Ausgabe 
3.5.1911
 
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kommen sehen sich alle Kreise der Bevölkerung ausgeschlossen von den künstlerisch wirklich bedeutungsvollen und epochemachenden Darbietungen der Schaubühne. Sie sind nicht m der Lage, dre von solchen Theatern geforderten Gntrittsprerse zn bezahlen,die nie unter 4 Mark, meist aber über 5 Mark und nicht selten über 10 Mark bis zu 20 Mark betragen. Infolgedessen surd stean- gewiesen auf Theater mittleren, zumeist künstlerisch schon frag­würdigen Ranges, und da ihnen deren Darbietungen nicht ge­nügen, wenden sie sich in geradezu bedrohlichem Mähe ab vom Theater. Selbst die überwiegende Mchrzahl der Gebildeten bis hoch in die Kreise der akademischen Beamten-, und Lehrerschaft sieht sich gezwungen, auf die Teilnahme an einem Kunstgebieta fast ganz zu verzichten, das mit Recht zu allen 8eitm Nicht nur als eines der edelsten, sondern auch als. eines der volkstümlichsten

Volkes als' auch aus der klkn fll e risch en Lage des Theaters. Wir bauen bei unserem Beginnen auf die Mitarbeit aller derer, die es als einen empörenden, ja unsittlichen Zustand empfinden/ daß ideale Güter, die doch Errungenschaften des Volksganzen dar­stellen, dem Volksleben entzogen bleiben. Und wir zweifeln keinen Augenblick, daß uns diese Mitarbeit gewährt wird.

Abgesehen von der ganz dünnen Oberschicht der großen Ein­kommen sehen sich alle Kreise der Bevölkerung ausgeschlossen von

Kulturgüter gegolten hat.

Umgekehrt braucht jedoch auch das Theater, die . Teilnahme der breiten Massen der geblideten Schichten. Die kritische Lage vieler Theater ist hervorgerufen worden durch, den Verlust diesem besonders begeisterungsfähigen Publikums. Die Theater moDen es gewiß gerne wieder heranziehen, aber sie tonnen nicht, wen die bauliche Gestaltung ihrer Zufchauerhäuser es ihnen verbietet. Sie verfügen nicht über den Raum, der ihnen gestattete, s) u n - derte von billigen und ganz billigen Platzen ünter- zuüringen. Ihre Häuser sind fast alle noch uh , Prinzip nach dem Muster des alten höfischen Theaters eingerichtet, in dem das bürgerliche Publikunr nur eben geduldet war und sich auf dm Galerien oder im Parterre in engen, nugünstigm Raunten zusammenpferchm mußte. Ein zweiter Grund, warum man die große Menge der gebildeten Minderbeutittelteit bisher von den eigentlichen Qualitäts-Theatern ausschließen mußte, liegt bann, daß die Bühnenanlage nur eilte nach der Sette tote nach der Tiefe sehr knapp begrenzte Ausdehnung des Zu­schauerraumes gestattet aus perspektivischen Gründen. Hrer- voit sich zu befreien, ist die erste Voraussetzung zur Schaffung Lines die sozialen Gegensätze in sich ausgleichenden neuen Monu- mmtaltheaters..

Denn nur toenn die perspektivischen Verhältnisse der Bühne von den allzu engm Beschränkungen befreit sind, die bte, setther üblichen Theaterbauten aufzwangen, kann auch der Zuschauer­raunr in ähnlicher Weise wie einst in der Antike so sehr erweitert werden, daß er Tausenden und Abertausenden Sitze mit ausreichen­den Bedingungen für Auge und Ohr gewährt.

Das aus diesen Grundsätzen und Notwendigkeiten sich jetzt entwickelnde Monumentaltheater wird die Stätte sein, an der Wir allen Volkskreiseir das Wertvollste, das Erhebendste werden darbieten können, was dramatische Kunst aus alter rind neuer Zeit überhaupt zu gewähren hat. Neben den vorhandenen Theatern, deren Aufgabe es ist, beit bevorzugten und besser gestellten Klassen allabendlich Erholung, Vergnügung, Anregung m, Knstlenicher Weise zu vermitteln, und ohne die Wirksamkeit dieser Theater im mindestm zu beeinträchtigen, wird unsere monumentale Volks­bühne zwar nur an wenigen Lagen, dann aber in feiertäglrch- festlicher Form ihre Tore öffnen für alle. Ja wir hoffen _ Und Haben gute Gründe zu dieser Hoffnung, daß, unter dem Einflüsse dieser monumentalen Volksbühne die Kraft schöpferischer Dichter sich wieder heimsinden wird zur Einheit mit der Seele des Volkes, daß sie wieder die ehrwürdige Nebcrlieferung und die einfachen Grundlagen wahrhaft dramatischen Kunstschaffens findm werde, um auf ihr Werke zu errichten, die durch die groß geschaute Gliederung ihrer Kunstformen nicht nur den Gesetzen der Monumeittalbühne voll @citüge tun, sondern auch dem Sehnm Und Hoffen unserer Zeit und unseres Volkes.

Zur Verwirklichung ihres sozial-ethischen und künstlerischen Prografnins wird die D. V. F. G. in den großen deu.t-' scheu Städten außerhalb Berlins alljährlich ein Zh- klus von wenigen Festvorstellungen veranstalten. Der Zutritt zu diesen soll den weitesten Kreisen, vornehmlich den Minder- bemittelten und den Schülern der Oberklassen dadurch ermöglicht werden, daß eilte größere Anzahl vollwertiger Plätze an geschlossene Körperschaften, sowie an die Schulvorstände überlassen werden. Hierbei soll für jeden Platz nur ein Eintrittsgeld von bis 70 Psg. gefordert werden. Die übrigen Plätze sind deut Einzelverkanf zu Unterstellen.

Zur Aufführung gelangen Meisterschöpfungen der großen dramatischen Dichter der Vorzeit und solche Werke lebender Dichter, die dem monumentalen Charakter der Veranstaltungen entsprechen.

Unter der künstlerischen Oberleitung Professor Max Rein­hardts werden sich hervorragendste Darsteller erster deutscher Bühnen bei diesen Festspielen als Mitwirkende zusammenfinden, Tie dekorative Ausgestaltung der Festhalle und der Monu- mentalbühne, sowie der Entwurf der Kostüms wird bedeutenden! bildenden Künstlern, übertragen, wie denn nichts versäumt werden.

soll, was geeignet toäto, Ben Darbietungen das. Wesen eines großen festlichen Erlebnisses M verleihen.

Hierzu gehört vor allem auch, daß in den Chören Und bei den Massenszenen die Studierenden und Vereine der betreffenden Stadt in großer Zahl mitwirken. ,

Voraussetzung für die Veranstaltung eines vcestipiels ist, daß ein geeigneter Raum zur Verfügung steht. In erster Reihe kommen stehende Zirkus- und Ausstellungsbauten in Betracht, bte einen amphitheatralischen Zuschauerraum von mindestens 3000 Sitz­plätzen enthalten. Ferner ist erforderlich, daß sich in der be­treffenden Stadt im Einvernehmen mit der D. B. y. G. eine lokale Organisation bildet, die Sorge dafür trägt, daß sämtliche Sitzplätze unter 2 Mark für die in Aussicht genommenen Vor­stellungen von den Vertretungen minderbemittelter Kreise und von den Schulen übernommen werden. Durch diese Maßnahme soll einerseits erreicht werden, baff die Vergü n st i g u n g e n a u ch in der Tat den B ev ö lkerung s s chicht e n zu - kommen, für die sie gedacht find, andererseits, daß Lin äußerer Mißerfolg ausgeschlossen wird.. . .

Gleichviel, wo dieses Wahrzeichen aus Modern-sozialer Ent­wicklung entsprungenen Kulturwillens sich dereinst auch erheben mag, ob in der Weltstadt Berlin, ob im schönen Süden des Reiches, im Bahernlande, wo allsommerlich Zehntausende aus! aller Welt zusammenströmen, um teilzunehmen an festlichen Dar­bietungen künstlerischer Kultur, ob an den Ufern eines deutschen Stromes: es wird vom deutschen Volke einmütig begrüßt werden als die endliche Verwirklichung eines hundertjährigen Ideals, Wofür Schiller, Goethe Schinkel und die ersten Romantiker ge­kämpft, was den führenden Geistern in Nord und Sud immer und immer wieder vor Augen trat, was Eduard Devrient, der Ge­schichtsschreiber der deutschen Schaubühne, als das Endziel aller theatralisch-dramatischen Entwicklung in Deutschland erkannt und erwiesen: das endlich zu schaffen, soll die abschließende Tat fein, mit welcher unsere Gesellschaft ihr Wirken zu krönen hofft: das. Deutsche Volks-Festspielhaus."

Vevinischte».

* Ein berg essrnes Buch eines großen Dichters, Es gibt wohl wenige Dichter, die größten nicht ausgenommen, deren Namen auch in unliterarischen Kreisen so allgemein be­kannt sind, wie der Hans Christian Andersens. In irgend! einer Ausgabe haben seine Märchen wohl einmal den Weg in jedes Haus gefunden, in die Sprachen aller Völker sind sie übersetzt worden. Wir Deutsche können diesen Dänen aber auch zu den Unfern rechnen, beim er sprach das deutsche wie seine Muttersprache und hat von fast allen seinen Büchern selbst deutsche! Ausgaben veranstaltet. Bei dieser Popularität seines Namens ist es fast zu verwundern, daß seine übrigen Werke bei unK in Deutschland so sehr in Vergessenheit gerieten. Selbst die Zahl derer, die etwa seine prächtigen RomaneDer Improvisator" oder Nur ein Geiger" kennen, ist gering, trotzdem diese Bücher zum besten gehören, was uns die Nomanliteratur der ersten Halste des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat. Eines der reizvollsten Micher, die wir dem großen nordischen Dichter verdanken, ist feine Selbstbiographie, welche unter dem TitelDas Märchen meines Lebens" einst in verschiedenen Ausgaben in Deutschland ungemein verbreitet und beliebt war. Die Zeit des Naturalismus in der Literatur, die so gründlich mit vielen Büchern, die nichjt zu ihren Grundsätzen paßten, aufräumte, hat auch dieses schöne Buch in Vergessenheit geraten lassen. Wir müssen deshalb dem Holbein-Verlag in Stuttgart Dank wissen, daß er es uns jetzt in einer vornehmen neuen Ausgabe von neuem schenkt. Mit der Selbstbiographie Goethes hat Andersens Märchen meines Lebens gemein, daß wir darin ein reiz- und ivertvolles Literattirlvcrk erblicken, dem wir mit gleicher Spannung folgen, wie einem interessanten Entwickelungsroman. Wir sehen in diesem Buch« den großen Dichter seinen Weg machen aus der Hütte der Armut bis auf die Höhe menschlichen Lebens, da er, ein Freund der größten Geister seiner Zeit und ein gern gesehener Gast auch bei den Großen dieser Erde war. Daneben ist aber AderscnH Buch auch für die literatur- und kunstgeschichtlich interessierten Kreise ein sehr wertvolles Quellcnwerk zur Geschichte der Ro­mantik in Europa. Mit ihren bedeutendsten Vertretern, seien es Dichter, Musiker oder bildende Künstler, hat er in persönlichen Be­ziehungen gestanden, und in außerordentlich ansprechender Art weiß er von seinem persönlichen Verkehr mit ihnen zu plaudern und ihre Gestalten vor uns lebendig werden zu lassen. Das Buch ist überhaupt so anregend geschrieben, und in jeder Zeile so in­teressant, daß es für die Leser aller Bildungsstufen und leben, Alters von gleich großem Interesse fern wird. Wir können uns freuen, es jetzt wieder in so schönem Gewände zu besitzen,

* Was verdient eine Biene? Abgesehen von ben Pocken, die der Anblick der summenden Bienen zu Frühliugs- gedichten begeistern mag, gibt es auch aufs Reale gerichtete Ge­müter, denen angesichts des Bienenfleißes die Frage aussteigt:. Was ist diese Emsigkeit wert? Was bringt ein einzelnes dieser unermüdlichen Wesen dem ein, der ihnen Unterkunft und Pflege gewährt? Diese interessante Frage ist mit einigen Durchschnitts­zahlen wohl zu beantworten. Stattstische Berechnungen haben ergeben, daß in Deutschland etwa 65 Milliarden Honigbienen ihres