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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Altivelminghäm paßte ebenso gut für seinen Zweck, Iftnc Knowlesbnrch Sein Vater hatte seine Mutter aus Knowlesbury fortgenommen und in geringer Entfernung von unserem Dorfe in einer kleinen Villa am Flusse mit ihr gelebt. Die Leute, die seine zurückgezogene Lebensweise gekannt hatten, so lange er allein gelebt, wunder en sich nicht über dieselbe, nachdem er verheiratet war. Wäre er nicht dem Aussehen nach ein scheußliches Geschöpf gewesen, so hätte sein zurückgezogenes Leben mit der Dame vielleicht Verdacht erregt: so aber nahm es niemand wunder, daß er seine Häßlichkeit und seine Mißgestalt versteckte. Er lebte in unserer Nachbarschaft, bis er den Park erbte. Wer konnte nach drei- oder vierundzwanzig Jahren sagen (da der Geistliche gestorben war), ob nicht seine H.irat auf ebenso zurückgezogene Weise, wie er sein übriges Leben zugebracht, in Altwelmingham stattgesunden habe?
Auf diese Weise also fand der Sohn, daß unsere Gegend die sicherste sei, um ganz heimlich die Sache für sein Interesse zu ordnen. Es wird Sie vielleicht überraschen, zu hören, daß das, was er wirklich mit dem Kirchenbuche vornahm, auf die Eingebung des Augenblicks hin und ohne alle vorherige Ueberlegung geschah.
Seine erste Idee war bloß (an der rechten Stelle des Jahres und des Monates), das Blatt auszureißen, es heimlich zu vernichten, nach London zurückzutehren und seinem Advokaten aufzutragen, ihm das notwendige Heircckszerti- fikat zu verschaffen, indem er ihn natürlich ganz unschuldig auf das Datum des ausgerissenen Blattes verwies. Es konnte danach niemand sagen, daß seine Eltern nicht verheiratet gewesen — und ob man nun unter diesen Umständen ihm das Geld leihen werde oder nicht (er meinte, man hätte es getan), so würde er jedenfalls eine Antwort bereit gehabt haben, falls sich je eine Frage über sein Anrecht an das Eigenntm und den Titel erhoben.
Als es ihm aber gelang, heimlich selbst einen Blick in das Kirchenbuch zu tun, fand er am untern Ende einer Seite des Jahres 1803 einen leeren Raum, dem Anscheine nach leer gelassen, weil' er nicht zur Aufnahme eines langen Zertifikates ausreichte, welches sich an der Spitze der nächsten Seite befand. Der Anblick der Gelegenheit, die sich auf diese Weise ihm darbot, veränderte alle seine Pläne. Es war eine Gelegenheit, an die er nie gedacht, die er nie gehofft hatte, und er benutzte sie — Sie wissen auf welche Weise. Um genau mit seinem Geburtsscheine übereinzustimmen, hatte der leere Raum sich int Monat Februar des Registers befinden sollen. Statt dessen aber war er im Monat April. Indessen, falls sich hierüber Argwohn
erhob, so war die Erklärung leicht zu finden. Er brauchte nur anzugeben, daß er ein Kind von sieben Monaten gewesen.
Ich war töricht genug, einige Teilnahme und einiges Mitleid für ihn zu fühlen, als er mir seine Geschichte erzählte — worauf er gerade rechnete, wie Sie sehen werden. Ich fand, daß man ihm ein schlimmes Unrecht getan.
Es dauerte einige Zeit, ehe er die Tinte von der rechten Farbe Herstellen konnte (welche er lange in kleinen Flaschen und Töpfchen, die ich ihm gab, hin und her mischte), und dann brauchte er wieder einige Zeit, um sich in der Handschrift zu üben. Wer am Ende gelang ihm beides — und er machte seine Mutter, nachdem sie längst im Grabe gelegen, zu einer rechtschaffenen Frau! Soweit leugne ich nicht, daß er sich redlich genug gegen mich benahm. Er gab mir eine goldene Uhr und Kette und sparte teilt Geld daran; beides war von der vorzüglichsten Arbeit und sehr kostjpiclig. Ich besitze sie noch — die Uhr geht ausgezeichnet.
Sie sagten neulich, Mrs. Clements habe Ihnen alles gesagt, was sie g'wußt. In dem Falle brauche ich nichts über den jämmerlichen Skandal zu schreiben, dessen unschuldiges Opfer ich wurde, wie ich es Ihnen hiermit entschieden versichere. Sie müssen so gut wie ich wissen, welche Idee mein Mann sich in den Kopf setzte, als er mich und meinen vornehmen Freund in heimlichen Zusammenkünften flüsternd zusammen sand. Aber was Sie nicht wissen, das ist, wie die Sache zwischen mir und meinem vornehmen Freunde endete. Sie sollen lesen und sehen, wie er an mir handelte.
Die ersten Worte, die ich ihm sagte, als ich sah, wie man über die Geschichte dachte, waren: „Lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren — befreien Sie meinen Ruf von einem Flecken, den, wie Sie wissen, derselbe nicht verdient. Ich verlange nicht, daß Sie meinem Manne eine volle Beichte ablegen — sagen Sie ihm bloß und g-'ben Sie ihm Ihr Ehrenwort als Gentleman, daß er sich tauscht und daß ich nicht zu tadeln bin, wie er es glaubt Lassen Sie mir, nach allem, was ich für Sie getan, wenigstens diese Gerechtigkeit widerfahren." Er schlug es mir mit deutlichen, entschiedenen Worten ab. Er sagte mir ganz unumwunden, daß es in seinem Interesse liege, meinen Mann und die Nachbarn an die Unwahrheit glauben zu lassen — weil sie, so lange sie dies taten, ganz gewiß nicht auf die Wahrheit verfielen. Ich war nicht so leicht zu verblüffen und sagte ihm, sie sollten die Wahrheit von meinen Lippen erfahren. Seine Antwort war kurz aber bündig. Falls ich spreche, so sei ich ebensowohl verloren, wie er selbst.
Ja! dahin war es gekommen. Er hatte meine Unwissenheit benutzt; hatte mich durch feine Geschenke verlockt; hatte durch seine Geschichte meine Teilnahme gewonnen — und das Ende vom Liede war, daß er mich zu seiner Wckschuldigen gemacht. Er gab dies ganz ruhig zu und schloß damit, daß er mir zum erstenmal sagte,


