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Die Entwicklung -er Luftschiffahrt.
„Eilende Wolken! Segler der Lüste!
Wer mit euch wanderte, mit euch wusste
Diele Worte, die Schottlands unglückliche Königin in Schillers Maria Stuall" voll Sehnsucht und Herzensqual hmausrust m den blmwnden Tag, möchte ich meutern Aussatz voranstellen. (Sie enthalten, ins Allgemeine übertragen, den Jahrtausende alt.» Wunsch der Menschheit, loszukommeu von all der Not und Peur dieser Erde und hinausznschweben in den Raum, rn dte Unendltch- keit Aus alle Arten suchte der Mensch seinen Wunsch zu verwirklichen, doch bald mußte er einsehen, daß es ihm Mit seinen; pitifnrfipn ?>illsmitteln unmöglich sei, die Herrschast über die Lust zu e?llngenKd außerordentlichen Erfolge der Technik fiterer Jahrlmnderte, konnten ihn zum sicheren Piloten der Lüste machen. Aber in Sagen und Märchen lebte fern heißes Verlangen sort. Ich erinnere nur an Dädalus und Ikarus, an das Märchen vom flieaenden Kosfer" und an den Mantel des Klmgsor. Aehn^ liche Erzählungen sinden wir bei fast jedem Volke, ber Chinesen und ändern Negern und Indianern. Dann versah er vor allen! Dingen seine Götter und Geister mit der erstrebten Kunst. Sie kamen aus Wolken, ritten — wie Odm oder die Walküren —,
__ wie Merkur —, oder fuhren — wie Sol, Donar oder Freya —, durch das Reich der leicht bewegten Luft. Auch seins Heren und Zauberer waren mit ähnlichen Eigenschaften auo^ gestattet. Sie durcheilten die Luft auf Böcken, Besmi und .Aau- teln oder zoaen — wie das wilde Heer — Mit Rossen unv Hunden durch den sanft beschwingten Aether. Viellmcht sind auch die biblischen Himmelfahrten und die römischen Könige mir dem gleichen Wunsche in Zusammenhang zu bringen.
Alle diese vom Volksglauben ge,chassenen Dichtungen ent I Hehren natürlich der geschichtlichen Grundlagen, und wenn a»w
ihrem Kind Und' ihrer Kost) auf der Straße liegt," Und wenn sie sich das weiter ausmalte, dann zog etwas tone Befriedigung und Versöhnung in ihr gequältes Herz, -i
Die ^Pastorin war am Morgen nach der Ankunft des geheimnisvollen Fremden schon früh zu Frau von Hrlbach heruntergelaufen, und wie ste horte, daß alles glatt ab» qeqaugeit sei, tat sie sehr erfreut, aber ganz tm Innern spürte sie doch eine kleine Enttäuschung. ' ... -
Es wäre so interessant gewesen, wenn etwas pafstert toare„!Uttb bleiben tut er mindestens für eine Wochest'sagte die Kosh triumphierend, „und es rst auch nicht ausgeschloss n, daß es zwei gder drei werden, je nachdem, tote ihm die Luft bekommt. Mit dem Zimmer ist er sehr zufmeden, und ein nobler Herr ist er auch, denn er hat auch heute noch nichts vom Preis gesagt, nur gefragt hat ob er täglich bezahlen solle. Nu, ich hab thm gesagt, daß e» er irrt Ort Usus ist, immer nach Ablauf einers, Woche W.zahlen, und als ich ihn gefragt habe,^ ob ihm zehn Mark die Wocpe 31 ^^ZehnNtark^i/ein"chöner Preis für diese Zeit!" meinte die Pastorin, „da können Sie wirklich oon Gluck sagen, Frau von Hilbach. Aber das Frühstück und die Bedienung ist da wohl mit eingeschlossen?" ,
1 „I wo!" fiel die Kosh em, „wenn einer so glattweg zebn Mark bewilligt, dann wird es ihm auch nicht daraus ankommen, noch dreißig Pfennig täglich für Kaffee und Brötchen zu geben, und für die Bedienung schreiben wir fünfundsiebzig Pfennig die Woche aus. Was meinen Sw, $mkrau von^HUbach wollte nicht recht, denn das Geschäftlich ew ar ihr am peinlichsten beim Vermieten; aber die
I Kosh ist Geschäft! — Ja, und dann die Hauptsache.
Wo er essen könnte, hat er gefragt. Am liebsten st" Haus.
I -stch hab mich angeboten, ihm etn Diner a zwei Mark aus dem „Mutigen Ritter" zu holen. Damit reicht er zwei
I Tage Ich hab ihm schon alles erllärt, wie wir das etn- richten. Suppe und Fisch soll er den einen Tag essen, und
I den anderen Braten und Speise, das warm ich ihm dann auf. Ihm sei alles recht, und abends wollte er Tee und Aufschnitt, mehr war nicht aus ihm herauszubewmmrn. Jetzt ist er auf die Rudelsburg, aber wenn er wtederkommt, bring ich ihm den .Anmeldeschein, bann erfahren wir W gleich, wie er heißt und wer er ist." . . ,
0 %a das ist wirklich ein Glück, so eure Vermietung in der Nachsaison!" wiederholte die Pastorin noch einmal.
Da werden Sie wohl von vielen beneidet werden aber ich freue mich herzlich für Sie, liebe Frau von Hilbach, wirklich herzlich!"
I (Fortsetzung folgt.)
Wunde gegossen. , .
Warum Frau Specht einen so bohrenden Haß gegen ! Frau von Hilbach hegte, die ihr außer der Mietssteigerung nie etwas zuleid getan hatte, dafür hatte sie selber keine Erklärung. _ „. .. ,
Neid konnte es wohl nicht sein. War Frau von Hilbach auch mehr als zwei Jahrzehnte jünger, getauscht hatte ste doch nicht mit ihr, denn es ging ihr doch gar zu kümmerlich, Und diese Freundschaft mit einer ordinären Gemüsefrau soa sie doch auch nur herab. „ , . „
Mit Herren hatte sie ja auch kein Glück, denn der Lasker, der doch ihretwegen ins Haus gekommen war, hatte nicht einen Nachmittag in ihrer Gesellschaft ausgehalten, und das war begreiflich, denn diese Frau, die mit ihrem Kind nicht das Nötigste hatte, war hochmütig und zurückhaltend Und sagte nie mehr, als sie sagen mußte, und das waren Eigenschaften, die die Specht nicht vertragen konnte, die alles Böse in ihr weckten. „ ,
„Sie wird noch an mich denken!" flüsterte sie manchmal vor sich hin. „Sie wird noch an mich denken, wenn das Haus erst unter den Hammer kommt, wenn sie mit
Lobenden, was sie noch über denFaenideilvorbrachte, bltcb Frau von Hilbachs Unruhe bestehen, und sie^bat.beglich. „Bleiben Sie bei uns, Kosh. Bitte, schlafen Sie hier unten, I ich kann fonst kein Auge zutuu." . |
Die Kosh warf der Pastorin einen bösen Blick ju, penn I sie brachte ihrer Herrin gern jedes Opfer, "ber ihr schönes, bebaaliches Federbett gab ste ungern auf, besonders, wem, es ürr so wenig nötig schien wie heute. Sie gab aber I hoch ihre Zusage, bediente die Damen mit Tee und trug I das Abendbrot auf. Die Pastorin blieb bis gegen zehn
-ach wünsche eine gute, ruhige Nacht," sagte sie be- I dentungsvoll, als sie Frau von Hilbach die Hand zum I Abschied reichte, „und morgen früh werde ich mich gleich I erkundigen, <o6 alles glatt abgelaufen ift-
Elftes Kapitel.
Die Specht und die Häuflein hatten sich seit dem I Gommer als erbitterte Feindinnen einander gegenuber- gestanden; sie grüßten sich nicht, wenn sie sich begegneten. Die Häuflein sah dann einfach weg, so, als sei ihr ettottS Unangenehmes in den Weg gelaufen, und die Frau Specht war im Anfang noch manchmal tu Versuchung gekommen, hrer Flurnachbarin ein beleidigendes Wort zuzurufen, aber | die große Ruhe in Frau Häufleins Haltung und der höllische, verächtliche Zug um ihren Mund htelteu sie I ^°Jhr Groll war dann aber nach und nach mehr in eine I stille Wehmut übergegangen, und wenn sie letzt au langen Abenden allein in ihrem Zimmer auf dem Sofa faß, dann kam sie sich sehr unglücklich und verlassen vor und dachte mit schmerzlicher Sehnsucht an die schönen Winterplauder- abende bei Frau Häuflein. ,, r ~ s I
Das hatte so wohlgetan, wenn ste bei der immer alle^ abladen konnte, was sie so tagsüber im Haus und tn der weiteren Umgebung beobachtet hatte; nun mußte sie alles für sich behalten, obschon ihr Herz so übervoll war. ,
Auch die Minna hatte sie nicht mehr, mit der sie früher ab und zu ein Wort hatte reden können, aber »ach diesem schlechten Sommer konnte sie sich fern Mädchen halten, und sie nahm dankbar kleine Handreichungen von Frau Häufleins Köchin an und sand es anständig, daß Frau Häuflein, die voii diesen kleinen Gefälligkeiten wußte, Nichts dagegen einzuwenden hatte.
Das war so etwas wie ein Entgegenkommen gewesen; die Specht, die in weicher Stimmung war, wurde dadurch zu Tränen gerührt, und es tat ihr plötzlich leid, daß sie das Geheimnis der alten Frau Lengerich, dav ihr die Häuslein unter dem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit anvertraut, überall preisgegeben hatte. Sie selbst halle es ja zwar eigentlich nur der Minna erzählt, aber durch die Minna wußte es das ganze Haus, und was das ganze Haus wußte, das wußte auch bald die ganze Stadt, dafür sorgte schon die naive Pastorin, die den Mund nicht halten konnte.
Die Pastorin hatte der Fran Specht auch wieder erzählt, daß Frau von Hilbach keiiieswegs gewonnen sei, der alten Frau Lengerich ihres Unglücks wegen zu kündigen, und ganz im Vertrauen hatte sie Frau von Hilbachs Aenßernng hinzn- qefüqt, daß es ihr lieber sei, wenn Frau Specht ziehe, und diese Bemerkung hatte ätzendes Gift in eine brennende


