Ausgabe 
4.10.1911
 
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Mittwoch den 4. Oktober

Die weiße Frau.

Roman von W. Collins.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Sie hatte eine unruhige Gewohnheit der Finger, deren ich mich aus ihrer Kindheit erinnerte, immer mit dem ersten Gegenstände, der ihr zur Hand kam zu spielen, wenn je­mand mit ihr sprach. Bei dieser Gelegenheit wanderten sie nach dem Album und spielten zerstreut mit dem Rande der kleinen Wasserfarbenskizze. Der Ausdruck der Trauer auf ihrem Gesichte wurde tiefer. Sie sah weder mich noch die Zeichnung an. Ihre Augen bewegten sich unruhig von einem Gegenstände zum andern im Zimmer und ver- rieten deutlich, daß sie errate, weshalb ich gekommen sei, mit ihr zu sprechen. Da ich dies sah, hielt ich es für das Beste, mit möglichst geringem Zeitverluste zur Sache zu kommen.

Das Ergebnis unserer Unterredung war sehr gering. Miß Fairlie war in unbeschreiblich trauriger Stimmung und wollte auf meine Borschläge nicht eingehen.

Aber ein anderes Ergebnis dieser Unterhaltung kann ich nicht mit Schweigen übergehen. Sie hatte wenige länger als eine halbe Stunde gewährt, Miß Fairlie hatte in meiner Gegenwart nicht eine Silbe geäußert, um die offen­bare Unruhe und Bangigkeit über die Aussicht ihrer Ver­mählung zu erklären und doch hatte sie mich für ihre Ansicht der Frage gewonnen, ich wußte weder wie noch warum. Ich war mit dem Gefühle ins Zimmer getreten, daß Sir Percival alle Ursache habe, über ihr Benehmen gegen ihn unzufrieden zu sein. Ich- verließ es mit der Heim­lichen Hoffnung, daß sie ihü beim Worte nehmen und ihre F-reigebung von ihm fordern wöge.

Damit waren weine Geschäfte in Limweridge House zunächst erledigt.

Ich ließ Mr. Fairlie meine Komplimente übermitteln er war zu krank, um sie persönlich entgegenzunehmen r-t Und verabschiedete mich von den Damen.

Sir Percival bestand sehr höflich darauf, mich bis an den Wagenschlag Hu begleiten.

Falls Sie je in meine Nachbarschaft kommen, bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß ich aufrichtig unsere Bekannt­schaft zu befestigen wünsche. Der erprobte und bewährte Freund dieser Familie wird in jedem mir gehörigen Hause stets ein willkommener Gast sein.

Ein wahrhaft unwiderstehlicher Mann, höflich, rück­sichtsvoll, und auf eine bezaubernde Art frei von allem Stolze r- jeder Zoll ein Gentleman. Ms ich nach der Station abfuhr, fühlte ich, daß ich mit Freuden alles tun könnte, um Sir Percival Glydes Interessen zu fördern 1 alles in der Welt, nur nicht den Heiratskontrakt seiner Frau aufsetzen.

III.

Es verging eine Woche nach meiner Rückkehr nach London, ohne daß ich von Miß Halcombe hörte.

Am achten Tage lag ein Brief in ihrer Handschrift unter den Briefen auf meinem Pulte.

Sie zeigte mir an, daß Sir Percival Glyde definitiv» angenommen sei, und daß die Heirat, wie er es ursprüng­lich gewünscht, vor Ablauf des Jahres stattfinden werde. Miß Fairlies einundzwanzigster Geburtstag war Ende März nächsten Jahres. Auf diese Weise also wurde sie drei Mo­nate vor ihrer Mündigkeit Sir Percivals Gemahlin.

Ich hätte nicht erstaunt sein, es hätte mich nicht be­trüben sollen; aber beides war dessenungeachtet der Fall. Eine kleine Unzufriedenheit über die lakonische Kürze von Miß Halcombes Briefe mischte sich in diese Gefühle und trug dazu bei, mich für den ganzen Tag zu verstimmen. In dem Lapidarstil von sechs Zeilen kündigte meine Korre­spondentin mir die beabsichtigte Heirat an; in noch dreien, daß Sir Percival von Cumberland abgereist und nach Hampshire zurückgekehrt sei; und in zwei Schlußsätzen, erstens daß Laura sehr einer Veränderung der - Luft und heiterer Gesellschaft bedürfe und zweitens, daß sie be­schlossen, sofort die Wirkung einer solchen Veränderung zu versuchen, indem sie ihre Schwester mit sich auf einen Besuch zu gewissen alten Bekannten in Iorkshire nehme. Damit endete der Brief, ohne ein Wort zur Erklärung der Umstände, welche Miß Fairlie bewogen hatten, in einer kürzen Woche, nachdem ich sie zuletzt gesehen, Sir Percival anzunehmen.---

Ehe ich die Feder niederlege und von den Schranken zurücktrete, bleibt mir nur noch die Aufgabe, das letzte mit Miß Fairlies Vermählung in Beziehung stehende Er­eignis, mit welchem ich persönlich zu tun hatte, zu berichtest, nämlich das Aufsetzen des Heiratskontraktes.

Es ist unmöglich, verständlich von diesem Dokumente zu reden, ohne erst in gewisse Einzelheiten in Bezug auf die Vermögensverhältnisse der Braut einzugehen. Ich will versuchen, meine Erklärung kurz und deutlich zu geben und! mich von allen dunkeln, technischen Ausdrücken freizuhalten. Die Sache ist von der allergrößten Wichtigkeit, da Miß Fairlies Erbe einen sehr wichtigen Teil von Miß Fairlies Geschichte ausmacht.

Miß Fairlies Vermögenserwartungest also waren zweierlei Art und bestanden demnach teils in der möglichen Erbschaft liegenden Grundeigentumes, oder Ländereien/ wenn ihr Onkel starb, teils in ihrem unbedingten Erbe persönlichen Eigentumes oder Geldes, sobald sie mündig wurde. 1

Von den Ländereien zuerst.

Zu Lebzeiten von Miß Fairlies Großvater h väter­licher Seite (den wir Mr. Fairlie den Aelteren nennest wollen) stand das Fideikommiß folgendermaßen:

Mr. Fairlie der Aeltere starb und hinterließ orst Söhne, Philipp, Frederick und Artur. Ms ältester Sohst