Ausgabe 
8.3.1911
 
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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.!

Drittes Kapitel.

Die Tage und Wochen flogen dahin, und manchmal leuchtete die Märzsonne so warm und golden über Nutz, Berge und Wald, datz man versucht war, schon an den richtigen Frühling zu glauben. Am nächsten Tag fielen danu?wieder Schneescüauer nieder, und der Sturm heulte ums Witwenhaus nno rüttelte an den Fenstern, daß die Scheiben immer leise in ihren Rahmen klirrten, und es ging so ein wunderliches Zittern durch alle Gange und über oie Treppen bis Hinern in dre Zimmer, daß man glauben konnte, das alte Haus stöhnte und seufzte, weil ?s zu alt und gebrechlich war, um so em tolles Dummlungen- spiel mit dem Sturm zu treiben. Bon dem uralten Apfel- bäum im Garten, der neben der Laube stand und ferne, kleine Früchte trrrg, die immer um die Weihnachtszeit am besten schmeckten, war ein großer Ast abgebrochen und hing über dem Dach der Laube, und der wilde Wein, der rm Sommer den großen Laubengang rmrrankte, lochte in Fetzen an den d"t ttoine^Erwin saß traurig am .Fenster. Gestern und vorgestern hatte er angegangen mit der Kosh das Unkraut int Garten auszurupfen, und heute war es wieder Winter. Sein altes Spielzeug war ihm leid, er wollte hinaus, und wie er sah, daß der Schnee immer dichter fiel und der ©turnt toller und toller brauste, kamen ihm die Tränen. Er lief zu seiner Mutter und legte sein Köpf­chen in ihren Schoß. Frau von Hilbach verstand ihn und strich chm ube^die^ Haare^ nicht so schön zu sein!" klagte er trostlos, so wie einer, der sich betrogen

Mein arm, klein Bübchen!" antwortete sie.Wer der Märzwärme und dem Märzsonnenschein Zauer zutraut, der irrt sich so gewiß, wie der, der glaubt, daß das Glück beständig sein müsse. Das verstehst du »och nicht, aber das hat meine Mutter früher auch zu mtr gesagt, Uienn ich weinte, daß es plötzlich wieder kalt geworden war, daß die kleinen, grünen Blättchen im Garten wieder von Eis und Schnee bedeckt würben. Ach, mein Jungchen, wenn du darüber schon so weinen kannst, dann wirst du noch viel Tränen vergießen in deinem Leben."

Sie zog ihn in die Ecke am Ofen, dte er wähnend der letzten Sommertage mißachtet hatte und die ihm nun plötzlich wieder lieb und traulich erschien.

Eine Geschichte, Mütterchen!" bettelte er, und seine Dränen waren tot Augenblick versiegt.

Ach, eine Geschichte, Jungchen!" seufzte Frau von Hilbach und dachte itach. Sie hatte ihrem Jungen so­

lange keine Geschichte erzählt, seit vielen Wochevr ttf«, seit der Doktor gegangen war, nicht mehr. Er hattejem neues Spielzeug gehabt und die neuen Märchenbücher, daraus hatte sie ihm vorgelesen, und auch fetzt griff si« nach einem der Bücher. ,

Nein, nicht lesen, Mütterchen!" quälte Ertom.Eine erzählte Geschichte ist ganz anders Wie eine gelesene, weil du mich dabei ansehen mußt."

Frau von Hilbach zögerte.Du kannst l« ruhig dabet flunkern, Mütterchen, wie die Pastorin, aber bitte, erzähl! Komm, ich will auf deinen Schoß."

Bon was soll ich denn erzählen?" fragte sie tut- fd)tU,%u einer Here, Mütterchen, oder bou einem Zauberer. Die Pastorin erzählt immer Geschichten, tote Menschen to Steine oder Berge oder Häuser nertoanbett werben, du ^E,Mnn l gib^ mal acht, Jungchen ; dann will ich dir etwas von einem alten Haus erzählen, das hat mir bte ©nm erzählt, und die Kosh weiß es von einer Frau, die Ä «R -mb di- W-tz.-z °°" «E. die Ng

älter ist, und der hat es eine erzähl-, die schon tot ist.

Und der, Mutter, wer hat es der erzählt?

Das weiß ich nicht, Erwin, hör mal zu. Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sich geheiratet, und die N°u hatte viel Geld und der Manu hatte kemS. Von der Frau ihrem Geld hatten sie sich ein Winzig kleine- Hänschen gebaut, gleich an der Saale. Nur vier Zunmer- chen und darüber einen Boden. Rund herum War alle- Wiese und Garten. Die Frau war -ufmeden unt dem kleinen Häuschen, aber der Mann mcht, der wollte eS größer haben und quälte seine Frau, sie fotte. von totem Geld geben, dann wolle er rechts und links einen Flügel anlauen toss^ too((teicht, aber der Mann bat so lanae bis sie es tat. Er baute nun auf jede Sette noch einen'Flügel an, und sie vermieteten ihn und waren froh UTtb Ueber^eto Jahr wollte der Mann Wieder Geld zum Banen haben, aber die Fran wollte es ihm Nicht geben. Da bat er wieder so lang, bis sie Welch wurde, und bauds einen ganzen Stock auf das Hans auf, und den vermieteten sie wieder und waren eine Zeitlang zufrieden.

Dann Wollte der Mann noch einmal aufbauen, abe« seine Frau Wurde böse und jagte:Diesmal geb ich kein Geld, und wenn du mich totschlagst! ,

Der Manu sagte kein Wort, ging zu emem Freunds der viel Geld hatte, und erzählte dem, daß seine Frau sich weiaere ihm Geld znm Wetterbauen zu geben.

W Freund sagte:Ich will dir. das Geld leihens Und wie oer Mann das Geld hatte, ließ er Gerüste auf» kcklaaen und wollte ansangen zu bauen. , . _ r

Die Fran aber wurde ganz wild.Hier r«dem.Hause habe ich zu sagen!" schrie sie,das ist mein Haus.