein vier, denn Herr Major von .Selffers wird auch zugegen sein."
Susi Doberenz drückte heftig der Prinzessin Arm, uud als sie die Freitreppe hinabstiegen, sagte sie halblaut: „Du hättest doch besser Selffers weggelassen."
Clarissa zuckte mit den Achseln. „Ich kann nicht dagegen an."
„Der Major ist übrigens im Garten, Cläre."
Der Prinzessin Arm zitterte ein wenig, sie wollte etwas sagen, aber sie schloß die Lippen fest.
So gingen sie schweigend durch die frischgrünen, geraden Hecken. Schräge Sonnenstrahlen sprangen durch das Aestegewirr, tänzelten auf den peinlich sauberen Kieswegen und malten goldgelbe Ringel.
Prinzessin Clarissa hemmte plötzlich ihren Schritt. „Ist heute der elfte?"
„Ich glaube. Und was ist damit?"
„Laß mich, Susi," sagte die Prinzessin. Sie entschlüpfte der Freundin und eilte nach dem üppig blühenden Rondel. Dort brach sie Maiblumen und Veilchen, band ein zierliches Sträußchen, und als ihr etwas Grünes fehlte, riß sie ohne Wahl ein Zweiglein Mhrthe ab und fügte es dem kl-.inen Bukett der.
„So, Susi, das soll mein Morgengruß sein und mein Gratn- lationsstrauß."
„Ich verstehe nicht. Für den Herzog? Hat er irgend einen Namenstag?"
„O du Schäfchen. Für den Major. Heut vor einem Jahr trat er als Adjutant Ferdinands ein."
„Und da willst du....."
„Freilich, Selffers bekommt den Strauß."
„Aber bedenke doch, wenn das jemand erführe, beispielsweise der Herzog."
„Mein Bruder? Ach, der schätzt Selffers nicht weniger als
.ich." —
Susi von Doberenz schüttelte mißbilligend den Kopf. Unterdessen waren sie an das Parkende gekommen. Etwas abseits,
hinter Hollundergebüsch, saß ein Herr in grüner Joppe uud Jägerhut. Bor sich hatte er eine große Staffelet und darauf ein fast vollendetes Bild. Um ihn verstreut im Grase lagen? Malkästen, Pinsel und Oelflaschen.
Als er das Kommen der Damen gewahrte, stand er auf und ging ihnen entgegen. Den Hut in der Linken, verneigte? er sich tief vvr der Prinzessin und führte bedächtig ihre Hand an feine Lippen. „Euere Hoheit."
„Guten Morgen, Selffers. Schon wieder fleißig?! Im übrigen . . . ." Sie hob den Strauß ein wenig, stockte aber und fuhr dann fort: „Darf ich Ihr Werk sehen?"
Major Selffers reichte der Hofdame Ihrer Hoheit die Hand dann wandte er sich wieder zur Prinzessin. „Wenn Euere Hoheit befehlen, gewiß. Doch ich wäre glücklich, wollten Euere Hoheit sich itod) zwei oder drei Tage gedulden. Das Bild steht vor seiner Vollendung."
Die Prinzessin lachte glücklich, wie wenn ein Kind lacht, das seinen Wunsch erfüllt bekommt. „Sie sollen einmal nicht glücklich sein, mein lieber Setssers, denn ich möchte das Bild gern sehen."
Sie merkte wohl, wie ein Schatten des Adjutanten Gesicht verdüsterte, sie fühlte auch, wie Susi Doberenz sie ganz ganz leise mit dem Ellenbogen stieß, doch das reizte sie um so mehr. Eine unwiderstehliche Lüst, zu zeigen, daß sie. Herrin sei, hatte sie erfaßt. Sie schalt sich selbst, dessen ungeachtet trat sie aber doch an has Bild.
Sie war so überrascht, daß sie heftig nach Susis Arm griff. Major von Selffers stand hinter ihr und beobachtete scharf ihr Gesicht. .
Die Lippen leicht geöffnet, die großen dunklen Augen fest auf das Bild gerichtet und auf Fräulein vvn Doberenzs Arm gestützt, so betrachtete sie sein Gemälde. Lange — lange, ohne ein Wort zu sagen. Sie setzte sich jetzt auf den Malschemel und schien alles um sich vergessen zu haben.
Endlich fragte sie mit leiser, zitternder Stimme: „Und wie neunen Sie das Bild?"
Selffers zögerte ein wenig. „Die Myrthenstadt, Euere Hoheit."
Die Prinzessin nickte zustimmend. „Im Hintergrund die rotschimmernden Dächer der Hütten mitten im Myrthenhaiue. Der Zug junger und alter Männer uud Frauen, die bräutlich geschmückt und mit erwartungsvollem, freudigen Antlitz. Alle, alle wollen eingehen zur Myrthenstadt, sie wollen das Glück ihrer Liebe' genießen. Pur das eine Mägdlein am Wege, mit dem blonden Gelock und den traurig sehnsüchtigen Augen — das schreitet nicht mit."
Mit monotoner Stimme hatte die Prinzessin das Bild erklärt. Nach geraumer Zeit sagte sie noch: „Für das arme Mägdlein scheint keine Myrthc zu blühen. Warum nicht, Selffers? Hier scheint das Bild die Antwort schuldig zu bleiben."
„Ganz recht, Euere Hoheit. Das Bild ist in diesem Punkte eben noch nicht fertig."
_ „Und was wollen Sie dem Mädchen noch geben, um dem Beschauer die Antwort nicht schuldig zu bleiben?"
„Das Bild wird keine Beschauer finden, denn ich beabsichtige, cs nach Vollendung zu vernichten."
„Selfsers!!"
Fast entrüstet wandte sich die Prinzessin zu dem Künstler, aber der Major zeigte ein ruhiges, ernstes Gesicht.
„Ich verstehe Sie nicht, Selfsers. Das Bild ist ein Künst- werk."
, „Sehr gnädig. Euere Hoheit. Aber das ändert nichts an meinem Entschluß. Außerdem könnte ich das Bild nur mit Euerer Hoheit Genehmigung veröffentlichen, und die werden mir Euere Hoheit nie erteilen."
Prinzessin Clarissa lachte hell auf: „Die haben Sie schon jetzt, mein Freund. Und nun weichen Sie meiner Frage nicht länger aus: Warum kann das Mägdlein nicht auch dem Zuge seiner Liebe folgen und mit eingehen in die Myrthenstadt?"
Major von Selffers strich sich mit der Hand über die Augcn und schöpfte tief Atem.
„Nun?" drängte die Prinzessin.
„Weil ich zu Füßen des Mägdleins eine — Krone male."
„Selffers!!" Mit einem Aufschrei war die Prinzessin aufgesprungen ■— und nun wandte sie sich ab. Sic drückte beide Hände au ihre Schläfe und stützte sich auf 'der Freundin Arm. Ihrer Hand entfiel das sclbstgewnndene Sträußchen. Niemand achtete darauf.
Susi Doberenz fuhr Clarissa kosend über das Haupt und mit tröstender Stimme sagte sie: „Arme, arme Cläre."
Major von Selffers aber blickte starr auf sein Gemälde.
Nach langer Zeit hob Clarissa den Kopf und sagte wehmütig und leise: „Das war das Ende vom Traum." Und unter bitterem Schluchzen wandte sie sich an den Major: „Leben Sie wohl, mein lieber, lieber Sclsfers, und vergessen Sie diese Stunde."
Sie reichte ihm die Hand, die Selffers mit seinen beiden Händen erfaßte und an seine Lippen führte? Kaurn hörbar sagte er: „Leben Sie wohl, Hoheit, Sie werden immer in meinem Herzen wohnen. Nur eine Krone konnte uns trennen."
Snsi von Doberenz führte die Prinzessin fort. Lauge blickte


